Kein Antrag im Beru­fungs­ver­fah­ren

Gemäß § 528 ZPO unter­lie­gen der Prü­fung und Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts nur die Beru­fungs­an­trä­ge. Das Urteil des ers­ten Rechts­zugs darf nur inso­weit abge­än­dert wer­den, wie eine Abän­de­rung bean­tragt ist.

Kein Antrag im Beru­fungs­ver­fah­ren

Das Antrags­er­for­der­nis trägt der Not­wen­dig­keit Rech­nung, den Gegen­stand des Pro­zes­ses kon­kret zu bestim­men. Das Gericht ist nicht befugt, einer Par­tei etwas zuzu­spre­chen, was nicht bean­tragt ist; auch darf es nicht etwas Ande­res zuspre­chen als das Bean­trag­te (§ 308 Abs. 1 Satz 1 ZPO).

Dem Antrags­er­for­der­nis kann nicht durch eine blo­ße strei­ti­ge Erör­te­rung der Sach- und Rechts­la­ge Genü­ge getan wer­den. Aus Grün­den der pro­zes­sua­len Klar­heit und der Not­wen­dig­keit, die Sach­ent­schei­dungs­be­fug­nis des Gerichts näher zu bestim­men, bedarf es einer kon­kre­ten, auf die Sach­ent­schei­dung des Gerichts aus­ge­rich­te­ten Antrag­stel­lung 1.

Gemäß § 297 Abs. 1 ZPO sind die Anträ­ge aus den vor­be­rei­ten­den Schrift­sät­zen zu ver­le­sen. Soweit sie dar­in nicht ent­hal­ten sind, müs­sen sie aus einer dem Pro­to­koll als Anla­ge bei­zu­fü­gen­den Schrift ver­le­sen wer­den. Der Vor­sit­zen­de kann auch gestat­ten, dass die Anträ­ge zu Pro­to­koll erklärt wer­den. Nach § 297 Abs. 2 ZPO kann die Ver­le­sung dadurch ersetzt wer­den, dass die Par­tei­en auf die Schrift­sät­ze Bezug neh­men, wel­che die Anträ­ge ent­hal­ten. Aus­nahms­wei­se kann die Annah­me einer kon­klu­den­ten Antrag­stel­lung in Betracht kom­men 2.

In Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze ging das Bun­des­ar­beits­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Streit nicht davon aus, dass die Klä­ge­rin den Antrag, über den das Lan­des­ar­beits­ge­richt befun­den hat, gestellt hat.

Das über die Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt gefer­tig­te Pro­to­koll, zu des­sen unab­ding­ba­ren Inhal­ten nach § 160 Abs. 3 Nr. 2 ZPO die Fest­stel­lung der Anträ­ge gehört, weist kei­ne Antrag­stel­lung aus. Auch in dem pro­to­kol­lier­ten Umstand "Die Par­tei­en ver­han­deln zur Sache." liegt kei­ne (kon­klu­den­te) Antrag­stel­lung.

Aus den Anga­ben zu den Anträ­gen der Par­tei­en im Tat­be­stand des ange­foch­te­nen Beru­fungs­ur­teils folgt kei­ne Antrag­stel­lung. Zwar lie­fert der Tat­be­stand eines Urteils nach § 314 Satz 1 ZPO den Beweis für das münd­li­che Par­tei­vor­brin­gen vor dem Gericht, was auch die Abga­be von Pro­zess­erklä­run­gen ein­schließt 3. Dabei kann auf sich beru­hen, ob sich die Beweis­kraft des Tat­be­stands eines Urteils nach § 314 Satz 1 ZPO bei in ihm wie­der­ge­ge­be­nen Anträ­gen ohne­hin nur auf die Tat­sa­che ihrer Ver­le­sung oder Erhe­bung – und nicht ihren Inhalt – bezieht 4. Eben­so muss nicht dar­über befun­den wer­den, ob im vor­lie­gen­den Fall die Beweis­kraft des Tat­be­stands des­halb ent­fällt, weil des­sen Berich­ti­gung im Hin­blick auf § 320 Abs. 2 Satz 3 ZPO von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen war. Tat­be­stand­li­chen Fest­stel­lun­gen kommt näm­lich die Beweis­kraft des § 314 Satz 1 ZPO nicht zu, wenn und soweit sie Wider­sprü­che, Lücken oder Unklar­hei­ten auf­wei­sen und sich die­se Män­gel aus dem Urteil selbst erge­ben 5. Das ist hier der Fall. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat den Antrag der Klä­ge­rin in der Beru­fungs­in­stanz dahin­ge­hend wie­der­ge­ge­ben, dass er die Abän­de­rung der arbeits­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung und eine Ver­ur­tei­lung der Beklag­ten "nach den Schluss­an­trä­gen der 1. Instanz" umfasst. Der Inhalt der "Schluss­an­trä­ge" ist jedoch im Tat­be­stand des Beru­fungs­ur­teils nicht ange­ge­ben.

Der Ver­stoß gegen § 308 Abs. 1 ZPO kann in der Revi­si­ons­in­stanz grund­sätz­lich nicht dadurch geheilt wer­den, dass – wie hier von der Klä­ge­rin begehrt – die Zurück­wei­sung der Revi­si­on bean­tragt wird, da dies eine in der Revi­si­ons­in­stanz unzu­läs­si­ge Antrags­än­de­rung oder ‑erwei­te­rung ermög­li­chen wür­de 6.

Das Beru­fungs­ur­teil ist auf­zu­he­ben und die Sache zur neu­en Anhö­rung und Ent­schei­dung an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO). Eine eige­ne Sach­ent­schei­dung ist dem Bun­des­ar­beits­ge­richt wegen des Man­gels der Antrag­stel­lung in der Beru­fungs­in­stanz ver­wehrt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 24. Okto­ber 2017 – 1 AZR 166/​16

  1. BAG 7.06.2016 – 1 ABR 26/​14, Rn. 8 mwN[]
  2. dazu BAG 28.08.2008 – 2 AZR 63/​07, Rn.20 f., BAGE 127, 329[]
  3. BGH 19.03.2013 – VIII ZB 45/​12, Rn. 11 mwN[]
  4. so BVerwG 3.07.1987 – 4 C 12/​84; Thomas/​Putzo/​Reichold ZPO 38. Aufl. § 314 Rn. 1; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann ZPO 76. Aufl. § 314 Rn. 5 Stich­wort "Antrags­in­halt"; vgl. aber auch BGH 18.07.2013 – III ZR 208/​12, Rn. 8[]
  5. vgl. BGH 24.03.2016 – I ZR 185/​14, Rn. 21; 12.05.2015 – VI ZR 102/​14, Rn. 48[]
  6. vgl. BAG 7.06.2016 – 1 ABR 26/​14, Rn. 11[]