Kei­ne eides­statt­li­che Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens

Das Ver­bot von Zwangs­voll­stre­ckun­gen für ein­zel­ne Insol­venz­gläu­bi­ger wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens gilt auch für das Ver­fah­ren der eides­statt­li­chen Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung.

Kei­ne eides­statt­li­che Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens

Die Fra­ge, ob das wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens nach § 89 Abs. 1 InsO bestehen­de Voll­stre­ckungs­ver­bot auch für Anträ­ge auf Abga­be einer eides­statt­li­chen Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung nach §§ 807, 899 ff ZPO gilt, ist umstrit­ten.

Ein Teil der instanz­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung hält die Anord­nung einer eides­statt­li­chen Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung auch im eröff­ne­ten Insol­venz­ver­fah­ren für zuläs­sig 1.

Nach Ansicht ande­rer Instanz­ge­rich­te und nach der im Schrift­tum ganz über­wie­gend ver­tre­te­nen Ansicht erstreckt sich das Voll­stre­ckungs­ver­bot des § 89 Abs. 1 InsO auch auf das Ver­fah­ren der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung nach §§ 807, 899 ff ZPO 2.

Die zuletzt genann­te Ansicht trifft zu. Bereits unter der Gel­tung der Kon­kurs­ord­nung ent­sprach es der ganz herr­schen­den Mei­nung, dass der Schuld­ner nach der Eröff­nung des Kon­kurs­ver­fah­rens gemäß § 14 Abs. 1 KO nicht mehr zur Abga­be einer eides­statt­li­chen Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung ver­pflich­tet war 3. Unter der Gel­tung der Insol­venz­ord­nung ist die Rechts­fra­ge eben­so zu beant­wor­ten.

Nach § 89 Abs. 1 InsO sind wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens Zwangs­voll­stre­ckun­gen für ein­zel­ne Insol­venz­gläu­bi­ger weder in die Insol­venz­mas­se noch in das sons­ti­ge Ver­mö­gen des Schuld­ners zuläs­sig. Die Nen­nung der Insol­venz­mas­se und des sons­ti­gen Ver­mö­gens des Schuld­ners in die­ser Norm stellt klar, dass wie im Kon­kurs­recht nicht nur Voll­stre­ckun­gen ver­bo­ten sind, die sich auf Gegen­stän­de der Insol­venz­mas­se bezie­hen, son­dern auch Voll­stre­ckungs­maß­nah­men, die das übri­ge, nicht zur Mas­se gehö­ren­de Schuld­ner­ver­mö­gen betref­fen 4. Sie beschränkt hin­ge­gen die unzu­läs­si­gen Voll­stre­ckungs­maß­nah­men nicht auf sol­che, die unmit­tel­bar in die genann­ten Ver­mö­gens­mas­sen ein­grei­fen. Unzu­läs­sig sind viel­mehr sämt­li­che auf die Insol­venz­mas­se und das übri­ge Ver­mö­gen des Schuld­ners gerich­te­ten Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men.

Um eine sol­che Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­me han­delt es sich bei der Abnah­me der eides­statt­li­chen Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung nach §§ 807, 899 ff ZPO. Sie ist, wie sich bereits aus der Stel­lung die­ser Vor­schrif­ten im Buch 8 der Zivil­pro­zess­ord­nung ergibt, ein Bestand­teil der Zwangs­voll­stre­ckung. Nach all­ge­mei­ner Ansicht darf sie nur ange­ord­net wer­den, wenn die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Zwangs­voll­stre­ckung vor­lie­gen 5. Anders als etwa bei der Erklä­rung eines Urteils als vor­läu­fig voll­streck­bar, der Ertei­lung einer Voll­stre­ckungs­klau­sel oder der Voll­streck­bar­er­klä­rung eines aus­län­di­schen Voll­stre­ckungs­ti­tels han­delt es sich nicht um eine die Zwangs­voll­stre­ckung nur vor­be­rei­ten­de Maß­nah­me, son­dern um ein Hilfs­mit­tel im Zuge der Zwangs­voll­stre­ckung selbst. Häu­fig gehen der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung ande­re Voll­stre­ckungs­maß­nah­men vor­aus, etwa eine durch­ge­führ­te oder wenigs­tens ver­such­te Pfän­dung 6.

Der Umstand, dass die Abnah­me der eides­statt­li­chen Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung die Insol­venz­mas­se nicht beein­träch­tigt und das Gebot der gleich­mä­ßi­gen Befrie­di­gung der Insol­venz­gläu­bi­ger nicht ver­letzt, recht­fer­tigt kei­ne Beschrän­kung des in § 89 Abs. 1 InsO nor­mier­ten Voll­stre­ckungs­ver­bots im Sin­ne einer teleo­lo­gi­schen Reduk­ti­on. Vor­aus­set­zung hier­für wäre, dass das nach dem Wort­laut bestehen­de Ver­bot auch sol­cher Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men, die wie die Abnah­me einer eides­statt­li­chen Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung die Insol­venz­mas­se nicht unmit­tel­bar beein­träch­ti­gen, auf einer plan­wid­ri­gen Unvoll­stän­dig­keit des Geset­zes beruh­te. Dies kann aber nicht fest­ge­stellt wer­den. Ins­be­son­de­re besteht kein Bedürf­nis, es Insol­venz­gläu­bi­gern zu ermög­li­chen, den Schuld­ner wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens zur Abga­be einer Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung zu zwin­gen. Der Zweck des vom Schuld­ner vor­zu­le­gen­den Ver­mö­gens­ver­zeich­nis­ses, dem Gläu­bi­ger die Ein­zelzwangs­voll­stre­ckung in die ange­ge­be­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de zu ermög­li­chen, lie­ße sich wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens wegen des Voll­stre­ckungs­ver­bots des § 89 Abs. 1 InsO ohne­hin nicht errei­chen. Nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens sind Ein­zel­voll­stre­ckungs­maß­nah­men zwar wie­der zuläs­sig. Eine Not­wen­dig­keit, zur Ver­mei­dung eines Zeit­ver­lusts die Erzwin­gung einer Offen­ba­rungs­ver­si­che­rung wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens zuzu­las­sen, ergibt sich dar­aus aber nicht, zumal der Gläu­bi­ger ver­gleich­ba­re Infor­ma­tio­nen regel­mä­ßig aus der Ver­mö­gens­über­sicht bezie­hen kann, die vom Insol­venz­ver­wal­ter nach § 153 Abs. 1 InsO anzu­fer­ti­gen ist und an wel­cher der Schuld­ner durch wahr­heits­ge­mä­ße und erfor­der­li­chen­falls eides­statt­lich zu ver­si­chern­de Anga­ben mit­zu­wir­ken hat (§§ 97, 98, 153 Abs. 2 InsO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Mai 2012 – IX ZB 275/​10

  1. AG Wes­ter­burg, DGVZ 2006, 119, 120; zu § 21 Abs. 2 Nr. 3 InsO: LG Würz­burg, NZI 1999, 504; AG Ros­tock, NZI 2000, 142; AG Hai­ni­chen, Jur­Bü­ro 2002, 605; AG Güs­trow, Jur­Bü­ro 2004, 213; offen gelas­sen von AG Ham­burg, NZI 2006, 646; vgl. auch FK-InsO/App, 6. Aufl., § 89 Rn. 15[]
  2. OLG Zwei­brü­cken, NZI 2001, 423 f; OLG Jena, ZIn­sO 2002, 134; AG Bonn, Beschluss vom 02.06.2008 – 24 M 551/​08; Jaeger/​Eckardt, InsO, § 89 Rn. 41; Münch­Komm-InsO/Breu­er, 2. Aufl., § 89 Rn. 9 und 12; HK-InsO/­Kay­ser, 6. Aufl., § 89 Rn. 25; Uhlen­bruck, InsO, 13. Aufl., § 89 Rn. 10; Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2011, § 89 Rn. 9; Hmb­Komm-InsO/Ku­lei­sa, 3. Aufl., § 89 Rn. 3; BKInsO/​Blersch/​von Ols­hau­sen, 2007, § 89 Rn. 4; Hess, Insol­venz­recht, 2007, § 89 Rn. 25; Nerlich/​Römermann/​Wittkowski, InsO, 2011, § 89 Rn. 11; Pie­ken­brock in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, Insol­venz­recht, § 89 InsO Rn. 21; Gottwald/​Gerhardt, Insol­venz­rechts­hand­buch, 4. Aufl., § 33 Rn. 4; Mohr­but­ter in Mohrbutter/​Ringstmeier, Hand­buch der Insol­venz­ver­wal­tung, 8. Aufl., § 6 Rn. 375; Musielak/​Voit, ZPO, 9. Aufl., § 900 Rn. 7; Prütting/​Gehrlein/​Olzen, ZPO, 4. Aufl., § 900 Rn. 60; Vier­tels­hau­sen, DGVZ 2001, 36, 37; Schwö­rer, DGVZ 2008, 17, 19; zu § 21 Abs. 2 Nr. 3 InsO: LG Darm­stadt, NZI 2003, 609; LG Heil­bronn, RPfle­ger 2008, 88, 89; AG Wil­helms­ha­ven, NZI 2001, 436[]
  3. KG OLGZ 23, 226; Jaeger/​Henckel, KO, 9. Aufl., § 14 Rn. 7; Kuhn/​Uhlenbruck, KO, 11. Aufl., § 14 Rn. 2; Hess, KO, 6. Aufl., § 14 Rn. 6; Bley/​Mohrbutter, VglO, 4. Aufl., §§ 47, 48 Rn. 12; strei­tig für den Fall des § 106 Abs. 1 Satz 3 KO: LG Han­no­ver, Rpfle­ger 1997, 490 mwN[]
  4. vgl. die Begrün­dung zu § 100 RegE­In­sO, BT-Drucks. 12/​2443, S. 137[]
  5. etwa Musielak/​Becker, ZPO, 9. Aufl., § 807 Rn. 2[]
  6. vgl. § 807 Abs. 1 Nr. 1, 3 und 4 ZPO[]