Kei­ne Kon­to­um­schrei­bung mit­tels Voll­macht

Die einem Ehe­part­ner erteil­te "trans­mor­ta­le" Kon­to­voll­macht berech­tigt grund­sätz­lich weder zu Leb­zei­ten des Erb­las­sers noch nach sei­nem Tod zur Umschrei­bung des Kon­tos auf den Bevoll­mäch­tig­ten.

Kei­ne Kon­to­um­schrei­bung mit­tels Voll­macht

Eine Kon­to­voll­macht gibt dem Bevoll­mäch­tig­ten im All­ge­mei­nen nicht das Recht, das Kon­to ohne Betei­li­gung des Voll­macht­ge­bers auf­zu­lö­sen oder auf eine ande­re Art und Wei­se in des­sen Ver­trags­stel­lung ein­zu­grei­fen. So hat der BGH sogar für die Umwand­lung eines Oder-Kon­tos in ein Und-Kon­to ent­schie­den, dass die Ver­än­de­rung der ver­trag-lichen Rechts­stel­lung eines Konto-(Mit-)Inhabers im All­ge­mei­nen eine Eini­gung der Bank oder der Spar­kas­se mit allen betrof­fe­nen Kon­to­in­ha­bern vor­aus­setzt 1. In der instanz­ge­richt­li­chen Recht-spre­chung und in der Lite­ra­tur besteht daher Einig­keit dar­über, dass der Inha­ber einer Kon­to­voll­macht, der – anders als etwa der Mit­in­ha­ber eines Oder-Kon­tos – selbst nicht For­de­rungs­in­ha­ber ist, grund­sätz­lich nicht befugt ist, die ver­trag­li­che Rechts­stel­lung des ver­tre­te­nen Kon­to­in­ha­bers auf­zu­he­ben oder zu ver­än­dern 2.

Bei einer "trans­mor­ta­len" Kon­to­voll­macht unter Ehe­leu­ten, wie sie hier in Fra­ge steht, ergibt sich kei­ne ande­re recht­li­che Beur­tei­lung.

Aller­dings wird in der instanz­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung und Lite­ra­tur zum Teil die Mei­nung ver­tre­ten, dass der bevoll­mäch­tig­te Ehe­part­ner in aller Regel berech­tigt sei, das Kon­to des Voll­macht­ge­bers nach des­sen Tod auf sich umschrei­ben zu las­sen 3. Bei einer "trans­mor­ta­len" Voll­macht ste­he in aller Regel der Wil­le der Betei­lig­ten im Vor­der­grund, den über­le­ben­den Teil mit Hil­fe der Voll­macht finan­zi­ell abzu­si­chern. Die­se Absi­che­rung wäre jedoch ohne eine ent­spre­chen­de Befug­nis des Bevoll­mäch­tig­ten gefähr­det, weil der Erbe die Voll­macht jeder­zeit wider­ru­fen kön­ne. Die Ange­mes­sen­heit einer sol­chen Aus­le­gung zei­ge sich dar­an, dass der Bevoll­mäch­tig­te nicht nur durch eine Umwand­lung des Kon­tos auf das Gut­ha­ben zugrei­fen kön­ne, son­dern es dazu nur einer durch die "trans­mor­ta­le" Voll­macht zwei­fel­los gedeck­ten Über­wei­sung des Gut­ha­bens auf ein eige­nes Kon­to bedür­fe.

Dem ist jedoch, so der BGH, nicht zu fol­gen 4.

Zwar will der Voll­macht­ge­ber sei­nen Ehe­part­ner mit Hil­fe der Kon­to­voll­macht über den Tod hin­aus gewöhn­lich in die Lage ver­set­zen, bestimm­te Rechts­hand­lun­gen unab­hän­gig von dem Wil­len des Erben vor­neh­men zu kön­nen. Bis zum Wider­ruf der Voll­macht durch den Erben soll daher im Zwei­fel allein der aus­drück­li­che oder mut­maß­li­che Wil­le des Erb­las­sers und nicht der des Erben für den Bevoll­mäch­tig­ten maß­geb­lich sein 5. Dar­aus ist aber nicht im Wege der Aus­le­gung (§§ 133, 157 BGB) zu schlie­ßen, dass die Bevoll­mäch­tig­te nach dem Wil­len des Erb­las­sers das Recht erwer­ben soll­te, nach des­sen Tod im Wege der Umwand­lung des Giro­kon­tos einen Gläu­bi­ger­wech­sel zum Nach­teil des Klä­gers als Allein­er­ben her­bei­zu­füh­ren.

Einen Anlass zur Ertei­lung einer wider­ruf­li­chen Voll­macht über den Tod hin­aus oder nach dem Tode bie­tet nicht die Über­le­gung, auf die­se Art und Wei­se für eine gewis­se finan­zi­el­le Absi­che­rung des über­le­ben­den Ehe­gat­ten zu sor­gen. Zwar kön­nen ver­schie­de­ne Grün­de hin­ter dem Vor­ge­hen des Erb­las­sers ste­hen, wie etwa, dass die Bevoll­mäch­ti­gung des Ehe­part­ners sich ein­fa­cher und schnel­ler erle­di­gen las­se als eine Tes­ta­ments­er­rich­tung. Fer­ner kann es der Wunsch des Erb­las­sers gewe­sen sein, dass der Bevoll­mäch­tig­te die Ver­mö­gens­ver­wal­tung im Inter­es­se des Erben wei­ter­füh­ren soll (vgl. Mül­ler-Frei­en­fels, Die Ver­tre­tung beim Rechts­ge­schäft, 1955, S. 319 zur "post­mor­ta­len" Gene­ral­voll­macht). Mit dem Erb­fall wird aber der Erbe der Herr des Nach­las­ses. Er kann die Voll­macht jeder­zeit wider­ru­fen und dem Bevoll­mäch­tig­ten auf­grund des der Voll­macht in aller Regel zugrun­de lie­gen­den Auf­trags nach § 665 BGB bestimm­te Wei­sun­gen ertei­len. Zudem hat der Bevoll­mäch­tig­te von sich aus zu beach­ten, dass er nach dem Erb­fall zur Ver­trau­ens­per­son des Erben gewor­den ist und als sol­che nach Treu und Glau­ben nicht ermäch­tigt ist, Hand­lun­gen vor­zu­neh­men, die den schutz­wür­di­gen Inter­es­sen des Erben zuwi­der­lau­fen oder deren Kennt­nis die­sen ver­mut­lich zum vor­zei­ti­gen Wider­ruf der Voll­macht ver­an­lasst hät­te 6. Um den über­le­ben­den Ehe­part­ner in gewis­ser Wei­se finan­zi­ell abzu­si­chern, gibt es für den ande­ren Teil weit­aus geeig­ne­te­re Mit­tel wie etwa die Erbein­set­zung, die Aus­set­zung eines Ver­mächt­nis­ses oder die Schen­kung unter Leben­den bzw. von Todes wegen.

Der Hin­weis dar­auf, dass der bevoll­mäch­tig­te Ehe­part­ner auf das gesam­te Gut­ha­ben zugrei­fen kön­ne, indem er sich die­ses von der Bank oder Spar­kas­se auf sein eige­nes Kon­to über­wei­sen las­se 7, recht­fer­tigt kei­ne ande­re recht­li­che Beur­tei­lung. Zwar gibt die Voll­macht dem Ehe­part­ner grund­sätz­lich das Recht, über das Gut­ha­ben in einer Wei­se zu sei­nen Guns­ten zu ver­fü­gen, die ihn wirt­schaft­lich im Ergeb­nis so stellt, als wenn das Kon­to auf ihn umge­schrie­ben wird. Ein Voll­machts­miss­brauch ist dar­in im All­ge­mei­nen nicht zu sehen 8. Dies besagt aber nicht, dass die Bevoll­mäch­tig­te den Erb­las­ser oder den Klä­ger als sei­nen Erben durch eine Umwand­lung des Kon­tos aus der giro­ver­trag­li­chen Rechts­stel­lung ver­drän­gen und einen Gläu­bi­ger­wech­sel her­bei­füh­ren durf­te. Hier­ge­gen spricht auch, dass ein sol­cher Wil­le des Erb­las­sers nach der all­ge­mei­nen Lebens­er­fah­rung für gewöhn­lich in der Voll­machts­ur­kun­de klar und deut­lich zum Aus­druck kommt. Die für das Scha­dens­er­satz­recht ent­wi­ckel­te Rechts­fi­gur des soge­nann­ten recht­mä­ßi­gen Alter­na­tiv­ver­hal­tens ist dem all­ge­mei­nen Ver­tre­tungs­recht fremd und kommt des­halb als Aus­le­gungs­hil­fe nicht in Betracht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. März 2009 – XI ZR 191/​08

  1. BGH, Urteil vom 30. Okto­ber 1990 – XI ZR 352/​89, WM 1990, 2067, 2068; sie­he fer­ner BGH, Urteil vom 9. Novem­ber 1992 – II ZR 219/​91, WM 1993, 141, 143[]
  2. OLG Hamm, WM 1995, 152, 153; Erman/​Palm, BGB 12. Aufl., § 167 Rn. 32a; Palandt/​Heinrichs, BGB, 68. Aufl., § 167 Rn. 9; PWW/​Frensch, BGB, 3. Aufl., § 167 Rn. 25; Soergel/​Leptien, BGB, 13. Aufl., § 167 Rn. 43; vgl. auch OLG Düs­sel-dorf, WM 1983, 547, 548 sowie OLG Frank­furt am Main, WM 1985, 1199, 1200; Schramm in Schimansky/​Bunte/​Lwowski, Bank­rechts-Hand­buch, 3. Aufl., § 32 Rn. 48[]
  3. so OLG Hamm, aaO; zustim­mend Schramm, aaO[]
  4. ableh­nend auch Erman/​Palm, BGB, 12. Aufl., § 167 Rn. 32a; Soergel/​Leptien, BGB, 13. Aufl., § 167 Rn. 43; Palandt/​Heinrichs, BGB, 68. Aufl., § 167 Rn. 9; PWW/​Frensch, BGB, 3. Aufl., § 167 Rn. 25[]
  5. BGHZ 127, 239, 244 f.; sie­he fer­ner BGH, Urteil vom 18. April 1969 – V ZR 179/​65, NJW 1969, 1245, 1247; Göß­mann in Schimansky/​Bunte/​Lwowski, Bank­rechts-Hand­buch, 3. Aufl., § 30 Rn. 49 f.[]
  6. sie­he auch Mül­ler-Frei­en­fels, aaO, S. 320[]
  7. so OLG Hamm, WM 1995, 152, 153; Schramm in Schimansky/​Bunte/​Lwowski, Bank­rechts-Hand­buch, 3. Aufl., § 32 Rn. 48[]
  8. sie­he dazu BGHZ 127, 239, 244 f.[]