Kei­ne "künst­li­che Nase" für die Mes­sung von Geruchs­be­läs­ti­gun­gen

Lang­zeit­mes­sun­gen bezüg­lich einer Geruchsim­mis­si­on sind nicht mög­lich, da es eine tech­ni­sche Mög­lich­keit zur Durch­füh­rung einer sol­chen Mes­sung mit­tels einer "künst­li­chen Nase" nicht gibt. Die Geruchsim­mis­si­ons­richt­li­nie und die TA Luft geben vor, dass Geruchs­be­läs­ti­gun­gen bis 15 % der Jah­res­ge­samt­zeit als unwe­sent­lich anzu­se­hen sind. Eine Mes­sung der Lärm­im­mis­sio­nen ist nicht ver­wert­bar, wenn bei der Mes­sung nicht nur anla­gen­be­ding­te Geräu­sche des betref­fen­den Betrie­bes berück­sich­tigt wer­den son­dern auch ande­re Geräusch­quel­len (Fließ­ge­räu­sche der Nagold, Ver­kehrs­lärm u.a.).

Kei­ne "künst­li­che Nase" für die Mes­sung von Geruchs­be­läs­ti­gun­gen

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Holz­tro­ckungs­an­la­ge die Beru­fung eines Nach­barn zurück­ge­wie­sen, der wegen Geruchs- und Lärm­im­mis­sio­nen gegen die Anla­ge geklagt hat. Die Beklag­te betreibt in See­wald-Schor­ren­tal am Ufer der obe­ren Nagold ein seit 1902 exis­tie­ren­des Säge­werk. 2002 wur­de dort eine Holz­trock­nungs­an­la­ge in Betrieb genom­men, die mit Holz­hack­schnit­zeln beheizt wird. Der in einem hang­auf­wärts etwa 40 Meter ent­fernt woh­nen­de Klä­ger macht gel­tend, dass die Ven­ti­la­to­ren zu laut sind und erheb­li­che Geruchs­be­läs­ti­gun­gen wegen der Ver­wen­dung zu feuch­ter Hack­schnit­zel ent­ste­hen, die im Tal auch zu Nebel­bil­dun­gen füh­ren. Das Land­ge­richt Rott­weil hat die Kla­ge nach einem Orts­ter­min und der Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens abge­wie­sen. Die Grenz­wer­te der ein­schlä­gi­gen Richt­li­ni­en sei­en ein­ge­hal­ten. Der Klä­ger hat­te mit sei­ner Beru­fung ins­be­son­de­re gel­tend gemacht, dass kei­ne Lang­zeit­mes­sun­gen durch­ge­führt wur­den, son­dern nur theo­re­ti­sche rech­ne­ri­sche Wer­te für das Gut­ach­ten ver­wandt wur­den. Sei­ne Beru­fung hat­te kei­nen Erfolg.

Gemäß § 1004 Abs. 1 BGB kann der Eigen­tü­mer bei Beein­träch­ti­gun­gen sei­nes Eigen­tums Unter­las­sung ver­lan­gen, wenn eine Wie­der­ho­lungs­ge­fahr besteht. Gemäß § 906 Abs. 1 Satz 1 BGB kann der Eigen­tü­mer die Zufüh­rung von Gasen, Dämp­fen, Gerü­chen, Geräu­schen und ähn­li­che von einem ande­ren Grund­stück aus­ge­hen­de Ein­wir­kun­gen aber nicht ver­bie­ten, wenn die Ein­wir­kung die Benut­zung sei­nes Grund­stücks nicht oder nur unwe­sent­lich beein­träch­tigt. Ob eine Beein­träch­ti­gung wesent­lich ist, hängt von der Beur­tei­lung eines ver­stän­di­gen Durch­schnitts­men­schen ab und davon, was die­sem auch unter Wür­di­gung ande­rer öffent­li­cher und pri­va­ter Belan­ge bil­li­ger­wei­se nicht mehr zuzu­mu­ten ist. Nach § 906 Abs. 1 Satz 2 und 3 BGB liegt eine nur unwe­sent­li­che Beein­träch­ti­gung in der Regel vor, wenn die in Geset­zen, Rechts­ver­ord­nun­gen oder bestimm­ten auf § 48 BIm­SchG beru­hen­den Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten fest­ge­leg­ten Grenz­wer­te nicht über­schrit­ten wer­den.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart aus­ge­führt, dass die Geruchsim­mis­si­ons­richt­li­ne und die TA Luft nach den Fest­stel­lun­gen des Sach­ver­stän­di­gen vor­ge­ben, dass Geruchs­be­läs­ti­gun­gen bis 15 % der Jah­res­ge­samt­zeit als unwe­sent­lich anzu­se­hen sind. Lang­zeit­mes­sun­gen sind nicht mög­lich, da es eine tech­ni­sche Mög­lich­keit zur Durch­füh­rung einer sol­chen Mes­sung mit­tels einer "künst­li­chen Nase" nicht gibt. Um mess­tech­nisch ver­wert­ba­re Ergeb­nis­se zu erhal­ten, müss­ten sta­tis­tisch gese­hen an 104 Tagen Ver­su­che mit 10 Pro­ban­den durch­ge­führt wer­den, bei denen kei­ne Ein­schrän­kun­gen im Riech­ver­mö­gen vor­lie­gen. Sol­che Ver­su­che mit Test­per­so­nen sind zur Ermitt­lung der Grenz­wer­te jedoch unge­eig­net, weil sie nicht den Vor­ga­ben der TA Luft und der Geruchsim­mis­si­ons­richt­li­ne ent­spre­chen, durch die eine rech­ne­ri­sche Ermitt­lung des maß­geb­li­chen Werts vor­ge­ge­ben wird. Soweit der Klä­ger aus­führ­te, mit dem Was­ser­dampf ent­wi­chen auch flüch­ti­ge Begleit­stof­fe, die dem Rauch einen bei­ßen­den Geruch ver­lie­hen, hat der Sach­ver­stän­di­ge dar­ge­legt, dass die Rauch­schwa­den für sich genom­men kei­ne Geruchs­be­läs­ti­gung ver­ur­sa­chen.

Der Sach­ver­stän­di­ge hat die Lärm­im­mis­sio­nen ermit­telt, indem er die Emis­sio­nen auf dem Gelän­de der Beklag­ten gemes­sen hat und dar­aus mit einem Com­pu­ter­pro­gramm berech­net hat, wel­che Immis­sio­nen dar­aus auf dem Grund­stück des Klä­gers resul­tie­ren. Er kam zu einem Schall­pe­gel von 41 dB (A), der unter dem Grenz­wert von 45 dB (A) liegt. Es ist nicht mög­lich, die Immis­sio­nen auf dem Grund­stück des Klä­gers zu mes­sen, weil bei der Mes­sung nur anla­gen­be­ding­te Geräu­sche berück­sich­tigt wer­den dür­fen, die vom Betrieb der Beklag­ten aus­ge­hen. Ande­re Geräusch­quel­len (Fließ­ge­räu­sche der Nagold, Ver­kehrs­lärm u.a.) müs­sen eli­mi­niert wer­den. Daher kann man nicht einen Pegel­mes­ser auf dem Grund­stück des Klä­gers instal­lie­ren. Die­ser wür­de not­wen­dig auch die Neben­ge­räu­sche auf­neh­men. Eine der­ar­ti­ge Mes­sung wäre nicht ver­wert­bar.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hat die Beru­fung des Klä­gers zurück­ge­wie­sen und das Urteil des Land­ge­richts Rott­weil bestä­tigt.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 31. März 2014 – 5 U 137/​13