Kei­ne Mus­ter-Revi­si­ons­ver­fah­ren

Der Umstand, dass beim Bun­des­ge­richts­hof ein Revi­si­ons­ver­fah­ren anhän­gig ist, in dem über eine Rechts­fra­ge zu ent­schei­den ist, von deren Beant­wor­tung auch die Ent­schei­dung eines zwei­ten Rechts­streits ganz oder teil­wei­se abhängt, recht­fer­tigt die Aus­set­zung der Ver­hand­lung des zwei­ten Rechts­streits grund­sätz­lich auch dann nicht, wenn bei dem zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Gericht eine Viel­zahl von gleich gela­ger­ten Fäl­len anhän­gig ist. Es bleibt offen, ob eine Aus­set­zung aus­nahms­wei­se dann erfol­gen darf, wenn die Zahl der bei dem Gericht anhän­gi­gen Ver­fah­ren die Gren­ze erreicht, bei der eine ange­mes­se­ne Bewäl­ti­gung schlecht­hin nicht mehr mög­lich ist 1.

Kei­ne Mus­ter-Revi­si­ons­ver­fah­ren

Nach § 148 ZPO kann das Gericht, wenn die Ent­schei­dung des Rechts­streits ganz oder zum Teil von dem Bestehen oder Nicht­be­stehen eines Rechts­ver­hält­nis­ses abhängt, das den Gegen­stand eines ande­ren Rechts­streits bil­det, anord­nen, dass die Ver­hand­lung bis zur Erle­di­gung des ande­ren Rechts­streits aus­zu­set­zen ist. Die Aus­set­zung der Ver­hand­lung setzt damit die Vor­greif­lich­keit der in dem ande­ren Rechts­streit zu tref­fen­den Ent­schei­dung im Sin­ne einer (zumin­dest teil­wei­se) prä­ju­di­zi­el­len Bedeu­tung vor­aus, also dass die Ent­schei­dung in dem einen Rechts­streit die Ent­schei­dung des ande­ren recht­lich beein­flus­sen kann 2. Die­se Vor­aus­set­zung ist für den Bun­des­ge­richts­hof in dem hier ent­schie­de­nen Fall nicht erfüllt, da die beim Bun­des­ge­richts­hof anhän­gi­gen Revi­si­ons­ver­fah­ren VIII ZR 93/​11 und VIII ZR 94/​11 im Hin­blick auf das der Rechts­be­schwer­de zu Grun­de lie­gen­de Ver­fah­ren weder mate­ri­el­le Rechts­kraft ent­fal­ten noch Gestal­tungs- oder Inter­ven­ti­ons­wir­kung haben 3. Es genügt nicht, dass die in den genann­ten Revi­si­ons­ver­fah­ren zu erwar­ten­den Ent­schei­dun­gen (ledig­lich) geeig­net sind, einen rein tat­säch­li­chen Ein­fluss auf die zu tref­fen­de Ent­schei­dung zu haben 4.

Allein die Tat­sa­che, dass in einem ande­ren Ver­fah­ren über einen gleich oder ähn­lich gela­ger­ten Fall nach Art eines Mus­ter­pro­zes­ses ent­schie­den wer­den soll, recht­fer­tigt für sich genom­men eben­falls noch kei­ne Aus­set­zung ana­log § 148 ZPO 5.

Ins­be­son­de­re ent­hält § 148 ZPO kei­ne all­ge­mei­ne Ermäch­ti­gung, die Ver­hand­lung eines Rechts­streits zur Abwen­dung einer ver­meid­ba­ren Mehr­be­las­tung des Gerichts aus­zu­set­zen 6. Denn die Vor­schrift stellt nicht auf sach­li­che oder tat­säch­li­che Zusam­men­hän­ge zwi­schen ver­schie­de­nen Ver­fah­ren, son­dern auf die Abhän­gig­keit vom Bestehen oder Nicht­be­stehen eines Rechts­ver­hält­nis­ses ab. Allein die tat­säch­li­che Mög­lich­keit eines Ein­flus­ses genügt die­ser gesetz­li­chen Vor­aus­set­zung nicht, so dass die blo­ße Über­ein­stim­mung in einer ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­ge die Aus­set­zung noch nicht erlaubt 7. Dem ent­spre­chend hat auch der Gesetz­ge­ber mit § 7 Kap­MuG und § 93a VwGO eigens spe­zi­al­ge­setz­li­che Grund­la­gen für eine von § 148 ZPO bezie­hungs­wei­se der par­al­le­len Vor­schrift des § 94 VwGO an sich nicht mehr gedeck­te Aus­set­zung von Mus­ter­ver­fah­ren geschaf­fen 8.

Die vom Bun­des­ge­richts­hof in die­sem Zusam­men­hang bis­lang aus­drück­lich offen gelas­se­ne Fra­ge, ob bei "Mas­sen­ver­fah­ren" die Unmög­lich­keit der ange­mes­se­nen Bewäl­ti­gung der Gesamt­heit der Ver­fah­ren das Gewicht ver­fah­rens­wirt­schaft­li­cher Erwä­gun­gen so zu erhö­hen ver­mag, dass hier­in ein nicht nur quan­ti­ta­tiv, son­dern qua­li­ta­tiv ande­rer Wer­tungs­ge­sichts­punkt als die "nor­ma­le" Pro­zess­öko­no­mie her­vor­tritt 9, bedarf auch vor­lie­gend kei­ner Ent­schei­dung. Vor­aus­set­zung für die Annah­me eines der­ar­ti­gen "Mas­sen­ver­fah­rens" wäre jeden­falls, dass das Gericht mit einer schlecht­hin nicht zu bewäl­ti­gen­den Viel­zahl von gleich­ge­la­ger­ten Ver­fah­ren befasst ist 10. Dazu hat das Land­ge­richt bis­lang kei­ne zurei­chen­den Fest­stel­lun­gen getrof­fen.

Der Beschluss lässt bereits nicht erken­nen, wie vie­le der bei dem Land­ge­richt Ham­burg anhän­gi­gen gleich­ge­la­ger­ten Beru­fungs­ver­fah­ren, deren Zahl mit meh­re­ren Hun­dert ange­ge­ben ist, gera­de bei der Zivil­kam­mer 4 anhän­gig sind. Die­se Anga­be ist jedoch erfor­der­lich, um beur­tei­len zu kön­nen, ob das Gericht mit einer schlecht­hin nicht zu bewäl­ti­gen­den Viel­zahl von gleich­ge­la­ger­ten Ver­fah­ren befasst ist, die es gege­be­nen­falls recht­fer­ti­gen könn­te, aus beson­de­ren ver­fah­rens­wirt­schaft­li­chen Erwä­gun­gen eine Aus­set­zung jeden­falls eines Teils der anhän­gi­gen Ver­fah­ren in Betracht zu zie­hen. Allein der Umstand, dass auch bei ande­ren Spruch­kör­pern des­sel­ben Gerichts wei­te­re gleich­ge­la­ger­te Ver­fah­ren anhän­gig sind, lässt eine sol­che Aus­set­zung in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 148 ZPO nicht zu, da dies für die Belas­tung des zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Spruch­kör­pers und des­sen Fähig­keit zur ange­mes­se­nen Bewäl­ti­gung der bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren ohne Aus­sa­ge­kraft ist.

Eben­so wenig wird eine sol­che Aus­set­zung durch die Über­le­gung des Beru­fungs­ge­richts gerecht­fer­tigt, dass eine strei­ti­ge Fort­set­zung des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt zu einer erheb­li­chen Mehr­be­las­tung des Gerichts füh­ren wür­de und auch für die betrof­fe­nen Par­tei­en in beson­de­rer Wei­se unwirt­schaft­lich wäre. Zu einer sol­chen erheb­li­chen Mehr­be­las­tung der Zivil­kam­mer 4 ist – wie aus­ge­führt – nichts Nähe­res fest­ge­stellt, so dass sich auch schon des­halb der Hin­weis auf die Unwirt­schaft­lich­keit einer Ver­fah­rens­fort­set­zung noch im Bereich "nor­ma­ler" Pro­zess­öko­no­mie bewegt, die die vor­ge­nom­me­ne Ver­fah­rens­aus­set­zung nicht trägt 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Febru­ar 2012 – VIII ZB 54/​11

  1. Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, BGHZ 162, 373, 377; und X ZB 20/​04[]
  2. BGH, Beschluss vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, BGHZ 162, 373, 375[]
  3. vgl. Stein/​Jonas/​Roth, ZPO, 22. Aufl., § 148 Rn. 23 ff.[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, aaO; vom 25.01.2006 – IV ZB 36/​03; BAG, NJOZ 2005, 2318, 2324[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, aaO S. 376, und X ZB 20/​04; vgl. auch BGH, Beschluss vom 25.01.2006 – IV ZB 36/​03, aaO; BGH, Urteil vom 21.02.1983 – VIII ZR 4/​82, NJW 1983, 2496 unter II 2 a; OLG Stutt­gart, OLGR 1999, 134 f.[]
  6. BGH, Beschluss vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, aaO[]
  7. BGH, Beschlüs­se vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, aaO S. 377, und X ZB 20/​04; BFH, BFH/​NV 2010, 1847[]
  8. vgl. BT-Drucks. 11/​7030 S. 28; 15/​5091 S. 14[]
  9. BGH, Beschlüs­se vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, aaO S. 377, und X ZB 20/​04, aaO Rn. 13; vgl. auch Stür­ner, JZ 1978, 499[]
  10. BGH, Beschluss vom 30.03.2005 – X ZB 20/​04, aaO Rn. 15[]
  11. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 30.03.2005 – X ZB 26/​04, und X ZB 20/​04; jeweils aaO[]