Kla­ge unter fal­scher Adress­an­ga­be

Eine Kla­ge, die unter fal­scher Adress­an­ga­be erho­ben wur­de ist unzu­läs­sig, wenn die Ver­schleie­rung der rich­ti­gen Adres­se nicht durch ein schüt­zens­wer­tes Inter­es­se gedeckt ist. Die Gefahr einer Ver­haf­tung wegen bestehen­den Haft­be­fehls kann ein sol­ches schüt­zens­wer­tes Inter­es­se dar­stel­len. Die­ses schüt­zens­wer­te Inter­es­se ent­fällt aber mit der erfolg­ten Ver­haf­tung.

Kla­ge unter fal­scher Adress­an­ga­be

Die Kla­ge­schrift ist Anlass und Vor­aus­set­zung für das gericht­li­che Ver­fah­ren und soll für die­ses eine mög­lichst siche­re Grund­la­ge schaf­fen. Ent­hält schon die Kla­ge­schrift kei­ne ladungs­fä­hi­ge Anschrift, ist die Kla­ge nach herr­schen­der Mei­nung jeden­falls dann unzu­läs­sig, wenn die Anga­be der Adres­se ohne Wei­te­res mög­lich ist und die­ser Adress­an­ga­be kein schüt­zens­wer­tes Inter­es­se ent­ge­gen­steht. Es fehlt dann an der Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung einer Ord­nungs­ge­mäß­heit der Kla­ge­er­he­bung im Sin­ne des § 253 Abs. 2 Nr. 1, Abs. 4 ZPO iVm. § 130 Nr. 1 ZPO. Obwohl die in § 253 Abs. 4 ZPO in Bezug genom­me­ne Bestim­mung des § 130 Nr. 1 ZPO grund­sätz­lich nur eine Soll­vor­schrift dar­stellt, ist hier­aus ange­sichts der Bedeu­tung der Kla­ge­schrift für den Gang des Ver­fah­rens ein zwin­gen­des Erfor­der­nis für die­sen den Rechts­streits ein­lei­ten­den Schrift­satz zu ent­neh­men 1. Ent­nom­men wird die Not­wen­dig­keit der Adress­an­ga­be in der Kla­ge­schrift unter ande­rem auch aus der Not­wen­dig­keit der Ermög­li­chung einer Kos­ten­bei­trei­bung bei Kos­ten­pflicht des Klä­gers im Unter­lie­gens­fal­le. Der Klä­ger hat durch sei­ne Adress­an­ga­be zu doku­men­tie­ren, dass er sich auch den mög­li­chen Fol­gen einer Kos­ten­pflicht stel­len wird. Denn leg­te es ein Klä­ger dar­auf an, den Pro­zess aus dem Ver­bor­ge­nen zu füh­ren, um sich dadurch einer mög­li­chen Kos­ten­pflicht zu ent­zie­hen, müss­te ohne­hin von einem rechts­miss­bräuch­li­chen Ver­hal­ten aus­ge­gan­gen wer­den 2.

Sel­bi­ges muss auch dann gel­ten, wenn der Klä­ger den Pro­zess nicht der­ge­stalt aus dem Ver­bor­ge­nen führt, indem er sei­ne Anschrift nicht angibt, son­dern viel­mehr sei­ne Anschrift von Vorn­her­ein unzu­tref­fend angibt und auf Rüge die­sen Man­gel nicht behebt 3.

Es wird zwar ver­tre­ten, dass für die Zuläs­sig­keit einer Kla­ge die Anga­ben einer ladungs­fä­hi­gen Anschrift nicht ver­langt wer­den kann, wenn sich der Klä­ger bei ihrer Nen­nung der kon­kre­ten Gefahr einer Ver­haf­tung aus­set­zen wür­de, die Iden­ti­tät des Klä­gers fest­steht und die Mög­lich­keit einer Zustel­lung an einen Zustel­lungs- oder Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten sicher­ge­stellt ist. Dies erge­be sich aus dem Gebot des effek­ti­ven Recht­schut­zes nach Art.19 Abs. 4 GG unter Berück­sich­ti­gung des­sen, dass es nach § 258 Abs. 5 StGB nie­man­dem zuge­mu­tet wer­den kön­ne, sich selbst der Straf­voll­zie­hung aus­zu­lie­fern 4.

Es mag zwar gemut­maßt wer­den, dass die Ver­schleie­rung der rich­ti­gen Anschrift durch den Klä­ger sei­nen Grund in dem zum Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung bereits bestehen­den Haft­be­fehl hat­te. Die­ser Grund dürf­te aber spä­tes­tens seit der tat­säch­li­chen Ver­haf­tung am 14.11.2014 ent­fal­len sein. Der Klä­ger ist wie­der auf frei­em Fuß, hat sei­ne kor­rek­te Anschrift aber wei­ter­hin nicht offen­bart.

Zwar ist aner­kannt, dass wenn eine Kla­ge ursprüng­lich mit rich­ti­ger Adress­an­ga­be zuläs­sig ein­ge­legt wur­de, die­se Zuläs­sig­keit nicht des­halb wie­der ent­fällt, wenn der Klä­ger, ohne dies dem Gericht mit­zu­tei­len, einen Adress­wech­sel vor­ge­nom­men hat 5. Dies kann aber nicht auf einen Fall wie vor­lie­gen­den über­tra­gen wer­den, in dem die Kla­ge mög­li­cher­wei­se ursprüng­lich zuläs­sig ohne rich­ti­ge Adress­an­ga­be ein­ge­legt wur­de, der Klä­ger aber auch dann noch im Ver­bor­ge­nen bleibt, wenn der aner­kann­te trif­ti­ge Grund für das Ver­ber­gen in Weg­fall gera­ten ist. Denn in ers­te­rem Fall hat der Klä­ger wenigs­tens zu Beginn doku­men­tiert, für etwai­ge Kos­ten­fol­gen des Pro­zes­ses ein­ste­hen zu wol­len. Im letz­te­ren Fal­le will der Klä­ger eine sol­che Doku­men­ta­ti­on trotz inzwi­schen ein­ge­tre­te­ner Zumut­bar­keit der Adress­of­fen­ba­rung aber gera­de nicht abge­ben. Dies wird im vor­lie­gen­den Fall beson­ders offen­kun­dig. Die Beklag­te wird aller Vor­aus­sicht nach erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten haben, ihren Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch gegen den Klä­ger gel­tend machen zu kön­nen.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 20. Mai 2015 – 4 Sa 65/​14

  1. BGH 17.03.2004 – VIII ZR 107/​02 – NJW-RR 2004, 2325; BGH 9.12 1987 aaO[]
  2. BGH 9.12 1987 aaO[]
  3. OLG Frank­furt am Main 14.01.1992 – 5 U 190/​91NJW 1992, 1178[]
  4. BFH 19.10.2000 – IV R 25/​00 BFHE 193, 52[]
  5. BGH 17.03.2004 aaO[]