Kla­ge­er­wei­te­rung im zweit­in­stanz­li­chen Urkund­s­pro­zess

Das Beru­fungs­ge­richt über­schrei­tet nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs die Gren­zen sei­nes Ermes­sens, wenn es eine zweit­in­stanz­li­che, sach­lich ent­schei­dungs­rei­fe Kla­ge­er­wei­te­rung im Urkun­den­pro­zess, die an den bis­he­ri­gen Pro­zess­stoff anknüpft, für nicht sach­dien­lich (§ 533 Nr. 1 Alt. 2 ZPO) erach­tet [1].

Kla­ge­er­wei­te­rung im zweit­in­stanz­li­chen Urkund­s­pro­zess

Maß­ge­bend für die Beur­tei­lung der Sach­dien­lich­keit ist neben einer Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen in ers­ter Linie der Gesichts­punkt der Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit [2]. Dabei kommt es allein auf die objek­ti­ve Beur­tei­lung an, ob und inwie­weit die Zulas­sung der Kla­ge­än­de­rung den sach­li­chen Streit­stoff im Rah­men des anhän­gi­gen Rechts­streits aus­räumt und einem ande­ren­falls zu gewär­ti­gen­den wei­te­ren Rechts­streit vor­beugt [3]. Dem­ge­gen­über ver­kehrt, so der BGH in sei­ner Urteils­be­grün­dung, das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main in sei­nem Beru­fungs­ur­teil den Gesichts­punkt der Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit in sein Gegen­teil, indem es den Klä­ger auf die Mög­lich­keit einer neu­en Kla­ge ver­weist, weil der Beklag­ten nach vier­ein­halb­jäh­ri­ger Pro­zess­dau­er eine „Aus­deh­nung“ des anhän­gi­gen Rechts­streits auf die – erst im Anschluss an das ers­te in die­sem Ver­fah­ren ergan­ge­ne Revi­si­ons­ur­teil des Bun­des­ge­richts­hofs gel­tend gemach­te – Ein­la­ge­for­de­rung nicht zuzu­mu­ten sei und es kei­nen sach­li­chen Grund dafür gebe, den Klä­ger auf Kos­ten der Beklag­ten der Not­wen­dig­keit der Gel­tend­ma­chung der nun­mehr begehr­ten Ansprü­che in einem geson­der­ten Ver­fah­ren zu ent­he­ben.

Abge­se­hen davon, dass die Beklag­te durch eine neue Kla­ge erst recht mit Kos­ten belas­tet wür­de, kommt es dar­auf unter dem Gesichts­punkt der Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit nicht an. Eben­so wenig steht eine Ver­zö­ge­rung des Beru­fungs­ver­fah­rens durch ein Nach­ver­fah­ren (§ 600 ZPO) der Sach­dien­lich­keit der Kla­ge­er­wei­te­rung ent­ge­gen [4].

Zwar ist der mit der Kla­ge­er­wei­te­rung gel­tend gemach­te Anspruch auf erneu­te Zah­lung des Aus­ga­be­be­tra­ges der Akti­en (§ 183 Abs. 2 Satz 1 AktG) ein ande­rer Streit­ge­gen­stand als der von dem Klä­ger ursprüng­lich gel­tend gemach­te und zuletzt auf §§ 812, 818 Abs. 2 BGB gestütz­te Anspruch auf Rück­zah­lung des Werk­lohns [5]. Die Ein­füh­rung eines neu­en Streit­ge­gen­stan­des ist aber Defi­ni­ti­ons­merk­mal jeder Kla­ge­än­de­rung und für sich allein noch kein Grund, ihre Sach­dien­lich­keit zu ver­nei­nen. Es han­delt sich hier nicht um einen völ­lig neu­en Streit­stoff, bei des­sen Beur­tei­lung das Ergeb­nis der bis­he­ri­gen Pro­zess­füh­rung nicht ver­wer­tet wer­den könn­te [6]. Viel­mehr knüpft der neu gel­tend gemach­te Anspruch an den bis­he­ri­gen Pro­zess­stoff an, den auch der BGH in sei­nem ers­ten Revi­si­ons­ur­teil in die­sem Ver­fah­ren unter Hin­weis auf einen mög­li­chen Anspruch des Klä­gers ent­spre­chend § 183 Abs. 2 Satz 3 AktG zugrun­de gelegt hat und den auch das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Ver­hand­lung und Ent­schei­dung gemäß §§ 529, 533 Nr. 2 ZPO ohne­hin zugrun­de zu legen hat­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Mai 2009 – II ZR 137/​08

  1. zur Revi­si­bi­li­tät vgl. z.B. BGH, Urteil vom 27. Sep­tem­ber 2006 – VIII ZR 19/​04, NJW 2007, 2414 Tz. 9 m.w.Nachw.[]
  2. vgl. BGH aaO Tz. 10[]
  3. BGHZ 1, 65, 71; 143, 189, 197 f.[]
  4. vgl. BGHZ 143, 189, 198[]
  5. vgl. BGHZ 173, 145 Tz. 17, 28[]
  6. vgl. dazu BGH, Urteil vom 10. Janu­ar 1985 – III ZR 93/​83, NJW 1985, 1841 f.; BGHZ 143 aaO[]