Kla­ge­er­wei­te­rung in der Anschluss­be­ru­fung – und die Ver­jäh­rungs­hem­mung

Wird der Anspruch (erst­mals) kla­ge­er­wei­ternd im Wege der Anschluss­be­ru­fung gel­tend gemacht, so führt dies zur Ver­jäh­rungs­hem­mung nach § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB.

Kla­ge­er­wei­te­rung in der Anschluss­be­ru­fung – und die Ver­jäh­rungs­hem­mung

Die Hem­mung der Ver­jäh­rung von erst­mals im Wege der Anschluss­be­ru­fung gericht­lich gel­tend gemach­ten Ansprü­chen endet gemäß § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB sechs Mona­te nach dem mit der rechts­kräf­ti­gen Zurück­wei­sung der Haupt­be­ru­fung gemäß § 522 Abs. 2 ZPO ver­bun­de­nen Weg­fall der Anschluss­be­ru­fung gemäß § 524 Abs. 4 ZPO.

Die Fra­ge, ob die Hem­mung der Ver­jäh­rung gemäß § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB von erst­mals im Wege der Anschluss­be­ru­fung gericht­lich gel­tend gemach­ten Ansprü­chen rück­wir­kend ent­fällt, wenn die­se Anschlie­ßung nach § 524 Abs. 4 ZPO ihre Wir­kung ver­liert, und damit die Hem­mung der Ver­jäh­rung als nicht erfolgt anzu­se­hen ist oder ob die Hem­mung der Ver­jäh­rung gemäß § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB sechs Mona­te nach Weg­fall der Anschluss­be­ru­fung endet, ist ent­spre­chend der ein­hel­li­gen Ansicht im Schrift­tum 1 ein­deu­tig und zwei­fels­frei im Sin­ne der zwei­ten Alter­na­ti­ve zu beant­wor­ten. Gegen­mei­nun­gen in der Recht­spre­chung oder im Schrift­tum sind für den Bun­des­ge­richts­hof nicht ersicht­lich.

Gemäß § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB wird die Ver­jäh­rung durch eine wirk­sa­me Kla­ge­er­he­bung gehemmt. Zur Ver­jäh­rungs­hem­mung führt es auch, wenn der Anspruch wie hier (erst­mals) kla­ge­er­wei­ternd im Wege der Anschluss­be­ru­fung gel­tend gemacht wird 2.

Die Hem­mung endet zufol­ge § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB sechs Mona­te nach der rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung oder ander­wei­ti­gen Been­di­gung des ein­ge­lei­te­ten Ver­fah­rens. Um eine ander­wei­ti­ge Been­di­gung in die­sem Sin­ne han­delt es sich auch, wenn die Anschlie­ßung nach § 524 Abs. 4 ZPO durch die Zurück­wei­sung der Haupt­be­ru­fung gemäß § 522 Abs. 2 ZPO ihre Wir­kung ver­liert. Dies ergibt sich bereits aus dem Wort­laut des § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB ("oder ander­wei­ti­ge Been­di­gung des ein­ge­lei­te­ten Ver­fah­rens"), der eine Ver­fah­rens­be­en­di­gung nach § 522 Abs. 2, § 524 Abs. 4 ZPO ein­schließt, vor allem aber aus dem Zweck die­ser Norm und der damit kor­re­spon­die­ren­den Rege­lungs­ab­sicht des Gesetz­ge­bers. Mit dem Schuld­rechts­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz ver­folg­te der Gesetz­ge­ber das Ziel, den Gläu­bi­ger davor zu schüt­zen, dass sein Anspruch ver­jährt, nach­dem er ein förm­li­ches Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet hat oder nach­dem er den Anspruch mit der Mög­lich­keit, dass über ihn rechts­kräf­tig ent­schie­den wird, in das Ver­fah­ren eines ande­ren ein­ge­führt hat 3. Die Hem­mung soll­te nach § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB auch über die Erle­di­gung des Ver­fah­rens hin­aus noch wei­te­re sechs Mona­te andau­ern, damit dem Gläu­bi­ger ins­be­son­de­re bei Ver­fah­ren, die nicht mit einer Sach­ent­schei­dung enden, noch eine Frist bleibt, in der er ver­schont von dem Lauf der Ver­jäh­rung wei­te­re Rechts­ver­fol­gungs­maß­nah­men ein­lei­ten kann 4. Der mit der Hem­mung ver­bun­de­ne blo­ße Auf­schub für die Dau­er des Ver­fah­rens und der sechs­mo­na­ti­gen Nach­frist soll­te unab­hän­gig von des­sen Aus­gang sein 5. Selbst bei einer Kla­ge­rück­nah­me soll­te die Hem­mung der Ver­jäh­rung nicht mehr wie nach frü­he­rem Recht (§ 212 Abs. 1 BGB a.F.) rück­wir­kend ent­fal­len, son­dern bestehen blei­ben und die sechs­mo­na­ti­ge Nach­frist gel­ten 6. Wenn aber selbst bei einer Kla­ge­rück­nah­me, die vom Wil­len des Gläu­bi­gers abhängt, § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB Anwen­dung fin­det 7, kann für die Wir­kungs­lo­sig­keit der Anschluss­be­ru­fung nach § 524 Abs. 4 ZPO, auf die der Gläu­bi­ger kei­nen Ein­fluss hat, nichts ande­res gel­ten. Dem Schuld­ner ist mit der Gel­tend­ma­chung des Anspruchs in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren deut­lich gemacht wor­den, dass der Gläu­bi­ger die­sen Anspruch ernst­lich ver­fol­gen will. Er bedarf daher kei­nes Schut­zes vor einer Ver­jäh­rungs­hem­mung, wenn das Ver­fah­ren ohne Zutun des Gläu­bi­gers endet, und kann in die­sem Fal­le ins­be­son­de­re nicht dar­auf ver­trau­en, dass der Gläu­bi­ger von der Durch­set­zung der im Rah­men der Anschluss­be­ru­fung anhän­gig gemach­ten Ansprü­che voll­ends abse­hen wol­le.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Dezem­ber 2018 – III ZR 17/​18

  1. BeckOKBGB/​Henrich, § 204 Rn. 56 [Stand: 1.08.2018]; BeckOGKBGB/​MellerHannich, § 204 Rn. 412 [Stand: 1.09.2018]; Münch­Komm-BGB/Gro­the, 8. Aufl., § 204 Rn. 96; Münch­Komm-ZPO/Rim­mels­pa­cher, 5. Aufl., § 522 Rn. 36; Baum­ert, NJ 2014, 145, 148 f; s. auch Erman/​SchmidtRäntsch, BGB, 15. Aufl., § 204 Rn. 39[]
  2. RGZ 156, 291, 299; Erman/​SchmidtRäntsch aaO § 204 Rn. 6; Münch­Komm-BGB/Gro­the aaO § 204 Rn. 5[]
  3. Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen der SPD und BÜNDNIS 90/​DIE GRÜNEN zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts, BT-Drs. 14/​6040, S. 112[]
  4. BT-Drs. 14/​6040, S. 117[]
  5. BT-Drs. 14/​6040, S. 118; Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts, BT-Drs. 14/​6857, S. 44; s. dazu auch BGH, Urteil vom 28.09.2004 – IX ZR 155/​03, BGHZ 160, 259, 262 ff[]
  6. BT-Drs. 14/​6857 aaO[]
  7. s. dazu auch BGH, Urtei­le vom 28.09.2004 aaO S. 264; und vom 01.08.2013 – VII ZR 268/​11, NJW 2014, 155, 157 Rn. 32 mwN[]