Kla­ge­rück­nah­me und mate­ri­ell-recht­li­cher Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch

Im Fal­le einer Kla­ge­rück­nah­me kommt ein der Kos­ten­ent­schei­dung nach § 269 Abs. 3 Satz 2, Halbs. 1 ZPO ent­ge­gen­ge­rich­te­ter mate­ri­ell-recht­li­cher Anspruch auf Kos­ten­er­stat­tung nicht in Betracht, wenn der Sach­ver­halt, der zu die­ser Kos­ten­ent­schei­dung geführt hat, unver­än­dert bleibt 1.

Kla­ge­rück­nah­me und mate­ri­ell-recht­li­cher Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch

Ein Anspruch auf Ersatz des in der Belas­tung mit den Pro­zess­kos­ten des (durch Kla­ge­rück­nah­me been­de­ten) Vor­pro­zes­ses lie­gen­den (Verzugs-)Schadens (§ 280 Abs. 1, 2, § 286 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Nr. 3 BGB) schei­det bereits wegen der in die­sem Rechts­streit nach § 269 Abs. 3 Satz 2, Halbs. 1 ZPO ein­ge­tre­te­nen pro­zes­sua­len Kos­ten­tra­gungs­pflicht des Klä­gers und des dar­auf­hin ergan­ge­nen bestands­kräf­ti­gen Kos­ten­fest­set­zungs­be­schlus­ses aus. Zwar ist – wie in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aner­kannt ist – eine pro­zes­sua­le Kos­ten­ent­schei­dung nicht erschöp­fend, son­dern lässt grund­sätz­lich noch Raum für die Durch­set­zung mate­ri­ell-recht­li­cher Ansprü­che auf Kos­ten­er­stat­tung etwa aus Ver­trag, wegen Ver­zu­ges oder aus uner­laub­ter Hand­lung. Die­ser mate­ri­ell-recht­li­che Anspruch kann dabei je nach Sach­la­ge neben die pro­zes­sua­le Kos­ten­re­ge­lung tre­ten und ihr sogar ent­ge­gen­ge­rich­tet sein, sofern zusätz­li­che Umstän­de hin­zu­kom­men, die bei der pro­zes­sua­len Kos­ten­ent­schei­dung nicht berück­sich­tigt wer­den konn­ten. Bleibt hin­ge­gen der Sach­ver­halt, der zu einer abschlie­ßen­den pro­zes­sua­len Kos­ten­ent­schei­dung geführt hat, unver­än­dert, geht es nicht an, nun­mehr den glei­chen Sach­ver­halt erneut zur Nach­prü­fung zu stel­len und in sei­nen kos­ten­recht­li­chen Aus­wir­kun­gen mate­ri­ell-recht­lich ent­ge­gen­ge­setzt zu beur­tei­len 2. So ver­hält es sich hier.

Umstän­de, die bei der pro­zes­sua­len Kos­ten­ent­schei­dung nicht berück­sich­tigt wer­den konn­ten, sind weder fest­ge­stellt noch sonst ersicht­lich. Ins­be­son­de­re ist es ohne Bedeu­tung, dass der Klä­ger auf ent­spre­chen­den Hin­weis des Amts­ge­richts sei­ne Räu­mungs­kla­ge nicht mehr als Erfolg ver­spre­chend ein­ge­schätzt und dar­auf­hin deren Rück­nah­me erklärt hat. Denn die Kos­ten­tra­gungs­re­ge­lung des § 269 Abs. 3 Satz 2, Halbs. 1 ZPO stellt sich als Aus­prä­gung des all­ge­mei­nen, den §§ 91, 97 ZPO zugrun­de lie­gen­den Prin­zips dar, dass die unter­le­ge­ne Par­tei die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen hat. Zu die­sem Zweck fin­giert sie im Fal­le der Kla­ge­rück­nah­me den gel­tend gemach­ten Kla­ge­an­spruch ohne Rück­sicht auf sei­ne mate­ri­ell-recht­li­che Begründ­etheit als für den anhän­gi­gen Rechts­streit nicht bestehend und bil­det damit den Rechts­grund für das pro­zes­sua­le Unter­lie­gen des Klä­gers und sei­ne hier­an anknüp­fen­de kos­ten­recht­li­che Haf­tung. Die­se Haf­tung kann des­halb auch nicht nach­träg­lich wie­der durch eine abwei­chen­de Bewer­tung der mate­ri­ell-recht­li­chen Rechts­la­ge rück­gän­gig gemacht wer­den, die der vom Gesetz­ge­ber gewoll­ten und in § 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO kos­ten­recht­lich voll­zo­ge­nen Fik­ti­on zuwi­der­läuft 3.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass § 269 Abs. 3 Satz 2, Halbs. 2 ZPO eine Berück­sich­ti­gung gewis­ser außer­pro­zes­sua­ler Gesichts­punk­te bei der Kos­ten­ent­schei­dung zulässt. Denn die­se betref­fen – von der in § 93d ZPO getrof­fe­nen Son­der­re­ge­lung ein­mal abge­se­hen – nur die auch vor Erlass des Geset­zes zur Reform des Zivil­pro­zes­ses vom 27. Juli 2001 4 von der Recht­spre­chung schon aner­kann­ten Aus­nah­me­fäl­le, dass der Beklag­te sich durch außer­ge­richt­li­chen Ver­gleich zur Kos­ten­tra­gung ver­pflich­tet oder zuvor wirk­sam auf eine Kos­ten­er­stat­tung ver­zich­tet hat 5. Glei­ches gilt für den abwei­chend gere­gel­ten Son­der­fall des § 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO 6. Liegt hin­ge­gen – wie hier – kein der­ar­ti­ger Aus­nah­me­fall vor und nimmt der Klä­ger sei­ne Kla­ge zurück, begibt er sich frei­wil­lig in die Rol­le des Unter­le­ge­nen und hat bei gleich blei­ben­dem Sach­ver­halt die durch den Rechts­streit ver­an­lass­ten Kos­ten abschlie­ßend und ohne Rück­sicht dar­auf zu tra­gen, ob die­ses Ergeb­nis mit dem mate­ri­el­len Recht über­ein­stimmt oder nicht 7.

Soweit Tei­le der Instanz­recht­spre­chung und des Schrift­tums dem ent­ge­gen­tre­ten 8, wer­den sie der Inten­ti­on des § 269 Abs. 3 Satz 2, Halbs. 1 ZPO nicht gerecht, die gel­tend gemach­te Kla­ge­for­de­rung für die durch den anhän­gi­gen Rechts­streit aus­ge­lös­ten Kos­ten­fol­gen als nicht bestehend zu fin­gie­ren und die Kos­ten abschlie­ßend bei dem zu belas­sen, der sie ver­ur­sacht hat und dem nach der in den §§ 91, 97 ZPO zum Aus­druck gekom­me­nen Wer­tung das Risi­ko zuge­wie­sen ist, an den durch eine Pro­zess­füh­rung ent­ste­hen­den Kos­ten grund­sätz­lich allein nach dem Maß­stab von Erfolg oder Miss­erfolg betei­ligt zu wer­den. Zudem berück­sich­ti­gen die­se Auf­fas­sun­gen auch nicht hin­rei­chend den etwa in § 99 ZPO zum Aus­druck gekom­me­nen Wil­len des Gesetz­ge­bers, Strei­tig­kei­ten allein über die Kos­ten mög­lichst wenig Raum zu geben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Febru­ar 2011 – VIII ZR 80/​10

  1. Anschluss an BGHZ 45, 251 sowie BGH, GRUR 1995, 169 und WM 2002, 396[]
  2. BGH, Urtei­le vom 18.05.1966 – Ib ZR 73/​64, BGHZ 45, 251, 257; vom 19.10.1994 – I ZR 187/​92, GRUR 1995, 169 – Kos­ten des Ver­fü­gungs­ver­fah­rens bei Antrags­rück­nah­me; vom 22.11.2001 – VII ZR 405/​00, WM 2002, 396; eben­so BVerwG, Beschlüs­se vom 02.07.1998 – 2 B 130/​97 und 2 B 131/​97[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.10.1994 – I ZR 187/​92, aaO[]
  4. BGBl. I S. 1881[]
  5. vgl. BT-Drs. 14/​4722 S. 80; dazu auch BGH, Beschluss vom 14.06.2010 – II ZB 15/​09, WM 2010, 1769 Rn. 10 mwN[]
  6. dazu BT-Drucks. 14/​4722 S. 81; vgl. auch BGH, Beschluss vom 27.10.2003 – II ZB 38/​02, NJW 2004, 223[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 19.10.1994 – I ZR 187/​92, aaO; Beschlüs­se vom 27.10.2003 – II ZB 38/​02, aaO; vom 06.07.2005 – IV ZB 6/​05, NJW-RR 2005, 1662[]
  8. OLG Dres­den, WRP 1998, 322, 323 f.; Becker-Eber­hard, JZ 1995, 814, 816 ff.; Stein/​Jonas/​Bork, ZPO, 22. Aufl., vor § 91 Rn. 19; Zöller/​Herget, ZPO, 28. Aufl., Vor § 91 Rn. 12; Zöller/​Greger, aaO, § 269 Rn. 18c; wie vor­ste­hend dage­gen etwa: OLG Köln, AGS 2010, 43, 44; MünchKommZPO/​Giebel, 3. Aufl., Vor­bem. zu §§ 91 ff. Rn. 17, 21; Musielak/​Wolst, ZPO, 7. Aufl., vor § 91 Rn. 17; Erman/​Ebert, BGB, 12. Aufl., § 249 Rn. 95[]