Kla­ge­schrift – und die ladungs­fä­hi­ge Anschrift des Klä­gers

Bei juris­ti­schen Per­so­nen des Pri­vat­rechts genügt als ladungs­fä­hi­ge Anschrift die Anga­be der im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­ge­nen Geschäfts­an­schrift, sofern dort gemäß § 170 Abs. 2 ZPO Zustel­lun­gen an das Organ als gesetz­li­chen Ver­tre­ter der juris­ti­schen Per­son oder den rechts­ge­schäft­lich bestell­ten Ver­tre­ter im Sin­ne von § 171 ZPO bewirkt wer­den kön­nen.

Kla­ge­schrift – und die ladungs­fä­hi­ge Anschrift des Klä­gers

Gemäß § 253 Abs. 2 Nr. 1 ZPO muss die Kla­ge­schrift die Bezeich­nung der Par­tei­en ent­hal­ten. § 253 Abs. 4 ZPO bestimmt, dass auf die Kla­ge­schrift die all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten über die vor­be­rei­ten­den Schrift­sät­ze anzu­wen­den sind. Nach § 130 Nr. 1 Halb­satz 1 ZPO sol­len die vor­be­rei­ten­den Schrift­sät­ze die Bezeich­nung der Par­tei­en und ihrer gesetz­li­chen Ver­tre­ter nach Namen, Stand oder Gewer­be, Wohn­ort und Par­tei­stel­lung ent­hal­ten.

Aus die­sen Vor­schrif­ten folgt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass eine ord­nungs­ge­mä­ße Kla­ge­er­he­bung grund­sätz­lich die Anga­be der ladungs­fä­hi­gen Anschrift des Klä­gers vor­aus­setzt. Wird die­se Anga­be schlecht­hin oder ohne zurei­chen­den Grund ver­wei­gert, ist die Kla­ge unzu­läs­sig1.

Das gilt auch dann, wenn der Klä­ger wie im vor­lie­gen­den Fall durch einen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­ten ist. Durch die Anga­be sei­ner ladungs­fä­hi­gen Anschrift doku­men­tiert der Klä­ger sei­ne Bereit­schaft, sich mög­li­chen nach­tei­li­gen Fol­gen des Pro­zes­ses, ins­be­son­de­re einer Kos­ten­pflicht, zu stel­len, und ermög­licht dem Gericht die Anord­nung sei­nes per­sön­li­chen Erschei­nens.

Führt ein Klä­ger einen Pro­zess aus dem Ver­bor­ge­nen, um sich dadurch einer mög­li­chen Kos­ten­pflicht zu ent­zie­hen, han­delt er rechts­miss­bräuch­lich. Die Anga­be der ladungs­fä­hi­gen Anschrift des Klä­gers ist daher jeden­falls dann zwin­gen­des Erfor­der­nis einer ord­nungs­ge­mä­ßen Kla­ge­er­he­bung, wenn sie ohne wei­te­res mög­lich ist2.

Ver­fas­sungs­recht­lich ist es aller­dings gebo­ten, dass die Anga­be der ladungs­fä­hi­gen Anschrift des Klä­gers nicht aus­nahms­los Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung der Kla­ge ist, son­dern dass dar­auf im Ein­zel­fall ver­zich­tet wer­den kann3. Für eine sol­che Aus­nah­me bedarf es trif­ti­ger Grün­de, etwa schwer zu besei­ti­gen­der Schwie­rig­kei­ten oder schutz­wür­di­ger Geheim­hal­tungs­in­ter­es­sen4.

Dar­über hin­aus hat der Klä­ger in der Kla­ge­schrift auch eine ladungs­fä­hi­ge Anschrift des Beklag­ten anzu­ge­ben, bei der die ernst­haf­te Mög­lich­keit besteht, dass dort eine ord­nungs­ge­mä­ße Zustel­lung vor­ge­nom­men wer­den kann. Die­se Anga­be muss daher dar­auf gerich­tet sein, eine Über­ga­be der Kla­ge­schrift an den Zustel­lungs­emp­fän­ger selbst zu ermög­li­chen. Dafür kommt nicht nur des­sen Wohn­an­schrift, son­dern in geeig­ne­ten Fäl­len auch die Anga­be der Arbeits­stel­le in Betracht5.

Aus die­sen für natür­li­che Per­so­nen ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen ergibt sich nicht, die Kla­ge einer juris­ti­schen Per­son sei nur zuläs­sig, wenn für sie als ladungs­fä­hi­ge Anschrift der tat­säch­li­che Geschäfts­sitz im Sin­ne eines Geschäfts­lo­kals ange­ge­ben wird, in dem der Lei­ter oder gesetz­li­che Ver­tre­ter regel­mä­ßig ange­trof­fen wer­den kann.

Die für natür­li­che Per­so­nen ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze zur Anga­be einer ladungs­fä­hi­gen Anschrift las­sen sich nicht unmit­tel­bar auf juris­ti­sche Per­so­nen über­tra­gen. Dem Wohn­sitz einer natür­li­chen Per­son ent­spricht bei juris­ti­schen Per­so­nen der Sitz. Das legt die Annah­me nahe, dass bei juris­ti­schen Per­so­nen deren Sitz als ladungs­fä­hi­ge Anschrift ange­ge­ben wer­den kann. Dar­aus ergibt sich jedoch nicht als Erfor­der­nis ord­nungs­ge­mä­ßer Kla­ge­er­he­bung, dass an die­sem Sitz die tat­säch­li­che Geschäfts­tä­tig­keit der juris­ti­schen Per­son aus­ge­übt wer­den muss und deren Lei­ter oder gesetz­li­cher Ver­tre­ter dort ange­trof­fen wer­den muss. Soweit es für erfor­der­lich gehal­ten wird, für den Beklag­ten eine Anschrift anzu­ge­ben, die eine per­sön­li­che Zustel­lung erlaubt, erklärt sich dies in ers­ter Linie durch das schüt­zens­wer­te Inter­es­se der mit einem Rechts­streit über­zo­ge­nen Par­tei. Die­ses Inter­es­se besteht beim Klä­ger, der aktiv den Pro­zess beginnt und betreibt, von vorn­her­ein nicht.

Der Zweck der Anga­be einer ladungs­fä­hi­gen Anschrift des Klä­gers ist bei juris­ti­schen Per­so­nen erfüllt, wenn die juris­ti­sche Per­son durch die ange­ge­be­ne Anschrift ein­deu­tig iden­ti­fi­ziert wird und unter die­ser Anschrift wirk­sam Zustel­lun­gen an die juris­ti­sche Per­son vor­ge­nom­men wer­den kön­nen. Danach genügt bei juris­ti­schen Per­so­nen des Pri­vat­rechts als ladungs­fä­hi­ge Anschrift die Anga­be der im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­ge­nen Geschäfts­an­schrift, sofern dort gemäß § 170 Abs. 2 ZPO Zustel­lun­gen an den Lei­ter, also bei juris­ti­schen Per­so­nen an deren Organ als gesetz­li­chen Ver­tre­ter6, oder den rechts­ge­schäft­lich bestell­ten Ver­tre­ter im Sin­ne von § 171 ZPO bewirkt wer­den kön­nen.

Dafür spricht auch der in § 35 Abs. 2 Satz 3 GmbHG zum Aus­druck kom­men­de Rechts­ge­dan­ke, dass Zustel­lun­gen an eine Gesell­schaft unter der im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­ge­nen Geschäfts­an­schrift erfol­gen kön­nen. Die von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten, über die aus­drück­lich im Gesetz gere­gel­ten Zuläs­sig­keits­er­for­der­nis­se hin­aus­ge­hen­den Anfor­de­run­gen an die Anga­be einer ladungs­fä­hi­gen Anschrift des Klä­gers dür­fen im Hin­blick auf den Anspruch des Klä­gers auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz nicht wei­ter gehen, als es für die Wah­rung der berech­tig­ten Inter­es­sen des Beklag­ten und den ord­nungs­ge­mä­ßen Ablauf des Ver­fah­rens erfor­der­lich ist7.

Soweit der Bun­des­fi­nanz­hof ange­nom­men hat, bei juris­ti­schen Per­so­nen sei grund­sätz­lich die Anga­be ihres tat­säch­li­chen Geschäfts­sit­zes in der Kla­ge erfor­der­lich8, war die­se nicht näher begrün­de­te Erwä­gung im kon­kre­ten Fall nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Da der Klä­ger dort sei­ne Geschäfts­tä­tig­keit auf­ge­ge­ben hat­te und über kei­nen tat­säch­li­chen Geschäfts­sitz mehr ver­füg­te, hielt es der Bun­des­fi­nanz­hof für eine ord­nungs­ge­mä­ße Kla­ge­er­he­bung für aus­rei­chend, wenn kei­ne Zwei­fel an der Iden­ti­tät des Klä­gers bestehen und die Mög­lich­keit der Zustel­lung durch einen Zustel­lungs­o­der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten sicher­ge­stellt ist9.

Nach die­sen Grund­sät­zen han­del­te es sich bei der im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ange­ge­be­nen Anschrift um eine ladungs­fä­hi­ge Anschrift:

Die Anschrift war seit 2015 als Geschäfts­an­schrift im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen. Die Klä­ge­rin hat dort die Diens­te einer Gesell­schaft in Anspruch genom­men, die Ein­gangs­post ent­ge­gen­nimmt und bear­bei­tet. Unter die­sen Umstän­den ist davon aus­zu­ge­hen, dass unter die­ser Anschrift Zustel­lun­gen an einen rechts­ge­schäft­lich bestell­ten Ver­tre­ter der Klä­ge­rin bewirkt wer­den konn­ten. Die Klä­ge­rin hat vor­ge­tra­gen ihr Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ter habe gegen sie test­wei­se einen Mahn­be­scheid bean­tragt, der am 9.12 2015 unter die­ser Anschrift ord­nungs­ge­mäß zuge­stellt wor­den sei. Die Beklag­te hat die­se Behaup­tung nicht bestrit­ten, son­dern ledig­lich den Beweis­wert einer sol­chen Zustel­lung in Zwei­fel gezo­gen, weil es sich um eine "fin­gier­te Zustel­lung" gehan­delt habe. Die Zuver­läs­sig­keit der Wei­ter­lei­tung der ein­ge­gan­ge­nen Post an die Klä­ge­rin durch den von ihr beauf­trag­ten Büro­dienst­leis­ter hat die Beklag­te nicht in Fra­ge gestellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Juni 2018 – I ZR 257/​16

  1. BGH, Urteil vom 09.12 1987 IVb ZR 4/​87, BGHZ 102, 332, 335 f. 8] []
  2. BGHZ 102, 332, 336 8] []
  3. vgl. BVerfG, NJW 1996, 1272, 1273 2] []
  4. BGHZ 102, 332, 336 8]; BGH, Urteil vom 17.03.2004 – VIII ZR 107/​02, NJW-RR 2004, 1503 9] []
  5. BGH, Urteil vom 31.10.2000 – VI ZR 198/​99, BGHZ 145, 358, 364 26] []
  6. vgl. Saenger/​Siebert, ZPO, 7. Aufl., § 170 Rn. 5 []
  7. vgl. BVerfG, NJW 1996, 1272, 1273, Rn. 2 []
  8. BFH, Beschluss vom 18.08.2011 – V B 44/​10 9 []
  9. BFH, Beschluss vom 18.08.2011 – V B 44/​10 17 []