Kla­ge­zu­stel­lung ohne Anla­gen

Eine Kla­ge­zu­stel­lung ist nicht des­we­gen unwirk­sam, weil die Kla­ge­schrift ohne die in Bezug genom­me­nen Anla­gen zuge­stellt wird 1.

Kla­ge­zu­stel­lung ohne Anla­gen

Nach § 253 Abs. 1 ZPO ist mit der Zustel­lung der Kla­ge­schrift die Kla­ge erho­ben und damit ein Pro­zess­rechts­ver­hält­nis zwi­schen den Par­tei­en und dem Gericht begrün­det. Erfor­der­lich hier­für ist nur, dass das zuge­stell­te Schrift­stück als Kla­ge­schrift erkenn­bar ist. Wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen sind an die Begrün­dung eines Pro­zess­rechts­ver­hält­nis­ses nicht zu stel­len.

Sie erge­ben sich ins­be­son­de­re nicht aus § 253 Abs. 2 ZPO, der den not­wen­di­gen Inhalt einer Kla­ge­schrift bestimmt. Er besteht in der Bezeich­nung der Par­tei­en und des Gerichts, der Anga­be von Gegen­stand und Grund des erho­be­nen Anspruchs sowie einem bestimm­ten Antrag. Fehlt es an hin­rei­chen­den Anga­ben zu Gegen­stand und Grund des Anspruchs oder an einem bestimm­ten Antrag, ist nach all­ge­mei­ner Ansicht eine den­noch zuge­stell­te Kla­ge – nach vor­an­ge­gan­ge­nem Hin­weis – als unzu­läs­sig abzu­wei­sen 2. Eine der­ar­ti­ge Abwei­sung setzt jedoch not­wen­di­ger­wei­se vor­aus, dass zwi­schen den Par­tei­en und dem Gericht über­haupt ein Pro­zess­rechts­ver­hält­nis besteht, da eine gericht­li­che Ent­schei­dung nicht außer­halb eines Pro­zess­rechts­ver­hält­nis­ses erge­hen kann. Hier­aus folgt, dass auch die Zustel­lung einer Kla­ge­schrift, die ihrer­seits die Vor­aus­set­zun­gen des § 253 Abs. 2 ZPO nicht erfüllt, wirk­sam ist und ein Pro­zess­rechts­ver­hält­nis begrün­det 3.

Glei­ches muss gel­ten, wenn – wie vor­lie­gend – der Kla­ge Anla­gen nicht bei­gefügt waren 4. Für die Bei­fü­gung von Anla­gen ver­weist § 253 Abs. 4 ZPO auf die Vor­schrif­ten der §§ 131, 134, 135 ZPO. Zwar sind nach § 131 Abs. 1 ZPO Urkun­den, auf die in einem Schrift­satz Bezug genom­men wird, die­sem bei­zu­fü­gen. Dass die Bei­fü­gung nicht kon­sti­tu­tiv für die Wirk­sam­keit der Zustel­lung sein kann, belegt aller­dings schon der Inhalt der Aus­nah­me­re­ge­lun­gen. So müs­sen bei­spiels­wei­se Urkun­den, die von bedeut­sa­mem Umfang sind, dem Schrift­satz nicht bei­gefügt wer­den; hier genügt viel­mehr die genaue Bezeich­nung mit dem Erbie­ten, Ein­sicht zu gewäh­ren (§ 131 Abs. 3 Alt. 2 ZPO). Dass im Fal­le des Feh­lens von Unter­la­gen von gerin­gem Umfang, die nach § 131 Abs. 1 ZPO bei­zu­fü­gen wären, eine Kla­ge­zu­stel­lung unwirk­sam sein soll, wohin­ge­gen sie im Fal­le des Feh­lens umfang­rei­cher Unter­la­gen unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 131 Abs. 3 ZPO wirk­sam ist, erscheint wenig über­zeu­gend. Glei­ches gilt im Rah­men des § 135 ZPO, der Rechts­an­wäl­ten die Mit­tei­lung von Urkun­den von Hand zu Hand gegen Emp­fangs­be­schei­ni­gung ermög­licht. Die Wirk­sam­keit der Zustel­lung einer Kla­ge­schrift kann nicht davon abhän­gen, dass die Rechts­an­wäl­te Urkun­den, die als Anla­gen zur Kla­ge die­nen, von Hand zu Hand gegen Emp­fangs­be­schei­ni­gung über­ge­ben. Inso­fern ist all­ge­mein aner­kannt, dass ein Ver­stoß gegen die Vor­la­ge­pflicht des § 131 Abs. 1 ZPO nicht zur Unwirk­sam­keit der Zustel­lung führt, son­dern nur zur Anwen­dung der Ver­spä­tungs­re­ge­lun­gen sowie des § 335 Abs. 1 Nr. 3 ZPO oder zu Kos­ten­nach­tei­len 5.

Der hier ver­tre­te­nen Auf­fas­sung steht nicht ent­ge­gen, dass die Zustel­lung – neben der Siche­rung des Nach­wei­ses von Zeit und Art der Über­ga­be eines Schrift­stücks – auch gewähr­leis­ten soll, dass der Zustel­lungs­emp­fän­ger ver­läss­lich von dem Inhalt eines Schrift­stücks Kennt­nis neh­men kann, und damit auch der Ver­wirk­li­chung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG dient 6.

Die Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs umfasst nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts das Recht der Par­tei­en, sich zu dem Sach­ver­halt, der einer gericht­li­chen Ent­schei­dung zugrun­de gelegt wird, vor Erlass der Ent­schei­dung zu äußern 7. Die­ses Recht auf Äuße­rung ist eng ver­knüpft mit dem Recht der Par­tei­en auf Infor­ma­ti­on. Eine Art. 103 Abs. 1 GG genü­gen­de Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs setzt vor­aus, dass die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten zu erken­nen ver­mö­gen, auf wel­chen Tat­sa­chen­vor­trag es für die gericht­li­che Ent­schei­dung ankom­men kann 8. Dem­entspre­chend ist das Gericht zur Infor­ma­ti­on der Par­tei­en über den gesam­ten Tat­sa­chen­stoff ver­pflich­tet, den es im Rah­men sei­ner Ent­schei­dung ver­wen­den will 9. Im Zivil­pro­zess gehö­ren zu den der Gegen­sei­te mit­zu­tei­len­den Äuße­run­gen einer Pro­zess­par­tei auch sol­che, die nicht in einem Schrift­satz selbst, son­dern in einer Anla­ge dazu ent­hal­ten sind 10. Aller­dings ver­langt Art. 103 Abs. 1 GG nicht, den Beklag­ten bereits im erst­mög­li­chen Zeit­punkt – bei Zustel­lung der Kla­ge – in vol­lem Umfang zu infor­mie­ren 11. Es muss viel­mehr nur gewähr­leis­tet sein, dass der Beklag­te sein Infor­ma­ti­ons­recht und sein Recht auf Äuße­rung vor Erlass der gericht­li­chen Ent­schei­dung effek­tiv aus­üben kann.

Hier­aus folgt, dass es von Ver­fas­sungs wegen nicht gebo­ten ist, die Zustel­lung einer Kla­ge­schrift ohne Anla­gen als unwirk­sam anzu­se­hen. Viel­mehr wird in einer sol­chen Kon­stel­la­ti­on die Wah­rung des Rechts auf recht­li­ches Gehör durch ande­re pro­zes­sua­le Vor­schrif­ten (z.B. § 335 Abs. 1 Nr. 3 ZPO) aus­rei­chend geschützt.

Soweit der VII. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs in einem Vor­la­ge­be­schluss vom 21.12.2006 an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Auf­fas­sung ver­tre­ten hat, die feh­len­de Bei­fü­gung von Anla­gen mache die Zustel­lung einer Kla­ge­schrift unwirk­sam 12, war dies – was der erken­nen­de Senat zu ent­schei­den hat 13 – für die dama­li­ge Ent­schei­dung nicht tra­gend. Eines Ver­fah­rens nach § 132 Abs. 2 GVG bedarf es daher nicht.

Die Ent­schei­dung des VII. Zivil­se­nats betraf die Fra­ge der Aus­le­gung des Art. 8 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1348/​2000 des Rates vom 29.05.2000 über die Zustel­lung gericht­li­cher und außer­ge­richt­li­cher Schrift­stü­cke in Zivil- oder Han­dels­sa­chen in den Mit­glied­staa­ten 14 für den dort vor­lie­gen­den Sach­ver­halt, dass die Kla­ge­schrift in eng­li­scher Über­set­zung nebst bei­gefüg­ten Anla­gen, die­se aller­dings ohne Über­set­zung, in Lon­don an die dort ansäs­si­ge Beklag­te aus­ge­hän­digt wor­den war, die Beklag­te die Annah­me aber unter Beru­fung auf die genann­te euro­pa­recht­li­che Bestim­mung ver­wei­gert hat­te, weil die Anla­gen nicht in die eng­li­sche Spra­che über­setzt waren. Für die­se Fra­ge ist die vom VII. Zivil­se­nat dar­über hin­aus ange­spro­che­ne Pro­ble­ma­tik, ob eine Kla­ge­zu­stel­lung nach deut­schem Zivil­pro­zess­recht wirk­sam ist, wenn die Anla­gen zur Kla­ge­schrift nicht bei­gefügt waren, nicht erheb­lich. Die Vor­la­ge­fra­ge hät­te sich in glei­cher Wei­se gestellt, wenn der VII. Zivil­se­nat zu der Fra­ge der Wirk­sam­keit der Zustel­lung einer Kla­ge­schrift ohne Anla­gen die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung ver­tre­ten hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Dezem­ber 2012 – VIII ZR 307/​11

  1. Abgren­zung zu BGH, Beschluss vom 21.12.2006 – VII ZR 164/​05[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 28.02.1984 – VI ZR 70/​82, VersR 1984, 538 unter III 1; Zöller/​Greger, aaO, § 253 Rn. 23; Thomas/​Putzo/​Reichold, ZPO, 33. Aufl., § 253 Rn.20; HkZPO/​Saenger, 4. Aufl., § 253 Rn. 31; Stein/​Jonas/​Roth, ZPO, 22. Aufl., § 253 Rn. 61; Beck­OK-ZPO/Ba­cher, Stand: 15.07.2012, § 253 Rn. 80; vgl. auch Rosenberg/​Schwab/​Gottwald, Zivil­pro­zess­recht, 17. Aufl., § 96 Rn. 52[]
  3. vgl. Wieczorek/​Schütze/​Assmann, ZPO, 3. Aufl., § 253 Rn. 174 f.; Rosenberg/​Schwab/​Gottwald, aaO Rn. 51[]
  4. vgl. Rosenberg/​Schwab/​Gottwald, aaO Rn. 8; Gärt­ner/​Mark, MDR 2009, 421, 422 ff.; dif­fe­ren­zie­rend Musielak/​Foerste, aaO, § 253 Rn. 15; Zöller/​Greger, aaO Rn. 26[]
  5. Münch­Komm-ZPO/­Wag­ner, aaO, § 131 Rn. 5, § 129 Rn. 4; Musielak/​Stadler, aaO, § 131 Rn. 3, § 129 Rn. 5; Stein/​Jonas/​Roth, aaO, § 131 Rn. 4, § 129 Rn. 13 ff.; Thomas/​Putzo/​Reichold, aaO, § 131 Rn. 1, § 129 Rn. 4[]
  6. BGH, Urtei­le vom 22.02.1978 – VIII ZR 24/​77, NJW 1978, 1058 unter II 3 c bb; vom 06.04.1992 – II ZR 242/​91, BGHZ 118, 45, 47; Beschluss vom 21.12.2006 – VII ZR 164/​05, NJW 2007, 775 Rn. 14; BVerfG, NJW 1988, 2361[]
  7. BVerfGE 63, 45, 59; 89, 28, 35; 101, 106, 129[]
  8. BVerfGE 89, 28, 35[]
  9. vgl. Dreier/​SchulzeFielitz, GG, 2. Aufl., Art. 103 Abs. 1 Rn. 33[]
  10. BVerfGE 50, 280, 284[]
  11. vgl. Gärtner/​Mark, aaO S. 422[]
  12. BGH, Beschluss vom 21.12.2006 – VII ZR 164/​05, aaO Rn. 13 ff.[]
  13. so zu § 68 ZPO: BGH, Beschluss vom 27.11.2003 – V ZB 43/​03, BGHZ 157, 97, 99 f.; Musielak/​Weth, aaO, § 68 Rn. 4; Hk-ZPO/­Bendt­sen, aaO, § 68 Rn. 6; Stein/​Jonas/​Bork, aaO, § 68 Rn. 7; Zöller/​Vollkommer, aaO, § 68 Rn. 9; aus­führ­lich Wieczorek/​Schütze/​Mansel, ZPO, 3. Aufl., § 68 Rn. 97 ff.[]
  14. ABl. EG Nr. L 160, S. 37[]