Kon­troll­pflich­ten – und der Beginn Wie­der­ein­set­zungs­frist

Nach § 233 Satz 1 ZPO ist einer Par­tei, die ohne ihr Ver­schul­den ver­hin­dert ist, eine Not­frist oder die Frist zur Begrün­dung der Beru­fung, der Revi­si­on, der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de oder der Rechts­be­schwer­de oder die Frist des § 234 Abs. 1 ZPO ein­zu­hal­ten, auf frist­ge­rech­ten Antrag hin (§ 234 Abs. 1, 2 ZPO) Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren.

Kon­troll­pflich­ten – und der Beginn Wie­der­ein­set­zungs­frist

So ver­hält es sich nicht, wenn die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te ein Ver­schul­den an der nicht recht­zei­ti­gen Anbrin­gung des Wie­der­ein­set­zungs­ge­suchs trifft, das der Par­tei nach § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen ist.

Nach § 234 Abs. 2 ZPO beginnt die Wie­der­ein­set­zungs­frist mit dem Tag, an dem das Hin­der­nis beho­ben ist. Maß­ge­bend für den Frist­be­ginn ist nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs der Zeit­punkt, in dem der ver­ant­wort­li­che Anwalt bei Anwen­dung der unter den gege­be­nen Umstän­den von ihm zu erwar­ten­den Sorg­falt die ein­ge­tre­te­ne Säum­nis hät­te erken­nen kön­nen und das Fort­be­stehen der Ursa­che der Ver­hin­de­rung mit­hin nicht mehr unver­schul­det ist 1.

Ver­schul­dens­maß­stab ist dabei nicht die äußers­te und größt­mög­li­che Sorg­falt, son­dern die von einem ordent­li­chen Anwalt zu for­dern­de übli­che Sorg­falt 2.

Die­sen Sorg­falts­an­for­de­run­gen ist die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te im hier ent­schie­de­nen Fall hin­sicht­lich der Reak­ti­on auf die Vor­sit­zen­den­ver­fü­gung nicht gerecht gewor­den:

In der Hand­ak­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten war die Kopie der Beru­fungs­schrift abge­hef­tet, die nicht nur den Klä­ger, son­dern auch die Dritt­wi­der­be­klag­te als Beru­fungs­füh­rer benannt hat; die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te ging zu dem Zeit­punkt, in dem sie die Ver­fü­gung des Beru­fungs­ge­richts vom 21.12 2012 erhielt, davon aus, das Ori­gi­nal die­ser Beru­fungs­schrift bei Gericht ein­ge­reicht zu haben. Gera­de auf der Grund­la­ge der Annah­men, nicht nur für den Klä­ger, son­dern auch für die Dritt­wi­der­be­klag­te Beru­fung ein­ge­legt und folg­lich am 20.12 2012 die Ver­län­ge­rung der Begrün­dungs­fris­ten für bei­de Beru­fungs­füh­rer bean­tragt zu haben, muss­te ihr bei der gebo­te­nen und zumut­ba­ren Sorg­falt auf­fal­len, dass die Begrün­dungs­frist vom Vor­sit­zen­den aus­drück­lich nur "für den Klä­ger" ver­län­gert wor­den war. Die Nicht­er­wäh­nung der Dritt­wi­der­be­klag­ten durf­te die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te nicht etwa, wie die Beschwer­de meint, mit der Erwä­gung abtun, dies sei "Aus­druck einer unprä­zi­sen, durch die übli­chen For­mu­la­re vor­ge­ge­be­nen For­mu­lie­rung des Gerichts". Viel­mehr hät­te der Wort­laut der Ver­fü­gung die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te ver­an­las­sen müs­sen, unver­züg­lich Nach­for­schun­gen dar­über anzu­stel­len, war­um ihrem Ver­län­ge­rungs­an­trag nicht voll­um­fäng­lich ent­spro­chen wor­den war. Die Nach­fra­ge bei Gericht hät­te erge­ben, dass nur eine den Klä­ger als Beru­fungs­füh­rer benen­nen­de Beru­fungs­schrift bei Gericht ein­ge­gan­gen war. Die­ses noch im Dezem­ber 2012 zu erwar­ten­de Ergeb­nis der Nach­fra­ge, hät­te die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te ver­an­las­sen müs­sen, den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag inner­halb der ab Erhalt der Ant­wort lau­fen­den Frist des § 234 Abs. 2 ZPO beim Beru­fungs­ge­richt anzu­brin­gen. Dies ist unter­blie­ben. Viel­mehr ist der Wie­der­ein­set­zungs­an­trag erst am 5.03.2013 gestellt wor­den. Hier­in ist ein der Dritt­wi­der­be­klag­ten über § 85 Abs. 2 ZPO zure­chen­ba­res Ver­schul­den ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zu sehen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Sep­tem­ber 2016 – VIII ZR 357/​14

  1. BGH, Beschlüs­se vom 20.01.2011 – IX ZB 214/​09, NJW-RR 2011, 490 Rn. 11; vom 28.02.2008 – V ZB 107/​97, NJW-RR 2008, 1084 Rn. 10; vom 11.10.2004 – X ZB 3/​03, NJW-RR 2005, 923 unter – II 2 b aa; jeweils mwN; vgl. auch BGH, Beschluss vom 31.05.2012 – V ZB 27/​12, NJW-RR 2012, 1204 Rn. 10[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 18.02.2016 – V ZB 86/​15, NJW-RR 2016, 636 Rn. 9; vom 16.09.2015 – V ZB 54/​15, NJW-RR 2016, 126 Rn. 12; vom 17.08.2011 – I ZB 21/​11, NJW-RR 2012, 122 Rn. 12; jeweils mwN[]