Kos­ten­er­stat­tung bei raten­frei­er Pro­zess­kos­ten­hil­fe

Die bedürf­ti­ge Par­tei hat einen durch­setz­ba­ren Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch gegen die unter­le­ge­ne Par­tei auch dann, wenn ihr zah­lungs­freie Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt wor­den ist.

Kos­ten­er­stat­tung bei raten­frei­er Pro­zess­kos­ten­hil­fe

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den [1], dass der Par­tei trotz des ihrem bei­geord­ne­ten Rechts­an­walts gemäß § 126 Abs. 1 ZPO ein­ge­räum­ten Bei­trei­bungs­rechts der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch wei­ter­hin zusteht. § 126 Abs. 1 ZPO begrün­det ledig­lich eine gesetz­li­che Pro­zess­stand­schaft für den bei­geord­ne­ten Rechts­an­walt [2].

Der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch der Par­tei und das Bei­trei­bungs­recht ihres Anwalts ste­hen selb­stän­dig neben­ein­an­der [3]. Bei­de Rech­te kon­kur­rie­ren mit­ein­an­der. Dies gilt auch dann, wenn der Par­tei Pro­zess­kos­ten­hil­fe ohne Zah­lungs­pflicht bewil­ligt wor­den ist.

Zwar wird von einem Teil der Recht­spre­chung [4] die Auf­fas­sung ver­tre­ten, für den Kos­ten­fest­set­zungs­an­trag der obsie­gen­den bedürf­ti­gen Par­tei bestehe in einem sol­chen Fall kein Rechts­schutz­be­dürf­nis. Denn gemäß § 122 Abs. 1 Nr. 3 ZPO schul­de sie ihrem Anwalt kei­ne Kos­ten. Kos­ten, die nicht ent­stan­den sei­en, könn­ten im Wege der Kos­ten­fest­set­zung auch nicht fest­ge­setzt wer­den.

Die­ser Auf­fas­sung ist jedoch nicht zu fol­gen. Die bedürf­ti­ge Par­tei hat einen durch­setz­ba­ren Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch gegen die unter­le­ge­ne Par­tei auch dann, wenn ihr zah­lungs­freie Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt wur­de [5]. Trotz Bewil­li­gung zah­lungs­frei­er Pro­zess­kos­ten­hil­fe hat der bei­geord­ne­te Rechts­an­walt gegen die bedürf­ti­ge Par­tei aus dem mit ihr geschlos­se­nen Anwalts­ver­trag einen Anspruch auf Zah­lung sei­ner gesetz­li­chen Gebüh­ren und Aus­la­gen [6]. Dies ergibt sich mit­tel­bar auch aus § 59 RVG Abs. 1, wonach der Ver­gü­tungs­an­spruch des bei­geord­ne­ten Rechts­an­walts gegen sei­ne Par­tei mit des­sen Befrie­di­gung durch die Staats­kas­se auf die­se über­geht. Gemäß § 122 Abs. 1 Nr. 3 ZPO kann der Anwalt die ihm erwach­se­nen Ver­gü­tungs­an­sprü­che ledig­lich nicht gel­tend machen, solan­ge der Par­tei Pro­zess­kos­ten­hil­fe gewährt wird; sie sind daher wie bei einer Stun­dung in ihrer Durch­setz­bar­keit gehemmt [7]. Da somit ein Ver­gü­tungs­an­spruch des bei­geord­ne­ten Rechts­an­walts gegen sie besteht, kann die bedürf­ti­ge Par­tei die dadurch ange­fal­le­nen Kos­ten auch im eige­nen Namen fest­set­zen las­sen. Das Rechts­schutz­be­dürf­nis für die­se Fest­set­zung kann der Par­tei im Hin­blick auf ihre nach § 120 Abs. 4 ZPO mög­li­che Inan­spruch­nah­me nicht abge­spro­chen wer­den. Zudem ist der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch nicht davon abhän­gig, dass die Par­tei die ent­spre­chend ihrem Antrag fest­zu­set­zen­den Kos­ten bereits bezahlt hat [8].

Der BGH muss­te vor­lie­gend jedoch nicht ent­schei­den, ob eine Par­tei Zah­lung an sich ver­lan­gen kann, ohne dass ihr Anwalt damit ein­ver­stan­den ist. Denn der Anwalt hat­te den Kos­ten­fest­set­zungs­an­trag namens des Beklag­ten gestellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Juli 2009 – VII ZB 56/​08

  1. BGH, Beschluss vom 14. Febru­ar 2007 – XII ZB 112/​06, FamRZ 2007, 710 = NJW-RR 2007, 1147[]
  2. BGH, Beschluss vom 11. Juni 1997 – XII ZR 294/​94 – FamRZ 1997, 1141; eben­so; Zöller/​Philippi, ZPO, 27. Aufl., § 126 Rdn. 9[]
  3. BGH, Beschluss vom 14. Febru­ar 2007 – XII ZB 112/​06, aaO[]
  4. OLG Hamm, Rpfle­ger 2003, 138 und AnwBl. 1990, 328; OLG Koblenz, Rpfle­ger 1996, 252; OLG Saar­brü­cken, Jur­Bü­ro 1986, 1876 und Jur­Bü­ro 1993, 302; OLG Bre­men, Jur­Bü­ro 1984, 609[]
  5. OLG Koblenz, Jur­Bü­ro 2000, 145; OLG Düs­sel­dorf, NJW-RR 1998, 287; KG, Rpfle­ger 1987, 333; Stein/​Jonas/​Bork, ZPO, 22. Aufl., § 126 Rdn. 12; Zöller/​Philippi, aaO, § 126 Rdn. 9; Musielak/​Fischer, ZPO, 6. Aufl., § 122 Rdn. 7; Münch­KommZPO-Wax, 3. Aufl., § 126 Rdn. 3[]
  6. Stein/​Jonas/​Bork, aaO, § 121 Rdn. 30; KG, aaO; OLG Düs­sel­dorf, aaO[]
  7. Stein/​Jonas/​Bork, aaO, § 121 Rdn. 30, § 126 Rdn. 12; KG, aaO; OLG Düs­sel­dorf, aaO[]
  8. Zöller/​Philippi, aaO, § 126 Rdn. 9; Stein/​Jonas/​Bork, aaO, § 126 Rdn. 12, § 104 Rdn. 11[]