Kos­ten­grund­ent­schei­dung nach Insol­venz­eröff­nung

Wird in einem Rechts­streit nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens eine Kos­ten­grund­ent­schei­dung getrof­fen, ist dar­in über die Ein­ord­nung der Ver­fah­rens­kos­ten als Mas­se­ver­bind­lich­keit oder als Insol­venz­for­de­rung zu ent­schei­den [1].

Kos­ten­grund­ent­schei­dung nach Insol­venz­eröff­nung

Dies gilt auch im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren, in dem die Kos­ten­re­ge­lun­gen der ZPO nach § 46 Abs. 2 ArbGG anwend­bar sind.

Wer­den dem Insol­venz­ver­wal­ter als Par­tei die Kos­ten des Ver­fah­rens – ganz oder teil­wei­se – auf­er­legt, ist dies grund­sätz­lich so zu ver­ste­hen, dass die­se Kos­ten­for­de­run­gen nach § 55 Abs. 1 Nr. 1 InsO Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten sind [2]. Hier­für ist maß­geb­lich, dass der Insol­venz­ver­wal­ter nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens in einem auf­ge­nom­me­nen Rechts­streit Par­tei kraft Amtes ist. Er hat des­halb – soweit nichts ande­res aus­ge­spro­chen ist – die von ihm als Par­tei zu tra­gen­den Ver­fah­rens­kos­ten als Mas­se­for­de­run­gen zu tra­gen [3].

Wegen des Ein­tritts die­ser Bin­dungs­wir­kung ist bei der Kos­ten­grund­ent­schei­dung sorg­fäl­tig zu prü­fen, ob die Ver­fah­rens­kos­ten Mas­se- oder Insol­venz­for­de­run­gen sind [4]. Dem ist bei der Ten­orie­rung Rech­nung zu tra­gen [5].

Die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob die zu erstat­ten­den Ver­fah­rens­kos­ten Insol­venz- oder Mas­se­for­de­run­gen sind, kann nicht in das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren (§§ 103 ff. ZPO) ver­la­gert wer­den. Die Orga­ne die­ses Ver­fah­rens sind viel­mehr grund­sätz­lich an die Kos­ten­grund­ent­schei­dung gebun­den. Wer­den einer Par­tei die gesam­ten Pro­zess­kos­ten unter­schieds­los auf­er­legt, ist eine Dif­fe­ren­zie­rung in der nach­fol­gen­den Ver­fah­rens­stu­fe grund­sätz­lich nicht mehr zuläs­sig [6]. Das ver­ein­fach­te Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren dient nicht dazu, mate­ri­ell-recht­li­che Fra­gen außer­halb des Kos­ten­rechts zu klä­ren. Ent­hält die Kos­ten­grund­ent­schei­dung kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung hin­sicht­lich der vor und nach Insol­venz­eröff­nung bzw. Auf­nah­me des Pro­zes­ses ent­stan­de­nen Kos­ten, ist die­se Ent­schei­dung für das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren bin­dend. Insol­venz­recht­li­che Fra­gen sind im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nur dann zu klä­ren, wenn sie nicht von der Kos­ten­grund­ent­schei­dung abhän­gen, wie etwa die Aus­wir­kun­gen einer Mas­seun­zu­läng­lich­keit [7].

Im vor­lie­gen­den Fall hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt dem Insol­venz­ver­wal­ter als Beru­fungs­klä­ger die durch das Rechts­mit­tel der Beru­fung ent­stan­de­nen Kos­ten auf­er­legt. Da die­se Kos­ten­ent­schei­dung nur die im zwei­ten Rechts­zug ent­stan­de­nen Kos­ten betrifft, bedarf es vor­lie­gend kei­ner Ent­schei­dung, ob der Insol­venz­ver­wal­ter auch die vor der Unter­bre­chung ent­stan­de­nen Kos­ten der unte­ren Instanz als Mas­se­ver­bind­lich­keit zu tra­gen hat [8] oder eine Dif­fe­ren­zie­rung nach den vor und nach Insol­venz­eröff­nung ent­stan­den Kos­ten zu erfol­gen hat [9]. Jeden­falls inner­halb einer Instanz kommt eine Dif­fe­ren­zie­rung mit Blick auf die durch Ver­fah­rens­ge­büh­ren gepräg­ten Gebüh­ren­ord­nun­gen nicht in Betracht [10].

Im hier ent­schie­de­nen Fall waren die Kos­ten dar­über hin­aus gegen­über der Arbeit­ge­be­rin – und nicht gegen­über dem Insol­venz­ver­wal­ter – est­zu­set­zen, nach­dem das Amt des Insol­venz­ver­wal­ters durch die nach der rechts­kräf­ti­gen Bestä­ti­gung des Insol­venz­plans erfolg­te Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens erlo­schen ist (§ 259 Abs. 1 Satz 1 InsO). Die Arbeit­ge­be­rin hat hier­durch das Ver­fü­gungs­recht über die Insol­venz­mas­se zurück­er­hal­ten (§ 259 Abs. 1 Satz 2 InsO) und des­halb auf­grund der Kos­ten­grund­ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts für die Pro­zess­kos­ten zu haf­ten.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 11. März 2015 – 10 AZB 101/​14

  1. BAG 19.09.2007 – 3 AZB 35/​05, Rn. 18; BGH 28.09.2006 – IX ZB 312/​04, Rn. 11; HK-InsO/­Kay­ser 7. Aufl. § 85 Rn. 59[]
  2. BAG 19.09.2007 – 3 AZB 35/​05, Rn. 21[]
  3. vgl. BAG 19.09.2007 – 3 AZB 35/​05, Rn. 18; BGH 28.10.2004 – III ZR 297/​03, zu II 2 der Grün­de; HK-InsO/­Loh­mann § 55 Rn. 5[]
  4. HK-InsO/­Loh­mann § 55 Rn. 5; aA Münch­Komm-InsO/­Schu­ma­cher 3. Aufl. § 85 Rn.20, wonach auch eine Kos­ten­grund­ent­schei­dung, die dem Ver­wal­ter die Kos­ten ins­ge­samt auf­er­legt, dif­fe­ren­zie­rend aus­ge­legt wer­den kann[]
  5. dazu BAG 19.09.2007 – 3 AZB 35/​05; HambKomm/​Kuleisa 5. Aufl. § 85 InsO Rn. 17[]
  6. BGH 28.09.2006 – IX ZB 312/​04, Rn. 11; Münch­Komm-InsO/He­f­er­mehl § 55 Rn. 45; HK-InsO/­Kay­ser § 85 Rn. 59[]
  7. dazu BGH 17.03.2005 – IX ZB 247/​03; 9.10.2008 – IX ZB 129/​07, Rn. 6[]
  8. so etwa HK-InsO/­Kay­ser § 85 Rn. 59; Kars­ten Schmidt/​Sternal 18. Aufl. § 85 InsO Rn. 45; Jaeger/​Windel InsO § 85 Rn. 139[]
  9. so etwa HambKomm/​Kuleisa § 85 Rn. 14; Münch­Komm-InsO/­Schu­ma­cher § 85 Rn.20; Uhlenbruck/​Uhlenbruck 13. Aufl. § 85 InsO Rn. 88[]
  10. BGH 28.09.2006 – IX ZB 312/​04, Rn. 14; HK-InsO/­Loh­mann § 55 Rn. 5[]