Kran­ken­haus haf­tet für Sprung aus dem Fens­ter

Ver­stößt ein Kli­ni­kum für Psych­ia­trie gegen Sorg­falts­pflich­ten gegen­über einer seit Jah­ren an einer Psy­cho­se lei­den­den Pati­en­tin, wenn die­se ohne Über­wa­chung in einem Zim­mer mit unge­si­cher­tem Fens­ter unter­ge­bracht wird? Die­se Fra­ge hat das Land­ge­richt Mün­chen I jetzt zuguns­ten einer Kran­ken­kas­se ent­schie­den, die von dem Kran­ken­haus die Rück­erstat­tung erbrach­ter Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen ver­langt hat­te.

Kran­ken­haus haf­tet für Sprung aus dem Fens­ter

Bei der Pati­en­tin war im Juli 2002 in dem Kran­ken­haus eine aku­te para­no­id-hal­lu­zi­na­to­ri­sche Psy­cho­se dia­gnos­ti­ziert wor­den, bei der auch eine Selbst­ge­fähr­dung nicht aus­ge­schlos­sen wer­den konn­te. Weni­ge Tage nach ihrer Ent­las­sung erschien die Pati­en­tin im August 2002 wie­der in der Kli­nik, da sich ihr Zustand erneut ver­schlech­tert hat­te. Nach­dem sie von einer Schwes­ter in ein Kran­ken­zim­mer im 1. Stock der Kli­nik gebracht wor­den war, sprang die Pati­en­tin kur­ze Zeit spä­ter aus dem Fens­ter und ver­letz­te sich schwer.

Das Gericht bewer­te­te die Umstän­de der Wie­der­auf­nah­me nach Anhö­rung eines Sach­ver­stän­di­gen als Ver­stoß gegen die aner­kann­ten fach­ärzt­li­chen Regeln der psych­ia­tri­schen Kunst. Da die Pati­en­tin schon bei ihrer Ent­las­sung nicht in wün­schens­wer­ter Wei­se wie­der­her­ge­stellt war und die dia­gnos­ti­zier­te Erkran­kung stets mit einem Rest an Unbe­re­chen­bar­keit ins­be­son­de­re in Gestalt von Sui­zid­ver­su­chen ein­her­ge­he, sei es – so der Sach­ver­stän­di­ge – nicht ohne Risi­ko gewe­sen, die Pati­en­tin nach ihrer Wie­der­auf­nah­me gänz­lich ohne Auf­sicht zu las­sen. Zumin­dest hät­te sie in einem Raum mit gesi­cher­ten Fens­tern unter­ge­bracht wer­den müs­sen. Der fata­le Fens­ter­sprung wäre dann mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit ver­hin­dert wor­den.

Land­ge­richt Mün­chen I, Urteil vom 2. Sep­tem­ber 2009 – 9 O 23635/​06