Lang­fris­ti­ge unent­gelt­li­che Gebrauchs­über­las­sung – form­los.

Die unent­gelt­li­che Gebrauchs­über­las­sung von Wohn- oder Geschäfts­räu­men ist regel­mä­ßig auch bei lan­ger Ver­trags­lauf­zeit Lei­he und selbst dann nicht form­be­dürf­tig, wenn das Recht des Ver­lei­hers zur Eigen­be­darfs­kün­di­gung ver­trag­lich aus­ge­schlos­sen ist 1.

Lang­fris­ti­ge unent­gelt­li­che Gebrauchs­über­las­sung – form­los.

Der­ar­ti­ge Gebrauchs­über­las­sungs­ver­trä­ge sind als Leih­ver­trä­ge im Sin­ne des § 598 BGB und nicht als gemäß § 518 BGB form­be­dürf­ti­ge Schen­kung anzu­se­hen.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof wie­der­holt in Fäl­len der Ver­ein­ba­rung eines unent­gelt­li­chen schuld­recht­li­chen Wohn­rechts ent­schie­den hat, liegt in der blo­ßen vor­über­ge­hen­den Gebrauchs­über­las­sung einer Sache in der Regel kei­ne das Ver­mö­gen min­dern­de Zuwen­dung, wie sie für eine Schen­kung gemäß § 516 Abs. 1 BGB erfor­der­lich wäre. Denn die Sache ver­bleibt im Eigen­tum und mit­hin im Ver­mö­gen des Leis­ten­den. Auch der unmit­tel­ba­re Besitz wird dann nicht end­gül­tig, son­dern nur vor­über­ge­hend aus der Hand gege­ben. Allein das Merk­mal der Unent­gelt­lich­keit macht die Zuwen­dung noch nicht zu einer Schen­kung. Wer sich ver­trag­lich ver­pflich­tet, einem ande­ren den Gebrauch der Sache unent­gelt­lich zu gestat­ten, begrün­det viel­mehr einen form­los zuläs­si­gen Leih­ver­trag gemäß § 598 BGB. Da eine Lei­he gera­de die Gestat­tung des unent­gelt­li­chen Gebrauchs zum Gegen­stand hat, kann auch in der damit ver­bun­de­nen Zuwen­dung des Wer­tes einer sonst mög­lich gewe­se­nen Eigen­nut­zung der Sache kei­ne Schen­kung gese­hen wer­den 2.

Dass die Gebrauchs­über­las­sung auch über den Tod des Über­las­sen­den hin­aus andau­ern soll­te, etwa weil eine Über­las­sung auf Lebens­zeit des Wohn­be­rech­tig­ten ver­ein­bart und ein Vor­verster­ben des Über­las­sen­den zu erwar­ten ist, macht inso­weit kei­nen Unter­schied. Auf das jewei­li­ge Alter der Ver­trags­schlie­ßen­den und die Wahr­schein­lich­keit, dass der eine den ande­ren über­lebt, kann für die recht­li­che Behand­lung der­ar­ti­ger Abre­den nicht abge­ho­ben wer­den 3.

Für die streit­ge­gen­ständ­li­chen Gebrauchs­über­las­sungs­ver­trä­ge gilt nichts ande­res. Aller­dings wird durch sie den Beklag­ten nicht ledig­lich eine Nut­zung der Räu­me zu eige­nen Wohn­zwe­cken ermög­licht, son­dern dar­über hin­aus auch eine Gebrauchs­über­las­sung an Drit­te. Dies ändert jedoch nichts dar­an, dass das Eigen­tum bei der Erb­las­se­rin ver­blieb und es sich um eine wenn auch lang andau­ern­de Gebrauchs­über­las­sung nur auf Zeit han­del­te.

Ob dann, wenn die Gebrauchs­über­las­sung der wirt­schaft­li­chen Weg­ga­be der Sache nahe kommt, von einer Schen­kung im Sin­ne des § 516 BGB aus­zu­ge­hen ist 4, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Denn ein sol­cher Fall ist hier nicht gege­ben. Dass der Wert der streit­ge­gen­ständ­li­chen Immo­bi­lie nach Ablauf der Ver­trags­lauf­zei­ten von hier 31 Jah­ren erschöpft wäre, ist nicht ersicht­lich.

Auch die von den Ver­trags­par­tei­en ver­ein­bar­ten Abwei­chun­gen von der in §§ 598 ff. BGB gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Aus­ge­stal­tung der Lei­he recht­fer­ti­gen nicht die Annah­me, es lie­ge kein Leih­ver­trag vor. Dies gilt sowohl für die Erlaub­nis zur Gebrauchs­über­las­sung an Drit­te, deren Ertei­lung das Gesetz in § 603 Satz 2 BGB vor­sieht, als auch dafür, dass sich die Erb­las­se­rin abwei­chend von § 601 Abs. 1 BGB zur Über­nah­me der gewöhn­li­chen Erhal­tungs­kos­ten ver­pflich­tet hat. Die­se Geset­zes­be­stim­mung ist eben­so abding­bar 5 wie das in § 605 Nr. 1 BGB vor­ge­se­he­ne Recht des Ent­lei­hers zur Eigen­be­darfs­kün­di­gung 6. Die von den Ver­trags­par­tei­en gegen­über dem gesetz­li­chen Modell vor­ge­nom­me­nen Modi­fi­ka­tio­nen ändern nichts dar­an, dass eine unent­gelt­li­che Gebrauchs­über­las­sung und mit­hin eine Lei­he vor­liegt.

Die Gebrauchs­über­las­sungs­ver­trä­ge waren auch nicht ent­spre­chend § 518 BGB form­be­dürf­tig.

Ver­trä­ge über die Gestat­tung des unent­gelt­li­chen Gebrauchs einer Sache sind unge­ach­tet eines etwa hier­durch dem Eigen­tü­mer ent­ste­hen­den wirt­schaft­li­chen Nach­teils gene­rell als Lei­he zu qua­li­fi­zie­ren (§ 598 BGB). In die­se Rich­tung weist auch das Schen­kungs­recht selbst. Denn nach § 517 BGB liegt kei­ne Schen­kung vor, wenn jemand zum Vor­teil eines ande­ren ledig­lich einen Ver­mö­gens­er­werb unter­lässt. Auf den Leih­ver­trag sind des­halb schen­kungs­recht­li­che Vor­schrif­ten grund­sätz­lich auch dann nicht anzu­wen­den, wenn dem Eigen­tü­mer infol­ge der Gebrauchs­über­las­sung Ver­mö­gens­vor­tei­le ent­ge­hen, die er bei eige­nem Gebrauch hät­te erzie­len kön­nen 7.

Weil die Rege­lung über den Leih­ver­trag nicht auf nur kurz­fris­ti­ge Gestat­tungs­ver­trä­ge beschränkt ist (vgl. § 604 BGB), kann die Dau­er des Ver­trags­ver­hält­nis­ses für die Fra­ge der ent­spre­chen­den Anwen­dung von Bestim­mun­gen aus dem Schen­kungs­recht wie etwa dem Form­erfor­der­nis des § 518 BGB kei­ne ent­schei­den­de Bedeu­tung erlan­gen. Soweit das Gesetz nicht für bestimm­te Ver­trä­ge Form­erfor­der­nis­se vor­schreibt, wie die schrift­li­che Form bei für län­ge­re Zeit als ein Jahr geschlos­se­nen Miet­ver­trä­gen (§ 550 BGB mit der Fol­ge vor­zei­ti­ger Künd­bar­keit), ist ein Rechts­ge­schäft nach dem Grund­satz der Ver­trags­frei­heit mit dem form­los ver­ein­bar­ten Inhalt wirk­sam. Für den Abschluss eines Leih­ver­trags ist kei­ne bestimm­te Form vor­ge­se­hen. Die­ser Ver­trag ist mit­hin auch dann form­los zuläs­sig, wenn er nach den beson­de­ren Umstän­den des Ein­zel­falls ein Risi­ko in sich birgt oder einen Nach­teil mit sich brin­gen kann, wie dies mit der lang­fris­ti­gen Über­las­sung von Räu­men zum unent­gelt­li­chen Besitz und Gebrauch ein­her­geht. Es spielt kei­ne Rol­le, ob sich die­se Gefahr nur aus der Län­ge der ver­ab­re­de­ten Bin­dungs­dau­er oder erst aus der mit der Gebrauchs­ge­wäh­rung ver­knüpf­ten Auf­ga­be eines Ver­mö­gens­vor­teils der sonst mög­li­chen Eigen­nut­zung ergibt 7.

Eine Aus­nah­me von der Form­frei­heit besteht im vor­lie­gen­den Fall auch nicht wegen des in den Gebrauchs­über­las­sungs­ver­trä­gen ent­hal­te­nen unter­stellt wirk­sa­men Aus­schlus­ses einer Eigen­be­darfs­kün­di­gung nach § 605 Nr. 1 BGB.

Zwar ist die Kün­di­gungs­be­fug­nis nach § 605 Nr. 1 BGB eine Recht­fer­ti­gung dafür, dass das Gesetz die Belan­ge des Ver­lei­hers auch ohne Form­zwang als aus­rei­chend gewahrt ansieht 7. Des­halb wird teil­wei­se ver­tre­ten, dass im Fal­le des Aus­schlus­ses der Eigen­be­darfs­kün­di­gung die ana­lo­ge Anwen­dung des § 518 BGB in Betracht zu zie­hen sei 8.

Dem ist jedoch nicht zu fol­gen. Auch bei Aus­schluss der Eigen­be­darfs­kün­di­gung stellt die Lei­he ein Minus zur Schen­kung dar, weil das Eigen­tum beim Ver­lei­her ver­bleibt und der Ent­lei­her die gelie­he­ne Sache nur als Fremd­be­sit­zer nutzt 9. Dar­über hin­aus steht dem Ver­lei­her bei Dau­er­schuld­ver­hält­nis­sen wie der Lei­he auf Zeit jeden­falls die Kün­di­gung aus wich­ti­gem Grund gemäß § 314 BGB offen, um sich bei Unzu­mut­bar­keit der Fort­set­zung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses von die­sem zu lösen 10. Zwar ist die­ses Son­der­kün­di­gungs­recht durch die ver­trag­li­chen Rege­lun­gen dahin modi­fi­ziert, dass der Eigen­be­darf des Ver­lei­hers eine Unzu­mut­bar­keit im Sin­ne des § 314 Abs. 1 BGB eigent­lich nicht begrün­den kann. Es ist jedoch in den Blick zu neh­men, dass die Lei­he auf­grund ihrer Unent­gelt­lich­keit zu den Gefäl­lig­keits­ver­trä­gen gehört 11. Dem Ent­lei­her kann es daher, zumal bei Hin­zu­tre­ten eines ver­wandt­schaft­li­chen Nähe­ver­hält­nis­ses zwi­schen den Ver­trags­par­tei­en, im Ein­zel­fall gemäß § 242 BGB ver­wehrt sein, sich auf den ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Kün­di­gungs­aus­schluss zu beru­fen 12. Im Ergeb­nis führt daher auch der Aus­schluss der Eigen­be­darfs­kün­di­gung des § 605 Nr. 1 BGB nicht zu einer mit der Schen­kung ver­gleich­ba­ren Inter­es­sen­la­ge, so dass die ent­spre­chen­de Anwen­dung der schen­kungs­recht­li­chen Form­vor­schrif­ten aus­schei­det 13.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Janu­ar 2016 – XII ZR 33/​15

  1. Fort­füh­rung von BGHZ 82, 354 = NJW 1982, 820; BGH Urtei­le vom 20.06.1984 IVa ZR 34/​83 NJW 1985, 1553; und vom 10.10.1984 – VIII ZR 152/​83 NJW 1985, 313 sowie Beschluss vom 11.07.2007 – IV ZR 218/​06 Fam­RZ 2007, 1649[]
  2. BGHZ 82, 354 = NJW 1982, 820; BGH Urtei­le vom 20.06.1984 IVa ZR 34/​83 NJW 1985, 1553; und vom 10.10.1984 – VIII ZR 152/​83 NJW 1985, 313 sowie Beschluss vom 11.07.2007 – IV ZR 218/​06 Fam­RZ 2007, 1649, 1650[]
  3. BGH Urteil vom 20.06.1984 IVa ZR 34/​83 NJW 1985, 1553[]
  4. offen gelas­sen von BGH Urteil vom 20.06.1984 IVa ZR 34/​83 NJW 1985, 1553[]
  5. juris­PK-BGB/­Col­ling [Stand: 1.10.2014] § 601 Rn. 12; Palandt/​Weidenkaff BGB 75. Aufl. § 601 Rn. 3; Soergel/​Heintzmann BGB 13. Aufl. § 601 Rn. 5[]
  6. allgM, vgl. etwa Beck­OK BGB/​Wagner [Stand: 1.02.2015] § 605 Rn. 1; juris­PK-BGB/­Col­ling [Stand: 1.10.2014] § 605 Rn. 11; Münch­Komm-BGB/Häub­lein 6. Aufl. § 605 Rn. 6; Staudinger/​Reuter BGB [2013] § 605 Rn. 1[]
  7. BGHZ 82, 354 = NJW 1982, 820, 821[][][]
  8. Münch­Komm-BGB/Häub­lein 6. Aufl. § 598 Rn. 14; Nehlsen­von Stryck AcP 187, 552, 590; Grund­mann AcP 198, 457, 479 f.[]
  9. Staudinger/​Reuter BGB [2013] § 598 Rn. 9[]
  10. vgl. auch BGHZ 82, 354 = NJW 1982, 820, 821[]
  11. Staudinger/​Reuter BGB [2013] Vor­bem zu §§ 598 ff. Rn. 8[]
  12. vgl. zur sog. Aus­übungs­kon­trol­le grund­le­gend BGH, Urteil BGHZ 158, 81 = Fam­RZ 2004, 601, 606[]
  13. so etwa Staudinger/​Reuter BGB [2013] § 598 Rn. 9; vgl. auch Git­ter Gebrauchs­über­las­sungs­ver­trä­ge S. 151 f.; Palandt/​Weidenkaff BGB 75. Aufl. Einf v § 598 Rn. 4; Soergel/​Heintzmann BGB 13. Aufl. Vor § 598 Rn. 6[]