Leis­tungs­ver­wei­ge­rung nach For­de­rungs­ab­tre­tung

Der Schuld­ner ist dem neu­en Gläu­bi­ger gegen­über zur Leis­tung nur gegen Aus­hän­di­gung einer von dem bis­he­ri­gen Gläu­bi­ger über die Abtre­tung aus­ge­stell­ten Urkun­de ver­pflich­tet. Bis zur Aus­hän­di­gung die­ser Urkun­de steht dem Schuld­ner ein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht zu, § 410 Abs. 1 Satz 1 BGB. Ein sol­ches Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht nach § 410 BGB besteht nach Treu und Glau­ben aber nicht, wenn eine ander­wei­ti­ge Inan­spruch­nah­me des Schuld­ners durch den Zeden­ten nach Lage des Fal­les aus­ge­schlos­sen ist.

Leis­tungs­ver­wei­ge­rung nach For­de­rungs­ab­tre­tung

§ 410 Abs. 1 Satz 1 BGB betrifft den Fall, dass der Schuld­ner einer abge­tre­te­nen For­de­rung an den neu­en Gläu­bi­ger leis­tet. Der Schuld­ner ist dem neu­en Gläu­bi­ger gegen­über zur Leis­tung nur gegen Aus­hän­di­gung einer von dem bis­he­ri­gen Gläu­bi­ger über die Abtre­tung aus­ge­stell­ten Urkun­de ver­pflich­tet. Bei § 410 Abs. 1 Satz 1 BGB han­delt es sich um eine Schuld­ner­schutz­be­stim­mung; sie soll den Schuld­ner einer abge­tre­te­nen For­de­rung vor der Gefahr schüt­zen, an einen Nicht­gläu­bi­ger zu leis­ten und ein zwei­tes Mal in Anspruch genom­men zu wer­den 1. Des­halb sieht das Gesetz vor, dass der Schuld­ner an einen als neu­en Gläu­bi­ger Auf­tre­ten­den nur gegen Aus­hän­di­gung einer von dem bis­he­ri­gen Gläu­bi­ger über die Abtre­tung aus­ge­stell­ten Urkun­de zu leis­ten braucht. Zwar tritt die den Schuld­ner befrei­en­de Wir­kung des § 409 Abs. 1 Satz 2 BGB schon dann ein, wenn der Schuld­ner sich eine Urkun­de über die Abtre­tung vor­le­gen lässt. Um dem Schuld­ner aber dem Gläu­bi­ger gegen­über den Nach­weis, dass eine Urkun­de über die Abtre­tung vor­ge­le­gen hat, zu erleich­tern, gewährt § 410 Abs. 1 Satz 1 BGB ihm dar­über hin­aus das Recht, von dem die Leis­tung For­dern­den, in der Urkun­de als neu­er Gläu­bi­ger Bezeich­ne­ten, die Aus­hän­di­gung zu ver­lan­gen. Die über die Abtre­tung aus­ge­stell­te Urkun­de erhält damit eine quit­tungs­ähn­li­che Eigen­schaft 2. Die Vor­schrift dient danach dem Zweck, dem Schuld­ner ein Beweis­mit­tel in die Hand zu geben 3. Die Bestim­mung des § 410 Abs. 1 Satz 1 BGB begrün­det kei­nen Gegen­an­spruch und dar­um auch kein Zurück­be­hal­tungs­recht nach § 273 BGB, son­dern ein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht, das der Schuld­ner dem neu­en Gläu­bi­ger ein­re­de­wei­se ent­ge­gen­hal­ten kann 4.

Es ist umstrit­ten, ob die Aus­hän­di­gung einer Foto­ko­pie der Abtre­tungs­ur­kun­de den Erfor­der­nis­sen des § 410 BGB genügt.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts 5 genügt eine Foto­ko­pie der über die Abtre­tung aus­ge­stell­ten Urkun­de grund­sätz­lich den Erfor­der­nis­sen des § 410 BGB; nur wenn der Schuld­ner ver­ständ­li­che Beden­ken gegen die Zuver­läs­sig­keit der Foto­ko­pie erhebt, besteht die Ver­pflich­tung zur Vor­la­ge des Ori­gi­nals. Die­ser Recht­spre­chung haben sich das Bun­des­so­zi­al­ge­richt 6, ein Teil der Instanz­ge­rich­te 7 und der Lite­ra­tur 8 ange­schlos­sen. Dem­ge­gen­über ver­tritt eine ver­brei­te­te Mei­nung die Auf­fas­sung, dass die Aus­hän­di­gung einer Foto­ko­pie der über die Abtre­tung aus­ge­stell­ten Urkun­de den Erfor­der­nis­sen des § 410 BGB nicht genügt 9.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Fra­ge offen­ge­las­sen 10. Auch im Streit­fall muss nicht ent­schie­den wer­den, ob die von der Klä­ge­rin aus­ge­hän­dig­te Foto­ko­pie des Tele­fax­aus­drucks den Erfor­der­nis­sen des § 410 BGB genügt.

Es kann dahin­ste­hen, ob § 410 Abs. 1 Satz 1 BGB im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall schon gemäß § 410 Abs. 2 BGB nicht anwend­bar ist. Ein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht nach § 410 Abs. 1 Satz 1 BGB steht der Beklag­ten jeden­falls aus einem ande­ren Grund nicht zu.

Eine Rechts­aus­übung ist nach § 242 BGB rechts­miss­bräuch­lich, wenn ihr kein schutz­wür­di­ges Inter­es­se des Aus­üben­den zugrun­de liegt 11. So liegt der Fall hier bezüg­lich der Gel­tend­ma­chung des Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­rechts nach § 410 Abs. 1 Satz 1 BGB.

Nach Lage des Fal­les ist in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rec­ths­streit eine ander­wei­ti­ge Inan­spruch­nah­me der Beklag­ten (Schuld­ners) wegen der gel­tend gemach­ten For­de­rung aus­ge­schlos­sen.

Ein schüt­zens­wer­tes Inter­es­se an der Vor­la­ge des Ori­gi­nals des Schrei­bens vom 08.06.2005 ist des­halb nicht erkenn­bar. Die A. Ltd. hat die Män­gel­an­sprü­che an die Klä­ge­rin abge­tre­ten. Zu Unrecht meint die Beklag­te, das Schrei­ben vom 08.06.2005 sei nicht geeig­net, die­se Abtre­tung zu bele­gen. Der sich aus die­sem Schrei­ben erge­ben­de Sach­ver­halt ist von ihr nicht bestrit­ten wor­den, ins­be­son­de­re hat die Beklag­te nicht behaup­tet, das Schrei­ben sei nicht von der A. Ltd. ver­fasst wor­den. Aus ihm ergibt sich die Abtre­tung. Der vom Beru­fungs­ge­richt aus­ge­ur­teil­te Betrag betrifft die Erstat­tung von Kos­ten einer von der Klä­ge­rin vor­ge­nom­me­nen Män­gel­be­sei­ti­gung (14.653,47 €) und Scha­dens­er­satz (4.950 €). Nach Lage des Fal­les ist es aus­ge­schlos­sen, dass die Kos­ten der von der Klä­ge­rin vor­ge­nom­me­nen Män­gel­be­sei­ti­gung sei­tens der bis­he­ri­gen Gläu­bi­ge­rin, der A. Ltd., erstat­tet ver­langt wer­den. Denn die­se Kos­ten sind ori­gi­när bei der Klä­ge­rin ent­stan­den. Auch bezüg­lich des als Scha­dens­er­satz aus­ge­ur­teil­ten Betrags ist es im Hin­blick auf den engen sach­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen Kos­ten­er­stat­tung und Scha­dens­er­satz nach Lage des Fal­les aus­ge­schlos­sen, dass die Beklag­te ander­wei­tig in Anspruch genom­men wird.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. August 2012 – VII ZR 242/​11

  1. BGH, Urteil vom 12.11.1992 – I ZR 194/​90, NJW 1993, 1468, 1469 – Kata­log­bild[]
  2. BGH, Urteil vom 16.01.1958 – VII ZR 66/​57, BGHZ 26, 241, 246[]
  3. BGH, Urteil vom 12.11.1992 – I ZR 194/​90, aaO 1469 – Kata­log­bild[]
  4. BGH, Urteil vom 24.11.2006 – LwZR 6/​05, NJW 2007, 1269 Rn. 24; Urteil vom 21.11.1985 – VII ZR 305/​84, BauR 1986, 222, 224 = ZfBR 1986, 65; Urteil vom 17.02.1969 II ZR 102/​67, WM 1969, 598, 599; Staudinger/​Busche [2012], § 410 Rn. 5[]
  5. BAG AP Nr. 3 zu § 398 BGB[]
  6. BSGE 76, 184, 189 f.[]
  7. KG, KGR 2006, 326 f.; OLG Naum­burg, Urteil vom 25.08.2005 2 U 52/​05 [Lw]; LAG Frank­furt, DB 1988, 612[]
  8. Soergel/​Schreiber, BGB, 13. Aufl., § 410 Rn. 1; RGRK/​Weber, BGB, 12. Aufl., § 410 Rn. 5[]
  9. KG, Fam­RZ 2009, 1781; Staudinger/​Busche, aaO § 410 Rn. 6; Münch­Komm-BGB/Roth, 6. Aufl., § 410 Rn. 5; Knerr in juris­PK-BGB, 5. Aufl., § 410 Rn. 7; PWW/​Müller, BGB, 7. Aufl., § 410 Rn. 2[]
  10. BGH, Urteil vom 24.11.2006 – LwZR 6/​05, NJW 2007, 1269 Rn. 25[]
  11. vgl. Palandt/​Grüneberg, BGB, 71. Aufl., § 242 Rn. 50 f.[]