Lei­tungs­was­ser­schä­den – und die Fra­ge des Anscheinsbeweises

Der Beweis des ers­ten Anscheins greift bei typi­schen Gesche­hens­ab­läu­fen ein, also in Fäl­len, in denen ein bestimm­ter Tat­be­stand nach der Lebens­er­fah­rung auf eine bestimm­te Ursa­che für den Ein­tritt eines bestimm­ten Erfol­ges hin­weist, was grund­sätz­lich auch bei der Fest­stel­lung von Ursa­chen für Lei­tungs­was­ser­schä­den in Woh­nun­gen anläss­lich von Tro­cken­est­rich- und Par­kett­ver­le­ge­ar­bei­ten in Betracht kom­men kann.

Lei­tungs­was­ser­schä­den – und die Fra­ge des Anscheinsbeweises

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung greift der Beweis des ers­ten Anscheins bei typi­schen Gesche­hens­ab­läu­fen ein, also in Fäl­len, in denen ein bestimm­ter Tat­be­stand nach der Lebens­er­fah­rung auf eine bestimm­te Ursa­che für den Ein­tritt eines bestimm­ten Erfol­ges hin­weist [1]. Die­ser Schluss setzt eine Typi­zi­tät des Gesche­hens­ab­laufs vor­aus, was in die­sem Zusam­men­hang aller­dings nur bedeu­tet, dass der Kau­sal­ver­lauf so häu­fig vor­kom­men muss, dass die Wahr­schein­lich­keit eines sol­chen Fal­les sehr groß ist [2].

Es ist daher zu erwä­gen, ob es eine sol­che Typi­zi­tät des Gesche­hens­ab­lau­fes im vor­lie­gen­den Fall gibt. Hier­für ist zu über­prü­fen, ob Est­rich- und Par­kett­le­ger abge­bro­che­ne oder lose Tei­le einer Tro­cken­est­rich­plat­te übli­cher­wei­se mit Nägeln oder in ver­gleich­ba­rer Art im Boden fixie­ren, bevor sie auf ihnen das Par­kett ver­le­gen. In die­sem Fall wür­de ein Beweis des ers­ten Anscheins dafür spre­chen, dass der Nagel von den Mit­ar­bei­tern des Hand­werks­be­triebs ein­ge­schla­gen wurde.

Das Gericht ist von die­ser Prü­fung nicht durch die von ihm zitier­te Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Anwend­bar­keit des Anscheins­be­wei­ses im Werk­ver­trags­recht ent­ho­ben. Der Bun­des­ge­richts­hof hat in die­sen oder ande­ren Ent­schei­dun­gen die Anwend­bar­keit des Anscheins­be­wei­ses im Werk­ver­trags­recht ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts nicht in dem Sin­ne beschränkt, dass der Gläu­bi­ger „bei Abwick­lung des Ver­tra­ges geschä­digt“ wor­den sein müs­se und die­se Vor­aus­set­zung sodann in den Fäl­len ver­neint wer­den müs­se, in denen der Scha­den nicht „in Aus­füh­rung der Tätig­keit“ ent­stan­den sei, was bedeu­te, dass der Anscheins­be­weis immer dann aus­schei­de, wenn nicht fest­ste­he, dass sich das schä­di­gen­de Ereig­nis wäh­rend der werk­ver­trag­li­chen Arbei­ten ereig­net habe und eine zeit­li­che Zäsur zwi­schen den Aus­füh­rungs­ar­bei­ten und dem Scha­dens­ein­tritt lie­ge. Wäh­rend sich die Ent­schei­dun­gen vom 29.10.1959 [3], vom 17.02.1964 [4] und vom 18.06.1985 [5] über­haupt nicht mit dem Beweis ers­ten Anscheins beschäf­ti­gen, ging es bei der Ent­schei­dung vom 18.12 1952 [6] um die Anwen­dung des Anscheins­be­wei­ses bei einem Ver­kehrs­un­fall mit der Haf­tung aus uner­laub­ter Hand­lung und einem Beför­de­rungs­ver­trag. Auch in die­ser Ent­schei­dung fin­det sich die vom Beru­fungs­ge­richt for­mu­lier­te Ein­schrän­kung des Anscheins­be­wei­ses nicht. Im Gegen­teil ist der Zweck der Rechts­fi­gur des Anscheins­be­wei­ses gera­de die Über­win­dung der Beweis­schwie­rig­kei­ten im Ursa­chen­zu­sam­men­hang, wenn sich nicht völ­lig aus­schlie­ßen lässt, dass auch ande­re als die vom Gläu­bi­ger genann­ten, nach typi­schem Gesche­hens­ab­lauf wahr­schein­li­chen Ursa­chen für die Scha­dens­ver­ur­sa­chung in Betracht kom­men. Sei­ne Anwen­dung ist durch zeit­li­che Zäsu­ren von meh­re­ren Tagen oder sogar Wochen nicht gehin­dert [7].

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­sä, umnis­ur­teil vom 10. April 2014 – VII ZR 254/​13

  1. BGH, Urtei­le vom 29.01.1974 – VI ZR 53/​71, VersR 1974, 750; vom 09.11.1977 – IV ZR 160/​76, VersR 1978, 74, 75; vom 28.02.1980 – VII ZR 104/​79, VersR 1980, 532; vom 18.10.1983 – VI ZR 55/​82, VersR 1984, 63, 64; vom 19.01.2010 – VI ZR 33/​09, VersR 2010, 392 Rn. 8; vom 01.10.2013 – VI ZR 409/​12, MDR 2014, 155 Rn. 14, jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 19.01.2010 – VI ZR 33/​09, aaO, m.w.N.[]
  3. BGH, Urteil vom 29.10.1959 – VII ZR 176/​58, aaO[]
  4. BGH, Urteil vom 17.02.1964 – II ZR 98/​62, aaO[]
  5. BGH, Urteil vom 18.06.1985 – X ZR 71/​84, aaO[]
  6. BGH, Urteil vom 18.12.1952 – VI ZR 54/​52, aaO[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 27.09.1957 – VI ZR 139/​56, MDR 1958, 326[]