Lie­fe­rung eines her­aus­zu­ge­ben­den Gegen­stands – und die Zwangs­voll­stre­ckungs

Der Anspruch auf Lie­fe­rung eines her­aus­zu­ge­ben­den Gegen­stands zu einem im Voll­stre­ckungs­ti­tel bezeich­ne­ten Ort unter­liegt der Her­aus­ga­be­voll­stre­ckung nach § 883 ZPO.

Lie­fe­rung eines her­aus­zu­ge­ben­den Gegen­stands – und die Zwangs­voll­stre­ckungs

Für die Beant­wor­tung der Fra­ge, wel­chen Vor­schrif­ten die Voll­stre­ckung titu­lier­ter Ver­pflich­tun­gen unter­liegt, ist zunächst der Voll­stre­ckungs­ti­tel aus­zu­le­gen 1. Ergibt die­se Aus­le­gung, dass im Titel ein Her­aus­ga­be­an­spruch mit wei­te­ren sach­be­zo­ge­nen, die her­aus­zu­ge­ben­de Sache betref­fen­den Hand­lungs­pflich­ten – etwa zur Ver­sen­dung, Her­stel­lung oder Repa­ra­tur – ver­bun­den ist 2, so kommt – je nach Gegen­stand die­ser wei­te­ren Hand­lungs­pflich­ten – eine unter­schied­li­che voll­stre­ckungs­recht­li­che Ein­ord­nung in Betracht 3.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall umfasst der Voll­stre­ckungs­ti­tel sowohl Pflich­ten zur Vor­nah­me von Werk­leis­tun­gen an dem Fahr­zeug als auch die Pflicht zu des­sen Lie­fe­rung nach einem bestimm­ten Ort. Der vor­lie­gen­de Voll- stre­ckungs­auf­trag bezieht sich aller­dings allein auf die Lie­fer­pflicht. Aus dem Tenor und dem zu sei­ner Aus­le­gung her­an­zu­zie­hen­den Inhalt des Urteils ergibt sich im vor­lie­gen­den Fall hin­rei­chend deut­lich die Pflicht der Schuld­ne­rin, das Fahr­zeug dem Gläu­bi­ger her­aus­zu­ge­ben und an des­sen Wohn­sitz zu lie­fern.

Teil­wei­se wird befür­wor­tet, auf die Pflicht zur Orga­ni­sa­ti­on des Trans­ports, soweit sie eine ver­tret­ba­re Hand­lung dar­stellt, § 887 ZPO anzu­wen­den; § 887 Abs. 3 ZPO ste­he dem nicht ent­ge­gen, weil die­se Vor­schrift sich allein auf die eigent­li­che Her­aus­ga­be bezie­he 4.

Wei­ter wird ver­tre­ten, ein Ver­schaf­fungs­ti­tel habe jeden­falls dann eine der Voll­stre­ckung nach § 888 ZPO unter­fal­len­de nicht ver­tret­ba­re Hand­lung zum Gegen­stand, wenn der Trans­port der Sache – wie etwa die Über­füh­rung eines Fahr­zeugs über eine lan­ge Stre­cke – mit erheb­li­chem Auf­wand und Risi­ko ver­bun­den sei 5.

Die Ver­pflich­tung zum Ver­sand oder Ver­brin­gen einer beweg­li­chen Sache wird schließ­lich in Tei­len der Recht­spre­chung und Lite­ra­tur als ein die Her­aus­ga­be­voll­stre­ckung nach § 883 ZPO nicht hin­dern­der Umstand ange­se­hen, weil ihr gegen­über der Her­aus­ga­be­pflicht kei­ne rele­van­te eigen­stän­di­ge Bedeu­tung zukom­me 6. Davon ist auch das Beschwer­de­ge­richt aus­ge­gan­gen.

Die­ser letzt­ge­nann­ten Ansicht ist der Vor­zug zu geben.

Für die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob die Voll­stre­ckung einer neben der Her­aus­ga­be­pflicht titu­lier­ten wei­te­ren Pflicht der Her­aus­ga­be­voll­stre­ckung nach § 883 ZPO oder der Hand­lungs­voll­stre­ckung nach §§ 887 f. ZPO unter­fällt, ist rich­ti­ger­wei­se dar­auf abzu­stel­len, ob die­se wei­te­re Pflicht im Ver­hält­nis zur Her­aus­ga­be eine eigen­stän­di­ge Bedeu­tung hat oder ledig­lich ein unselbst­stän­di­ger Teil ist 7.

Die titu­lier­te Pflicht zur Ver­sen­dung oder Ver­brin­gung der her­aus­zu­ge­ben­den Sache erlangt gegen­über der Her­aus­ga­be­pflicht grund­sätz­lich kei­ne eigen­stän­di­ge Bedeu­tung. Nach § 883 ZPO hat der Gerichts­voll­zie­her die Sache nicht nur dem Schuld­ner weg­zu­neh­men, son­dern sie auch dem Gläu­bi­ger zu über­ge­ben; die Über­ga­be ist mit­hin Bestand­teil der Her­aus­ga­be­voll­stre­ckung 8. Die durch den Gerichts­voll­zie­her ver­an­lass­te Ver­brin­gung der Sache an den im Titel bezeich­ne­ten Leis­tungs­ort lässt sich zwang­los unter den Begriff der Her­aus­ga­be­voll­stre­ckung fas­sen. Damit wird in der Zwangs­voll­stre­ckung das Ergeb­nis des Erkennt­nis­ver­fah­rens kei­nes­wegs hin­fäl­lig und der Schuld­ner ent­ge­gen der Urteils­for­mel von der Ver­brin­gung ent­las­tet 9. Mit der Ver­brin­gung der Sache durch den Gerichts­voll­zie­her wird zum einen die titu­lier­te Ver­pflich­tung durch­ge­setzt. Zum ande­ren sind die Kos­ten der Ver­brin­gung not­wen­di­ge Kos­ten der Zwangs­voll­stre­ckung im Sin­ne des § 788 ZPO, die des­halb der Schuld­ner zu tra­gen hat 10.

Die­se Lösung ist gegen­über einer fall­be­zo­ge­nen, auf den jewei­li­gen Auf­wand abstel­len­den Betrach­tungs­wei­se wegen der ansons­ten häu­fig auf­tre­ten­den Rechts­un­si­cher­heit vor­zugs­wür­dig. Die Anwen­dung des § 887 ZPO auf die Pflicht zur Ver­brin­gung kommt schon des­halb nicht in Betracht, weil die Anwen­dung die­ser Vor­schrift im Fal­le der Erwir­kung zur Her­aus­ga­be oder Leis­tung von Sachen aus­ge­schlos­sen ist (§ 887 Abs. 3 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Janu­ar 2016 – I ZB 110/​14

  1. vgl. MünchKomm-.ZPO/Gruber, 4. Aufl., § 883 Rn. 14 mwN[]
  2. vgl. zum Begriff der Hand­lungs­pflich­ten Schil­ken, DGVZ 1988, 49, 52[]
  3. vgl. Lack­mann in Musielak/​Voit, ZPO, 12. Aufl., § 883 Rn. 4[]
  4. OLG Zwei­brü­cken, OLG-Rep.2001, 70[]
  5. MünchKomm-.ZPO/Gruber aaO § 883 Rn. 16; Zöller/​Stöber, ZPO, 31. Aufl., § 883 Rn. 9; Schnei­der, MDR 1983, 287, 288[]
  6. RGZ 36, 369, 372 f.; OLG Frank­furt, MDR 1983, 325; AG Osna­brück, DGVZ 1966, 91; Bendt­sen in Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf, Gesam­tes Recht der Zwangs­voll­stre­ckung, 2. Aufl., § 883 ZPO Rn. 26; Schil­ken, DGVZ 1988, 49, 53[]
  7. vgl. MünchKomm-.ZPO/Gruber aaO § 883 Rn. 16[]
  8. vgl. Bendt­sen in Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf aaO § 883 ZPO Rn. 26[]
  9. aA Schnei­der, MDR 1983, 287[]
  10. vgl. Schil­ken, DGVZ 1988, 49, 54[]