LKW-Maut und die sach­ge­rech­te Dif­fe­ren­zie­rung der Maut­sät­ze

Bei der nach § 3 Abs. 2 Satz 1 ABMG a.F. (§ 3 Abs. 2 Satz 1 BFStrMG n.F.) ge­bo­te­nen „sach­ge­rech­ten“ Dif­fe­ren­zie­rung der Maut­sät­ze nach der Achs­zahl der maut­pflich­ti­gen Fahr­zeu­ge steht dem Ver­ord­nungs­ge­ber ein Ge­stal­tungs­spiel­raum zu, so­weit es nicht nur um die rech­ne­ri­sche Er­mitt­lung und Ver­tei­lung der von der Achs­zahl ab­hän­gi­gen We­ge­kos­ten, son­dern um die Auf­tei­lung der Fahr­zeu­ge in Achs­klas­sen geht.

LKW-Maut und die sach­ge­rech­te Dif­fe­ren­zie­rung der Maut­sät­ze

In­so­weit kann die Zu­sam­men­fas­sung maut­pflich­ti­ger Fahr­zeu­ge ver­schie­de­ner Achs­zahl in einer Achs­klas­se mit glei­chem Maut­satz trotz un­ter­schied­li­cher Kos­ten­ver­ant­wort­lich­keit unter den Ge­sichts­punk­ten der Ty­pi­sie­rung, Pau­scha­lie­rung und Ver­wal­tungs­prak­ti­ka­bi­li­tät ge­recht­fer­tigt sein [1].

Soweit es um die rech­ne­ri­sche Ermitt­lung und Ver­tei­lung der Wege­kos­ten auf die bei­den nach der ein­schlä­gi­gen Maut­hö­he­ver­ord­nung – MautHV – vom 24.06.2003 [2] maß­geb­li­chen Achs­klas­sen geht, sind die Maut­sät­ze in dem Umfang zwi­schen den Achs­klas­sen zu dif­fe­ren­zie­ren, in dem eine ein­deu­ti­ge und quan­ti­fi­zier­ba­re Kor­re­la­ti­on zwi­schen bestimm­ten Kos­ten nach § 3 Abs. 2 Satz 2 ABMG a.F. (§ 3 Abs. 2 Satz 2 BFStrMG n.F.) von eini­gem Gewicht und der unter­schied­li­chen Anzahl von Ach­sen maut­pflich­ti­ger Fahr­zeu­ge her­ge­stellt wer­den kann. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat fer­ner bereits klar­ge­stellt, dass das Gesetz dem Ver­ord­nungs­ge­ber inso­weit kei­nen Gestal­tungs­spiel­raum lässt. Von die­sen Grund­sät­zen ist auch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt aus­ge­gan­gen. Es ist nicht erkenn­bar, dass die vor­lie­gen­de Rechts­sa­che Gele­gen­heit zur Fort­ent­wick­lung die­ser Recht­spre­chung geben könn­te. Das gilt auch, soweit die Grund­satz­rü­ge Klä­rungs­be­darf hin­sicht­lich der Fra­ge sehen soll­te, ob eine "mono­kau­sa­le" Kor­re­la­ti­on zwi­schen bestimm­ten Kos­ten und der Achs­zahl vor­lie­gen muss. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt weist zu Recht dar­auf hin, dass ein sol­ches Erfor­der­nis auf der Grund­la­ge des Urteils vom 04.08.2010 zu ver­nei­nen ist. So fehlt es an einer ein­deu­ti­gen und quan­ti­fi­zier­ba­ren Kor­re­la­ti­on zwi­schen den für Gewichts­klas­sen der Fahr­zeu­ge ermit­tel­ten Kapa­zi­täts­kos­ten und der Achs­zahl nicht bereits des­halb, weil die­se Kos­ten nur indi­rekt über eine Äqui­va­lenz­zif­fer auf die Achs­zahl bezo­gen wer­den kön­nen [3] oder weil die Achs­zahl aus­weis­lich des Wege­kos­ten­gut­ach­tens mit Blick auf Fahr­zeug­län­ge, Beschleu­ni­gung und Sicher­heits­ab­stand ein ledig­lich "brauch­ba­res Ori­en­tie­rungs­maß" für den dyna­mi­schen Flä­chen­ver­brauch und damit die Kapa­zi­täts­kos­ten dar­stellt [4]. Auch die vom Gewicht der Fahr­zeu­ge abhän­gi­gen Kos­ten, die zunächst nach Achs­ka­te­go­rien und Gewichts­klas­sen ermit­telt wur­den, konn­ten nur auf­grund von Wer­tun­gen (Gewich­tung nach der AAS­HO-Funk­ti­on) der Anzahl der Ach­sen zuge­ord­net wer­den [5].

Dage­gen steht dem Ver­ord­nungs­ge­ber bei der nach § 3 Abs. 2 Satz 1 ABMG a.F. (§ 3 Abs. 2 Satz 1 BFStrMG n.F.) gebo­te­nen "sach­ge­rech­ten" Dif­fe­ren­zie­rung der Maut­sät­ze nach der Achs­zahl der maut­pflich­ti­gen Fahr­zeu­ge ein Gestal­tungs­spiel­raum zu, soweit es nicht nur um die rech­ne­ri­sche Ermitt­lung und Ver­tei­lung der von der Achs­zahl abhän­gi­gen Wege­kos­ten, son­dern um die Auf­tei­lung der Fahr­zeu­ge in Achs­klas­sen geht. So ist schon auf der Grund­la­ge des Urteils vom 04.08.2010 [6] ersicht­lich und bedarf nicht der Klä­rung in einem wei­te­ren Revi­si­ons­ver­fah­ren, dass der Ver­ord­nungs­ge­ber bei der Aus­ge­stal­tung der Bemes­sungs­grund­la­ge (Ein­tei­lung der Achs­klas­sen) frei­er ist als bei der Ermitt­lung des Gebüh­ren­sat­zes nach Maß­ga­be der Kos­ten­ver­ur­sa­chung (Ver­tei­lung der Wege­kos­ten auf bereits vor­ge­ge­be­ne Achs­klas­sen). Nach stän­di­ger höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung kön­nen Durch­bre­chun­gen des Gleich­heits­sat­zes durch Typi­sie­run­gen und Pau­scha­lie­run­gen ins­be­son­de­re bei der Rege­lung von Mas­sen­er­schei­nun­gen durch Erwä­gun­gen der Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung und ‑prak­ti­ka­bi­li­tät gerecht­fer­tigt sein, solan­ge die durch jede typi­sie­ren­de Rege­lung ent­ste­hen­de Unge­rech­tig­keit – hier die Zusam­men­fas­sung von Fahr­zeu­gen in einer Achs­klas­se mit ein­heit­li­chem Maut­satz trotz unter­schied­li­cher Kos­ten­ver­ant­wort­lich­keit – noch in einem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zu den erhe­bungs­tech­ni­schen Vor­tei­len der Typi­sie­rung steht und die Zahl der "Aus­nah­men" gering ist [7]. Die Berück­sich­ti­gung die­ser Aspek­te bei der Ein­tei­lung der Achs­klas­sen ent­spricht dem Gebot der "Sach­ge­rech­tig­keit" nach § 3 Abs. 2 Satz 1 ABMG a.F. (§ 3 Abs. 2 Satz 1 BFStrMG n.F.), zumal es bei der Aus­ge­stal­tung der Maut­er­he­bung eben­falls um die Rege­lung von Mas­sen­vor­gän­gen geht. Dabei ist zusätz­lich zu berück­sich­ti­gen, dass dem Norm­ge­ber bei der Bewäl­ti­gung kom­ple­xer Sach­ver­hal­te, die mit der Ein­füh­rung eines neu­en Mas­sen­ver­fah­rens (wie hier zur Erhe­bung stre­cken­be­zo­ge­ner Maut­ge­büh­ren für schwe­re Nutz­fahr­zeu­ge) bei noch unge­nü­gen­der Daten­ba­sis ver­bun­den ist, ein ange­mes­se­ner Zeit­raum zur Samm­lung von Erfah­run­gen ein­ge­räumt wer­den muss, inner­halb des­sen er sich mit grö­be­ren Typi­sie­run­gen und Gene­ra­li­sie­run­gen begnü­gen darf [8].

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 16. Mai 2013 – 9 B 6.13

  1. im An­schluss an BVerwG, Ur­teil vom 04.08.2010 – 9 C 6.09, BVerw­GE 137, 325 Rn. 25, 29 und 40[]
  2. BGBl I 2003 S. 1001; nun­mehr Anla­ge zu § 14 BFStrMG[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 04.08.2010 – 9 C 6.09, Buch­holz 401.84 Benut­zungs­ge­büh­ren Nr. 109 Rn. 34, inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in BVerw­GE 137, 325[]
  4. BVerwG, Urteil vom 04.08.2010 a.a.O. Rn. 32[]
  5. BVerwG, Urteil vom 04.08.2010 a.a.O. Rn. 27[]
  6. BVerwG, Urteil vom 04.08.2010, a.a.O., sie­he ins­be­son­de­re Rn. 25[]
  7. BVerwG, Beschlüs­se vom 28.03.1995 – 8 N 3.93, Buch­holz 401.84 Benut­zungs­ge­büh­ren Nr. 75 S. 36 m.w.N.; und vom 30.04.2009 – 9 B 60.08, Buch­holz 401.9 Bei­trä­ge Nr. 57 Rn. 5; zur Typi­sie­rungs­be­fug­nis vgl. auch BVerfG, Urteil vom 28.04.1999 – 1 BvL 11/​94 u.a., BVerfGE 100, 138, 174 und Beschluss vom 04.04.2001 – 2 BvL 7/​98, BVerfGE 103, 310, 319[]
  8. BVerfG, Beschluss vom 08.04.1987 – 2 BvR 909/​82 u.a., BVerfGE 75, 108, 162; Kam­mer­be­schluss vom 17.11.2004 – 2 BvL 10/​02, NVwZ 2005, 440[]