Mäh­ar­bei­ten an der Bun­des­stra­ße

Mit den den Amts­pflich­ten bei Mäh­ar­bei­ten am Grün­strei­fen einer Bun­des­stra­ße muss­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof befas­sen – und sah zumin­dest beim Ein­satz von Frei­schnei­dern den Schutz des vor­bei­fah­ren­den Ver­kehrs durch eine mobi­le Schutz­pla­ne als erfor­der­lich an:

Mäh­ar­bei­ten an der Bun­des­stra­ße

Anlass hier­für war ein Rechts­streit um Scha­dens­er­satz wegen Stein­schlag­schä­den, die infol­ge von Mäh­ar­bei­ten an dem Pkw der Klä­ge­rin ent­stan­den sind. Am 6. Sep­tem­ber 2010 fuhr der Ehe­mann der Klä­ge­rin mit die­sem Pkw von Schwedt kom­mend auf der Bun­des­stra­ße 166 in Rich­tung der Auto­bahn 20. Zur glei­chen Zeit mäh­ten die Zeu­gen S. und W. , bei­de Mit­ar­bei­ter der Stra­ßen­meis­te­rei A. , die zur Bun­des­stra­ße gehö­ren­den seit­li­chen Grün­strei­fen. Die Bun­des­stra­ße ist in dem maß­geb­li­chen Bereich mit einer Schutz­plan­ke ver­se­hen. Des­we­gen konn­ten die Arbei­ten an die­ser Stel­le nur mit so genann­ten Frei­schnei­dern aus­ge­führt wer­den. Das sind Hand­mo­tor­sen­sen, die über kei­ne Auf­fang­kör­be ver­fü­gen und die das Mäh­gut auf der vom Bedie­ner aus gese­hen lin­ken Sei­te aus­wer­fen. In der Bedie­nungs­an­lei­tung des ver­wen­de­ten Geräts ist vor­ge­ge­ben, dass sich sowohl wäh­rend des Start­vor­gangs als auch wäh­rend der Arbeit im Umkreis von 15 m kei­ne wei­te­ren Per­so­nen auf­hal­ten dür­fen. Die­ser Abstand sei wegen der Gefahr der Sach­be­schä­di­gung durch weg­schleu­dern­de Gegen­stän­de auch zu Sachen ein­zu­hal­ten.

Als der Ehe­mann der Klä­ge­rin an den Zeu­gen S. und W. , die sich zu die­sem Zeit­punkt auf dem zur Gegen­fahr­bahn gehö­ren­den seit­li­chen Grün­strei­fen befan­den, vor­bei­fuhr, wur­de das Fahr­zeug der Klä­ge­rin durch beim Mähen auf­ge­wir­bel­te Stei­ne beschä­digt. Die Klä­ge­rin macht Scha­dens­er­satz in Höhe von 978,32 € nebst Zin­sen und vor­ge­richt­li­chen Rechts­an­walts­kos­ten gel­tend.

Das Land­ge­richt Frank­furt (Oder) hat die Kla­ge abge­wie­sen 1, auf die Beru­fung der Klä­ge­rin hat das Ober­lan­des­ge­richt Bran­den­burg der Kla­ge bis auf einen Teil der gel­tend gemach­ten Zin­sen statt­ge­ge­ben 2. Die vom OLG Bran­den­burg zuge­las­se­nen Revi­si­on hat der Bun­des­ge­richs­hof nun zurück­ge­wie­sen:

Zu den Amts­pflich­ten, die Amts­trä­ger zu beach­ten haben, gehört die Pflicht zu recht­mä­ßi­gem Ver­hal­ten. Eine beson­ders wich­ti­ge Kon­se­quenz die­ser Pflicht ist es, delik­ti­sche Schä­di­gun­gen zu unter­las­sen, ins­be­son­de­re sich bei der Amts­aus­übung aller rechts­wid­ri­gen Ein­grif­fe in frem­de Rech­te zu ent­hal­ten, vor allem in die durch § 823 Abs. 1 BGB geschütz­ten abso­lu­ten Rechts­gü­ter, hier das Eigen­tum 3. Bei Mäh­ar­bei­ten der vor­lie­gen­den Art sind dabei (ins­be­son­de­re) die not­wen­di­gen Siche­rungs­vor­keh­run­gen und –maß­nah­men zu tref­fen, um Schä­den durch hoch­ge­schleu­der­te Stei­ne zu ver­mei­den 4, wobei frei­lich nur sol­che Schutz­vor­keh­run­gen getrof­fen wer­den müs­sen, die unter Berück­sich­ti­gung des Gefah­ren­po­ten­ti­als mit ver­tret­ba­rem Auf­wand durch­ge­führt wer­den kön­nen 5.

Nach die­sem Maß­stab ist eine schuld­haf­te Amts­pflicht­ver­let­zung des Beklag­ten infol­ge der Mäh­ar­bei­ten sei­ner Mit­ar­bei­ter zu beja­hen. Die Annah­me einer Amts­pflicht­ver­let­zung wird hier schon allein dadurch getra­gen, dass nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts eine mobi­le, auf Rol­len mon­tier­te, wie­der­ver­wend­ba­re Schutz­wand aus Kunst­stoff­pla­nen bei den Mäh­ar­bei­ten hät­te ver­wen­det wer­den kön­nen, die ent­spre­chend dem jewei­li­gen Mäh­ab­schnitt hät­te mit­ge­führt wer­den kön­nen, was die vor­bei­fah­ren­den Fahr­zeu­ge vor auf­ge­wir­bel­ten Stei­nen geschützt hät­te.

Der Beklag­te kann sich auch nicht dar­auf beru­fen, dass der Ein­satz von Pla­nen an län­ge­ren zu mähen­den Abschnit­ten einer Stra­ße unzu­mut­bar sei. Das Beru­fungs­ge­richt ist nicht davon aus­ge­gan­gen, dass der gesam­te Stre­cken­ab­schnitt ein­heit­lich hät­te abge­plant wer­den müs­sen. Die Ent­schei­dung steht des­halb auch nicht im Wider­spruch zur Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 18.01.2005 6, wonach ein voll­stän­di­ges Abpla­nen des zukünf­ti­gen Arbeits­be­reichs bei Mäh­ar­bei­ten an Auto­bah­nen unzu­mut­bar sei.

Hin­zu kommt, dass die Benut­zung der von den Mit­ar­bei­tern des Beklag­ten ver­wen­de­ten Frei­schnei­der aus­weis­lich der Betriebs­an­lei­tung eine beson­ders hohe "Schleu­der­ge­fahr" mit sich bringt. Sie kom­men des­halb nach dem eige­nen Vor­brin­gen des Beklag­ten vor allem dann zum Ein­satz, wenn wegen der beson­de­ren Beschaf­fen­heit der zu mähen­den Stel­le (hier: "Frei­mä­hen" von Schutz­plan­ken) der Ein­satz von Rasen­mä­hern mit Auf­fang­korb nicht mög­lich ist.

Da es sich bei der tat­säch­li­chen Beur­tei­lung der Mög­lich­keit der Ver­hin­de­rung von Stein­schlag infol­ge Mäh­ar­bei­ten durch eine mobi­le Pla­ne nicht um einen schwie­ri­gen tech­ni­schen Vor­gang han­delt, konn­te das Beru­fungs­ge­richt auch aus eige­ner Sach­kun­de ohne Hin­zu­zu­zie­hung eines Sach­ver­stän­di­gen die ent­spre­chen­den Fest­stel­lun­gen tref­fen. Umstän­de, die den Ein­satz einer mobi­len Pla­ne auf Rol­len ange­sichts der Gefah­ren für den an den Mäh­ar­bei­ten vor­bei­flie­ßen­den Ver­kehr als wirt­schaft­lich unzu­mut­bar erschei­nen las­sen, zeigt der Beklag­te nicht auf. Ins­be­son­de­re ist ein die Gren­zen der Zumut­bar­keit über­schei­ten­der zusätz­li­cher Per­so­nal­auf­wand nicht ersicht­lich.

Nach dem das Amts­haf­tungs­recht beherr­schen­den objek­ti­ven Sorg­falts­maß­stab trifft die Mit­ar­bei­ter des Beklag­ten hier auch ein Fahr­läs­sig­keits­vor­wurf: Sie hät­ten die Not­wen­dig­keit wei­ter­ge­hen­der Schutz­vor­keh­run­gen zumin­dest erken­nen und in Rech­nung stel­len kön­nen. Ins­be­son­de­re der Ein­satz von mobi­len Absperr­vor­rich­tun­gen hät­te in Erwä­gung gezo­gen wer­den müs­sen.

Soweit der Beklag­te inso­weit gel­tend macht, auf­grund der Kla­ge­ab­wei­sung durch das Land­ge­richt fal­le ein Ver­schul­dens­vor­wurf nach der Kol­le­gia­li­täts­richt­li­nie weg, greift dies schon des­halb nicht, da das Land­ge­richt durch den Ein­zel­rich­ter ent­schie­den hat und nicht durch ein mit meh­re­ren Rechts­kun­di­gen besetz­tes Kol­le­gi­al­ge­richt 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Juli 2013 – III ZR 250/​12

  1. LG Frank­furt (Oder), Urteil vom 20.10.2011 – 12 O 492/​10[]
  2. OLG Bran­den­burg, Urteil vom 17.07.2012 – 2 U 56/​11[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 28.11.2002 – III ZR 122/​02, NVwZ-RR 2003, 166[]
  4. BGH aaO[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 18.01.2005 – VI ZR 115/​04, NVwZ-RR 2005, 381, 382 zu § 7 StVG[]
  6. BGH, Urteil vom 18.01.2005 – VI ZR 115/​04, NVwZ-RR 2005, 381, 382 zu § 7 StVG[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 14.03.1996 – III ZR 224/​94, NJW 1996, 2422, 2424[]