Män­gel am Gemein­schafts­ei­gen­tum – und das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren ein­zel­ner Woh­nungs­ei­gen­tü­mer

Wird ein selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren von ein­zel­nen Erwer­bern von Woh­nungs­ei­gen­tum wegen Män­geln des Gemein­schafts­ei­gen­tums betrie­ben und klagt nach Been­di­gung des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft auf­grund eines Beschlus­ses, mit dem sie die Durch­set­zung der Rech­te der Erwer­ber auf Besei­ti­gung der genann­ten Män­gel wirk­sam an sich gezo­gen hat, gegen die Antrags­geg­ne­rin des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens auf Kos­ten­vor­schuss zur Besei­ti­gung der Män­gel, wer­den die Kos­ten des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens von der Kos­ten­ent­schei­dung im Ver­fah­ren der Kos­ten­vor­schuss­kla­ge mit­um­fasst.

Män­gel am Gemein­schafts­ei­gen­tum – und das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren ein­zel­ner Woh­nungs­ei­gen­tü­mer

Wird bei die­ser Fall­ge­stal­tung im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren auf Antrag­stel­ler­sei­te ein ande­rer Rechts­an­walt beauf­tragt als im Haupt­sa­che­ver­fah­ren auf Klä­ger­sei­te, ist im Rah­men der Kos­ten­fest­set­zung nach dem Rechts­ge­dan­ken des § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO kei­ne Anrech­nung der auf Antrag­stel­ler­sei­te im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ent­stan­de­nen Ver­fah­rens­ge­bühr auf die auf Klä­ger­sei­te im Haupt­sa­che­ver­fah­ren ent­stan­de­ne Ver­fah­rens­ge­bühr vor­zu­neh­men.

Die Kos­ten des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens wer­den von der Kos­ten­ent­schei­dung des Kos­ten­vor­schuss­kla­ge­ver­fah­rens mit­um­fasst.

Im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ergeht, außer in den Fäl­len des § 494a Abs. 2 ZPO, grund­sätz­lich kei­ne Kos­ten­ent­schei­dung. Die Kos­ten eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens wer­den viel­mehr von der Kos­ten­ent­schei­dung eines sich anschlie­ßen­den Haupt­sa­che­ver­fah­rens mit­um­fasst, wenn zumin­dest ein Teil der Streit­ge­gen­stän­de und die Par­tei­en der bei­den Ver­fah­ren iden­tisch sind 1.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind hier gege­ben. Im Streit­fall liegt eine hin­rei­chen­de Iden­ti­tät sowohl hin­sicht­lich der Streit­ge­gen­stän­de als auch hin­sicht­lich der Par­tei­en des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens und des Haupt­sa­che­ver­fah­rens vor.

Nach den von der Rechts­be­schwer­de nicht in Zwei­fel gezo­ge­nen Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts ist der Streit­ge­gen­stand des Haupt­sa­che­ver­fah­rens mit dem des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens iden­tisch.

Vor­lie­gend fehlt es auch nicht an der erfor­der­li­chen Iden­ti­tät der Par­tei­en des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens mit denen des Haupt­sa­che­ver­fah­rens. Zwar hat im Haupt­sa­che­ver­fah­ren anstel­le der Erwer­ber G., die das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren betrie­ben hat­ten, die Klä­ge­rin einen Kos­ten­vor­schuss zur Besei­ti­gung von Män­geln des Wär­me­ver­bund­sys­tems der Außen­fas­sa­de ein­ge­klagt. Das steht der Kos­ten­aus­glei­chung unter Ein­be­zie­hung der Kos­ten des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens indes nicht ent­ge­gen. Die Klä­ge­rin hat nach den nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts die Durch­set­zung der Rech­te der Erwer­ber G. auf Kos­ten­vor­schuss wegen Män­geln der Wär­me­däm­mung der Außen­fas­sa­de durch Beschluss wirk­sam an sich gezo­gen. Sie ist damit im Haupt­sa­che­ver­fah­ren zuläs­si­ger­wei­se als gesetz­li­cher Pro­zess­stand­schaf­ter auf­ge­tre­ten 2. Die Kla­ge in zuläs­si­ger Pro­zess­stand­schaft steht für die Zwe­cke der Kos­ten­fest­set­zung der Kla­ge des mate­ri­el­len Rechts­in­ha­bers gleich 3. Das gilt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de nicht nur für die gewill­kür­te Pro­zess­stand­schaft 4, son­dern auch für die im Streit­fall gege­be­ne gesetz­li­che Pro­zess­stand­schaft der Klä­ge­rin. Macht eine Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft – wie die Klä­ge­rin im Streit­fall – von der Befug­nis Gebrauch, die Durch­set­zung von auf die ord­nungs­ge­mä­ße Her­stel­lung des Gemein­schafts­ei­gen­tums gerich­te­ten Rech­ten der Erwer­ber wegen Män­geln des Gemein­schafts­ei­gen­tums durch Mehr­heits­be­schluss an sich zu zie­hen, so begrün­det dies ihre allei­ni­ge Zustän­dig­keit. Ein der­ar­ti­ges Ansich­zie­hen schließt ein selb­stän­di­ges Vor­ge­hen der Erwer­ber aus 5. Nach dem Beschluss waren die Ehe­leu­te G. in der selb­stän­di­gen Aus­übung ihrer ver­trag­li­chen Rech­te gehin­dert; fort­an war nur die Klä­ge­rin als gesetz­li­che Pro­zess­stand­schaf­te­rin zur Erhe­bung der Kos­ten­vor­schuss­kla­ge berech­tigt.

Im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ergeht, außer in den Fäl­len des § 494a Abs. 2 ZPO, grund­sätz­lich kei­ne Kos­ten­ent­schei­dung. Die Kos­ten eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens wer­den viel­mehr von der Kos­ten­ent­schei­dung eines sich anschlie­ßen­den Haupt­sa­che­ver­fah­rens mit­um­fasst, wenn zumin­dest ein Teil der Streit­ge­gen­stän­de und die Par­tei­en der bei­den Ver­fah­ren iden­tisch sind 1.

Aller­dings ist gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 5 VV RVG eine Anrech­nung nach § 15a Abs. 2 Fall 3 RVG im Rah­men der Kos­ten­fest­set­zung an sich gebo­ten, da die im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ent­stan­de­ne Ver­fah­rens­ge­bühr und die im Haupt­sa­che­ver­fah­ren ent­stan­de­ne Ver­fah­rens­ge­bühr in dem­sel­ben Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren gegen die Beklag­te gel­tend gemacht wer­den 6.

Die Anrech­nungs­vor­schrift gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 5 VV RVG ist im Streit­fall indes nicht ein­schlä­gig, soweit es um die Anrech­nung der auf Antrag­stel­ler­sei­te im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ent­stan­de­nen Ver­fah­rens­ge­bühr auf die auf Klä­ger­sei­te im Haupt­sa­che­ver­fah­ren ent­stan­de­ne Ver­fah­rens­ge­bühr geht. Eine Anrech­nung gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 5 VV RVG schei­det aus, wenn – wie hier auf Klä­ger­sei­te – die Ver­fah­rens­ge­bühr des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens und die Ver­fah­rens­ge­bühr des Haupt­sa­che­ver­fah­rens von ver­schie­de­nen Rechts­an­wäl­ten ver­dient wor­den sind 7.

Auch eine im Rah­men der Kos­ten­fest­set­zung zu berück­sich­ti­gen­de Anrech­nung nach dem Rechts­ge­dan­ken des § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO schei­det aus.

Aller­dings wird in der Recht­spre­chung der Ober­lan­des­ge­rich­te ganz über­wie­gend ver­tre­ten, dass die Rege­lung des § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO die Prü­fung erfor­dert, ob ein Anwalts­wech­sel zwi­schen selb­stän­di­gem Beweis­ver­fah­ren und nach­fol­gen­dem Haupt­sa­che­ver­fah­ren not­wen­dig gewe­sen ist 8. Dem tritt ein Teil der Lite­ra­tur unter Hin­weis dar­auf ent­ge­gen, dass das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren und das Haupt­sa­che­ver­fah­ren gebüh­ren­recht­lich selb­stän­di­ge Ange­le­gen­hei­ten sind 9.

Der Bun­des­ge­richts­hof muss die­sen Streit nicht grund­sätz­lich ent­schei­den. Jeden­falls in dem Fall, dass Erwer­ber von Woh­nungs­ei­gen­tum ein selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren mit einem Anwalt ihres Ver­trau­ens ein­ge­lei­tet haben und die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft dann auf­grund eines Beschlus­ses, mit dem sie die Durch­set­zung der Rech­te der Erwer­ber auf Besei­ti­gung von Män­geln des Gemein­schafts­ei­gen­tums an sich gezo­gen hat, das Haupt­sa­che­ver­fah­ren mit einem ande­ren Anwalt durch­führt, kann die Ver­fah­rens­ge­bühr bei­der Anwäl­te im Rah­men der Kos­ten­fest­set­zung in Ansatz gebracht wer­den. Die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft hat über die Beauf­tra­gung des Anwalts durch Mehr­heits­be­schluss zu befin­den. Sie kann nicht aus kos­ten­recht­li­chen Grün­den gezwun­gen sein, den­je­ni­gen Anwalt zu beauf­tra­gen, der bereits im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren von ein­zel­nen Erwer­bern beauf­tragt wur­de. Die Beauf­tra­gung erfolgt nun­mehr im Inter­es­se der gesam­ten Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft. Es kön­nen vie­le Grün­de vor­lie­gen, aus denen die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft den bereits im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren täti­gen Anwalt nicht beauf­tra­gen will. Ist die Beauf­tra­gung eines ande­ren Anwalts nicht will­kür­lich, so ist die Beauf­tra­gung des neu­en Anwalts schon des­halb not­wen­dig im Sin­ne des § 91 Abs. 2 Satz 2 ZPO, weil die Ent­schei­dung der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft zu respek­tie­ren ist. Dem kann auch nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, bereits die das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren ein­lei­ten­den Erwer­ber hät­ten sich mit der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft abstim­men müs­sen. Dazu sind sie nicht ver­pflich­tet. Sie kön­nen aus eige­nem Recht das selb­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren ein­lei­ten, ohne sich mit der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft abstim­men zu müs­sen, und auch das Haupt­sa­che­ver­fah­ren, vor­be­halt­lich des Ansich­zie­hens sei­tens der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft, ohne eine sol­che Abstim­mung durch­füh­ren. Ob und in wel­chem Ver­fah­rens­sta­di­um die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft die Durch­set­zung von Rech­ten wegen Män­geln am Gemein­schafts­ei­gen­tum an sich zieht, lässt sich in aller Regel nicht sicher vor­aus­sa­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. August 2014 – VII ZB 8/​14

  1. BGH, Beschluss vom 12.09.2013 – VII ZB 4/​13, BauR 2013, 2053 Rn. 11; Beschluss vom 10.01.2007- XII ZB 231/​05, BauR 2007, 747, 748 = NZBau 2007, 248; Beschluss vom 09.02.2006 – VII ZB 59/​05, BauR 2006, 865, 866 = NZBau 2006, 374[][]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 15.01.2010 – V ZR 80/​09, BauR 2010, 774 Rn. 13; Urteil vom 12.04.2007 – VII ZR 236/​05, BGHZ 172, 42 Rn. 15[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 08.10.2013 – VIII ZB 61/​12, BauR 2014, 143 Rn. 16[]
  4. BGH, Beschluss vom 08.10.2013 – VIII ZB 61/​12, aaO Rn. 16 m.w.N.; Kel­ler in Riedel/​Sußbauer, RVG, 9. Aufl., VV Teil 3 Vor­bem. 3 Rn. 81[]
  5. BGH, Urteil vom 12.04.2007 – VII ZR 236/​05, aaO Rn. 21; Urteil vom 15.01.2010 – V ZR 80/​09, aaO Rn. 9[]
  6. vgl. Mül­ler-Rabe in Gerold/​Schmidt, RVG, 21. Aufl., § 15a Rn. 41; Han­sens, RVGre­port 2009, 467, 468; End­ers, Jur­Bü­ro 2013, 113, 116[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 10.12 2009 – VII ZB 41/​09, Jur­Bü­ro 2010, 190, 191, zur Anrech­nungs­vor­schrift gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 VV RVG; Mül­ler-Rabe in Gerold/​Schmidt, aaO, VV Vorb. 3 Rn. 327; Kel­ler in Riedel/​Sußbauer, aaO, VV Teil 3 Vor­bem. 3 Rn. 73; End­ers, Jur­Bü­ro 2013, 113, 114; a.M. OLG Ham­burg, MDR 2007, 559[]
  8. vgl. OLG Köln, Jur­Bü­ro 2013, 590, 591; OLG Hamm, BeckRS 2002 30252713; OLG Koblenz, AGS 2002, 164, 165[]
  9. vgl. Schnei­der, AGS 2013, 571, 572; ders., AGS 2012, 258; vgl. fer­ner Mül­ler-Rabe in Gerold/​Schmidt, aaO, Anhang – III Rn. 75[]