Mahn­be­scheid statt obli­ga­to­ri­scher Streit­schlich­tung

Durch § 15a EGZPO ist den Bun­des­län­dern die Mög­lich­keit ein­ge­räumt wor­den, bei bestimm­ten Zivil­rechts­strei­tig­kei­ten (Kla­gen bis 750,- €, Nach­barstrei­tig­kei­ten, Ehr­schutz­strei­tig­kei­ten o.ä.) zu bestim­men, dass die Kla­ge erst zuläs­sig ist, wenn zuvor ein außer­ge­richt­li­cher Schlich­tungs­ver­such geschei­tert ist. Von die­ser Mög­lich­keit haben die meis­ten Bun­des­län­der auch Gebrauch gemacht.

Mahn­be­scheid statt obli­ga­to­ri­scher Streit­schlich­tung

Zumin­dest bei Zah­lungs­kla­gen besteht aber auch die Mög­lich­keit, die obli­ga­to­ri­sche Streit­schlich­tung dadurch zu umge­hen, dass die For­de­rung zunächst im gericht­li­chen Mahn­ver­fah­ren gel­tend gemacht wird, § 15 a Abs. 2 Nr. 5 EGZPO. Die­se Frei­stel­lung von der obli­ga­to­ri­schen gilt in dem sich nach Wider­spruch des Antrags­geg­ners anschlie­ßen­den Kla­ge­ver­fah­ren dann frei­lich nur für die Betei­lig­ten des Mahn­ver­fah­rens, wie ein aktu­el­les, auf der Basis des § 15a EGZPO i.V.m. § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Bad­Würt­tSchlG ergan­ge­nes Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs zeigt:

Wird der im Mahn­ver­fah­ren nur gegen den KFZ-Haft­pflicht­ver­si­che­rer gel­tend gemach­te Anspruch mit der Anspruchs­be­grün­dung im Kla­ge­ver­fah­ren auf den Ver­si­che­rungs­neh­mer erwei­tert, ist die gegen die­sen erho­be­ne Kla­ge als unzu­läs­sig abzu­wei­sen, wenn vor der Par­tei­er­wei­te­rung das grund­sätz­lich erfor­der­li­che Schlich­tungs­ver­fah­ren nicht durch­ge­führt wor­den ist.

Nach der Recht­spre­chung des erken­nen­den Bun­des­ge­richts­hofs muss, wenn durch Lan­des­recht ein obli­ga­to­ri­sches Güte­ver­fah­ren vor­ge­schrie­ben ist, der Eini­gungs­ver­such der Kla­ge­er­he­bung vor­aus­ge­hen, so dass eine ohne den Ei-nigungs­ver­such erho­be­ne Kla­ge als unzu­läs­sig abzu­wei­sen ist 1. Die Ziel­set­zung der Öff­nungs­klau­sel des § 15a EGZPO, ange­sichts des stän­dig stei­gen­den Geschäfts­an­falls bei den Gerich­ten Insti­tu­tio­nen zu för­dern, die im Vor­feld der Gerich­te Kon­flik­te bei­le­gen, und neben der Ent­las­tung der Jus­tiz durch eine Inan­spruch­nah­me von Schlich­tungs­stel­len Kon­flik­te rascher und kos­ten­güns­ti­ger zu berei­ni­gen, kann nur erreicht wer­den, wenn die Ver­fah­rens­vor­schrift des § 15a EGZPO kon­se­quent der­art aus­ge­legt wird, dass die Recht­su­chen­den und die Anwalt­schaft in den durch Lan­des­ge­setz vor­ge­ge­be­nen Fäl­len vor Anru­fung der Gerich­te auch tat­säch­lich den Weg zu den Schlich­tungs­stel­len beschrei­ten müs­sen 2. Im Hin­blick dar­auf hat der Bun­des­ge­richts­hofs ent­schie­den, dass die Schlich­tungs­be­dürf­tig­keit eines Kla­ge­an­trags nicht des­halb ent­fällt, weil er im Wege der objek­ti­ven Kla­ge­häu­fung mit einem nicht schlich­tungs­be­dürf­ti­gen Antrag ver­bun­den wird. Ansons­ten bestün­de eine Mög­lich­keit zur ein­fa­chen Umge­hung des Eini­gungs­ver­suchs, die der Ziel­set­zung des Gesetz­ge­bers wider­sprä­che, durch die Inan­spruch­nah­me von Schlich­tungs­stel­len die Gerich­te zu ent­las­ten und Kon­flik­te rascher und kos­ten­güns­ti­ger zu berei­ni­gen 3.

Die­se Über­le­gun­gen sind auch bei der Fra­ge maß­ge­bend, ob das Schlich­tungs­er­for­der­nis ent­fällt, wenn der im Mahn­ver­fah­ren im Wege des Direkt­an­spruchs gegen den Haft­pflicht­ver­si­che­rer gel­tend gemach­te Anspruch mit der Anspruchs­be­grün­dung im Kla­ge­ver­fah­ren auf den Ver­si­che­rungs­neh­mer erwei­tert wird. Eine sol­che sub­jek­ti­ve Kla­ge­häu­fung ist nicht anders zu behan­deln als der bereits ent­schie­de­ne Fall der objek­ti­ven Kla­ge­häu­fung.

Wer­den der Direkt­an­spruch gegen den Ver­si­che­rer und der Haft­pflicht­an­spruch gegen den Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht in getrenn­ten, nach­ein­an­der geführ­ten Pro­zes­sen gel­tend gemacht, son­dern – wie im Streit­fall – Ver­si­che­rer und Schä­di­ger gemein­sam im sel­ben Rechts­streit in Anspruch genom­men, liegt zwi­schen ihnen gemäß §§ 59, 60 ZPO eine ein­fa­che Streit­ge­nos­sen­schaft vor 4. In die­sen Fäl­len der sub­jek­ti­ven Kla­ge­häu­fung wer­den die meh­re­ren Ver­fah­ren nur äußer­lich ver­bun­den und es besteht zu jedem Streit­ge­nos­sen ein geson­der­tes Pro­zess­rechts­ver­hält­nis. Es gilt der Grund­satz, dass die Pro­zess­vor­aus­set­zun­gen für jeden ein­zel­nen Antrag geson­dert zu prü­fen sind. Lie­gen die­se bezüg­lich eines der Streit­ge­nos­sen nicht vor, so ist die Kla­ge inso­weit – ggf. wie hier durch Teil­ur­teil – grund­sätz­lich als unzu­läs­sig abzu­wei­sen 5. Dem­ge­mäß muss die beson­de­re Pro­zess­vor­aus­set­zung eines obli­ga­to­ri­schen Streit­schlich­tungs­ver­fah­rens, das vor Erhe­bung der Kla­ge gegen den Streit­ge­nos­sen – hier gegen die Beklag­te zu 2 mit Zustel­lung der Anspruchs­be­grün­dung – durch­ge­führt wer­den muss, hin­sicht­lich des ein­zel­nen Streit­ge­nos­sen vor­lie­gen. Soweit der Bun­des­ge­richts­hof in Fäl­len des § 264 Nr. 2 ZPO die Durch­füh­rung eines wei­te­ren Eini­gungs­ver­suchs für den nach­träg­lich erwei­ter­ten oder beschränk­ten Anspruch als grund­sätz­lich ent­behr­lich ange­se­hen hat 6, ist schon des­we­gen kei­ne ver­gleich­ba­re Situa­ti­on gege­ben, weil im dama­li­gen Fall vor Kla­ge­er­he­bung ein Streit­schlich­tungs­ver­such erfolg­te.

Das vor Kla­ge­er­he­bung durch­zu­füh­ren­de Schlich­tungs­ver­fah­ren war nicht des­halb ent­behr­lich, weil der Ver­si­che­rungs­neh­mer nach § 7 Abs. 2 Nr. 5 AKB im Fal­le eines Rechts­streits des­sen Füh­rung dem Ver­si­che­rer zu über­las­sen und dem Rechts­an­walt, den der Ver­si­che­rer bestellt, Voll­macht zu ertei­len hat. Die­se Vor­schrift regelt mit der Über­tra­gung der Pro­zess­füh­rungs­macht ledig­lich das Innen­ver­hält­nis zwi­schen Ver­si­che­rungs­neh­mer und Ver­si­che­rer 7. Zudem ist der maß­geb­li­che Zeit­punkt für die Erfül­lung der Oblie­gen­heit, dem Ver­si­che­rer die Pro­zess­füh­rung zu über­las­sen, regel­mä­ßig die Zustel­lung der ent­spre­chen­den gericht­li­chen Schrift­stü­cke an den Ver­si­che­rungs­neh­mer sei­tens des Gerichts, mit der erst im Sin­ne der Zivil­pro­zess­ord­nung die Rechts­hän­gig­keit ein­tritt und somit von einem Rechts­streit gespro­chen wer­den kann 8. Im Streit­fall ist eine sol­che Zustel­lung an die Beklag­te zu 2 und Begrün­dung des Pro­zess­rechts­ver­hält­nis­ses ihr gegen­über erst mit der Zustel­lung der Anspruchs­be­grün­dung nach dem vor­her nur gegen die Beklag­te zu 2 erlas­se­nen Mahn­be­scheid erfolgt. Aus die­sen Grün­den steht § 7 Abs. 2 Nr. 5 AKB der Durch­füh­rung eines Streit­schlich­tungs­ver­fah­rens vor Erhe­bung der Kla­ge gegen den Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht ent­ge­gen.

Inso­weit ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass gera­de bei dem hier vor­lie­gen­den nied­ri­gen Streit­wert eine Eini­gung allein mit dem in Anspruch genom­me­nen Hal­ter nicht von vorn­her­ein aus­sichts­los ist, weil die­ser im Rah­men eines Schlich­tungs­ver­fah­rens durch­aus auch ohne Zustim­mung des Ver­si­che­rers zu einer güt­li­chen Eini­gung bereit sein kann, um durch eige­ne Regu­lie­rung das Risi­ko einer Prä­mi­en­rück­stu­fung zu ver­mei­den 9. Im Schlich­tungs­ver­fah­ren kön­nen Tat­sa­chen berück­sich­tigt wer­den, die für eine ein­ver­ständ­li­che Lösung des Kon­flikts der Par­tei­en von wesent­li­cher oder aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung sein kön­nen, im nach­fol­gen­den Pro­zess jedoch recht­lich irrele­vant sind. In dem Ver­fah­ren tritt den Par­tei­en der Schlich­ter als neu­tra­le Per­son gegen­über, der sich um eine Eini­gung bemüht und – ins­be­son­de­re, wenn auch der Geschä­dig­te etwas nach­gibt – eine Eini­gung errei­chen kann. Ob von Sei­ten der Beklag­ten das Schlich­tungs­ver­fah­ren als aus­sichts­los erscheint, ist inso­weit ohne Bedeu­tung 10.

Nach den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen wur­de die Kla­ge zu Recht als unzu­läs­sig abge­wie­sen, weil der mit der Anspruchs­be­grün­dung erfolg­ten Kla­ge­er­he­bung gegen­über der Beklag­ten zu 2 nicht das nach § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Abs. 3 SchlG BW erfor­der­li­che Schlich­tungs­ver­fah­ren vor­aus­ge­gan­gen ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Juli 2010 – VI ZR 111/​09

  1. BGH, Urtei­le in BGHZ 161, 145, 148 f.; und vom 07.07.2009 – VI ZR 278/​08, VersR 2009, 1383[]
  2. BGH, Urtei­le in BGHZ 161, 145, 149 f.; und vom 07.07.2009 – VI ZR 278/​08, aaO[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 07.07.2009 – VI ZR 278/​08, aaO[]
  4. vgl. BGHZ 63, 51, 53 ff.; BGH, Urteil vom 15.01.2008 – VI ZR 131/​07, VersR 2008, 485; MünchKommZPO/​Schultes, 3. Aufl., § 59 Rn. 9; PG/​Gehrlein, ZPO, 2. Aufl., §§ 59, 60 Rn. 6; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 28. Aufl., § 60 Rn. 5, § 62 Rn. 8a[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 08.07.2008 – VI ZR 221/​07, VersR 2009, 1288 Rn. 15; und vom 26.05.1994 – IX ZR 39/​93, NJW 1994, 3102, 3103; MünchKommZPO/​Schultes, aaO, Rn. 11, 22; PG/​Gehrlein, aaO, Rn. 13; Zöller/​Vollkommer, aaO, § 60 Rn. 9[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 22.10.2004 – V ZR 47/​04, NJW-RR 2005, 501, 503[]
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 20.01.2004 – VI ZB 76/​03, VersR 2004, 622, 623; vom 19.01.2010 – VI ZB 36/​08, VersR 2010; Feyo­ck/Ja­cob­sen­/­Lemor-Jacob­sen, Kraft­fahrt­ver­si­che­rung, 3. Aufl., § 7 AKB Rn. 118; Stiefel/​Hoffmann, Kraft­fahrt­ver­si­che­rung, 17. Aufl., § 7 AKB Rn. 193 m.w.N.[]
  8. vgl. Feyo­ck/Ja­cob­sen­/­Lemor-Jacob­sen, Kraft­fahrt­ver­si­che­rung, aaO Rn. 120; Stiefel/​Hoffmann, aaO[]
  9. vgl. auch LG Bie­le­feld, Urteil vom 17.04.2007 – 20 S 7/​07[]
  10. vgl. BVerfG NJW-RR 2007, 1073, 1074 f.[]

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