Meh­re­re Klä­ger, meh­re­re Streit­ge­gen­stän­de – und der Gebüh­ren­streit­wert

Nach § 39 Abs. 1 GKG wer­den in dem­sel­ben Ver­fah­ren und in dem­sel­ben Rechts­zug die Wer­te meh­re­rer Streit­ge­gen­stän­de zusam­men­ge­rech­net, soweit nichts ande­res bestimmt ist.

Meh­re­re Klä­ger, meh­re­re Streit­ge­gen­stän­de – und der Gebüh­ren­streit­wert

Der Grund­satz wird einer­seits ein­ge­schränkt durch die in den Wert­vor­schrif­ten des Gerichts­kos­ten­ge­set­zes gere­gel­ten – hier nicht ein­schlä­gi­gen – Addi­ti­ons­ver­bo­te (§§ 43 bis 45, 48 Abs. 3 GKG) und ande­rer­seits durch das all­ge­mei­ne Addi­ti­ons­ver­bot bei Vor­lie­gen wirt­schaft­li­cher Iden­ti­tät [1].

Von wirt­schaft­li­cher Iden­ti­tät ist etwa aus­zu­ge­hen bei gegen Gesamt­schuld­ner gerich­te­ten glei­chen Ansprü­chen. Der Grund dafür liegt dar­in, dass der Klä­ger die von den meh­re­ren Beklag­ten gefor­der­te Leis­tung aus Grün­den des mate­ri­el­len Rechts ins­ge­samt nur ein­mal ver­lan­gen kann; die meh­re­ren in Anspruch genom­me­nen Gesamt­schuld­ner schul­den im Fal­le der Ver­ur­tei­lung ins­ge­samt nicht mehr als den ein­ge­klag­ten Betrag [2].

Auch im Fal­le einer Per­so­nen­mehr­heit auf Klä­ger­sei­te kann von wirt­schaft­li­cher Iden­ti­tät aus­zu­ge­hen sein. Kla­gen Streit­ge­nos­sen soll eine Zusam­men­rech­nung unter­blei­ben, wenn die von ihnen ver­folg­ten Ansprü­che wirt­schaft­lich iden­tisch sind [3].

Wie der Fall zu beur­tei­len ist, wenn auf Klä­ger­sei­te meh­re­re Par­tei­en ste­hen, die Ansprü­che unter Aus­schluss des oder der jeweils ande­ren gel­tend machen, ist unge­klärt. Eine sol­che pro­zes­sua­le Kon­stel­la­ti­on kann sich erge­ben, wenn nach erfolg­ter Haupt­in­ter­ven­ti­on gemäß § 64 ZPO der Inter­ven­ti­ons­pro­zess und der Haupt­pro­zess gemäß § 147 ZPO mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den [4].

Haupt­in­ter­ven­ti­on ist die Kla­ge eines Drit­ten (des Haupt­in­ter­ve­ni­en­ten) gegen bei­de Par­tei­en eines bereits anhän­gi­gen Rechts­streits (Haupt- oder Erst­pro­zess), durch die er den Gegen­stand des Haupt­pro­zes­ses für sich in Anspruch nimmt. Mit der Haupt­in­ter­ven­ti­on betei­ligt sich der Drit­te aber nicht am Haupt­pro­zess; viel­mehr eröff­net die Haupt­in­ter­ven­ti­on als selb­stän­di­ge Kla­ge ein neu­es Urteils­ver­fah­ren. In die­sem neu­en Ver­fah­ren sind die Par­tei­en des Erst­pro­zes­ses Streit­ge­nos­sen [5]. Die Fra­ge der wirt­schaft­li­chen Iden­ti­tät stellt sich dann nicht, weil zwei von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Pro­zes­se vor­lie­gen.

Kommt es zu einer Ver­bin­dung meh­re­rer Pro­zes­se nach § 147 ZPO, ist all­ge­mein aner­kannt, dass die Gebüh­ren­streit­wer­te der ein­zel­nen Ver­fah­ren zusam­men­zu­rech­nen sind [6]. Aller­dings kann der Gebüh­ren­streit­wert nach Ver­bin­dung nicht höher sein, als im Fal­le ursprüng­lich gemein­sa­mer Gel­tend­ma­chung der ver­bun­de­nen Ansprü­che. Für den Fall der Ver­bin­dung meh­re­rer Anfech­tungs­kla­gen gegen den­sel­ben Haupt­ver­samm­lungs­be­schluss nach § 246 Abs. 3 Satz 6 AktG ist des­halb eine Zusam­men­rech­nung der Ein­zel­wer­te unter dem Gesichts­punkt der wirt­schaft­li­chen Iden­ti­tät ver­neint wor­den [7].

Zu einem Gleich­lauf der (wirt­schaft­li­chen) Inter­es­sen, wie im Fal­le der Ver­bin­dung meh­re­rer Anfech­tungs­kla­gen, kommt es bei der Ver­bin­dung von Haupt- und Inter­ven­ti­ons­pro­zess nicht. Auch eine Ein­spa­rung von Arbeits­auf­wand durch das Gericht [8] muss aus der Ver­bin­dung nicht fol­gen. Nach wie vor hat das Gericht sowohl das Ver­hält­nis des Inter­ven­ti­ons­klä­gers zu den Par­tei­en des Haupt­pro­zes­ses zu beur­tei­len als auch das Ver­hält­nis der Par­tei­en des Haupt­pro­zes­ses unter­ein­an­der. Des­halb kann nicht nur dar­auf abge­stellt wer­den, das gel­tend gemach­te Recht kön­ne nur ein­mal bestehen, also ent­we­der dem Inter­ven­ti­ons­klä­ger oder dem Klä­ger des Haupt­pro­zes­ses zuste­hen. Auf­grund der gegen­läu­fi­gen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen ist es viel­mehr gerecht­fer­tigt, die Wer­te von Haupt- und Inter­ven­ti­ons­pro­zes­ses im ver­bun­de­nen Ver­fah­ren zusam­men­zu­rech­nen, wenn der Inter­ve­ni­ent nicht ein­fach die Rechts­po­si­ti­on des Klä­gers des Haupt­pro­zes­ses für sich in Anspruch nimmt, son­dern sein Recht (auch) auf einen abwei­chen­den Lebens­sach­ver­halt stützt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Juli 2015 – IX ZR 136/​14

  1. Dörn­dor­fer in Binz/​Dörndorfer/​Petzold/​Zimmermann, GKG, 3. Aufl., § 39 Rn. 2[]
  2. BGH, Beschluss vom 25.11.2003 – VI ZR 418/​02, NJW-RR 2004, 638, 639 mwN[]
  3. Beck­OK-Kos­ten­rech­t/­Schind­ler, Stand 15.05.2015, § 39 GKG Rn. 22; vgl. auch Musielak/​Voit/​Heinrich, ZPO, 12. Aufl., § 5 Rn. 8; Münch­Komm-ZPO/­Wöst­mann, 4. Aufl., § 5 Rn.19[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 20.01.1988 – VIII ZR 296/​86, NJW 1988, 1204[]
  5. Musielak/​Voit/​Weth, aaO § 65 Rn. 2[]
  6. RGZ 30, 330, 335; BGH, Beschluss vom 14.04.2010 – IV ZB 6/​09, VersR 2010, 1198 Rn. 15; Münch­Komm-ZPO/­Wöst­mann, aaO § 5 Rn. 25; Münch­Komm-ZPO/­Wag­ner, aaO § 147 Rn. 15; Beck­OK-ZPO/­Wendt­land, Stand 1.03.2015, § 147 Rn. 15; Hk-ZPO/­Wöst­mann, 6. Aufl., § 147 Rn. 11[]
  7. OLG Stutt­gart, DB 2001, 1549; vgl. auch BGH, Beschluss vom 10.05.2010 – II ZB 14/​09, ZIP 2010, 1413[]
  8. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 06.10.2004 – IV ZR 287/​03, NJW-RR 2005, 506; vom 02.11.2005 – XII ZR 137/​05, NJW-RR 2006, 378 Rn. 16[]