Miet­min­de­rung – und der Vor­pro­zess

Wird eine Kla­ge auf Zah­lung von Mie­te ganz oder teil­wei­se mit der Begrün­dung abge­wie­sen, die Mie­te sei auf­grund von Män­geln gemin­dert, erwach­sen als blo­ße Vor­fra­gen weder die Aus­füh­run­gen zum Bestehen von Män­geln noch die vom Gericht ange­setz­ten Min­de­rungs­quo­ten in Rechts­kraft.

Miet­min­de­rung – und der Vor­pro­zess

Die Rechts­kraft­wir­kung eines Urteils kann nach §§ 265, 325 Abs. 1 ZPO nicht wei­ter rei­chen als die mate­ri­el­le Rechts­kraft nach § 322 Abs. 1 ZPO. Ein rechts­kräf­ti­ges Urteil wirkt nach § 325 Abs. 1 ZPO für und gegen den Rechts­nach­fol­ger in glei­cher Wei­se wie gegen­über der ursprüng­li­chen Par­tei 1.

Von der mate­ri­el­len Rechts­kraft der (hier:) in den Vor­ver­fah­ren ergan­ge­nen Urtei­le wer­den jedoch weder die dort ange­nom­me­nen Män­gel der Woh­nung der Mie­ter noch die dies­be­züg­lich zuer­kann­te Miet­min­de­rung erfasst, da Gegen­stand bei­der Ver­fah­ren nicht etwa eine Kla­ge auf Fest­stel­lung (§ 256 Abs. 1 ZPO) von Män­geln der Woh­nung und einer dar­aus fol­gen­den Min­de­rung der Mie­te war, son­dern jeweils eine Kla­ge der Rechts­vor­gän­ge­rin­nen der Ver­mie­te­rin gegen die Mie­ter auf Zah­lung rück­stän­di­ger Mie­te. Es ist in den Vor­ver­fah­ren in die­sem Zusam­men­hang auch nicht etwa eine Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge nach § 256 Abs. 2 ZPO erho­ben wor­den 2.

Nach § 322 Abs. 1 ZPO sind Urtei­le der Rechts­kraft nur inso­weit fähig, als über den durch die Kla­ge oder durch die Wider­kla­ge erho­be­nen Anspruch ent­schie­den ist. Die Rechts­kraft wird hier­nach auf den unmit­tel­ba­ren Streit­ge­gen­stand, das heißt auf die Rechts­fol­ge beschränkt, die auf­grund eines bestimm­ten Lebens­sach­ver­halts am Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung den Gegen­stand der Ent­schei­dung bil­det. Nicht in Rechts­kraft erwächst die Fest­stel­lung der der Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­den prä­ju­di­zi­el­len Rechts­ver­hält­nis­se oder sons­ti­ger Vor­fra­gen, aus denen der Rich­ter den Schluss auf das Bestehen oder Nicht­be­stehen der von der Kla­ge­par­tei bean­spruch­ten Rechts­fol­ge zieht 3.

Bei den in den frü­he­ren Urtei­len getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen zu den Män­geln der Woh­nung und zu der hier­aus fol­gen­den Miet­min­de­rung han­delt es sich dem­ge­mäß ledig­lich um Vor­fra­gen, die nicht von der Rechts­kraft der dort streit­ge­gen­ständ­li­chen Zah­lungs­kla­gen erfasst wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. April 2019 – VIII ZR 12/​18

  1. vgl. Münch­Komm-ZPO/Gott­wald, 5. Aufl., § 325 Rn. 15; Stein/​Jonas/​Althammer, ZPO, 23. Aufl., § 325 Rn. 11, 20[]
  2. vgl. hier­zu BGH, Urtei­le vom 05.11.2009 – IX ZR 239/​07, BGHZ 183, 77 Rn. 10; vom 09.02.2018 – V ZR 299/​14, NJW 2019, 71 Rn.20; Beschluss vom 22.09.2016 – V ZR 4/​16, NJW 2017, 893 Rn. 14; jeweils mwN[]
  3. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 08.02.1965 – VIII ZR 121/​63, BGHZ 43, 144, 145 f.; vom 25.02.1985 – VIII ZR 116/​84, BGHZ 94, 29, 32 f.; vom 07.07.1993 – VIII ZR 103/​92, BGHZ 123, 137, 139 f.; vom 13.11.1998 – V ZR 29/​98, NJW-RR 1999, 376 unter – II 1 b; vom 05.11.2009 – IX ZR 239/​07, aaO Rn. 9 f.; vom 09.02.2018 – V ZR 299/​14, aaO; Beschlüs­se vom 03.03.2016 – IX ZB 65/​14, NJW 2016, 1823 Rn. 14; vom 22.09.2016 – V ZR 4/​16, NJW 2017, 893 Rn. 13; jeweils mwN[]