Miet­rück­stän­de und Insol­venz­ver­schlep­pung

Ein Ver­mie­ter, der dem Mie­ter vor Insol­venz­rei­fe Räu­me über­las­sen hat, ist regel­mä­ßig Alt­gläu­bi­ger und erlei­det kei­nen Neugläu­bi­ger­scha­den infol­ge der Insol­venz­ver­schlep­pung, weil er sich bei Insol­venz­rei­fe nicht von dem Miet­ver­trag hät­te lösen kön­nen.

Miet­rück­stän­de und Insol­venz­ver­schlep­pung

Der Ver­mie­ter kann den Miet­zins­aus­fall nicht als Neugläu­bi­ger nach § 823 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 15a Abs. 1 Satz 1 InsO ersetzt ver­lan­gen.

Die Neugläu­bi­ger einer GmbH haben bei einem schuld­haf­ten Ver­stoß der Geschäfts­füh­rer gegen die Insol­venz­an­trags­pflicht einen Anspruch gegen die­se auf Aus­gleich des Scha­dens, der ihnen dadurch ent­steht, dass sie in Rechts­be­zie­hun­gen zu einer über­schul­de­ten oder zah­lungs­un­fä­hi­gen Gesell­schaft getre­ten sind1. Das Ver­bot der Insol­venz­ver­schlep­pung dient nicht nur der Erhal­tung des Gesell­schafts­ver­mö­gens, son­dern hat auch den Zweck, insol­venz­rei­fe Gesell­schaf­ten mit beschränk­tem Haf­tungs­fonds vom Geschäfts­ver­kehr fern­zu­hal­ten, damit durch das Auf­tre­ten sol­cher Gebil­de nicht Gläu­bi­ger geschä­digt oder gefähr­det wer­den2. Soweit § 15a Abs. 1 Satz 1 InsO poten­zi­el­le Neugläu­bi­ger vor der Ein­ge­hung sol­cher Geschäfts­be­zie­hun­gen mit einer insol­venz­rei­fen GmbH schüt­zen soll, geschieht dies zu dem Zweck, sie davor zu bewah­ren, einer sol­chen Gesell­schaft noch Geld- oder Sach­kre­dit zu gewäh­ren und dadurch einen Scha­den zu erlei­den. Anders als der Scha­den der Alt­gläu­bi­ger, der in der durch die Insol­venz­ver­schlep­pung beding­ten Mas­se- und Quo­ten­ver­min­de­rung besteht, liegt der Scha­den eines Neugläu­bi­gers des­halb dar­in, dass er der Gesell­schaft im Ver­trau­en auf deren Sol­venz noch Geld- oder Sach­mit­tel zur Ver­fü­gung gestellt hat, ohne einen ent­spre­chend wert­hal­ti­gen Gegen­an­spruch oder eine ent­spre­chen­de Gegen­leis­tung zu erlan­gen3. Es han­delt sich um den Ersatz eines Ver­trau­ens­scha­dens, der dadurch ent­steht, dass der Gläu­bi­ger mit dem Schuld­ner einen Ver­trag schließt und eine Vor­leis­tung erbringt.

Der Ver­mie­ter ist kein Neu, son­dern Alt­gläu­bi­ger. Ein Ver­mie­ter, der dem Mie­ter vor Insol­venz­rei­fe Räu­me über­las­sen hat, ist regel­mä­ßig Alt­gläu­bi­ger und erlei­det kei­nen Neugläu­bi­ger­scha­den infol­ge der Insol­venz­ver­schlep­pung, weil er sich bei Insol­venz­rei­fe nicht von dem Miet­ver­trag hät­te lösen kön­nen4.

Wenn ein Dau­er­schuld­ver­hält­nis vor Insol­venz­rei­fe begrün­det wur­de, ist der Gläu­bi­ger für sei­ne nach Insol­venz­rei­fe fäl­lig wer­den­den, aber ohne Gegen­leis­tung blei­ben­den Leis­tun­gen Alt- und nicht Neugläu­bi­ger, weil der Ver­stoß gegen die Insol­venz­an­trags­pflicht nicht ursäch­lich für den Ver­trags­ab­schluss und damit für die Geld- oder Sach­leis­tung nach Insol­venz­rei­fe ist, der Gläu­bi­ger bei Ein­tritt der Insol­venz­rei­fe viel­mehr bereits in ver­trag­li­che Bezie­hun­gen zur Schuld­ne­rin getre­ten war. Anders ist dies dann, wenn das Dau­er­schuld­ver­hält­nis mit Insol­venz­eröff­nung endet oder gekün­digt wer­den kann5 oder eine Lösung vom Ver­trag bei Stel­lung eines Eröff­nungs­an­trags mög­lich ist. Dann kann die Fort­set­zung des ver­trag­li­chen Ver­hält­nis­ses dar­auf beru­hen, dass der Gläu­bi­ger sei­ne Leis­tung im Ver­trau­en auf die Sol­venz der Gesell­schaft fort­setzt, obwohl er sich bei Kennt­nis der Insol­venz­rei­fe vom Ver­trag gelöst hät­te.

Der Ver­mie­ter konn­te sich bei Insol­venz­rei­fe nicht von dem Miet­ver­hält­nis mit der Schuld­ne­rin lösen.

Das Miet­ver­hält­nis ende­te weder mit der Insol­venz­eröff­nung noch konn­te es bei Insol­venz­rei­fe und Stel­lung eines Eröff­nungs­an­trags von den Klä­gern gekün­digt wer­den. Ein Miet­ver­hält­nis endet nicht mit der Insol­venz­eröff­nung (§ 108 InsO)6 und kann vom Ver­mie­ter nicht außer­or­dent­lich bei Insol­venz­rei­fe oder Insol­venz­eröff­nung gekün­digt wer­den.

Der Ver­mie­ter konn­te das Miet­ver­hält­nis auch nicht frist­los auf­grund des ver­ein­bar­ten Son­der­kün­di­gungs­rechts bei Kon­kurs oder Zah­lungs­ein­stel­lung kün­di­gen. Eine in einem Miet­ver­trag ver­ein­bar­te insol­venz­ab­hän­gi­ge Lösungs­klau­sel ist nach all­ge­mei­ner Ansicht unwirk­sam7.

Jeden­falls ist die Ver­ein­ba­rung eines Kün­di­gungs­rechts für den Fall der Insol­venz­eröff­nung unwirk­sam. Nach § 119 InsO sind Ver­ein­ba­run­gen, durch die im Vor­aus die Anwen­dung der §§ 103 bis 118 InsO aus­ge­schlos­sen oder beschränkt wird, unwirk­sam. Die ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung eines Kün­di­gungs­rechts für den Fall der Insol­venz­eröff­nung beschränkt die Anwen­dung der §§ 108 ff. InsO. Das Miet­ver­hält­nis über Räu­me besteht nach § 108 Abs. 1 Satz 1 InsO im Fall der Insol­venz­eröff­nung fort. Nach § 109 Abs. 1 InsO kann es nur der Ver­wal­ter kün­di­gen. Der Ver­mie­ter kann es gemäß § 112 InsO nach dem Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens noch nicht ein­mal wegen eines Ver­zugs mit der Ent­rich­tung der Mie­te oder Pacht, der in der Zeit vor dem Eröff­nungs­an­trag ein­ge­tre­ten ist, oder wegen einer Ver­schlech­te­rung der Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se des Schuld­ners kün­di­gen. Die Ver­ein­ba­rung eines Kün­di­gungs­rechts für den Fall der Insol­venz (oder des Kon­kur­ses) ist als Ver­ein­ba­rung eines sol­chen, unwirk­sa­men Kün­di­gungs­rechts im Fall der Insol­venz­eröff­nung aus­zu­le­gen.

Auch auf das im Miet­ver­trag ent­hal­te­ne Kün­di­gungs­recht für den Fall der Zah­lungs­ein­stel­lung, die nicht fest­ge­stellt ist, hät­te der Ver­mie­ter eine frist­lo­se Kün­di­gung nicht stüt­zen kön­nen, wenn die Beklag­ten pflicht­ge­mäß einen Eröff­nungs­an­trag gestellt hät­ten. Nach dem Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens kann der Ver­mie­ter das Miet­ver­hält­nis weder wegen eines Ver­zugs mit der Ent­rich­tung der Mie­te, der in der Zeit vor dem Eröff­nungs­an­trag ein­ge­tre­ten ist, noch wegen einer Ver­schlech­te­rung der Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se des Schuld­ners kün­di­gen (§ 112 InsO). Da die Ver­mö­gens­ver­schlech­te­rung kein gesetz­li­cher Kün­di­gungs­grund ist, wer­den davon gera­de ent­spre­chen­de Ver­trags­klau­seln erfasst8. Die Zah­lungs­ein­stel­lung, die die Zah­lungs­un­fä­hig­keit ver­mu­ten lässt (§ 17 Abs. 2 Satz 2 InsO), ist ein sol­cher Fall der Ver­schlech­te­rung der Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se, so dass aus einer dar­auf gestütz­ten Kün­di­gungs­klau­sel ab dem Eröff­nungs­an­trag kein Kün­di­gungs­recht abge­lei­tet wer­den kann.

Den Alt­gläu­bi­ger­scha­den kann der Ver­mie­ter nicht ein­kla­gen. Solan­ge das Insol­venz­ver­fah­ren andau­ert, ist er allein von dem Insol­venz­ver­wal­ter und nicht den Gläu­bi­gern gel­tend zu machen9. Die Vor­aus­set­zun­gen eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs wegen Ein­ge­hungs- oder Pro­zess­be­trugs gemäß § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 263 StGB sind eben­falls zu ver­nei­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Okto­ber 2013 – II ZR 394/​12

  1. BGH, Urteil vom 06.06.1994 – II ZR 292/​91, BGHZ 126, 181, 198; Urteil vom 05.02.2007 – II ZR 234/​05, BGHZ 171, 46 Rn. 13; Urteil vom 27.04.2009 – II ZR 253/​07, ZIP 2009, 1220 Rn. 15; Urteil vom 14.05.2012 – II ZR 130/​10, ZIP 2012, 1455 Rn. 13 []
  2. BGH, Urteil vom 06.06.1994 – II ZR 292/​91, BGHZ 126, 181, 194; Urteil vom 25.07.2005 – II ZR 390/​03, BGHZ 164, 50, 60; Urteil vom 14.05.2012 – II ZR 130/​10, ZIP 2012, 1455 Rn. 13 []
  3. BGH, Urteil vom 25.07.2005 – II ZR 390/​03, BGHZ 164, 50, 60; Urteil vom 05.02.2007 – II ZR 234/​05, BGHZ 171, 46 Rn. 13; Urteil vom 15.03.2011 – II ZR 204/​09, ZIP 2011, 1007 Rn. 40; Urteil vom 14.05.2012 – II ZR 130/​10, ZIP 2012, 1455 Rn. 13 []
  4. vgl. OLG Stutt­gart, ZIP 2012, 2342, 2343 []
  5. BGH, Urteil vom 05.02.2007 – II ZR 234/​05, BGHZ 171, 46 Rn. 13 f. []
  6. vgl. BGH, Urteil vom 05.02.2007 – II ZR 234/​05, BGHZ 171, 46 Rn. 14 []
  7. vgl. OLG Hamm, NZM 2002, 343; OLG Düs­sel­dorf, OLGR 2007, 125, 127; Münch­Komm-InsO/E­ckert, 3. Aufl., § 109 Rn. 79; Münch­Komm-InsO/Hu­ber, 3. Aufl., § 119 Rn. 21, 70 und 72; Kübler/​Prütting/​Tintelnot, InsO, Stand Novem­ber 2010, § 112 Rn. 13; Uhlenbruck/​Sinz, InsO, 13. Aufl., § 119 Rn. 22; Braun, InsO, 4. Aufl., § 112 Rn. 2; HambKomm/​Ahrendt, InsO, 4. Aufl., § 119 Rn. 5; Blank in Schmidt/​Futterer, Miet­recht, 10. Aufl., § 542 BGB Rn. 147; vgl. auch BGH, Urteil vom 15.11.2012 – IX ZR 169/​11, BGHZ 195, 348 Rn. 9 ff. zu Lösungs­klau­seln in Ver­trä­gen über die fort­lau­fen­de Lie­fe­rung von Waren oder Ener­gie []
  8. Uhlenbruck/​Wegener, InsO, 13. Aufl., § 112 Rn. 13; Kars­ten Schmidt/​Ringstmeier, InsO, 18. Aufl., § 112 Rn.20 []
  9. BGH, Urteil vom 05.02.2007 – II ZR 234/​05, BGHZ 171, 46 Rn. 12 []