Miet­wa­gen – und die geschenk­te Selbst­be­tei­li­gung im Scha­dens­fall

Ver­pflich­tet sich der Ver­mitt­ler eines Miet­wa­gens zur Über­nah­me der Selbst­be­tei­li­gung des Mie­ters im Scha­den­fall, liegt kein Ver­si­che­rungs­ver­trag im Sin­ne von § 215 Abs. 1 Satz 1 VVG vor.

Miet­wa­gen – und die geschenk­te Selbst­be­tei­li­gung im Scha­dens­fall

Der Begriff des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges ist im Gesetz nicht defi­niert 1. § 1 VVG bestimmt ledig­lich, dass sich der Ver­si­che­rer mit dem Ver­si­che­rungs­ver­trag ver­pflich­tet, ein bestimm­tes Risi­ko des Ver­si­che­rungs­neh­mers oder eines Drit­ten durch eine Leis­tung abzu­si­chern, die er bei Ein­tritt des ver­ein­bar­ten Ver­si­che­rungs­fal­les zu erbrin­gen hat. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer sei­ner­seits ist ver­pflich­tet, an den Ver­si­che­rer die ver­ein­bar­te Zah­lung (Prä­mie) zu leis­ten. Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts liegt ein Ver­si­che­rungs­ver­trag dann vor, wenn gegen Ent­gelt für den Fall eines unge­wis­sen Ereig­nis­ses bestimm­te Leis­tun­gen über­nom­men wer­den, wobei das über­nom­me­ne Risi­ko auf eine Viel­zahl durch die glei­che Gefahr bedroh­ter Per­so­nen ver­teilt wird und der Risi­ko­über­nah­me eine auf dem Gesetz der gro­ßen Zahl beru­hen­de Kal­ku­la­ti­on zugrun­de liegt. Dazu gehö­ren aller­dings nicht Ver­ein­ba­run­gen, die in einem inne­ren Zusam­men­hang mit einem Rechts­ge­schäft ande­rer Art ste­hen und von dort ihr eigent­li­ches recht­li­ches Geprä­ge erhal­ten. Dies ist dann der Fall, wenn die betref­fen­de Ver­ein­ba­rung mit einem ande­ren Ver­trag, der sei­ner­seits kein Ver­si­che­rungs­ver­trag ist, ver­bun­den und als unselb­stän­di­ge Neben­ab­re­de die­ses Haupt­ver­tra­ges zu wer­ten ist 2.

Auf der Grund­la­ge wur­de mit dem beschrie­be­nen Ver­trag kein Ver­si­che­rungs­ver­trag geschlos­sen 3.

Die zen­tra­le ver­trag­li­che Ver­pflich­tung der Ver­mitt­le­rin besteht in der Ver­mitt­lung von Miet­wa­gen. Der Mie­ter hat über ein Inter­net­ver­gleichs­por­tal nach Ange­bo­ten für die Anmie­tung eines Miet­wa­gens für die von ihm geplan­te Rei­se gesucht. Als ein Such­kri­te­ri­um hat er hier­zu das Merk­mal "ohne Selbst­be­tei­li­gung" ange­ge­ben. Bei den Such­ergeb­nis­sen wur­de er unter ande­rem auf das Inter­net­por­tal der Ver­mitt­le­rin wei­ter­ge­lei­tet, die selbst kei­ne Fahr­zeu­ge ver­mie­tet, son­dern Ver­trä­ge mit Miet­wa­gen­un­ter­neh­men ver­mit­telt. Die Miet­wa­gen­ver­mitt­le­rin unter­hält über ihre Mut­ter­ge­sell­schaft ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen mit ver­schie­de­nen Miet­wa­gen­un­ter­neh­men sowie Buchungs­por­ta­len, wel­che es ihr ermög­li­chen, ihren Kun­den die Ver­mitt­lung von Fahr­zeu­gen zu güns­ti­gen Kon­di­tio­nen anzu­bie­ten. Die­se Ver­mitt­lung des Miet­wa­gens ist, wie sich auch aus der für den Mie­ter erstell­ten Buchungs­be­stä­ti­gung ergibt, Haupt­leis­tungs­ver­pflich­tung der Ver­mitt­le­rin. Dem­ge­gen­über stellt die Erstat­tung der Selbst­be­tei­li­gung im Scha­den­fall ledig­lich eine unselb­stän­di­ge Zusatz­leis­tung zu die­ser Ver­mitt­lung des Miet­wa­gens dar. Die Erstat­tung der Selbst­be­tei­li­gung bil­det anders als die Revi­si­on meint – auch nicht den wirt­schaft­li­chen Schwer­punkt des Geschäfts unter blo­ßem Vor­schie­ben der Haupt­leis­tung der Miet­wa­gen­ver­mitt­lung 4.

Zwar liegt der vom Mie­ter zu zah­len­de Gesamt­preis für die Anmie­tung des Fahr­zeugs bei ledig­lich 303, 68 €, wäh­rend eine Erstat­tung der Selbst­be­tei­li­gung im Scha­den­fall durch die Miet­wa­gen­ver­mitt­le­rin bis zu 2.500 € erfol­gen kann. Dies ändert aber nichts an der wirt­schaft­li­chen Nach­ran­gig­keit der Erstat­tung der Selbst­be­tei­li­gung, da die­se nur für die Fäl­le ein­greift, in denen es über­haupt zu einem Scha­den­fall gekom­men ist, auf des­sen Grund­la­ge der Mie­ter des Fahr­zeugs gegen­über dem Ver­mie­ter zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet ist. Hier­zu kommt es auch nur dann, wenn der Mie­ter kei­ne optio­na­le Ver­si­che­rung zur wei­te­ren Redu­zie­rung der Selbst­be­tei­li­gung beim jewei­li­gen Ver­mie­ter des Autos abge­schlos­sen hat. Die Erstat­tung der Selbst­be­tei­li­gung stellt gegen­über der Ver­mitt­lung des Miet­wa­gens auch kei­ne hier­mit nicht im Zusam­men­hang ste­hen­de Leis­tung in Form eines Ali­uds dar. Viel­mehr ergänzt sie die ver­trag­li­che Haupt­leis­tungs­pflicht der Ver­mitt­le­rin zur Ver­mitt­lung des Miet­wa­gen­ver­tra­ges, indem sie dem Mie­ter die Mög­lich­keit eröff­net, eine mög­li­che Scha­dens­er­satz­pflicht gegen­über dem Ver­mie­ter, mit dem die Miet­wa­gen­ver­mitt­le­rin den Ver­trag ver­mit­telt hat, zu ver­mei­den oder zu redu­zie­ren. Die Erstat­tung der Selbst­be­tei­li­gung dient damit gera­de der Erleich­te­rung der von der Ver­mitt­le­rin betrie­be­nen Ver­mitt­lung eines Miet­wa­gen­ver­tra­ges.

Fehlt es aus den genann­ten Grün­den somit schon am Abschluss eines Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges, so kommt es auf die wei­te­re Fra­ge, ob die­ser über­dies an der feh­len­den Ver­ein­ba­rung eines Ent­gelts schei­tert, nicht mehr ent­schei­dend an.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Novem­ber 2016 – IV ZR 50/​16

  1. vgl. BT-Drs. 16/​3945 S. 56[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.09.1994 – I ZR 172/​92, VersR 1995, 344 unter – II 2 a bb; vom 24.04.1991 – VIII ZR 180/​90, BB 1991, 2252 unter I; BVerwG VersR 1993, 1217 f.; 1992, 1381; 1987, 701, 702; 1980, 1013; vgl. fer­ner Münch­Komm-VVG/­Loo­schel­ders, 2. Aufl. § 1 Rn. 47 f.; Arm­brüs­ter in Prölss/​Martin, VVG 29. Aufl. § 1 Rn. 14 f.; ders. VersR 2015, 1453, 1454; Bau­mann in Bruck/​Möller, VVG 9. Aufl. § 1 Rn. 17, 21[]
  3. zustim­mend auch Schulz-Mer­kel in juris­PR-VersR 5/​2016 Anm. 4[]
  4. vgl. Bau­mann in Bruck/​Möller, VVG 9. Aufl. § 1 Rn. 21[]