Nach­träg­li­che Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de auf­grund einer Anhörungsrüge

Mit einer nach­träg­li­chen Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de auf­grund einer Anhö­rungs­rü­ge hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befassen:

Nach­träg­li­che Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de auf­grund einer Anhörungsrüge

Die Rechts­be­schwer­de ist auf­grund ihrer nach­träg­li­chen Zulas­sung durch das Beschwer­de­ge­richt gemäß § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO statthaft.

Grund­sätz­lich muss die Rechts­be­schwer­de aller­dings bereits in dem Beschluss, in dem über die sofor­ti­ge Beschwer­de ent­schie­den wur­de, sei es im Tenor oder in den Grün­den, aus­drück­lich zuge­las­sen sein1. Unwirk­sam ist eine pro­zes­su­al nicht vor­ge­se­he­ne nach­träg­li­che Zulas­sungs­ent­schei­dung, weil sie die Bin­dung des Gerichts an sei­ne eige­ne Ent­schei­dung (§ 318 ZPO) außer Kraft set­zen wür­de2. Dabei ist aner­kannt, dass Beschlüs­se, die – wie hier die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung – auf sofor­ti­ge Beschwer­de ergan­gen sind und der Rechts­be­schwer­de unter­lie­gen, in e ntspre­chen­der Anwen­dung von § 318 ZPO unab­än­der­lich und damit grund­sätz­lich bin­dend sind3. Aus die­sem Grund ist eine Ergän­zungs­ent­schei­dung ent­spre­chend § 321 ZPO unzu­läs­sig4.

Dies trifft nicht nur zu, wenn das Beschwer­de­ge­richt die Rechts­be­schwer­de aus­drück­lich nicht zuge­las­sen hat, son­dern auch dann, wenn – wie hier – im ange­foch­te­nen Beschluss ein Aus­spruch der Zulas­sung fehlt. Ent­hält der ange­foch­te­ne Beschluss kei­nen Aus­spruch der Zulas­sung, so heißt dies, dass die Rechts­be­schwer­de nicht zuge­las­sen wird5, und zwar auch dann, wenn das Beschwer­de­ge­richt die Mög­lich­keit der Zulas­sung gar nicht bedacht hat6.

Eine nach­träg­li­che Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de kann jedoch aus­nahms­wei­se auf eine zuläs­si­ge und begrün­de­te Anhö­rungs­rü­ge nach § 321a ZPO nach­ge­holt wer­den, wenn bei der vor­an­ge­gan­ge­nen Ent­schei­dung, die Rechts­be­schwer­de nicht zuzu­las­sen, ein Ver­stoß gegen den Anspruch auf recht­li­ches Gehör vor­ge­le­gen hat7. Die Anhö­rungs­rü­ge stellt einen gesetz­lich gere­gel­ten Rechts­be­helf eige­ner Art dar, durch den das Gericht von der Bin­dungs­wir­kung des § 318 ZPO sowie von der for­mel­len und mate­ri­el­len Rechts­kraft frei­ge­stellt wird8. Das Rechts­mit­tel­ge­richt prüft von Amts wegen, ob die Anhö­rungs­rü­ge statt­haft, zuläs­sig und begrün­det war9, ohne dabei an die Begrün­dung des Beschwer­de­ge­richts gebun­den zu sein10.

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Die Anhö­rungs­rü­ge räumt dem Gericht kei­ne umfas­sen­de Abhil­fe­mög­lich­keit ein, son­dern dient allein der Behe­bung von Ver­stö­ße n gegen die grund­ge­setz­li­che Garan­tie des recht­li­chen Gehörs. Die unter­blie­be­ne Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de kann für sich genom­men den Anspruch auf recht­li­ches Gehör nicht ver­let­zen, es sei denn, auf die Zulas­sungs­ent­schei­dung bezo­ge­ner Vor­trag der Betei­lig­ten wur­de ver­fah­rens­feh­ler­haft über­gan­gen. Art. 103 Abs. 1 GG soll sichern, dass die Ent­schei­dung frei von Ver­fah­rens­feh­lern ergeht, die auf man­geln­der Kennt­nis­nah­me oder Erwä­gung des Vor­trags beru­hen11. Sein Schutz­be­reich ist auf das von dem Gericht ein­zu­hal­ten­de Ver­fah­ren, nicht aber auf die Kon­trol­le der Ent­schei­dung in der Sache gerich­tet12. Eine nach­träg­li­che Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de auf­grund einer Anhö­rungs­rü­ge gemäß § 321a ZPO ist des­halb nur dann aus­nahms­wei­se zuläs­sig, wenn das Ver­fah­ren auf­grund eines Gehörsver­sto­ßes gemäß § 321a Abs. 5 ZPO fort­ge­setzt wird und sich erst aus dem anschlie­ßend gewähr­ten recht­li­chen Gehör ein Grund für die Zulas­sung ergibt13 oder wenn das Beschwer­de­ge­richt bei sei­ner ursprüng­li­chen Ent­schei­dung über die Nicht­zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de bezo­gen auf die Zulas­sungs­ent­schei­dung das recht­li­che Gehör des Beschwer­de­füh­rers ver­letzt hat14.

Letz­te­res ist im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren der Fall. Das Beschwer­de­ge­richt hat sich mit zen­tra­len recht­li­chen Aus­füh­run­gen der Klä­ge­rin zur Zulas­sungs­ent­schei­dung zunächst nicht auseinandergesetzt.

Zwar ist das Beschwer­de­ge­richt bewusst von der die glei­che Fra­ge betref­fen­de Rechts­auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Köln abge­wi­chen, sodass – wor­auf die Beklag­te zutref­fend hin­weist – kein Vor­trag der Beschwer­de­füh­rer über­gan­gen wur­de und inso­weit kein Gehörsver­stoß vor­liegt15. Auch wenn das Beschwer­de­ge­richt mög­li­cher­wei­se die Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung oder zur Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung erst auf die Anhö­rungs­rü­ge der Klä­ge­rin erwo­gen haben soll­te, stell­te dies allein kei­nen Gehörsver­stoß, son­dern allen­falls einen ein­fa­chen Ver­fah­rens­feh­ler dar16.

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Die Klä­ge­rin hat aber17 im Beschwer­de­ver­fah­ren nicht nur auf die abwei­chen­de Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Köln und die die­se aus ihrer Sicht stüt­zen­de Lite­ra­tur, son­dern schrift­sätz­lich im Rah­men der Stel­lung­nah­me zum Nicht­ab­hil­fe­be­schluss des Land­ge­richts auch auf die aus ihrer Sicht bei einer Abwei­chung „von die­sem Rechts­satz“ zur Her­bei­füh­rung einer „höchst­rich­ter­li­chen Klä­rung“ erfor­der­li­che Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de hin­ge­wie­sen und dies vor­sorg­lich aus­drück­lich beantragt.

Auf die­se teil­wei­se durch Fett­druck her­vor­ge­ho­be­nen und erkenn­bar zen­tra­len Aus­füh­run­gen ist das Beschwer­de­ge­richt unter Ver­stoß gegen den Anspruch auf recht­li­ches Gehör nicht ein­ge­gan­gen. Die­ser Anspruch ver­pflich­tet die Gerich­te, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen. Das Gericht braucht dabei zwar nicht jedes Vor­brin­gen aus­drück­lich zu beschei­den; es hat viel­mehr bei der Abfas­sung sei­ner Ent­schei­dungs­grün­de eine gewis­se Frei­heit und kann sich auf die für den Ent­schei­dungs­aus­gang wesent­li­chen Aspek­te beschrän­ken. Es müs­sen in den Grün­den aber die wesent­li­chen Tat­sa­chenund Rechts­aus­füh­run­gen ver­ar­bei­tet wer­den18. Wenn ein bestimm­ter Vor­trag einer Par­tei den Kern des Par­tei­vor­brin­gens dar­stellt und für den Pro­zess­aus­gang von ent­schei­den­der Bedeu­tung ist, besteht für das Gericht die Pflicht, die vor­ge­brach­ten Argu­men­te zu erwä­gen. Ein Schwei­gen lässt hier den Schluss zu, dass der Vor­trag der Pro­zess­par­tei nicht oder zumin­dest nicht hin­rei­chend beach­tet wur­de19. So liegt der Fall hier. Aus der Beschwer­de­ent­schei­dung ergibt sich nicht, dass das Beschwer­de­ge­richt bewusst die Nicht­zu­las­sungs­ent­schei­dung getrof­fen hät­te. Viel­mehr ist auch vor dem Hin­ter­grund der auf die Gehörsrü­ge erfolg­ten Zulas­sung davon aus­zu­ge­hen, dass es die zen­tra­len Rechts­aus­füh­run­gen der Klä­ge­rin zur Erfor­der­lich­keit der Zulas­sung über­se­hen hatte.

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Es kommt daher nicht dar­auf an, ob die nach­träg­li­che Zulas­sung – wie mit der Anhö­rungs­rü­ge gel­tend gemacht – auch im Hin­blick auf etwai­gen über­gan­ge­nen Vor­trag zu den Anfor­de­run­gen an ein münd­li­ches Ver­han­deln im Sin­ne des § 174 Abs. 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 GVG erfol­gen durfte.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Okto­ber 2020 – IV ZB 4/​20

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 29.01.2009 – V ZB 140/​08, WM 2009, 756 Rn. 5; vom 19.05.2004 – IXa ZB 182/​03, NJW 2004, 2529 unter – III 3 7 m.w.N.][]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 13.05.2020 – VII ZB 41/​19, WM 2020, 1436 Rn. 13; vom 20.11.2018 – XI ZB 9/​17 4; vom 09.06.2016 – IX ZB 92/​15, NJW-RR 2016, 955 Rn. 4[]
  3. BGH, Beschluss vom 18.10.2018 – IX ZB 31/​18, BGHZ 220, 90 Rn. 14 m.w.N.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 19.05.2004 aaO; zur Revi­si­on: BGH, Urtei­le vom 16.09.2014 – VI ZR 55/​14, VersR 2015, 82 Rn. 7; vom 04.03.2011 – V ZR 123/​10, NJW 2011, 1516 Rn. 4[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 20.11.2018 – XI ZB 9/​17 4[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 13.05.2020 – VII ZB 41/​19, WM 2020, 1436 Rn. 11; vom 09.06.2016 – IX ZB 92/​15, NJW-RR 2016, 955 Rn. 3 m.w.N.; zur Revi­si­on: BGH, Urtei­le vom 16.09.2014 – VI ZR 55/​14, VersR 2015, 82 Rn. 7; vom 04.03.2011 – V ZR 123/​10, NJW 2011, 1516 Rn. 4[]
  7. BGH, Beschluss vom 28.02.2018 – XII ZB 634/​17, NJW-RR 2018, 900 Rn. 8[]
  8. BGH, Beschlüs­se vom 30.04.2020, – I ZB 61/​19, WM 2020, 1427 Rn. 11; vom 18.10.2018 – IX ZB 31/​18, BGHZ 220, 90 Rn. 15 m.w.N.[]
  9. BGH, Beschluss vom 18.10.2018 aaO Rn. 9; Urtei­le vom 12.10.2018 – V ZR 291/​17, NJW-RR 2019, 460 Rn. 10; vom 14.04.2016 – IX ZR 197/​15, NJW 2016, 3035 Rn. 8[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 16.09.2016 – V ZR 3/​16, ZWE 2017, 188 Rn. 7[]
  11. vgl. BVerfG NVwZ 2019, 1276 Rn. 17[]
  12. BGH, Beschluss vom 13.05.2020 – VII ZB 41/​19, WM 2020, 1436 Rn. 14 m.w.N.[]
  13. BGH, Beschluss vom 13.05.2020 aaO; zur Revi­si­on: BGH, Urtei­le vom 12.10.2018 – V ZR 291/​17, NJW ‑RR 2019, 460 Rn. 8; vom 01.12.2011 – IX ZR 70/​10, NJW-RR 2012, 306 Rn. 8; vom 04.03.2011 – V ZR 123/​10, NJW 2011, 1516 Rn. 7[]
  14. BGH, Beschluss vom 13.05.2020 aaO[]
  15. vgl. BGH, Beschluss vom 13.05.2020- VII ZB 41/​19, WM 2020, 1436 Rn. 16[]
  16. vgl. BGH aaO Rn. 17; Urteil vom 04.03.2011 – V ZR 123/​10, NJW 2011, 1516 Rn. 7[]
  17. anders als in dem der Ent­schei­dung des BGH, Beschluss vom 13.05.2020 – VII ZB 41/​19, WM 2020, 1436, zugrun­de­lie­gen­den Sach­ver­halt[]
  18. BVerfG NJW-RR 2018, 694 Rn. 18 m.w.N.; vgl. auch BVerfG FamRZ 2017, 1066 Rn.19[]
  19. BVerfG NJW ‑RR 2018, 694 Rn. 18 m.w.N.[]