Nach­trags­ver­tei­lung im Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren

Im Gesamt­voll­ste­ckungs­ver­fah­ren kann eine Nach­trags­ver­tei­lung auch dann ange­ord­net wer­den, wenn sie bei der Ein­stel­lung des Ver­fah­rens für einen damals noch nicht ver­wer­te­ten Ver­mö­gens­ge­gen­stand vor­be­hal­ten wor­den ist.

Nach­trags­ver­tei­lung im Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren

Die Vor­schrift des § 12 Abs. 3 GesO sieht die nach­träg­li­che Ver­tei­lung sol­cher Geld­be­trä­ge vor, wel­che zur Deckung wei­te­rer Ver­wal­tungs­aus­ga­ben oder zur Erfül­lung bestrit­te­ner Ansprü­che zurück­be­hal­ten wor­den sind. Die­se Bestim­mung ist erwei­ternd dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass eine Nach­trags­ver­tei­lung auch dann statt­fin­den kann, wenn ein Mas­se­be­stand­teil zum Zeit­punkt der Schluss­ver­tei­lung noch nicht ver­wer­tet wor­den ist und des­halb inso­weit noch kein ver­tei­lungs­fä­hi­ger Bar­er­lös vor­ge­le­gen hat.

Nach den Vor­schrif­ten der § 166 Abs. 1 Satz 1 Fall 1 KO, § 203 Abs. 1 Nr. 1 InsO kann eine Nach­trags­ver­tei­lung ange­ord­net wer­den, wenn von der Mas­se zurück­be­hal­te­ne Beträ­ge erst nach der Schluss­ver­tei­lung (Kon­kurs­ord­nung) bezie­hungs­wei­se nach dem Schluss­ter­min (Insol­venz­ord­nung) für die­se frei wer­den. Unter den Begriff der zurück­be­hal­te­nen Beträ­ge fal­len dabei nicht allein sol­che Ver­mö­gens­wer­te, wel­che zum Zeit­punkt der Schluss­ver­tei­lung bezie­hungs­wei­se des Schluss­ter­mins bereits als Bar­mit­tel in der Mas­se vor­han­den sind, son­dern auch For­de­run­gen und ande­re Gegen­stän­de, deren Ver­wer­tungs­er­lös erst spä­ter für die Mas­se rea­li­siert wer­den kann 1.

Für die Aus­le­gung der Vor­schrift des § 12 Abs. 3 GesO gilt nichts ande­res. Kann das Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren mit Aus­nah­me eines Mas­se­ge­gen­stands, wel­cher noch nicht ver­wer­tet wer­den konn­te oder noch in einem Aktiv­pro­zess der Mas­se befan­gen ist, abge­schlos­sen wer­den, so bestehen kei­ne Beden­ken, das Ver­fah­ren mit dem Voll­zug der Schluss­ver­tei­lung abzu­schlie­ßen und im Hin­blick auf den noch zu erwar­ten­den wei­te­ren Mit­tel­zu­fluss die Nach­trags­ver­tei­lung anzu­ord­nen. Bestün­de die­se Mög­lich­keit nicht, so wäre die prak­ti­sche Kon­se­quenz, dass die Schluss­ver­tei­lung bis zum Abschluss der Ver­wer­tung des noch offe­nen Ver­mö­gens­werts auf­ge­scho­ben wer­den müss­te, um die­sen Gegen­stand noch in das Ver­fah­ren ein­be­zie­hen zu kön­nen, wodurch das Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren unnö­tig in die Län­ge gezo­gen wür­de. Es ent­spricht daher all­ge­mei­ner Auf­fas­sung, dass über den engen Wort­laut der Vor­schrift des § 12 Abs. 3 GesO hin­aus auch im Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren grund­sätz­lich eine Nach­trags­ver­tei­lung ent­spre­chend der Rege­lung der Kon­kurs­ord­nung statt­fin­den kann 2.

Dabei stellt sich in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Fra­ge nicht, ob im Wege einer über den Wort­laut des § 12 Abs. 3 GesO hin­aus­ge­hen­den Anwen­dung die­ser Vor­schrift auch eine erst­ma­li­ge Beschlag­nah­me von Ver­mö­gens­wer­ten des Schuld­ners nach Ein­stel­lung des Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­rens erfol­gen kann. Wer­den Ver­mö­gens­wer­te der Mas­se zurück­be­hal­ten und einer nach­träg­li­chen Ver­tei­lung vor­be­hal­ten, so dau­ert der Kon­kurs­be­schlag dies­be­züg­lich trotz Auf­he­bung des Kon­kurs­ver­fah­rens fort 3. Da vor­lie­gend die Nach­trags­ver­tei­lung im Hin­blick auf die Quo­te aus dem Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen der LPG "R. S. " mit Ein­stel­lung des hier gegen­ständ­li­chen Ver­fah­rens vor­be­hal­ten wur­de, blieb der Gesamt­voll­stre­ckungs­be­schlag im Hin­blick auf die­se For­de­rung erhal­ten. Ein Fall, in wel­chem die Beschlag­nah­me eines zur Nach­trags­ver­tei­lung vor­ge­se­he­nen Gegen­stands erst mit Anord­nung der Nach­trags­ver­tei­lung erfolgt, bei­spiels­wei­se weil die­ser Gegen­stand erst spä­ter ent­deckt wor­den ist 4, liegt nicht vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Febru­ar 2011 – IX ZB 268/​08

  1. OLG Cel­le, KTS 1972, 265, 266; Jaeger/​Weber, KO, 8. Aufl., § 161 Rn. 3, § 166 Rn. 2; Kilger/​K. Schmidt, Insol­venz­ge­set­ze, 17. Aufl., § 166 KO Bem. 1 a; Uhlen­bruck, InsO, 13. Aufl., § 203 Rn. 8; Hol­zer in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, § 203 Rn. 9; Hmb­Komm-InsO/Pre­ß/Hen­nings­mei­er, 3. Aufl., § 203 Rn. 7; BK-InsO/Breu­ti­gam, § 203 Rn. 10; vgl. auch Münch­Komm-InsO/Hint­zen, 2. Aufl., § 203 Rn. 13; HK-InsO/­De­pré, 5. Aufl., § 196 Rn. 1[]
  2. LG Frankfurt/​Oder, Zin­sO 2005, 555, 556; Haarmeyer/​Wutzke/​Förster, GesO, 4. Aufl., § 12 Rn. 57 und § 18 Rn. 38; Hess/​Binz/​Wienberg, GesO, 4. Aufl., § 18 Rn. 80 ff; Kilger/​K. Schmidt, aaO, § 18 GesO Anm. 2 f.[]
  3. BGH, Urtei­le vom 22.02.1973 – VI ZR 165/​71, WM 1973, 642, 644; und vom 10.02.1982 – VIII ZR 158/​80, BGHZ 83, 102, 103[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 22.02.1973, aaO; Beschluss vom 06.12.2007 – IX ZB 229/​06, WM 2008, 305 Rn. 7[]