Ne bis in idem – Rechts­kraft und Streit­ge­gen­stand

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs steht die mate­ri­el­le Rechts­kraft einer gericht­li­chen Ent­schei­dung – als nega­ti­ve Pro­zess­vor­aus­set­zung – einer neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung über den­sel­ben Streit­ge­gen­stand ent­ge­gen (ne bis in idem). Unzu­läs­sig ist des­halb eine erneu­te Kla­ge, deren Streit­ge­gen­stand mit dem eines bereits rechts­kräf­tig ent­schie­de­nen Rechts­streits iden­tisch ist [1].

Ne bis in idem – Rechts­kraft und Streit­ge­gen­stand

Der von der Rechts­kraft erfass­te Streit­ge­gen­stand wird durch den Kla­ge­an­trag, in dem sich die vom Klä­ger in Anspruch genom­me­ne Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und den Lebens­sach­ver­halt (Anspruchs­grund), aus dem der Klä­ger die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet, bestimmt (§ 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO). Zum Anspruchs­grund sind alle Tat­sa­chen zu rech­nen, die bei einer natür­li­chen, vom Stand­punkt der Par­tei­en aus­ge­hen­den und den Sach­ver­halt sei­nem Wesen nach erfas­sen­den Betrach­tung zu dem zur Ent­schei­dung gestell­ten Tat­sa­chen­kom­plex gehö­ren, den der Klä­ger zur Stüt­zung sei­nes Rechts­schutz­be­geh­rens dem Gericht vor­trägt [2]. Vom Streit­ge­gen­stand wer­den damit alle mate­ri­ell­recht­li­chen Ansprü­che erfasst, die sich im Rah­men des gestell­ten Antrags aus dem zur Ent­schei­dung unter­brei­te­ten Lebens­sach­ver­halt her­lei­ten las­sen. Das gilt unab­hän­gig davon, ob die ein­zel­nen Tat­sa­chen des Lebens­sach­ver­halts von den Par­tei­en vor­ge­tra­gen wor­den sind oder nicht, und auch unab­hän­gig davon, ob die Par­tei­en die im Vor­pro­zess nicht vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen des Lebens­vor­gangs damals bereits kann­ten und hät­ten vor­tra­gen kön­nen [3].

Der zur Bestim­mung des Streit­ge­gen­stands maß­geb­li­che Anspruchs­grund geht über die Tat­sa­chen, die die Tat­be­stands­merk­ma­le einer Anspruchs­grund­la­ge aus­fül­len, hin­aus. Die Par­tei­en bestim­men zwar über den zur Ent­schei­dung gestell­ten Sach­ver­halt (Bei­brin­gungs­grund­satz). Es kön­nen des­halb nicht alle Tat­sa­chen zum Kla­ge­grund gerech­net wer­den, die das kon­kre­te Rechts­schutz­be­geh­ren objek­tiv zu stüt­zen geeig­net, im Vor­trag des Klä­gers aber nicht ein­mal ange­deu­tet sind und von sei­nem Stand­punkt aus auch nicht vor­ge­tra­gen wer­den muss­ten [4]. Die Par­tei­en kön­nen den Streit­ge­gen­stand durch Gestal­tung ihres Vor­trags jedoch nicht bewusst oder unbe­wusst will­kür­lich begren­zen [5]. Von der Rechts­kraft wer­den daher sämt­li­che mate­ri­ell­recht­li­chen Ansprü­che erfasst, die sich im Rah­men des Antrags aus dem zur Ent­schei­dung gestell­ten Lebens­sach­ver­halt her­lei­ten las­sen [6], unab­hän­gig davon, ob sämt­li­che rechts­er­heb­li­chen Tat­sa­chen des Lebens­vor­gangs vor­ge­tra­gen wer­den [7].

Sofern das mate­ri­el­le Recht zusam­men­tref­fen­de Ansprü­che durch eine Ver­selb­stän­di­gung der ein­zel­nen Lebens­vor­gän­ge erkenn­bar unter­schied­lich aus­ge­stal­tet, kann das zwar im Ein­zel­fall bei der Bestim­mung des Streit­ge­gen­stan­des berück­sich­tigt wer­den [8]. Ob die Bank Auf­klä­rungs – oder Bera­tungs­pflich­ten ver­letzt hat, lässt sich jedoch, wie aus­ge­führt, nur auf­grund einer Betrach­tung der Gesamt­um­stän­de der Bera­tung beur­tei­len, ohne dass sich die­se in selb­stän­di­ge Gesche­hens­ab­läu­fe auf­spal­ten lie­ße. Ver­schie­de­ne Auf­klä­rungs – und Bera­tungs­de­fi­zi­te sind des­halb zwar gege­be­nen­falls einer eigen­stän­di­gen mate­ri­ell­recht­li­chen Bewer­tung zugäng­lich [9] und kön­nen jeweils für sich den Scha­dens­er­satz­an­spruch begrün­den [10], blei­ben aber den­noch Bestand­teil eines in tat­säch­li­cher Hin­sicht ein­heit­li­chen Lebens­vor­gangs.

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 24.01.2008 [11]. Danach steht die Rechts­kraft einer Ent­schei­dung über Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen einen Archi­tek­ten wegen Nicht­aus­füh­rung einer Aus­füh­rungs­pla­nung einer Kla­ge auf Ersatz des­sel­ben Scha­dens wegen Feh­lern bei der geson­dert zu beur­tei­len­den Ent­wurfs­pla­nung, Bau­über­wa­chung und Abnah­me des Bau­werks dann nicht ent­ge­gen, wenn aus dem Vor­trag im ers­ten Pro­zess ein­deu­tig her­vor­geht, dass aus­schließ­lich die feh­len­de Aus­füh­rungs­pla­nung Gegen­stand des Rechts­streits war. Davon unter­schei­det der vor­lie­gen­de Fall sich grund­le­gend. Hier fehlt es an einer aus­drück­li­chen Beschrän­kung des ers­ten Rechts­streits auf eine bestimm­te Pflicht­ver­let­zung. Außer­dem betref­fen die im Urteil vom 24.01.2008 [12] behan­del­ten Pflicht­ver­let­zun­gen in zeit­li­cher Hin­sicht unter­schied­li­che Sta­di­en der Tätig­keit des Archi­tek­ten, wäh­rend im vor­lie­gen­den Fall sämt­li­che der beklag­ten Bank vor­ge­wor­fe­ne Pflicht­ver­let­zun­gen in einem Bera­tungs­ge­spräch, das einen ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang dar­stellt, erfolgt sein sol­len. Aus die­sen Grün­den besteht auch kein Anlass zu einer Vor­la­ge an den Gro­ßen Senat für Zivil­sa­chen gemäß § 132 Abs. 2 GVG.

Das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 13.03.2008 [13] steht der Annah­me eines ein­heit­li­chen Streit­ge­gen­stands eben­falls nicht ent­ge­gen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dort zwar das Fehl­ver­hal­ten des Rechts­an­walts bei der Emp­feh­lung der Kla­ge­er­he­bung als geson­der­ten Streit­ge­gen­stand beur­teilt, der weder das Fehl­ver­hal­ten bei der inhalt­li­chen Abfas­sung der Kla­ge noch die (unter­las­se­ne) Emp­feh­lung zur Ein­le­gung von Rechts­mit­teln umfas­se. Anders als vor­lie­gend betra­fen die­se Pflicht­ver­let­zun­gen jedoch ver­schie­de­ne Ver­fah­rens­sta­di­en und damit selb­stän­di­ge Gesche­hens­ab­läu­fe.

Auch aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zum geson­der­ten Ver­jäh­rungs­be­ginn von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen, die auf meh­re­re abgrenz­ba­re Auf­klä­rungs – oder Bera­tungs­feh­ler gestützt wer­den [14], folgt nichts ande­res.

Der Ver­jäh­rung gemäß §§ 194 ff. BGB unter­liegt der mate­ri­ell­recht­li­che Anspruch im Sin­ne des § 194 Abs. 1 BGB [15]. Der von der Rechts­kraft erfass­te Streit­ge­gen­stand ist dage­gen nicht ein bestimm­ter mate­ri­ell­recht­li­cher Anspruch, son­dern der als Rechts­schutz­be­geh­ren oder Rechts­fol­ge­be­haup­tung auf­ge­fass­te eigen­stän­di­ge pro­zes­sua­le Anspruch [16]. Der Streit­ge­gen­stand kann daher meh­re­re mate­ri­ell­recht­li­che Ansprü­che umfas­sen [17], die grund­sätz­lich jeweils eigen­stän­di­ger Ver­jäh­rung unter­lie­gen [18]. Aus dem mate­ri­ell­recht­li­chen – Insti­tut der Anspruchs­ver­jäh­rung kön­nen des­halb kei­ne Rück­schlüs­se auf den pro­zes­sua­len Streit­ge­gen­stand gezo­gen wer­den.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur beschränk­ten Revi­si­ons­zu­las­sung recht­fer­tigt eben­falls kei­ne ande­re Betrach­tungs­wei­se.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann die Zulas­sung der Revi­si­on zwar auf eine von meh­re­ren zur Begrün­dung eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs wegen feh­ler­haf­ter Anla­ge­be­ra­tung vor­ge­tra­ge­nen Pflicht­ver­let­zun­gen beschränkt wer­den [19]. Dar­aus folgt jedoch, ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­ons­er­wi­de­rung, nicht, dass jede ein­zel­ne Pflicht­ver­let­zung einen geson­der­ten Streit­ge­gen­stand begrün­det. Der Bun­des­ge­richts­hof hat die wirk­sa­me Beschrän­kung der Revi­si­ons­zu­las­sung aus­drück­lich nicht davon abhän­gig gemacht, dass ver­schie­de­ne Streit­ge­gen­stän­de vor­lie­gen [20]. Dar­über hin­aus hat­te der Bun­des­ge­richts­hof bereits für die Revi­si­ons­zu­las­sung nach § 546 Abs. 1 ZPO a.F. die Beschrän­kung auf Tei­le eines ein­heit­li­chen pro­zes­sua­len Anspruchs gebil­ligt [21]. Ähn­lich wie beim Teil­ur­teil, des­sen Vor­aus­set­zun­gen frei­lich nicht vor­lie­gen müs­sen [20], ist Vor­aus­set­zung der beschränk­ten Revi­si­ons­zu­las­sung ledig­lich die Selb­stän­dig­keit eines Teils des Streit­stoffs in dem Sin­ne, dass die­ser in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht unab­hän­gig von dem übri­gen Pro­zess­stoff beur­teilt wer­den und auch im Fal­le einer Zurück­ver­wei­sung kein Wider­spruch zum nicht anfecht­ba­ren Teil des Streit­stoffs auf­tre­ten kann [22]. Wie sich aus § 301 Abs. 1 Satz 1 Fall 2 ZPO ergibt, hängt selbst der Erlass eines Teil­ur­teils nicht von der Mehr­heit der pro­zes­sua­len Ansprü­che ab [23]. Die Vor­aus­set­zun­gen einer beschränk­ten Revi­si­ons­zu­las­sung gehen dar­über nicht hin­aus.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Okto­ber 2013 – XI ZR 42/​12

  1. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urtei­le vom 18.01.1985 – V ZR 233/​83, BGHZ 93, 287, 288 f.; vom 19.11.2003 – VIII ZR 60/​03, BGHZ 157, 47, 50; und vom 13.01.2009 – XI ZR 66/​08, WM 2009, 402 Rn. 16, jeweils mwN[]
  2. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urtei­le vom 13.01.2009 – XI ZR 66/​08, WM 2009, 402 Rn. 17; und vom 25.10.2012 – IX ZR 207/​11, WM 2012, 2242 Rn. 14, jeweils mwN[]
  3. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urtei­le vom 19.11.2003 – VIII ZR 60/​03, BGHZ 157, 47, 51; vom 13.09.2012 – I ZR 230/​11, BGHZ 194, 314 Rn.19; und vom 25.10.2012 – IX ZR 207/​11, WM 2012, 2242 Rn. 14, jeweils mwN[]
  4. BGH, Urtei­le vom 19.12.1991 – IX ZR 96/​91, BGHZ 117, 1, 6; und vom 25.10.2012 – IX ZR 207/​11, WM 2012, 2242 Rn. 21[]
  5. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urtei­le vom 19.12.1991 – IX ZR 96/​91, BGHZ 117, 1, 6; und vom 27.09.2011 – II ZR 221/​09, WM 2011, 2223 Rn. 21[]
  6. BGH, Urtei­le vom 27.09.2011 – II ZR 221/​09, WM 2011, 2223 Rn. 21; und vom 25.10.2012 – IX ZR 207/​11, WM 2012, 2242 Rn. 15[]
  7. BGH, Urtei­le vom 19.12.1991 – IX ZR 96/​91, BGHZ 117, 1, 6 f.; vom 17.03.1995 – V ZR 178/​93, WM 1995, 1204, 1205 f.; und vom 27.09.2011 – II ZR 221/​09, WM 2011, 2223 Rn. 21[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 27.05.1993 – III ZR 59/​92, NJW 1993, 2173, inso­weit nicht in BGHZ 122, 363 abge­druckt; vom 11.07.1996 – III ZR 133/​95, NJW 1996, 3151, 3152; und vom 24.01.2013 – I ZR 60/​11, GRUR 2013, 397 Rn. 13[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 13.09.2012 – I ZR 230/​11, BGHZ 194, 314 Rn.19[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 22.09.2011 – III ZR 186/​10, NJW ‑RR 2012, 111 Rn. 9 aE[]
  11. BGH, Urteil vom 24.01.2008 – VII ZR 46/​07, VersR 2008, 942 Rn. 16 und 19[]
  12. BGH, Urteil vom 214.01.2008 – VII ZR 46/​07, VersR 2008, 942 Rn. 16 und 19[]
  13. BGH, Urteil vom 13.05.2008 – IX ZR 136/​07, WM 2008, 1560 Rn. 24[]
  14. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.11.2007 – V ZR 25/​07, WM 2008, 89 Rn. 16 f.; vom 23.06.2009 – XI ZR 171/​08, BKR 2009, 372 Rn. 14; vom 22.07.2010 – III ZR 203/​09, WM 2010, 1690 Rn. 13; und vom 01.03.2011 – II ZR 16/​10, WM 2011, 792 Rn. 13[]
  15. Münch­Komm-BGB/­Gro­the, BGB, 6. Aufl., § 194 Rn. 2; Palandt/​Ellenberger, BGB, 72. Aufl., § 194 Rn. 2; Erman/­Schmidt-Räntsch, BGB, 13. Aufl., § 194 Rn. 8[]
  16. st. Rspr., vgl. BGH, Urtei­le vom 13.01.2009 – XI ZR 66/​08, WM 2009, 402 Rn. 17; und vom 25.10.2012 – IX ZR 207/​11, WM 2012, 2242 Rn. 14 mwN[]
  17. Erman/­Schmidt-Räntsch, BGB, 13. Aufl., § 194 Rn. 8[]
  18. st. Rspr., vgl. BGH, Urtei­le vom 12.12.1991 – I ZR 212/​89, BGHZ 116, 297, 300; und vom 24.06.1992 – VIII ZR 203/​91, BGHZ 119, 35, 41 sowie Münch­Komm-BGB/­Gro­the, BGB, 6. Aufl., § 195 Rn. 46 ff. mwN[]
  19. BGH, Urteil vom 16.10.2012 – XI ZR 368/​11; sowie Beschlüs­se vom 16.12.2010 – III ZR 127/​10, WM 2011, 526 Rn. 5 f.; und vom 16.04.2013 – XI ZR 332/​12[]
  20. BGH, Beschlüs­se vom 16.12.2010 – III ZR 127/​10, WM 2011, 526 Rn. 5 aE; und vom 07.06.2011 – VI ZR 225/​10, ZUM 2012, 35 Rn. 4 aE[][]
  21. BGH, Urtei­le vom 12.01.1970 – VII ZR 48/​68, BGHZ 53, 152, 154 f.; und vom 07.07.1983 – III ZR 119/​82, NJW 1984, 615 sowie Beschluss vom 10.01.1979 – IV ZR 76/​78, NJW 1979, 767[]
  22. BGH, Urteil vom 16.10.2012 – XI ZR 368/​11; sowie Beschlüs­se vom 16.12.2010 + – III ZR 127/​10, WM 2011, 526 Rn. 5; und vom 07.06.2011 – VI ZR 225/​10, ZUM 2012, 35 Rn. 4[]
  23. vgl. Münch­Komm-ZPO/­Mu­sielak, ZPO, 4. Aufl., § 301 Rn. 6 mwN[]