Nega­ti­ve Kom­pe­tenz­kon­flik­te – und der Rechts­mit­tel­ver­zicht der Par­tei­en

Bei nega­ti­ven Kom­pe­tenz­kon­flik­ten zwi­schen Gerich­ten ver­schie­de­ner Gerichts­zwei­ge ist § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO ent­spre­chend anwend­bar.

Nega­ti­ve Kom­pe­tenz­kon­flik­te – und der Rechts­mit­tel­ver­zicht der Par­tei­en

Obwohl ein nach § 17a GVG ergan­ge­ner und unan­fecht­bar gewor­de­ner Beschluss, mit dem ein Gericht den beschrit­te­nen Rechts­weg für unzu­läs­sig erklärt und den Rechts­streit an ein ande­res Gericht ver­wie­sen hat, nach dem Gesetz kei­ner wei­te­ren Über­prü­fung unter­liegt, ist eine – regel­mä­ßig dekla­ra­to­ri­sche – Zustän­dig­keits­be­stim­mung ent­spre­chend § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO im Inter­es­se einer funk­tio­nie­ren­den Rechts­pfle­ge und der Rechts­si­cher­heit gebo­ten, wenn es inner­halb eines Ver­fah­rens zu Zwei­feln über die Bin­dungs­wir­kung der Ver­wei­sung kommt und des­halb kei­nes der in Fra­ge kom­men­den Gerich­te bereit ist, die Sache zu bear­bei­ten, oder die Ver­fah­rens­wei­se eines Gerichts die Annah­me recht­fer­tigt, dass der Rechts­streit von die­sem nicht pro­zess­ord­nungs­ge­mäß geför­dert wer­den wird, obwohl er gemäß § 17b Abs. 1 GVG vor ihm anhän­gig ist 1.

Sofern zwei Gerich­te unter­schied­li­cher Rechts­we­ge ihre Zustän­dig­keit ver­neint haben, obliegt die Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts dem­je­ni­gen obers­ten Gerichts­hof des Bun­des, der zuerst dar­um ange­gan­gen wird 2.

Ein nach § 17a GVG ergan­ge­ner Beschluss, mit dem ein Gericht den zu ihm beschrit­te­nen Rechts­weg für unzu­läs­sig erklärt und den Rechts­streit an das Gericht eines ande­ren Rechts­wegs ver­wie­sen hat, ist einer wei­te­ren Über­prü­fung ent­zo­gen, sobald er unan­fecht­bar gewor­den ist. Ist das zuläs­si­ge Rechts­mit­tel nicht ein­ge­legt wor­den oder ist es erfolg­los geblie­ben oder zurück­ge­nom­men wor­den, ist die Ver­wei­sung für das Gericht, an das der Rechts­streit ver­wie­sen wor­den ist, hin­sicht­lich des Rechts­wegs gemäß § 17a Abs. 2 Satz 3 GVG bin­dend 3.

Im hier ent­schie­de­nen Fall ist die Ver­wei­sung an das Land­ge­richt Mön­chen­glad­bach unan­fecht­bar gewor­den. Eine Beschwer­de nach § 78 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 567 ZPO an das Lan­des­ar­beits­ge­richt (vgl. § 17a Abs. 4 Satz 3 GVG) kann inner­halb der Rechts­mit­tel­frist nicht ein­ge­legt wer­den; die Par­tei­en haben wirk­sam dar­auf ver­zich­tet.

Ob ein Ver­zicht vor­liegt, ist durch objek­ti­ve Aus­le­gung der Erklä­rung zu ermit­teln. Dabei ist wegen sei­ner weit­rei­chen­den Wir­kun­gen Zurück­hal­tung gebo­ten, ins­be­son­de­re bei der Annah­me eines kon­klu­den­ten Ver­zichts. Ein Rechts­mit­tel­ver­zicht ist nur dann anzu­neh­men, wenn in der Erklä­rung klar und ein­deu­tig der Wil­le zum Aus­druck kommt, die Ent­schei­dung end­gül­tig hin­neh­men und nicht anfech­ten zu wol­len 4.

Indem die Par­tei­en im Ver­gleich vor dem Arbeits­ge­richt jedoch erklärt haben, mög­li­che – nicht vom Teil­ver­gleich umfass­te – Ansprü­che vor den Zivil­ge­rich­ten wei­ter zu ver­fol­gen, haben sie zum Aus­druck gebracht, die Ent­schei­dung als end­gül­tig hin­zu­neh­men und nicht anfech­ten zu wol­len. Eine Erle­di­gung des arbeits­ge­richt­li­chen Rechts­streits durch den Teil­ver­gleich setz­te zwin­gend vor­aus, dass die Par­tei­en die Ver­wei­sung end­gül­tig hin­neh­men und nicht mehr anfech­ten woll­ten.

Die­ser Beur­tei­lung steht im Streit­fall nicht ent­ge­gen, dass der Rechts­mit­tel­ver­zicht bereits vor dem Erlass der betrof­fe­nen Ent­schei­dung erklärt wur­de. Der Ver­zicht ist Pro­zess­hand­lung und kann sowohl vor als auch nach Erlass der betrof­fe­nen Ent­schei­dung abge­ge­ben wer­den 5. Für den Zeit­raum nach dem Inkraft­tre­ten des Zivil­pro­zess­re­form­ge­set­zes zum 1.01.2002 folgt dies für das Rechts­mit­tel der Beru­fung aus der Strei­chung der noch in § 514 ZPO aF ent­hal­te­nen Beschrän­kung auf nach Erlass des Urteils erklär­te Ver­zich­te in § 515 ZPO und all­ge­mein für gegen zivil­ge­richt­li­che Urtei­le gerich­te­te Rechts­mit­tel aus § 313a Abs. 2, Abs. 3 1. Halb­satz ZPO.

Für das Urteils­ver­fah­ren und das Beschluss­ver­fah­ren nach dem Arbeits­ge­richts­ge­setz, bei denen die Vor­schrif­ten der Zivil­pro­zess­ord­nung über die Beru­fung nach § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG bzw. § 64 Abs. 6 Satz 1, § 87 Abs. 2 Satz 1 ArbGG ent­spre­chend gel­ten, gilt nichts ande­res 6.

Zwar wird teil­wei­se ver­tre­ten, dass ein Rechts­mit­tel­ver­zicht für der Beschwer­de unter­lie­gen­de Ent­schei­dun­gen gegen­über dem Gericht vor deren Erlass nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des Rechts­mit­tel­rechts nicht mög­lich sei 7. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist aber ein im Wege eines Ver­gleichs erklär­ter Rechts­mit­tel­ver­zicht wirk­sam, denn Par­tei­en eines Rechts­streits kön­nen mate­ri­ell­recht­lich bin­den­de Ver­ein­ba­run­gen über einen Rechts­mit­tel­ver­zicht tref­fen 8. Im Streit­fall konn­ten die Par­tei­en jeden­falls vor dem in Rede ste­hen­den Ver­wei­sungs­be­schluss in dem geschlos­se­nen Ver­gleich auf das Rechts­mit­tel ver­zich­ten.

Der Rechts­mit­tel­ver­zicht in Form einer gegen­über dem Gericht abge­ge­be­nen Erklä­rung führt die for­mel­le Rechts­kraft der betrof­fe­nen Ent­schei­dung her­bei 9 und ist von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen 10. Ist ein all­sei­ti­ger Rechts­mit­tel­ver­zicht bereits im Vor­feld einer Ent­schei­dung erklärt, erwächst die Ent­schei­dung mit ihrem Erlass in Rechts­kraft 11.

Für eine Durch­bre­chung der Bin­dungs­wir­kung, wie sie im Anwen­dungs­be­reich des § 281 Abs. 1 ZPO ins­be­son­de­re für objek­tiv will­kür­li­che Ent­schei­dun­gen aner­kannt ist, ist grund­sätz­lich kein Raum 12. Das gesetz­li­che Mit­tel zur Siche­rung einer Ent­schei­dung durch das Gericht des zuläs­si­gen Rechts­wegs ist allein die Eröff­nung des Rechts­mit­tels gegen den Ver­wei­sungs­be­schluss. Steht den Par­tei­en aber ein Rechts­mit­tel zu Gebo­te und wird die­ses nicht genutzt, besteht kein Anlass, dem Gericht des für zuläs­sig erklär­ten Rechts­wegs die Befug­nis zuzu­bil­li­gen, sich an die Stel­le des Rechts­mit­tel­ge­richts zu set­zen 13.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bis­lang offen­las­sen kön­nen, ob Aus­nah­me­fäl­le denk­bar sind, in denen die bin­den­de Wir­kung einer rechts­kräf­ti­gen Ver­wei­sung zu ver­nei­nen ist. Die­se Fra­ge bedarf auch im Streit­fall kei­ner Ent­schei­dung. Eine Durch­bre­chung der Bin­dungs­wir­kung kommt allen­falls bei, wie es das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt for­mu­liert hat 14, "extre­men Ver­stö­ßen" gegen die den Rechts­weg und sei­ne Bestim­mung regeln­den mate­ri­ell- und ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­schrif­ten in Betracht 15.

Ein der­art kras­ser Rechts­feh­ler ist im Streit­fall nicht gege­ben. Das Arbeits­ge­richt hat ersicht­lich und ver­tret­ba­rer­wei­se ange­nom­men, dass es sich bei den nicht vom Teil­ver­gleich umfass­ten For­de­run­gen der Klä­ge­rin unge­ach­tet ihrer "Ein­klei­dung" in den Arbeits­ver­trag um sol­che aus dem Kauf­ver­trag han­delt.

Einen die Bin­dungs­wir­kung besei­ti­gen­den extre­men Rechts­ver­stoß stellt es auch nicht dar, dass der Ver­wei­sungs­be­schluss ent­ge­gen § 17a Abs. 4 Satz 2 GVG nicht begrün­det ist. Eine feh­len­de Begrün­dung recht­fer­tigt eine Durch­bre­chung der Bin­dungs­wir­kung jeden­falls dann nicht, wenn sich der Ver­wei­sungs­grund – wie im Streit­fall – aus der Akte ergibt 16.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Okto­ber 2017 – X ARZ 326/​17

  1. BGH, Beschluss vom 11.07.2017 – X ARZ 76/​17, WM 2017, 1755 Rn. 4; Beschluss vom 29.04.2014 – X ARZ 172/​14, NJW 2014, 2125 Rn. 5; Beschluss vom 14.05.2013 – X ARZ 167/​13, MDR 2013, 1242 Rn. 5 mwN[]
  2. BGH, WM 2017, 1755 Rn. 6; NJW 2014, 2125 Rn. 7 mwN[]
  3. BGH, WM 2017, 1755 Rn. 8; NJW 2014, 2125 Rn. 9; MDR 2013, 1242 Rn. 9[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 05.09.2006 – VI ZB 65/​05, NJW 2006, 3498 Rn. 8[]
  5. vgl. Beck­OK ZPO/​Wulf, 26. Edi­ti­on, § 515 Rn. 34; MünchKomm-.ZPO/Rimmelspacher, 5. Aufl., § 515 Rn. 8[]
  6. vgl. BAG, Beschluss vom 08.09.2010 7 ABR 73/​09, NZA 2011, 934 Rn. 31 f. mwN[]
  7. vgl. für die Streit­be­schwer­de, OLG Cel­le, Beschluss vom 17.11.2005 3 W 142/​05 10; OLG Köln, Beschluss vom 18.11.1999 12 W 56/​9920; MünchKomm-.ZPO/Lipp, 5. Aufl., § 567 Rn. 35[]
  8. BGH, Beschluss vom 10.10.2013 – VII ZR 248/​11, IBRRS 2013, 464[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 04.07.1988 – II ZR 334/​87, NJW 1989, 170; MünchKomm-.ZPO/Rimmelspacher, 5. Aufl., § 515 Rn. 16 mwN; Zöller/​Stöber, ZPO, 31. Aufl., § 705 Rn. 9[]
  10. BGH, Urteil vom 12.03.2002 – VI ZR 379/​01, NJW 2002, 2108, 2109; Beschluss vom 01.04.1958 – VIII ZR 191/​57, NJW 1958, 868[]
  11. vgl. Musielak/​Voit/​Ball, ZPO, 14. Aufl., § 515 Rn. 8; Prütting/​Gehrlein/​Lemke, ZPO, 8. Aufl., § 515 Rn. 12[]
  12. BGH, WM 2017, 1755 Rn. 9; NJW 2014, 2125 Rn. 12[]
  13. BGH, MDR 2013, 1242 Rn. 12[]
  14. BVerwG, Beschluss vom 08.11.1994 9 AV 1/​94, NVwZ 1995, 372[]
  15. BGH, NJW 2014, 2125 Rn. 13 mwN[]
  16. BAG, Beschluss vom 04.09.1995 – 5 AS 14/​95 16[]