Neu­es Vor­brin­gen in der Revi­si­ons­in­stanz

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die Berück­sich­ti­gung neu­en Vor­brin­gens in der Revi­si­ons­in­stanz in Fäl­len zuläs­sig, in denen einer der in § 580 Nr. 1 bis 7 Buchst. a ZPO gere­gel­ten Resti­tu­ti­ons­grün­de gel­tend gemacht wird und, soweit die­se auf einer straf­ba­ren Hand­lung beru­hen580 Nr. 1 bis 5 ZPO), des­we­gen eine rechts­kräf­ti­ge Ver­ur­tei­lung ergan­gen ist (§ 581 Abs. 1 ZPO).

Neu­es Vor­brin­gen in der Revi­si­ons­in­stanz

Dies beruht auf der Erwä­gung, dass sich das Revi­si­ons­ur­teil sonst zum Inhalt eines rechts­kräf­ti­gen Erkennt­nis­ses eines ande­ren Gerichts in Wider­spruch set­zen oder doch die­ses Erkennt­nis unbe­ach­tet las­sen wür­de; die­se Fol­ge wäre der Ein­heit­lich­keit und dem Anse­hen der Recht­spre­chung in hohem Maße abträg­lich [1].

Ande­res gilt für den Resti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 7 Buchst. b ZPO.

Die­ser recht­fer­tigt eine Berück­sich­ti­gung neu­er Tat­sa­chen im Revi­si­ons- bezie­hungs­wei­se Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren nur aus­nahms­wei­se, wenn höhe­re Belan­ge der All­ge­mein­heit und der ihr die­nen­den Rechts­pfle­ge dies for­dern [2]. Dies trifft etwa zu, wenn in dem­sel­ben anhän­gi­gen Ver­fah­ren ohne Berück­sich­ti­gung des neu­en Vor­brin­gens noch wei­te­re unrich­ti­ge Urtei­le ergin­gen, die nur durch eine Resti­tu­ti­ons­kla­ge besei­tigt wer­den kön­nen [3]. Wird der Rechts­streit hin­ge­gen durch die Ent­schei­dung des Revi­si­ons­ge­richts ins­ge­samt been­det, kön­nen neue Tat­sa­chen und Beweis­mit­tel, die einen Resti­tu­ti­ons­grund nach § 580 Nr. 7 Buchst. b ZPO dar­stel­len, grund­sätz­lich nicht ent­ge­gen § 559 ZPO berück­sich­tigt wer­den; der Grund der Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit allein genügt für die Zulas­sung des neu­en Vor­brin­gens nicht [4]. In die­sen Fäl­len muss die Par­tei die Resti­tu­ti­ons­kla­ge erhe­ben, damit die neu­en Tat­sa­chen Berück­sich­ti­gung fin­den kön­nen. Somit hängt es von der jewei­li­gen ver­fah­rens­recht­li­chen Lage des Rechts­streits ab, ob das neue Vor­brin­gen zuge­las­sen wer­den kann [5].

An die­ser Recht­spre­chung ist fest­zu­hal­ten. § 559 ZPO dient dem Stre­ben nach Rechts­si­cher­heit und Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung. Die Vor­schrift soll ver­mei­den, dass das Revi­si­ons­ge­richt mit tat­säch­li­chen Wür­di­gun­gen in der Sache selbst befasst wird, und der Gefahr vor­beu­gen, dass rechts­miss­bräuch­lich der Ein­tritt der Rechts­kraft eines Urteils gehemmt oder die Voll­stre­ckung eines Urteils des Beru­fungs­ge­richts hin­aus­ge­zö­gert wird. Die Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit erfor­dert im Fal­le des § 580 Nr. 7 Buchst. b ZPO nicht die Berück­sich­ti­gung des neu­en tat­säch­li­chen Vor­brin­gens im Revi­si­ons­ver­fah­ren. Gemäß § 584 Abs. 1 ZPO ist die Resti­tu­ti­ons­kla­ge, wenn der Rechts­streit die Revi­si­ons­in­stanz erreicht hat, näm­lich regel­mä­ßig beim Beru­fungs­ge­richt zu erhe­ben, und die­ses wäre im All­ge­mei­nen auch bei einer Zurück­ver­wei­sung der Sache durch das Revi­si­ons­ge­richt zur Ent­schei­dung beru­fen [6]. Die Ver­wei­sung auf den Weg der Resti­tu­ti­ons­kla­ge führt des­halb ins­ge­samt nicht zu einer erheb­li­chen Ver­zö­ge­rung. Zudem stün­de die Par­tei, die sich auf den Resti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 7 Buchst. b ZPO beruft, im Fal­le einer Zurück­ver­wei­sung der Sache durch das Revi­si­ons­ge­richt unge­recht­fer­tigt bes­ser als bei Erhe­bung einer Resti­tu­ti­ons­kla­ge. Denn im Resti­tu­ti­ons­ver­fah­ren ist die Ein­füh­rung wei­te­rer neu­er, nicht im Zusam­men­hang mit der nach­träg­lich auf­ge­fun­de­nen Urkun­de ste­hen­der Tat­sa­chen und Beweis­mit­tel regel­mä­ßig aus­ge­schlos­sen [7]. Dem­ge­gen­über führ­te die Zurück­ver­wei­sung der Sache zur Prü­fung der tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des Resti­tu­ti­ons­grun­des an das Beru­fungs­ge­richt zur erneu­ten Eröff­nung des Beru­fungs­rechts­zugs, in dem über den Resti­tu­ti­ons­grund hin­aus in den Gren­zen des § 531 Abs. 2 ZPO neue Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel zuläs­sig sein kön­nen.

Dem­zu­fol­ge konn­te in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit der neue Vor­trag der Klä­ge­rin in der Revi­si­ons­in­stanz nicht berück­sich­tigt wer­den. Für den Resti­tu­ti­ons­grund nach § 580 Nr. 4 ZPO fehlt es an der hier­für gemäß § 581 Abs. 1 ZPO erfor­der­li­chen rechts­kräf­ti­gen Ver­ur­tei­lung. Der Resti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 7 Buchst. b ZPO erlaubt nach den vor­ste­hen­den Grund­sät­zen die Berück­sich­ti­gung des neu­en Vor­brin­gens eben­falls nicht. Die Gefahr, dass inner­halb des­sel­ben Rechts­streits ein­an­der wider­spre­chen­de Urtei­le erge­hen könn­ten, wie etwa im Fal­le von Kla­ge und Wider­kla­ge oder im Ver­hält­nis zwi­schen Grund- und Betrags­ver­fah­ren, besteht vor­lie­gend nicht. Viel­mehr ist der Rechts­streit mit der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs ins­ge­samt been­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. August 2020 – III ZR 128/​19

Neues Vorbringen in der Revisionsinstanz
  1. BGH, Urtei­le vom 09.07.1951 – IV ZR 3/​50, BGHZ 3, 65, 67 f; und vom 06.03.1952 – IV ZR 80/​51, BGHZ 5, 240, 247; s. auch BGH, Urteil vom 03.04.1952 – III ZR 32/​51, BGHZ 5, 299, 301 f; BGH, Urtei­le vom 23.11.2006 – IX ZR 141/​04, NJW-RR 2007, 767 Rn. 14; und vom 10.01.2017 – X ZR 17/​13, BGHZ 213, 238 Rn. 15 sowie Beschluss vom 12.05.2016 – V ZB 135/​15, NJW 2016, 3789 Rn. 15[]
  2. BGH, Urteil vom 09.03.1959 – III ZR 11/​58, VersR 1959, 616, 617; BGH, Urtei­le vom 29.06.1955 – IV ZR 55/​55, BGHZ 18, 59, 60; und vom 18.03.2003 – XI ZR 188/​02, NJW 2003, 2088, 2089; Beschlüs­se vom 27.04.2010 – XI ZR 154/​09, Beck­RS 2010, 13123; und vom 13.12.2011 – XI ZR 75/​11, Beck­RS 2012, 613[]
  3. BGH aaO; BGH, Urtei­le vom 06.03.1952 aaO S. 249; vom 29.06.1955 aaO; und vom 18.03.2003 aaO; Beschlüs­se vom 27.04.2010 aaO; vom 06.10.2011 – IX ZB 148/​11, MDR 2011, 1370, 1371; und vom 13.12.2011 aaO[]
  4. BGH, Urtei­le vom 29.06.1955 aaO; vom 18.03.2003 aaO; und vom 07.05.2007 – VI ZR 233/​05, NJW 2007, 3429 Rn. 13; Beschlüs­se vom 27.04.2010 aaO; vom 06.10.2011 aaO; und vom 13.12.2011 aaO mwN[]
  5. BGH, Urteil vom 06.03.1952 aaO S. 248; vgl. auch Urteil vom 29.06.1955 aaO[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 29.05.1956 – VI ZR 79/​55, ZZP 69 (1956), 438, 439[]
  7. BGH, Urtei­le vom 12.12.1962 – IV ZR 127/​62, BGHZ 38, 333, 335 f, 337; vom 28.10.1971 – IX ZR 79/​67, BGHZ 57, 211, 215 f; vom 21.10.2004 – IX ZR 59/​04, BGHZ 161, 1, 4 f; und vom 28.02.2007 – XII ZR 95/​04, BGHZ 171, 232 Rn. 18 ff[]