Nicht­zu­las­sung der Beru­fung – und das Will­kür­ver­bot

Eine gericht­li­che Ent­schei­dung ist dann will­kür­lich und ver­stößt damit gegen Art. 3 Abs. 1 GG in sei­ner Aus­prä­gung als Will­kür­ver­bot, wenn sie unter kei­nem denk­ba­ren Aspekt recht­lich ver­tret­bar ist und sich daher der Schluss auf­drängt, dass sie auf sach­frem­den Erwä­gun­gen beruht.

Nicht­zu­las­sung der Beru­fung – und das Will­kür­ver­bot

Feh­ler­haf­te Aus­le­gung eines Geset­zes allein macht eine Gerichts­ent­schei­dung aller­dings nicht will­kür­lich. Will­kür liegt viel­mehr erst vor, wenn eine offen­sicht­lich ein­schlä­gi­ge Norm nicht berück­sich­tigt oder der Inhalt einer Norm in kras­ser Wei­se miss­deu­tet wird. Das ist anhand objek­ti­ver Kri­te­ri­en fest­zu­stel­len. Schuld­haf­tes Han­deln ist nicht erfor­der­lich [1].

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen [2], die zeit­lich vor dem mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­grif­fe­nen Urteil des Amts­ge­richts lie­gen, die Vor­aus­set­zun­gen für die Erstat­tung von Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten des Geschä­dig­ten nach einem Ver­kehrs­un­fall kon­kre­ti­siert. Dem fol­gen die Beru­fungs­kam­mern des Land­ge­richts Han­no­ver [3]. Inso­weit ist nicht mehr auf die vom Beschwer­de­füh­rer genann­ten älte­ren Ent­schei­dun­gen abzu­stel­len, in denen die Anfor­de­run­gen an den Geschä­dig­ten hin­sicht­lich der Dar­le­gungs- und Beweis­last bezüg­lich der Erfor­der­lich­keit der Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten noch gerin­ger waren.

Die Anfor­de­run­gen, die der Bun­des­ge­richts­hof und das ihm fol­gen­de Land­ge­richt einem Geschä­dig­ten hin­sicht­lich der Dar­le­gungs- und Beweis­last abver­lan­gen, unter­schei­den sich aller­dings auch nach die­ser aktu­el­len Recht­spre­chung von denen, die das Amts­ge­richt in dem ange­grif­fe­nen Urteil for­mu­liert. Nach dem Bun­des­ge­richts­hof, dem das Land­ge­richt folgt, ent­fällt die Indi­zwir­kung der Sach­ver­stän­di­gen­rech­nung dann, wenn – objek­tiv – die Rech­nung erheb­lich über den übli­chen Prei­sen liegt und dies – sub­jek­tiv – für den Geschä­dig­ten deut­lich erkenn­bar war. Damit spie­len der Wis­sens­stand und die Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten des Geschä­dig­ten erst auf einer zwei­ten Stu­fe bei der Prü­fung, ob die Indi­zwir­kung der begli­che­nen Rech­nung ent­fällt, eine maß­ge­ben­de Rol­le für die Fra­ge, ob die Kos­ten erfor­der­lich waren. Das Amts­ge­richt hin­ge­gen nimmt über­haupt kei­ne Indi­zwir­kung der Rech­nung an und stellt hin­sicht­lich bestimm­ter Kos­ten dar­auf ab, dass der Beschwer­de­füh­rer dies­be­züg­lich nichts zur Erfor­der­lich­keit dar­ge­legt und unter Beweis gestellt habe, ohne dar­auf ein­zu­ge­hen, ob für die­sen über­haupt erkenn­bar war, ob dies uner­heb­li­che und über­höh­te Abrech­nungs­po­si­tio­nen sind.

Es spricht daher eini­ges dafür, dass das Amts­ge­richt die Beru­fung nach § 511 Abs. 4 ZPO hät­te zulas­sen müs­sen. Aller­dings ist mit Rück­sicht auf die Begrün­dung des Amts­ge­richts und unter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs die Gren­ze zur Will­kür bei der Aus­le­gung und Anwen­dung der Vor­schrift über die Beru­fungs­zu­las­sung nicht über­schrit­ten. Das Amts­ge­richt ist der Auf­fas­sung, nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kom­me einer vom Geschä­dig­ten bezahl­ten Rech­nung, die mit der getrof­fe­nen Hono­rar­ver­ein­ba­rung über­ein­stim­me, eine Indi­zwir­kung für die Erfor­der­lich­keit der Kos­ten zu. Lie­ge jedoch, wie hier, kei­ne Hono­rar­ver­ein­ba­rung vor, feh­le es an einer sol­chen Indi­zwir­kung der Sach­ver­stän­di­gen­rech­nung. Weil die Ver­ein­ba­rung feh­le, kön­ne sie auch kein Indiz für die spe­zi­el­le Situa­ti­on und Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten des Geschä­dig­ten lie­fern. Damit blei­be es Auf­ga­be des Geschä­dig­ten, die erfor­der­li­chen Kos­ten dar­zu­le­gen und not­falls zu bewei­sen.

Tat­säch­lich lau­ten die vom Bun­des­ge­richts­hof in den zitier­ten Ent­schei­dun­gen for­mu­lier­ten Maß­stä­be, nicht die Höhe der vom Sach­ver­stän­di­gen erstell­ten Rech­nung als sol­che, son­dern allei­ne der vom Geschä­dig­ten in Über­ein­stim­mung mit der Rech­nung und der ihr zugrun­de lie­gen­den getrof­fe­nen Preis­ver­ein­ba­rung tat­säch­lich erbrach­te Auf­wand bil­de einen Anhalt zur Bestim­mung des zur Her­stel­lung erfor­der­li­chen Betrags im Sin­ne von § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB [4]. Der Bun­des­ge­richts­hof stellt dann aber im Wei­te­ren auf den tat­säch­lich auf­ge­wen­de­ten Betrag ab.

Ange­sichts die­ser For­mu­lie­rung in den Ober­sät­zen des Bun­des­ge­richts­hofs und der Bezug­nah­me auf die­se im ange­grif­fe­nen Urteil beruht die Nicht­zu­las­sung der Beru­fung nicht auf einer Miss­deu­tung der Beru­fungs­zu­las­sungs­vor­aus­set­zun­gen in kras­ser Wei­se, so dass eine will­kür­li­che Rechts­an­wen­dung nicht ange­nom­men wer­den kann.

Soweit der Beschwer­de­füh­rer wei­ter rügt, das Urteil des Amts­ge­richts ver­let­ze ihn auch in sei­nem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art.20 Abs. 3 GG, gilt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Bezug auf § 511 Abs. 4 ZPO der­sel­be Prü­fungs­maß­stab wie unter III. 1. dar­ge­stellt. Danach fin­det auch hier ledig­lich eine Will­kür­kon­trol­le statt, so dass auf die vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen ver­wie­sen wird.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Febru­ar 2018 – 1 BvR 2120/​16

  1. vgl. BVerfGE 87, 273, 278 f.; 89, 1,13 f.; BVerfG, Beschluss vom 26.05.2004 – 1 BvR 2682/​03 , Rn. 10[]
  2. BGH, Urteil vom 22.07.2014 – VI ZR 357/​13; Urteil vom 26.04.2016 – VI ZR 50/​15; Urteil vom 19.07.2016 – VI ZR 491/​15 []
  3. vgl. LG Han­no­ver, Urteil vom 28.12 2015 – 19 S 55/​15 ; Beschluss vom 07.06.2016 – 9 S 5/​16; Urteil vom 14.12 2016 – 6 S 44/​16[]
  4. nament­lich BGH, Urteil vom 19.07.2016 – VI ZR 491/​15 19[]