Nieß­brauch am eige­nen Grund­stück

Ein Nieß­brauch kann auch an dem eige­nen Grund­stück bestellt wer­den (Eigen­tü­mer­nieß­brauch); der Nach­weis eines berech­tig­ten Inter­es­ses an der Bestel­lung ist nicht erfor­der­lich.

Nieß­brauch am eige­nen Grund­stück

Der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer kann einen Nieß­brauch für sich selbst bestel­len. Die Schaf­fung eines Rechts am eige­nen Grund­stück ist im Gesetz zwar nur für die Grund­schuld und die Ren­ten­schuld vor­ge­se­hen (§§ 1196, 1199 BGB). Die Vor­schrift des § 889 BGB, die bestimmt, dass ein Recht an einem frem­den Grund­stück bei nach­träg­li­cher Ver­ei­ni­gung von Eigen­tum und ding­li­chem Recht nicht erlischt, macht aber deut­lich, dass dem Gesetz ein Aus­schluss des Bestehens ding­li­cher Rech­te an eige­nen Grund­stü­cken fremd ist. Auch steht das in § 873 BGB auf­ge­stell­te Erfor­der­nis einer Eini­gung zwi­schen zwei Per­so­nen der Bestel­lung eines sol­chen Rechts nicht ent­ge­gen; die Vor­schrift soll ledig­lich ver­hin­dern, dass jemand ein Recht gegen sei­nen Wil­len erwirbt. Der Bun­des­ge­richts­hof hat des­halb die Bestel­lung einer Eigen­tü­mer­dienst­bar­keit für zuläs­sig erach­tet [1].

Für einen Nieß­brauch gilt nichts ande­res. Zwar ist die­ses Recht nach sei­ner recht­li­chen Kon­struk­ti­on eben­falls auf einen Drit­ten als Berech­tig­ten aus­ge­rich­tet. Wie bei der beschränk­ten per­sön­li­chen Dienst­bar­keit kann aber auch bei einem Nieß­brauch ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se des Eigen­tü­mers bestehen, es zunächst als Eigen­recht ent­ste­hen zu las­sen. Das zeigt sich ins­be­son­de­re bei einer beab­sich­tig­ten Ver­äu­ße­rung des Grund­stücks unter Nieß­brauchs­vor­be­halt. Eine vor­he­ri­ge, von dem Eigen­tü­mer selbst geschaf­fe­ne ding­li­che Siche­rung der ihm ver­blei­ben­den Nut­zungs­be­fug­nis bie­tet erheb­li­che Vor­tei­le gegen­über dem nur schuld­recht­li­chen Ver­spre­chen des Erwer­bers, unmit­tel­bar im Anschluss an den Erwerb einen Fremd­nieß­brauch zu bestel­len. Auch wenn die­ses Ver­spre­chen durch einen Rang­vor­be­halt des Eigen­tü­mers (§ 881 BGB) und eine im Vor­aus abge­ge­be­ne Ein­tra­gungs­be­wil­li­gung des Erwer­bers flan­kiert wird, ist der Eigen­tü­mer wegen der Mög­lich­keit von Ver­fü­gungs­be­schrän­kun­gen des Erwer­bers, die vor dem nach § 878 BGB maß­geb­li­chen Zeit­punkt ent­stan­den sind und wegen der Wir­kung des Rang­vor­be­halts nur für den jewei­li­gen Grund­stücks­ei­gen­tü­mer (§ 881 Abs. 3 BGB) nicht in glei­cher Wei­se geschützt [2]. Die Bestel­lung eines Nieß­brauchs am eige­nen Grund­stück wird daher heu­te zu Recht all­ge­mein als zuläs­sig ange­se­hen [3].

Die Wirk­sam­keit eines Eigen­tü­mer­nieß­brauchs ist nicht von dem Nach­weis eines berech­tig­ten Inter­es­ses an des­sen Bestel­lung im Ein­zel­fall abhän­gig. Die­se Fra­ge ist aller­dings umstrit­ten. Wäh­rend ein Teil des Schrift­tums ein berech­tig­tes Inter­es­se an der Bestel­lung eines Nieß­brauchs am eige­nen Grund­stück für erfor­der­lich erach­tet [4], spricht sich die inzwi­schen über­wie­gen­de Auf­fas­sung dafür aus, den Eigen­nieß­brauch an Grund­stü­cken unab­hän­gig von dem Nach­weis eines sol­chen Inter­es­ses zuzu­las­sen [5]. Die­se Auf­fas­sung über­zeugt den Bun­des­ge­richts­hof:

Aller­dings hat der Bun­des­ge­richts­hof die Bestel­lung einer Eigen­tü­mer­dienst­bar­keit bis­lang nur unter der Vor­aus­set­zung für zuläs­sig erach­tet, dass sie mit Rück­sicht auf eine beab­sich­tig­te Über­tra­gung des Eigen­tums an dem belas­te­ten Grund­stück geschieht und aus die­sem Grund ein Bedürf­nis an der Bestel­lung zu beja­hen ist [6]. Soweit dem zu ent­neh­men ist, dass ein sol­ches Inter­es­se Vor­aus­set­zung für die wirk­sa­me Schaf­fung einer Eigen­tü­mer­be­rech­ti­gung ist, wird hier­an nicht fest­ge­hal­ten. Rich­ti­ger­wei­se ist die Bestel­lung von Rech­ten am eige­nen Grund­stück bereits im Hin­blick auf die blo­ße Mög­lich­keit eines sol­chen Inter­es­ses als zuläs­sig anzu­se­hen; eines ent­spre­chen­den Nach­wei­ses bedarf es im Ein­zel­fall nicht. Das ent­spricht der Rechts­la­ge bei der Eigen­tü­mer­grund­schuld, wel­che eben­falls ohne Dar­le­gung des mit ihr ver­folg­ten Zwecks bestellt wer­den kann. Zugleich wird eine Über­for­de­rung des auf dem for­mel­len Kon­sens­prin­zip und der Beweis­mit­tel­be­schrän­kung beru­hen­den Grund­buch­ver­fah­rens ver­mie­den [7] und dem Gebot genügt, im Grund­stücks­ver­kehr kla­re und siche­re Rechts­ver­hält­nis­se zu schaf­fen [8]. Wäre die Wirk­sam­keit der Bestel­lung eines Eigen­nieß­brauchs von dem Nach­weis eines – nur schwer nach­prüf­ba­ren – berech­tig­ten Inter­es­ses abhän­gig, könn­te die Ent­ste­hung des Rechts näm­lich noch Jah­re spä­ter mit der Begrün­dung in Zwei­fel gezo­gen wer­den, bei des­sen Begrün­dung habe es an einem sol­chen Inter­es­se des Eigen­tü­mers gefehlt [9].

Eine ande­re Beur­tei­lung ist nicht des­halb gebo­ten, weil ein Eigen­tü­mer­nieß­brauch dazu genutzt wer­den kann, Gläu­bi­gern den Zugriff auf das Grund­stück zu erschwe­ren. Die­se Gefahr besteht bei der Eigen­tü­mer­grund­schuld eben­falls; gleich­wohl kann die­se nach dem Gesetz ohne Nach­weis eines berech­tig­ten Inter­es­ses am eige­nen Grund­stück bestellt wer­den. Der benach­tei­lig­te Gläu­bi­ger ist des­halb nicht schutz­los, denn die Bestel­lung ding­li­cher Rech­te am eige­nen Grund­stück, wel­che die Zugriffs­la­ge für ihn ver­schlech­tert und in Benach­tei­li­gungs­ab­sicht erfolgt, ist nach § 3 Abs. 1 AnfG anfecht­bar [10]. Die Son­der­re­ge­lun­gen der Gläu­bi­ger­an­fech­tung ver­drän­gen im Regel­fall die all­ge­mei­nen zivil­recht­li­chen Vor­schrif­ten, wie § 138 oder § 226 BGB [11]. Damit steht es in Ein­klang, dass die Absicht der Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung Berück­sich­ti­gung grund­sätz­lich nur im Anfech­tungs­ver­fah­ren, nicht aber im Rah­men der Grund­buch­ein­tra­gung fin­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Juli 2011 – V ZB 271/​10

  1. BGH, Urteil vom 11.03.1964 – V ZR 78/​62, BGHZ 41, 209, 210 f.; Urteil vom 08.04.1988 – V ZR 120/​87, NJW 1988, 2362, 2363[]
  2. vgl. näher Staudinger/​Frank, BGB [2009], § 1030 Rn. 34; Schön, Der Nieß­brauch an Sachen, S. 223; v. Lüb­tow NJW 1962, 275, 277[]
  3. vgl. Bay­O­bLG, Mitt­BayNot 1979, 6, 8; OLG Köln, NJW-RR 1999, 239; Staudinger/​Frank, BGB [2009], § 1030 Rn. 33; Soergel/​Stürner, BGB, 12. Aufl., § 1030 Rn. 3; Münch­Komm-BGB/Pohl­mann, 5. Aufl., § 1030 Rn. 22; Erman/​Michalski, BGB, 12. Aufl., § 1030 Rn. 6; RGRK/​Rothe, BGB, 12. Aufl., § 1030 Rn. 5; Palandt/​Bassenge, BGB, 70. Aufl., § 1030 Rn. 3; NKBGB/​Lemke, 2. Aufl., § 1030 Rn. 63; Bamberger/​Roth/​Wegmann, BGB, 2. Aufl., § 1030 Rn. 12; PWW/​Eickmann, 6. Aufl., § 1030 Rn. 9; Wie­ling, Sachen­recht, Bd. 1, 2. Aufl., § 1 II 3 b; Baur/​Stürner, Sachen­recht, 18. Aufl., § 32 I 3 c; Weit­nau­er, DNotZ 1958, 352; 1964, 716; v. Lüb­tow, NJW 1962, 275; Har­der, DNotZ 1970, 267, 269 f.; aA noch die älte­re Judi­ka­tur: RGZ 47, 202, 208 ff.; KGJ 51, 291, 292; OLG Düs­sel­dorf, NJW 1961, 561; vgl. aber auch RGZ 142, 231, 235[]
  4. LG Sta­de, NJW 1968, 1678; LG Ver­den, NdsR­pfl 1970, 208; Soergel/​Stürner, BGB, 12. Aufl., § 1030 Rn. 3; Erman/​Michalski, BGB, 12. Aufl., § 1030 Rn. 6; RGRK/​Rothe, BGB, 12. Aufl., § 1030 Rn. 5; v. Lüb­tow, NJW 1962, 275, 276[]
  5. Staudinger/​Frank, BGB [2009], § 1030 Rn. 35; Münch­Komm-BGB/Pohl­mann, 5. Aufl., § 1030 Rn. 24; Palandt/​Bassenge, BGB, 70. Aufl., § 1030 Rn. 3; NKBGB/​Lemke, 2. Aufl., § 1030 Rn. 63; PWW/​Eickmann, 6. Aufl., § 1030 Rn. 9; Schöner/​Stöber, Grund­buch­recht, 14. Aufl., Rn. 1373; Wes­ter­mann, Sachen­recht, 7. Aufl., § 121 II; Schön, Der Nieß­brauch an Sachen, S. 224; Weit­nau­er, DNotZ 1958, 352, 358; 1964, 716, 718; Har­der, DNotZ 1970, 267, 271 ff.[]
  6. BGH, Urteil vom 11.03.1964 – V ZR 78/​62, BGHZ 41, 209, 211[]
  7. so zutref­fend Schöner/​Stöber, Grund­buch­recht, 14. Aufl., Rn. 1373[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 20.05.1988 – V ZR 269/​86, BGHZ 104, 298; BGH, Urteil vom 09.01.1958 – II ZR 275/​56, BGHZ 26, 225, 228[]
  9. vgl. Weit­nau­er, DNotZ 1964, 716, 718[]
  10. BFHE 229, 29, 35 Rn. 25 ff.; offen­ge­las­sen in BGH, Urteil vom 13.07.1995 – IX ZR 81/​94, BGHZ 130, 314, 321[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 19.03.1998 – IX ZR 22/​97, BGHZ 138, 291, 299 f.; Urteil vom 04.03.1993 – IX ZR 151/​92, NJW 1993, 2041 mwN[]