Ölspur auf der Auto­bahn – Scha­dens­er­satz und die Kla­ge­be­fug­nis des Bun­des

Die Gel­tend­ma­chung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen wegen der Ver­let­zung von Bun­des­ei­gen­tum – hier: Ölver­un­rei­ni­gung einer Bun­des­au­to­bahn – vor den Zivil­ge­rich­ten stellt kein Ver­wal­tungs­han­deln in enge­rem Sin­ne dar und bleibt dem Bund auch in Anse­hung von Art. 85, 90 Abs. 2 GG unbe­nom­men. Die Bun­des­rep­bu­lik ist mit­hin für den Scha­dens­er­satz­pro­zess pro­zess­füh­rungs­be­fugt.

Ölspur auf der Auto­bahn – Scha­dens­er­satz und die Kla­ge­be­fug­nis des Bun­des

Es bedarf kei­ner Ent­schei­dung, ob auch das Land Baden-Würt­tem­berg im Wege der ver­fas­sungs­un­mit­tel­ba­ren Pro­zess­stand­schaft für die Bun­des­re­pu­blik Ansprü­che der hier gege­be­nen Art im eige­nen Namen gel­tend machen und Leis­tung an sich ver­lan­gen könn­te, wovon das Land­ge­richt aus­geht [1].

Zu ent­schei­den ist allein die Fra­ge, ob (auch) der Bund pro­zess­füh­rungs­be­fugt ist. Die­se in Recht­spre­chung und Schrift­tum umstrit­te­ne, teil­wei­se offen­sicht­lich auch gar nicht als pro­ble­ma­tisch erkann­te Fra­ge bejaht das Land­ge­richt für den hier gege­be­nen Fall einer Ver­let­zung von Bun­des­ei­gen­tum. Denn eine aus­schließ­li­che Wahr­neh­mungs­kom­pe­tenz des Lan­des, nach außen gegen­über Drit­ten zu han­deln, besteht für zivil­recht­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che nicht. Die Gel­tend­ma­chung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen wegen Eigen­tums­ver­let­zun­gen von Bun­des­ei­gen­tum allein auf der Grund­la­ge zivil­recht­li­cher Anspruchs­grund­la­gen stellt kein Ver­wal­tungs­han­deln in einem enge­ren Sin­ne dar und bleibt dem Bund unbe­nom­men [2].

Eine aus­schließ­li­che Kom­pe­tenz der Län­der wird aller­dings – nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Karls­ru­he zu Recht – auf der Grund­la­ge von Art. 85 Abs. 1 GG für Ver­wal­tungs­han­deln ange­nom­men [3]. Dies gilt auch im Rah­men der Bun­des­auf­trags­ver­wal­tung der Bun­des­au­to­bah­nen und Bun­des­stra­ßen nach Art. 90 Abs. 2 GG.

Fer­ner hat der Bun­des­ge­richts­hof [4] in einem Fall, in dem eine Gemein­de geklagt hat­te, deren Kla­ge­be­fug­nis der Bun­des­ge­richts­hof bejaht hat, inso­weit obiter aus­ge­führt, es kön­ne „nicht ent­schei­dend sein, dass kraft aus­drück­li­cher Rege­lung die durch den Brand zer­stör­te Alarm­an­la­ge im Eigen­tum des Bun­des stand. Die Über­tra­gung der Erfül­lung von ori­gi­nä­ren Bun­des­auf­ga­ben im Bereich des Zivil­schut­zes auf die Gemein­den und dem­nach auf die Klä­ge­rin beinhal­tet not­wen­di­ger­wei­se auch die Über­tra­gung der Befug­nis zur eige­nen Gel­tend­ma­chung von Ersatz­an­sprü­chen, die sich aus der Beschä­di­gung von Zivil­schutz­ein­rich­tun­gen erge­ben. Denn auch die Ver­fol­gung sol­cher Ansprü­che stellt einen Akt der Ver­wal­tung dar, die vom Bund ent­spre­chend grund­ge­setz­li­cher Ermäch­ti­gung (Art. 87b Abs. 2 GG) über­tra­gen wur­de“ [5].

Hier­aus dürf­te zu ent­neh­men sein, dass der VI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs eine (kon­kur­rie­ren­de) Kla­ge­be­fug­nis der Bun­des­re­pu­blik ver­nei­nen wür­de, wor­auf es im zu ent­schei­den­den Fall indes nicht ankam.

Dem­ge­gen­über hat der III. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs in ver­gleich­ba­ren Fall­kon­stel­la­tio­nen eine Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis der Bun­des­re­pu­blik ange­nom­men [6]. Auch der V. Zivil­se­nat hat­te offen­sicht­lich kei­ne Beden­ken gegen eine ent­spre­chen­de Kla­ge der Bun­des­re­pu­blik aus § 906 BGB [7]. Das Ent­spre­chen­de gilt für Ent­schei­dun­gen des Ober­lan­des­ge­richts Olden­burg [8] und des Ober­lan­des­ge­richts Köln [9]. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Mün­chen [10] hat glei­cher­ma­ßen ent­schie­den, es kön­ne direkt der Bund in Anspruch genom­men wer­den, wenn die Auto­bahn allein in ihrer Eigen­schaft als zivil­recht­li­ches Eigen­tum des Bun­des betrof­fen sei. Eben­so hat das Land­ge­richt Karls­ru­he geur­teilt, aller­dings zur Fra­ge der Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on und ohne nähe­re Aus­ein­an­der­set­zung mit der Zuläs­sig­keit der Kla­ge der Bun­des­re­pu­blik [11].

Soweit jüngst der VI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs in einem Nass­rei­ni­gungs­fall einen Scha­dens­er­satz­an­spruch der Bun­des­re­pu­blik als Eigen­tü­me­rin einer Bun­des­stra­ße ange­nom­men hat, den das Land an einen Drit­ten wirk­sam habe abtre­ten kön­nen [12], so ist dar­aus nur abzu­lei­ten, dass der VI. Zivil­se­nat den Bund als ursprüng­li­chen Trä­ger des mate­ri­el­len Anspruchs ange­se­hen hat, wäh­rend über die Fra­ge der Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis nichts gesagt ist.

Das Land­ge­richt Karls­ru­he ist der Auf­fas­sung, dass auch der Bund berech­tigt ist, an sei­nem Eigen­tum ent­stan­de­ne Schä­den im eige­nen Namen gel­tend zu machen [13]. Die vom Grund­ge­setz vor­ge­se­he­ne Kom­pe­tenz­ord­nung im Bereich des Exe­ku­tiv­fö­de­ra­lis­mus, hier kon­kret der Bun­des­auf­trags­ver­wal­tung, soll nach ihrem Sinn und Zweck – unter ande­rem [14] – eine kla­re Zuord­nung der demo­kra­ti­schen Ver­ant­wort­lich­keit für Ver­wal­tungs­han­deln, ins­be­son­de­re im Bereich der Hoheits­ver­wal­tung, gewähr­leis­ten. Damit wird die Gewal­ten­tei­lung ver­ti­kal aus­dif­fe­ren­ziert und zugleich sicher­ge­stellt, dass der Bür­ger weiß, an wel­che Behör­de er sich hal­ten muss, wenn er sich gegen Ver­wal­tungs­han­deln wen­den oder wenn er von der Ver­wal­tung bestimm­te Leis­tun­gen erhal­ten oder mit ihr einen öffent­lich-recht­li­chen Ver­trag schlie­ßen möch­te. Ins­ge­samt über­wie­gen bei den Grün­den für die grund­ge­setz­li­che Kom­pe­tenz­ord­nung für Ver­wal­tungs­han­deln in den Art. 83 ff. GG dane­ben prag­ma­ti­sche Erwä­gun­gen des Ver­fas­sungs­ge­bers [15].

Es zählt dem­ge­gen­über nicht zu den Auf­ga­ben der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Kom­pe­tenz­ver­tei­lung, dem Bund in rei­nen Zivil­pro­zes­sen um ihm ent­stan­de­ne Schä­den an sei­nem Eigen­tum die Kla­ge­be­fug­nis zu neh­men. Hier­für bestün­de weder ein ver­fas­sungs­recht­li­ches noch ein prak­ti­sches Bedürf­nis, noch wäre die Ein­heit der Rechts­ord­nung in rele­van­ter Wei­se gefähr­det. Es han­delt sich bei der Füh­rung eines Zivil­pro­zes­ses um Scha­dens­er­satz auch nicht um die Wahr­neh­mung von Auf­sichts- oder Ein­griffs­rech­ten, die dem Bund nach dem Grund­ge­setz unter bestimm­ten Bedin­gun­gen zuste­hen (vgl. Art. 84, Art. 85 Abs. 1 Satz 2, Abs. 3 Satz 1 GG) [16]. Mit­hin kommt es auf die Kaute­len, die die Ver­fas­sung für ent­spre­chen­des Han­deln des Bun­des gegen­über den Län­dern vor­sieht, hier nicht an. Art. 85 GG befasst sich aus­schließ­lich mit der geset­zes­ak­zes­so­ri­schen Ver­wal­tung, d.h. bezieht sich nur auf die Aus­füh­rung von Bun­des­ge­set­zen durch die Län­der [17], wie etwa (i.V.m. Art. 90 Abs. 2 GG) im Fall der Aus­füh­rung des Bun­des­fern­stra­ßen­ge­set­zes. Von geset­zes­ak­zes­so­ri­scher Ver­wal­tung kann jedoch nicht die Rede sein, wenn ein Zivil­pro­zess um einen Scha­den an einer Bun­des­au­to­bahn geführt wird. Der Eigen­tü­mer tritt hier­bei gegen­über dem Schä­di­ger wie jeder belie­bi­ge sons­ti­ge Eigen­tü­mer auf, umge­kehrt ist der Schä­di­ger im Hin­blick auf die pro­zess­füh­ren­de Kör­per­schaft nicht schutz­wür­dig.

Aller­dings hebt der VI. Zivil­se­nat in sei­ner frü­he­ren Ent­schei­dung [18] her­vor, das Her­aus­bre­chen eines Teils der auf die Län­der über­tra­ge­nen Auf­ga­ben zu Guns­ten einer unmit­tel­ba­ren Bun­des­zu­stän­dig­keit ver­bie­te sich des­we­gen, weil sowohl die hier­für not­wen­di­ge aus­drück­li­che gesetz­li­che Rege­lung als auch jeder prak­ti­sche Anlass fehl­ten. Die­se Argu­men­ta­ti­on setzt indes bereits vor­aus, dass es sich bei der Gel­tend­ma­chung eines Eigen­tums­scha­dens vor den Zivil­ge­rich­ten um die Wahr­neh­mung einer Ver­wal­tungs­zu­stän­dig­keit im Sin­ne von Art. 85 GG han­delt. Die erken­nen­de Land­ge­richt geht hin­ge­gen davon aus, dass die Län­der zwar in Wahr­neh­mung ihrer umfas­sen­den Zustän­dig­keit im Rah­men der Bun­des­auf­trags­ver­wal­tung sol­che Ansprü­che gericht­lich gel­tend machen kön­nen, dies jedoch einer Gel­tend­ma­chung durch den eigent­lich Geschä­dig­ten, den Bund, nicht ent­ge­gen­steht. Denn die­ser trägt die finan­zi­el­le Bau­last für sei­ne Auto­bah­nen (Art. 104a Abs. 2 GG, § 5 Abs. 1 FStrG) und damit – unab­hän­gig von der vor­pro­zes­sua­len Inrech­nungstel­lung etwai­ger Schä­den durch Lan­des­be­hör­den, wie hier – im Ergeb­nis die Kos­ten der Wie­der­her­stel­lungs­maß­nah­men. Mit­hin erwächst ihm ein Scha­den, des­sen Gel­tend­ma­chung gegen den Schä­di­ger ihm zuste­hen muss.

Es ist auch nicht zu befürch­ten, dass der Schä­di­ger oder sein Haft­pflicht­ver­si­che­rer auf die­se Wei­se pro­zes­sua­ler oder mate­ri­el­ler Rech­te ver­lus­tig gehen. Gegen etwai­ge dop­pel­te Inan­spruch­nah­me könn­te die Beklag­te den Erfül­lungs­ein­wand erhe­ben. Im Übri­gen ver­tre­ten die Län­der den Bund vor Gericht und sind auf die­se Wei­se in die Gel­tend­ma­chung ein­ge­bun­den [19].

Land­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 11. März 2014 – 9 S 529/​11

  1. vgl. BGH, Urteil vom 14.11.1978 – VI ZR 133/​77 11 ff.; Bran­den­bur­gi­sches Ober­lan­des­ge­richt, Urteil vom 04.11.2010 – 12 U 53/​10 3; BVerwG, NVwZ 1983, 471[]
  2. a.A. Nico­laus, NVwZ 2003, 929, 931[]
  3. BVerfGE 104, 249, 264 ff.; BVerwG, NVwZ 1983, 471; OLG Cel­le, Beschluss vom 08.11.2012 – 13 Verg 7/​12 32 ff.; VG Koblenz, Urteil vom 16.09.2002 – 8 K 2774/​01KO, Beck­RS 2002, 31218495[]
  4. BGH, Urteil vom 14.11.1978 – VI ZR 133/​77[]
  5. BGH, a.a.O., Rn. 13[]
  6. BGH, Urteil vom 08.01.1981 – III ZR 157/​79 21 [zu § 22 WHG ohne Erör­te­rung der Beson­der­hei­ten der fakul­ta­ti­ven Auf­trags­ver­wal­tung gem. Art. 89 Abs. 2 GG]; Urteil vom 18.07.2002 – III ZR 287/​01 25[]
  7. Urteil vom 01.03.1974 – V ZR 82/​72[]
  8. BGH, Urteil vom 16.01.2013 – 4 U 40/​1119[]
  9. OLG Köln VersR 1983, 287[]
  10. VG Mün­chen, Urteil vom 12.11.2009 – M 10 K 08.2677, Beck­RS 2009, 49029, zu II. 2.a[]
  11. LG Karls­ru­he, Urteil vom 03.09.2013 – 3 O 306/​12[]
  12. BGH, Urteil vom 15.10.2013 – VI ZR 528/​12[]
  13. so wohl auch Bran­den­bur­gi­sches OLG, Urteil vom 04.11.2010 – 12 U 53/​10 3[]
  14. vgl. näher Ler­che, in: Maunz/​Dürig/​Herzog/​Scholz, Grund­ge­setz, 69. Erg-Lfg., Art. 83, Rn. 5, Art. 85, Rn. 8 f., m.w.N.; Mau­rer, JuS 2010, 945[]
  15. vgl. erneut den Über­blick bei Ler­che und Mau­rer, jeweils a.a.O.[]
  16. BVerfGE 81, BVerfGE Jahr 81 Sei­te 310, BVerfGE Jahr 81 Sei­te 331 ff.; 104, 249, 264 ff.[]
  17. Ler­che, a.a.O., Art. 85, Rn. 15, 18 m.w.N.[]
  18. BGH, Urteil vom 14.11.1978, a.a.O., Rn. 14[]
  19. BVerwG, NVwZ 1983, 471; BGH, Urteil vom 18.07.2002, a.a.O.[]