Ope­ra­ti­on nur durch Dr. X!

Will ein Pati­ent abwei­chend von den Grund­sät­zen des tota­len Kran­ken­haus­auf­nah­me­ver­trags sei­ne Ein­wil­li­gung in einen ärzt­li­chen Ein­griff auf einen bestimm­ten Arzt beschrän­ken, muss er sei­nen ent­spre­chen­den Wil­len ein­deu­tig zum Aus­druck brin­gen.

Ope­ra­ti­on nur durch Dr. X!

Die abwei­chen­de Auf­fas­sung wird, so der Bun­des­ge­richts­hof in einer aktu­el­len Ent­schei­dung, den Grund­sät­zen, die für den so genann­ten tota­len Kran­ken­haus­auf­nah­me­ver­trag gel­ten, nicht gerecht.

Der Pati­ent hat mit dem Kran­ken­haus­trä­ger einen ein­heit­li­chen, so genann­ten tota­len Kran­ken­haus­auf­nah­me­ver­trag geschlos­sen. Bei die­ser Regel­form der sta­tio­nä­ren Kran­ken­haus­be­treu­ung hat der Pati­ent grund­sätz­lich kei­nen Anspruch dar­auf, von einem bestimm­ten Arzt behan­delt und ope­riert zu wer­den. Zur Erfül­lung der Ver­pflich­tun­gen aus dem Behand­lungs­ver­trag kann sich der Kran­ken­haus­trä­ger viel­mehr grund­sätz­lich sei­nes gesam­ten ange­stell­ten Per­so­nals bedie­nen 1. Dem Kran­ken­haus­trä­ger als allei­ni­gem Ver­trags­part­ner ist es ins­be­son­de­re über­las­sen, den Ope­ra­ti­ons­plan so auf­zu­stel­len, dass alle Kran­ken­haus­ärz­te nach Mög­lich­keit gleich­mä­ßig her­an­ge­zo­gen und ent­spre­chend ihrem jewei­li­gen Kön­nen ein­ge­setzt wer­den, so dass einer­seits die höher qua­li­fi­zier­ten und erfah­re­nen Ärz­te für die schwie­ri­ge­ren Ein­grif­fe zur Ver­fü­gung ste­hen und ande­rer­seits den noch nicht so erfah­re­nen Assis­tenz­ärz­ten – unter Über­wa­chung durch einen erfah­re­nen Kol­le­gen – die Mög­lich­keit gege­ben wer­den kann, sich anhand von weni­ger schwie­ri­gen Ein­grif­fen wei­ter zu bil­den. Anders wäre die Auf­stel­lung eines den ver­schie­de­nen Schwie­rig­keits­gra­den der Ein­grif­fe gerecht wer­den­den Ope­ra­ti­ons­plans wie auch eine ver­nünf­ti­ge Aus- und Wei­ter­bil­dung der Ärz­te in Kran­ken­häu­sern nicht mög­lich 2.

Auch beim tota­len Kran­ken­haus­auf­nah­me­ver­trag bleibt es dem Pati­en­ten aller­dings unbe­nom­men zu erklä­ren, er wol­le sich nur von einem bestimm­ten Arzt ope­rie­ren las­sen. In die­sem Fall darf ein ande­rer Arzt den Ein­griff nicht vor­neh­men. Einen Anspruch dar­auf, dass der gewünsch­te Ope­ra­teur tätig wird, hat der Pati­ent jedoch nicht; er muss sich, wenn er nicht doch noch dar­in ein­wil­ligt, dass ein ande­rer Arzt den Ein­griff vor­nimmt, gege­be­nen­falls damit abfin­den, unbe­han­delt ent­las­sen zu wer­den 3. Ist ein Ein­griff durch einen bestimm­ten Arzt, regel­mä­ßig den Chef­arzt, ver­ein­bart oder kon­kret zuge­sagt, muss der Pati­ent recht­zei­tig auf­ge­klärt wer­den, wenn ein ande­rer Arzt an sei­ne Stel­le tre­ten soll. Sofern die Ein­wil­li­gung nicht ein­deu­tig auf die Behand­lung durch einen bestimm­ten Arzt beschränkt ist, erstreckt sie sich grund­sätz­lich auch auf die Behand­lung durch einen ande­ren Arzt 4. Denn ein gesetz­lich ver­si­cher­ter Pati­ent erklärt sich beim tota­len Kran­ken­haus­auf­nah­me­ver­trag im Regel­fall mit der Behand­lung durch alle die­je­ni­gen Ärz­te ein­ver­stan­den, die nach dem inter­nen Dienst­plan zustän­dig sind 5.

Die beim tota­len Kran­ken­haus­auf­nah­me­ver­trag bestehen­de Situa­ti­on ist von den Fäl­len zu unter­schei­den, in denen der Pati­ent auf­grund eines Zusatz­ver­trags Wahl­leis­tun­gen, ins­be­son­de­re die so genann­te Chef­arzt­be­hand­lung, in Anspruch nimmt. In die­sen Fäl­len ist der Arzt gegen­über dem Pati­en­ten aus einer aus­drück­li­chen Wahl­leis­tungs­ver­ein­ba­rung ver­pflich­tet und muss sei­ne Leis­tun­gen gemäß § 613 Satz 1 BGB grund­sätz­lich selbst erbrin­gen. Der Pati­ent schließt einen sol­chen Ver­trag näm­lich im Ver­trau­en auf die beson­de­ren Erfah­run­gen und die her­aus­ge­ho­be­ne medi­zi­ni­sche Kom­pe­tenz des von ihm aus­ge­wähl­ten Arz­tes ab, die er sich in Sor­ge um sei­ne Gesund­heit gegen Ent­rich­tung eines zusätz­li­chen Hono­rars für die Heil­be­hand­lung sichern will. Dem­zu­fol­ge muss der Wahl­arzt die sei­ne Dis­zi­plin prä­gen­de Kern­leis­tung per­sön­lich und eigen­hän­dig erbrin­gen. Ins­be­son­de­re muss der als Wahl­arzt ver­pflich­te­te Chir­urg die geschul­de­te Ope­ra­ti­on grund­sätz­lich selbst durch­füh­ren, sofern er mit dem Pati­en­ten nicht eine Aus­füh­rung sei­ner Kern­leis­tun­gen durch einen Stell­ver­tre­ter wirk­sam ver­ein­bart hat 6.

Bei einem tota­len Kran­ken­haus­auf­nah­me­ver­trag kann der Pati­ent, so der Bun­des­ge­richts­hof, grund­sätz­lich nicht erwar­ten, von einem bestimm­ten Arzt behan­delt zu wer­den. Wenn der Pati­ent aus­schließ­lich in die Ope­ra­ti­on durch einen bestimm­ten Arzt ein­wil­li­gen will, obgleich er kei­nen ent­spre­chen­den Arzt­zu­satz­ver­trag abge­schlos­sen hat, muss er dem­ge­mäß in Anbe­tracht des dem Kran­ken­haus­trä­ger grund­sätz­lich zuste­hen­den Rechts, sich für die Behand­lung sei­nes gesam­ten Per­so­nals zu bedie­nen, ein­deu­tig zum Aus­druck brin­gen, dass er nur von einem bestimm­ten Arzt ope­riert wer­den will. Der von einem Pati­en­ten geäu­ßer­te Wunsch oder sei­ne sub­jek­ti­ve Erwar­tung, von einem bestimm­ten Arzt ope­riert zu wer­den, rei­chen nicht für die Annah­me einer auf eine bestimm­te Per­son beschränk­ten Ein­wil­li­gung aus 7.

Dies gilt auch dann, wenn ein Kran­ken­haus­arzt auf die Bit­te des Pati­en­ten in einem Vor­ge­spräch erklärt, er wer­de die Ope­ra­ti­on, sofern mög­lich, selbst durch­füh­ren. Eine sol­che Erklä­rung bringt zum Aus­druck, dass die per­sön­li­che Über­nah­me des Ein­griffs nicht ver­bind­lich zuge­sagt wer­den soll. Es wür­de den Inter­es­sen der behan­deln­den Ärz­te und der Kran­ken­haus­trä­ger nicht gerecht, wenn bereits eine sol­che nicht ver­bind­li­che Erklä­rung eines Arz­tes die erteil­te Ein­wil­li­gung auf sei­ne Per­son beschrän­ken und dazu füh­ren wür­de, dass ein von einem ande­ren Kran­ken­haus­arzt durch­ge­führ­ter Ein­griff wegen der feh­len-den Ein­wil­li­gung rechts­wid­rig wäre. Könn­te in sol­chen Fäl­len kei­ne wirk­sa­me Ein­wil­li­gung in die Behand­lung durch ande­re Ärz­te vor­lie­gen, bestün­de eine erheb­li­che Rechts­un­si­cher­heit, weil Kran­ken­haus­ärz­te und Kran­ken­haus­trä­ger beim tota­len Kran­ken­haus­auf­nah­me­ver­trag grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en dür­fen, dass die erteil­te Ein­wil­li­gung nicht an die Behand­lung durch eine bestimm­te Per­son gebun­den ist. Es wür­de die Orga­ni­sa­ti­on vor allem in gro­ßen medi­zi­ni­schen Ein­rich­tun­gen über Gebühr erschwe­ren, wenn auch nicht ver­bind­li­che Erklä­run­gen zu einer Haf­tung aus Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den füh­ren könn­ten, und dies – wie im Streit­fall – sogar dann, wenn der Wil­le des Pati­en­ten, nur von einem bestimm­ten Arzt behan­delt zu wer­den, im Auf­klä­rungs­ge­spräch und bei der Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten in den Ein­griff nicht erklärt wird. Dies wäre weder im Hin­blick auf eine mög­lichst wirt­schaft­li­che Orga­ni­sa­ti­on der Kran­ken­häu­ser, zu deren Auf­ga­ben es gehört, im Inter­es­se aller Pati­en­ten einen den ver­schie­de­nen Schwie­rig­keits­gra­den der Ein­grif­fe gerecht wer­den­den Ope­ra­ti­ons­plan auf­zu­stel­len und eine ver­nünf­ti­ge Aus- und Wei­ter­bil­dung der Ärz­te zu gewähr­leis­ten, noch im Hin­blick auf eine Gleich­be­hand­lung der gesetz­lich ver­si­cher­ten Pati­en­ten sach­ge­recht. Ande­rer­seits wird das Selbst­be­stim­mungs­recht des Pati­en­ten nicht über Gebühr beein­träch­tigt, wenn man die von den Grund­sät­zen des tota­len Kran­ken­haus­auf­nah­me­ver­trags abwei­chen­de Beschrän­kung der Ein­wil­li­gung auf einen bestimm­ten Arzt nur dann annimmt, wenn der Pati­ent sei­nen ent­spre­chen­den Wil­len ein­deu­tig zum Aus­druck bringt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Mai 2010 – VI ZR 252/​08

  1. vgl. OLG Cel­le VersR 1982, 46 f.; OLG Düs­sel­dorf VersR 1985, 1049, 1051; OLG Stutt­gart MedR 1986, 201, 202; OLG Mün­chen, Urteil vom 09.03.2006 – 1 U 4297/​05, Rn. 13; OLG Olden­burg MedR 2008, 295[]
  2. vgl. OLG Cel­le, aaO[]
  3. OLG Cel­le, a.a.O.[]
  4. vgl. OLG Olden­burg, a.a.O.; Geiß/​Greiner, Arzt­haft­pflicht­recht, 6. Aufl., C 15[]
  5. vgl. Kollhosser/​Kubillus JA 1996, 339, 341; Staudinger/​Hager, BGB (2009), § 823 Rn. I 109[]
  6. vgl. BGHZ 175, 76 Rn. 7 ff. m.w.N.[]
  7. vgl. OLG Cel­le, a.a.O., 47; OLG Mün­chen, Urteil vom 09.03.2006 – 1 U 4297/​05; Ben­der, VersR 2010, 450, 451[]