Par­tei­ver­nah­me bei Beweis­not im Arzt­haf­tungs­pro­zess

Nach dem Grund­satz der pro­zes­sua­len Waf­fen­gleich­heit muss der in Beweis­not befind­li­che Klä­ger im Arzt­haf­tungs­pro­zess jeden­falls dann per­sön­lich zu dem behaup­te­ten Behand­lungs­feh­ler ange­hört wer­den, wenn das Gericht dem beklag­ten Arzt bei der Fra­ge der Auf­klä­rung eben die­se Mög­lich­keit der Beweis­füh­rung eröff­net, bestä­tig­te jetzt noch­mals das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he in einem Arzt­haf­tungs­pro­zess, in dem es um einen Hygie­neman­gel bei einer intra­ar­ti­ku­lä­ren Injek­ti­on ging.

Par­tei­ver­nah­me bei Beweis­not im Arzt­haf­tungs­pro­zess

Aus dem Rechts­staats­prin­zip und aus dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG) folgt das Erfor­der­nis grund­sätz­li­cher Waf­fen­gleich­heit und gleich­mä­ßi­ger Ver­tei­lung des Pro­zess­ri­si­kos. In bür­ger­lich-recht­li­chen Strei­tig­kei­ten muss danach jeder Par­tei eine ver­nünf­ti­ge Mög­lich­keit ein­ge­räumt wer­den, ihren Fall – ein­schließ­lich ihrer Aus­sa­ge – vor Gericht unter Bedin­gun­gen zu prä­sen­tie­ren, die für die­se Par­tei kei­nen wesent­li­chen Nach­teil gegen­über ihrem Geg­ner dar­stel­len. Das bedeu­tet, dass die ein­an­der gegen­über­ste­hen­den Par­tei­en ver­fah­rens­recht­lich grund­sätz­lich gleich­ge­stellt wer­den müs­sen 1.

In der Recht­spre­chung der ordent­li­chen Zivil­ge­rich­te ist des­halb aner­kannt, dass einer Par­tei, die im Unter­schied zu ihrem Geg­ner kei­nen Zeu­gen für ein Vier-Augen-Gespräch hat, Gele­gen­heit gege­ben wer­den muss, ihre Dar­stel­lung des Gesprächs in den Pro­zess per­sön­lich ein­zu­brin­gen. Zu die­sem Zweck ist die Par­tei gemäß § 448 ZPO zu ver­neh­men oder gemäß § 141 ZPO anzu­hö­ren 2. Nach der Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts 3 gilt das auch dann, wenn das Gespräch allein zwi­schen den Par­tei­en statt­ge­fun­den hat und des­halb kein Zeu­ge, auch kein ‚geg­ne­ri­scher‘ Zeu­ge, zuge­gen war.

Ob die­se umstrit­te­ne Ansicht in ihrer All­ge­mein­heit Zustim­mung ver­dient, bedurf­te in dem kon­kre­ten Ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he kei­ner Ent­schei­dung. Es kommt auch nicht dar­auf an, ob die Beson­der­hei­ten des Arzt­haf­tungs­pro­zes­ses die per­sön­li­che Anhö­rung des Pati­en­ten nur bei der Fra­ge des Ent­schei­dungs­kon­flikts (dazu etwa BGH, NJW 2005, 1364) erfor­der­lich machen (so OLG Mün­chen, Beschl. v. 15. Febru­ar 2006, 1 U 5766/​05, Juris, Tz. 7). Denn nach dem Grund­satz der pro­zes­sua­len Waf­fen­gleich­heit ist die per­sön­li­che Anhö­rung der in Beweis­not befind­li­chen Par­tei jeden­falls dann gebo­ten, wenn das Gericht dem Geg­ner in einer ande­ren Fra­ge eben die­se Mög­lich­keit der Beweis­füh­rung eröff­net.

So ver­hält es sich aber in dem vom OLG Karls­ru­he ent­schie­de­nen Rechts­streit: Das Land­ge­richt hat sich allein auf­grund der per­sön­li­chen Anhö­rung des inso­weit beweis­be­las­te­ten Beklag­ten davon über­zeugt, dass die­ser den Klä­ger vor der Injek­ti­on auf­ge­klärt und ins­be­son­de­re auf das Infek­ti­ons­ri­si­ko hin­ge­wie­sen hat. Danach muss­te es den Klä­ger, um ihn ver­fah­rens­recht­lich nicht zu benach­tei­li­gen, auch zu den von ihm zu bewei­sen­den Behaup­tun­gen anhö­ren, der Beklag­te habe schon bei der ers­ten Behand­lung am 18. März 2004 eine intra­ar­ti­ku­lä­re Injek­ti­on durch­ge­führt und die Sprit­ze in bei­den Fäl­len ohne jede Des­in­fek­ti­on ins Knie gesetzt. Dass der Klä­ger kei­nen ent­spre­chen­den Beweis­an­trag gestellt hat, steht dem nicht ent­ge­gen. Die ver­fah­rens­recht­li­che Gleich­stel­lung der Par­tei­en eines Zivil­pro­zes­ses ver­langt zwar grund­sätz­lich nicht, dass die über kei­ne Zeu­gen ver­fü­gen­de Par­tei von Amts wegen ange­hört oder ver­nom­men wird, son­dern nur, dass ihre dies­be­züg­li­chen Anträ­ge nicht abge­lehnt wer­den 4. Hier gilt aber des­we­gen etwas ande­res, weil das Land­ge­richt die Anhö­rung des Beklag­ten zu der behaup­te­ten Risi­ko­auf­klä­rung eben­falls ohne ent­spre­chen­den Antrag durch­ge­führt hat.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 7. April 2010 – 7 U 114/​09

  1. BVerfG, NJW 2008, 2170, 2171[]
  2. vgl. nur BGH, NJW-RR 2006, 61, 63 m.w.N.[]
  3. NJW 2007, 2427, 2428[]
  4. BVerfG, a.a.O.[]