Par­tei­vor­trag – Recht­li­ches Gehör – Urteils­grün­de

Das Gebot recht­li­chen Gehörs ver­pflich­tet das Gericht unter ande­rem dazu, den wesent­li­chen Kern des Vor­brin­gens der Par­tei zu erfas­sen und soweit er eine zen­tra­le Fra­ge des jewei­li­gen Ver­fah­rens betrifft in den Grün­den zu beschei­den. Von einer Ver­let­zung die­ser Pflicht ist aus­zu­ge­hen, wenn die Begrün­dung der Ent­schei­dung des Gerichts nur den Schluss zulässt, dass sie auf einer allen­falls den äuße­ren Wort­laut, aber nicht den Sinn des Vor­trags der Par­tei erfas­sen­den Wahr­neh­mung beruht.

Par­tei­vor­trag – Recht­li­ches Gehör – Urteils­grün­de

Das Gebot recht­li­chen Gehörs ver­pflich­tet das Gericht, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen. Die­ses Gebot ver­pflich­tet das Gericht unter ande­rem dazu, den wesent­li­chen Kern des Vor­brin­gens der Par­tei zu erfas­sen und soweit er eine zen­tra­le Fra­ge des jewei­li­gen Ver­fah­rens betrifft in den Grün­den zu beschei­den 1. Von einer Ver­let­zung die­ser Pflicht ist aus­zu­ge­hen, wenn die Begrün­dung der Ent­schei­dung des Gerichts nur den Schluss zulässt, dass sie auf einer allen­falls den äuße­ren Wort­laut, aber nicht den Sinn des Vor­trags der Par­tei erfas­sen­den Wahr­neh­mung beruht 2.

So ver­hielt es sich auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall: Die Begrün­dung des Beru­fungs­ge­richts, war­um es kei­ne Zwei­fel an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts hegt, lässt nur den Schluss zu, dass das Beru­fungs­ge­richt den Sinn des Vor­brin­gens der Klä­ge­rin zu der zen­tra­len Fra­ge nicht erfasst hat, ob der auf der (funk­tio­na­len) Kern­spin­auf­nah­me vom 01.03.2012 erkenn­ba­re Band­schei­ben­vor­fall auf den streit­ge­gen­ständ­li­chen Unfall zurück­zu­füh­ren ist.

Wie zu Recht gerügt wird, hat­te die Klä­ge­rin sowohl mit erst­in­stanz­li­chem Schrift­satz als auch in der Beru­fungs­be­grün­dung gel­tend gemacht, dass die bei ihr vor­lie­gen­den Band­schei­ben­vor­fäl­le in den Seg­men­ten HWK 4/​5, 5/​6 und 6/​7 auf kon­ven­tio­nel­len MRT­Auf­nah­men nicht zu erken­nen sei­en, son­dern nur durch mit­tels unter­schied­li­cher Auf­nah­me­tech­nik erstell­te Funk­ti­ons­auf­nah­men nach­ge­wie­sen wer­den könn­ten. Um die­se Beson­der­heit zu ver­deut­li­chen habe die Klä­ge­rin nach der Anhö­rung der Sach­ver­stän­di­gen sowohl eine kon­ven­tio­nel­le MRT­Un­ter­su­chung als auch eine Funk­ti­ons­un­ter­su­chung durch­füh­ren las­sen. Wäh­rend die kon­ven­tio­nel­le MRT­Auf­nah­me eben­so wie die von der Sach­ver­stän­di­gen aus­ge­wer­te­te kon­ven­tio­nel­le Auf­nah­me ledig­lich eine Steil­stel­lung der HWS mit mar­gi­na­len Band­schei­ben­vor­wöl­bun­gen im Bereich HWK 57 zei­ge, wei­se die Funk­ti­ons­auf­nah­me wie die von der Sach­ver­stän­di­gen aus­ge­wer­te­te frü­he­re Funk­ti­ons­auf­nah­me einen breit­ba­si­gen dor­sa­len im Ver­lauf leicht regre­dient impo­nie­ren­den Band­schei­ben­vor­fall im Seg­ment HWK 5/​6 mit funk­tio­nel­lem Myelon­kon­takt in Rekli­na­ti­ons­stel­lung nach, eben­so wie flach­bo­gi­ge dor­so­me­dia­ne, im Ver­lauf grö­ßen­kon­stant impo­nie­ren­de Band­schei­ben­vor­fäl­le in den Seg­men­ten HWK 4/​5 und HWK 6/​7 mit jeweils funk­tio­nel­len seg­men­ta­len Myelon­kon­tak­ten in Rekli­na­ti­ons­stel­lung. Dem Umstand, dass die kon­ven­tio­nell erstell­te MRT­Auf­nah­me ledig­lich Band­schei­ben­vor­wöl­bun­gen, hin­ge­gen kei­nen Band­schei­ben­vor­fall erken­nen las­se, habe die Sach­ver­stän­di­ge des­halb nicht ent­neh­men dür­fen, dass der spä­ter dia­gnos­ti­zier­te und von der Sach­ver­stän­di­gen anhand der Funk­ti­ons­auf­nah­me vom 01.03.2012 auch bestä­tig­te Band­schei­ben­vor­fall im Seg­ment HWK 5/​6 erst im Nach­hin­ein auf­ge­tre­ten sei. Die Sach­ver­stän­di­ge habe sich inso­weit nicht aus­rei­chend mit den tech­ni­schen Fein­hei­ten der funk­tio­nel­len gegen­über der kon­ven­tio­nel­len Kern­spin­to­mo­gra­phie aus­ein­an­der­ge­setzt. Zum Beleg ihrer dies­be­züg­li­chen Behaup­tung hat­te die Klä­ge­rin die Befund­be­rich­te der kon­ven­tio­nell erstell­ten MRT­Auf­nah­me einer­seits und der am sel­ben Tag erstell­ten Funk­ti­ons­auf­nah­me ande­rer­seits vor­ge­legt und sich zum Beweis ihrer Behaup­tung auf die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens beru­fen.

Die­se Aus­füh­run­gen hat das Beru­fungs­ge­richt gehörs­wid­rig nicht erfasst und bei sei­ner Ent­schei­dung nicht erwo­gen. Ande­ren­falls hät­te es nicht zu der Beur­tei­lung gelan­gen kön­nen, die Äuße­run­gen der Klä­ge­rin sei­en nicht geeig­net, Zwei­fel an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der auf den Anga­ben der Sach­ver­stän­di­gen Dr. B. beru­hen­den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts zu erwe­cken. Denn es geht nicht dar­um, ob bereits mit den von der Klä­ge­rin vor­ge­leg­ten Funk­ti­ons­auf­nah­men ihre Behaup­tung, sie habe infol­ge des Ver­kehrs­un­falls einen Band­schei­ben­vor­fall erlit­ten, nach­ge­wie­sen wird. Viel­mehr basie­ren die Aus­füh­run­gen der Sach­ver­stän­di­gen und hier­auf gestützt das land­ge­richt­li­che Urteil (auch) dar­auf, dass auf der nach dem Unfall gefer­tig­ten kon­ven­tio­nel­len Auf­nah­me vom 03.11.2009 kein Band­schei­ben­vor­fall zu erken­nen ist. Lag dies aber so der Vor­trag der Klä­ge­rin dar­an, dass der bei ihr auf­ge­tre­te­ne Band­schei­ben­vor­fall auf kon­ven­tio­nel­len MRT­Auf­nah­men nicht erkenn­bar abge­bil­det wer­den kann, wer­den die Grund­la­gen des Gut­ach­tens und das dar­auf basie­ren­de land­ge­richt­li­che Urteil inso­weit in Fra­ge gestellt.

Die Gehörs­ver­let­zung ist ent­schei­dungs­er­heb­lich. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt bei Berück­sich­ti­gung des über­gan­ge­nen Sach­vor­trags der Klä­ge­rin und nach der gebo­te­nen ergän­zen­den Abklä­rung der von ihr auf­ge­wor­fe­nen radio­lo­gi­schen Fra­ge­stel­lung sowie im Fal­le der Bestä­ti­gung ihres Vor­trags nach einer dies berück­sich­ti­gen­den ergän­zen­den sach­ver­stän­di­gen Bewer­tung der Unfall­fol­gen zu einer ande­ren Beur­tei­lung gekom­men wäre.

Die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Gehörs­ver­let­zung ist nicht des­halb zu ver­nei­nen, weil die Klä­ge­rin den mit Ver­fü­gung des Land­ge­richts vom 03.05.2016 ange­for­der­ten wei­te­ren Aus­la­gen­vor­schuss in Höhe von 2.500 € nicht gezahlt hat. Sowohl das Land­ge­richt als auch das Beru­fungs­ge­richt gin­gen ersicht­lich davon aus, dass die radio­lo­gi­sche Begut­ach­tung abge­schlos­sen sei. Das Land­ge­richt for­der­te den Sach­ver­stän­di­gen Dr. H. in dem den ursprüng­li­chen Beweis­be­schluss abän­dern­den Beschluss vom 20.11.2015 auf, sei­ner Gut­ach­ten­s­er­stat­tung das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten der radio­lo­gi­schen Sach­ver­stän­di­gen zugrun­de zu legen, obwohl die Klä­ge­rin zuvor erheb­li­che Ein­wen­dun­gen gegen die­ses Gut­ach­ten erho­ben hat­te; eine sach­ver­stän­di­ge Stel­lung­nah­me zu den von der Klä­ge­rin auf­ge­wor­fe­nen, u.a. die (aufnahme)technischen Beson­der­hei­ten bei Kern­spin­to­mo­gra­phi­en betref­fen­den Fra­gen war nicht vor­ge­se­hen. In sei­nem Urteil hat es die Annah­me, der bei der Klä­ge­rin auf­ge­tre­te­ne Band­schei­ben­vor­fall sei eher auf ein dege­ne­ra­ti­ves Gesche­hen als auf ein Unfall­trau­ma zurück­zu­füh­ren, maß­geb­lich auf die Anga­ben der radio­lo­gi­schen Sach­ver­stän­di­gen Dr. B. und deren Aus­wer­tung der MRT­Auf­nah­me vom 03.11.2009 gestützt. Das Beru­fungs­ge­richt hat die sich ins­be­son­de­re auf die Anga­ben der radio­lo­gi­schen Sach­ver­stän­di­gen stüt­zen­de Beweis­wür­di­gung durch das Land­ge­richt für über­zeu­gend gehal­ten und sich des­halb an die land­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen gebun­den gefühlt (§ 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO).

Für die gebo­te­ne ergän­zen­de radio­lo­gi­sche Begut­ach­tung stand unab­hän­gig von der Bereit­schaft der Klä­ge­rin zur Zah­lung eines Kos­ten­vor­schus­ses auch ein aus­rei­chen­der Aus­la­gen­vor­schuss zur Ver­fü­gung. Die Klä­ge­rin hat­te ins­ge­samt 8.000 € ein­ge­zahlt, wovon bis­lang ledig­lich 3.686, 67 € auf­ge­braucht wor­den waren. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt den fest­ge­stell­ten Band­schei­ben­vor­fall bei Berück­sich­ti­gung des über­gan­ge­nen Sach­vor­trags der Klä­ge­rin und nach der gebo­te­nen ergän­zen­den Abklä­rung der von der Klä­ge­rin auf­ge­wor­fe­nen radio­lo­gi­schen Fra­ge­stel­lung als auf den Unfall zurück­zu­füh­ren­de Pri­märo­der auf die HWS­Dis­tor­si­on zurück­zu­füh­ren­de Sekun­där­ver­let­zung ange­se­hen hät­te.

Der ange­foch­te­ne Beschluss war des­halb vom Bun­des­ge­richts­hof auf­zu­he­ben und die Sache an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen. Die­ses wird bei erneu­ter Befas­sung Gele­gen­heit haben, auch das wei­te­re Vor­brin­gen der Par­tei­en in der Revi­si­ons­in­stanz zu berück­sich­ti­gen. Dabei wird es zu beach­ten haben, dass eine wei­ter­ge­hen­de Haf­tung der Beklag­ten nicht vor­aus­setzt, dass die von der Klä­ge­rin gel­tend gemach­ten Beein­träch­ti­gun­gen "pri­mär mit einem Schleu­der­trau­ma" oder mit dem Ver­kehrs­un­fall "in Ver­bin­dung" ste­hen. Viel­mehr genügt sowohl für die haf­tungs­be­grün­den­de als auch für die haf­tungs­aus­fül­len­de Kau­sa­li­tät der Nach­weis der Mit­ur­säch­lich­keit 3.

Soweit das Land­ge­richt die Beweis­auf­nah­me bezüg­lich wei­te­rer Unfall­fol­gen infol­ge der Nicht­leis­tung eines zusätz­li­chen Aus­la­gen­vor­schus­ses durch die Klä­ge­rin abge­bro­chen hat, wird das Beru­fungs­ge­richt zu berück­sich­ti­gen haben, dass das Land­ge­richt die Par­tei­en im Zusam­men­hang mit dem neu­en Beweis­be­schluss vom 20.11.2015 und der nach­fol­gen­den Anfor­de­rung des Vor­schus­ses nicht wie spä­ter im Urteil dar­auf hin­ge­wie­sen hat, dass es das unfall­ana­ly­tisch­bio­me­cha­ni­sche Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen Dr. G. im Hin­blick auf bestimm­te dort nicht behan­del­te Fra­gen für ergän­zungs­be­dürf­tig hält, son­dern unter Hin­weis auf die angeb­lich feh­len­de Sach­kun­de des Dr. G. "zur Erstel­lung eines bio­me­cha­ni­schen Gut­ach­tens" den Ein­druck erweckt hat, der neue Sach­ver­stän­di­ge Dr. H. sol­le das zwi­schen den Par­tei­en unstrei­ti­ge Ergeb­nis des Gut­ach­tens Dr. G. über­prü­fen. Gegen eine hier­auf bezo­ge­ne Anfor­de­rung des Vor­schus­ses hat sich die Klä­ge­rin zu Recht ver­wahrt, ohne dass das Land­ge­richt recht­zei­tig klar­ge­stellt hat, dass die (unstrei­ti­gen) Ergeb­nis­se des Gut­ach­tens Dr. G. der wei­te­ren Begut­ach­tung zugrun­de zu legen sei­en.

Soweit die für unfall­ana­ly­ti­sche, bio­me­cha­ni­sche und medi­zi­ni­sche Fest­stel­lun­gen erfor­der­li­che Sach­kun­de in Fra­ge steht, wird das Beru­fungs­ge­richt die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs vom 03.06.2008 4; und vom 08.07.2008 5 zu berück­sich­ti­gen haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. August 2019 – VI ZR 460/​17

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 21.03.2018 – VII ZR 170/​17, Rn. 16; vom 29.10.2015 – V ZR 61/​15, NJW-RR 2016, 78 Rn. 7 mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 01.07.2014 – VI ZR 243/​10 8; BGH, Beschlüs­se vom 21.03.2018 – VII ZR 170/​17, Rn. 16; vom 07.06.2018 – I ZB 70/​17, Rn. 6; vom 28.09.2017 – V ZR 29/​17 Rn. 6; vom 29.10.2015 – V ZR 61/​15, Rn. 8[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.04.2005 – VI ZR 216/​03, VersR 2005, 942 Rn. 14; vom 20.05.2014 – VI ZR 187/​13, Rn.20[]
  4. BGH, Urteil vom 03.06.2008 – VI ZR 235/​07, VersR 2008, 1133 16[]
  5. BGH, Urteil vom 08.07.2008 – VI ZR 274/​07, VersR 2008, 1126 10[]