Pfän­dungs­gren­ze bei der Voll­stre­ckung delik­ti­scher For­de­run­gen

Wird die Zwangs­voll­stre­ckung wegen einer For­de­rung aus einer vor­sätz­lich began­ge­nen uner­laub­ten Hand­lung betrie­ben, sind dem Schuld­ner für sei­nen not­wen­di­gen Unter­halt jeden­falls die Regel­sät­ze nach § 28 SGB XII zu belas­sen. Eine Pfän­dung klei­ner Teil­be­trä­ge hier­aus kommt nicht in Betracht.

Pfän­dungs­gren­ze bei der Voll­stre­ckung delik­ti­scher For­de­run­gen

Betreibt der Gläu­bi­ger die Zwangs­voll­stre­ckung wegen einer For­de­rung aus einer vor­sätz­lich began­ge­nen uner­laub­ten Hand­lung, kann er nach § 850f Abs. 2 Satz 1 ZPO in erwei­ter­tem Maße auf das Arbeits­ein­kom­men des Schuld­ners zugrei­fen. Die­sem ist jedoch soviel zu belas­sen, wie er für sei­nen not­wen­di­gen Unter­halt bedarf, § 850f Abs. 2 Satz 2 ZPO. Die­ser Begriff des not­wen­di­gen Unter­halts ent­spricht dem des not­wen­di­gen Unter­halts in § 850d Abs. 1 Satz 2 ZPO1. Der Gesetz­ge­ber woll­te bei der Ein­fü­gung des Absat­zes 2 in § 850f ZPO durch das Gesetz zur Ände­rung der Pfän­dungs­frei­gren­zen For­de­run­gen aus vor­sätz­lich began­ge­ner uner­laub­ter Hand­lung eine ähn­li­che Vor­zugs­stel­lung ver­schaf­fen, wie sie in § 850d ZPO für Unter­halts­an­sprü­che bestimmt ist2.
Für den Begriff des not­wen­di­gen Unter­halts in § 850d Abs. 1 Satz 2 ZPO hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass die­ser grund­sätz­lich dem not­wen­di­gen Lebens­un­ter­halt im Sin­ne des 3. und 11. Kapi­tels des Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch ent­spricht3. Dies gilt auch für den not­wen­di­gen Unter­halt im Sin­ne von § 850f Abs. 2 ZPO, wobei offen blei­ben kann, inwie­weit im Ein­zel­fall auch auf die Bestim­mun­gen des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch zurück­ge­grif­fen wer­den kann. Der aus­ge­hend von §§ 28, 40 SGB XII in Ver­bin­dung mit der Ver­ord­nung zur Durch­füh­rung des § 28 SGB XII durch die Län­der fest­ge­setz­te Regel­satz für Emp­fän­ger von Leis­tun­gen nach dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch (Sozi­al­hil­fe) ent­spricht dem des § 20 Abs. 2 Satz 1, Abs. 4 SGB II in Ver­bin­dung mit der Bekannt­ma­chung über die Höhe der Regel­leis­tung nach § 20 Abs. 2 Satz 1 des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch für die Zeit ab 1. Juli 2009 und beträgt seit dem 1. Juli 2009 359 €.

Die­ser dem Schuld­ner zu belas­sen­de Betrag kann nicht mehr unter­schrit­ten wer­den.

Aller­dings wird in der Recht­spre­chung ver­tre­ten, dass die Sät­ze der Sozi­al­hil­fe einen Betrag für klei­ne­re Anschaf­fun­gen ent­hiel­ten und die­ser Betrag ohne Gefähr­dung des not­wen­di­gen Unter­hal­tes gepfän­det wer­den kön­ne. In den Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­hal­tes sei auch ein pfänd­ba­rer Anteil ent­hal­ten, der für Anspa­run­gen für not­wen­di­ge Anschaf­fun­gen vor­ge­se­hen sei4.

Die­se Ansicht ist nicht halt­bar. Bestand­teil des not­wen­di­gen Unter­halts im Sin­ne der § 850f Abs. 2 ZPO bzw. § 850d Abs. 1 Satz 2 ZPO ist ein Betrag in Höhe des Regel­sat­zes nach dem Zwölf­ten bzw. Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch5. Durch die­se Vor­schrif­ten soll das Exis­tenz­mi­ni­mum gesi­chert wer­den. Die­ses ist im Zwangs­voll­stre­ckungs­recht grund­sätz­lich eben­so zu bestim­men wie im Sozi­al­recht. Die Regel­leis­tung nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch, die der Höhe und der Her­lei­tung nach dem Regel­be­darf im Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch ent­spricht, ist Bestand­teil des unters­ten Net­zes der sozia­len Siche­rung6, in wel­ches im Wege der Zwangs­voll­stre­ckung nicht ein­ge­grif­fen wer­den kann.

Das Sozi­al­staats­ge­bot des Art. 20 Abs. 1 GG erteilt dem Gesetz­ge­ber den Auf­trag, jedem ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum zu sichern. Die­ses umfasst sowohl die phy­si­sche Exis­tenz des Men­schen, also Nah­rung, Klei­dung, Haus­rat, Unter­kunft, Hei­zung, Hygie­ne und Gesund­heit, als auch die Siche­rung der Mög­lich­keit zur Pfle­ge zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen und zu einem Min­dest­maß an Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Leben, denn der Mensch als Per­son exis­tiert not­wen­dig in sozia­len Bezü­gen7.

Die­ser Begriff des Exis­tenz­mi­ni­mums muss grund­sätz­lich auch im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren gel­ten. Unzu­tref­fend ist die Auf­fas­sung der Beschwer­de­füh­re­rin, der Schuld­ner ver­die­ne den Schutz nicht, der ihm im Sozi­al­staat gewährt wer­de, weil er eine uner­laub­te Hand­lung began­gen habe. Die­sem Umstand wird gera­de durch die Rege­lung des § 850f ZPO Rech­nung getra­gen.

Zu Unrecht meint die Rechts­be­schwer­de, die Leis­tun­gen nach dem Zwei­ten und Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch unter­schie­den sich, da ers­te­re auch zur Wah­rung des sozia­len Sta­tus gezahlt wür­den. Die Regel­leis­tung des § 20 Abs. 2 Satz 1, Abs. 4 SGB II ent­spricht dem nach § 28 SGB XII durch die Län­der fest­ge­setz­tem Regel­be­darf. Im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren wur­de hier­zu aus­ge­führt: "Die Regel­leis­tung bil­det also im Rah­men des Arbeits­lo­sen­gel­des II das "sozio­kul­tu­rel­le" Exis­tenz­mi­ni­mum der inso­weit als Refe­renz­sys­tem für alle bedarfs­ori­en­tier­ten und bedürf­tig­keits­ab­hän­gi­gen staat­li­chen Für­sor­ge­leis­tun­gen fun­gie­ren­den Sozi­al­hil­fe ab … Die Vor­schrif­ten zur Regel­leis­tung ent­hal­ten kei­ne Rege­lun­gen zu ihrer Bemes­sung, da hier­für die Rege­lun­gen im Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch ein­schließ­lich der Regel­satz­ver­ord­nung ein­schlä­gig sind…"8.

Fehl geht der Hin­weis des Amts­ge­richts Wup­per­tal9, im Regel­satz sei ein Ans­par­an­teil ent­hal­ten, der pfänd­bar sei. Zutref­fend dar­an ist, dass bei der Umstel­lung vom Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz auf die Bücher Zwei und Zwölf Sozi­al­ge­setz­buch die Sys­te­ma­tik der Bedar­fe neu geord­net wor­den ist. Das Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz ging von einer sys­te­ma­ti­schen Unter­tei­lung von lau­fen­den Leis­tun­gen und ein­ma­li­gen Leis­tun­gen für Beklei­dung, Wäsche, Schu­he, Haus­rat oder beson­de­re Anläs­se aus. Die­se Bedar­fe sind in die Regel­sät­ze auf den Monat umge­rech­net ein­ge­stellt wor­den, so dass der Hil­fe­be­dürf­ti­ge für ein­ma­li­ge Bedar­fe Rück­la­gen zu bil­den hat10. Die­ser Ans­par­an­teil darf des­halb dem Pfän­dungs­zu­griff nicht aus­ge­setzt sein. Zudem ent­spricht dies der Rechts­la­ge im Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren vor der Umstel­lung. Für die ein­ma­li­gen Bedar­fe des § 21 Abs. 1a BSHG wur­den monat­li­che Pau­scha­len geschätzt11.

Eben­so unzu­tref­fend ist die Annah­me, ein bestimm­ter Betrag im Regel­satz sei für eine bestimm­te Aus­ga­be reser­viert. Rich­tig ist, dass der Regel­satz anhand erfass­ter Durch­schnitts­wer­te des unters­ten Quin­tils der nach dem Haus­halts­net­to­ein­kom­men geschich­te­ten Haus­hal­te bestimmt wor­den ist. Aus­ge­hend von die­sen Durch­schnitts­aus­ga­ben hat der Gesetz­ge­ber sei­nen Gestal­tungs­spiel­raum genutzt und eine Wer­tung vor­ge­nom­men, wel­che die­ser Aus­ga­ben regel­satz­re­le­vant sind. Dies­be­züg­lich hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fest­ge­stellt, dass das vom Gesetz­ge­ber gewähl­te Sta­tis­tik­mo­dell zur Bestim­mung des Exis­tenz­mi­ni­mums im Grund­satz geeig­net sei, die zur Siche­rung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums not­wen­di­gen Leis­tun­gen rea­li­täts­ge­recht zu bemes­sen12.

Hier­aus ist nicht der Schluss zu zie­hen, die Emp­fän­ger von Arbeits­lo­sen­geld II hät­ten den Regel­satz ent­spre­chend der ermit­tel­ten Durch­schnitts­wer­te zu ver­wen­den. Viel­mehr sind sie frei, den als Teil des Exis­tenz­mi­ni­mums fest­ge­stell­ten Betrag zur Deckung ihrer Bedar­fe eigen­ver­ant­wort­lich zu ver­wen­den13. Es ist des­halb ver­fehlt, die durch den Gesetz­ge­ber getrof­fe­nen Wert­ent­schei­dun­gen im Ein­zel­nen in Fra­ge zu stel­len und zu über­prü­fen, ob man­che vom Gesetz­ge­ber getrof­fe­nen Wer­tun­gen den eige­nen Wer­tun­gen ent­spre­chen.

Das Ergeb­nis deckt sich zudem mit der gesetz­ge­be­ri­schen Wer­tung, die in § 17 Abs. 1 Satz 2 SGB XII zum Aus­druck kommt. Nach die­ser Norm ist der Anspruch auf Sozi­al­hil­fe nicht pfänd­bar. Dies beruht dar­auf, dass die Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen dazu die­nen, ein men­schen­wür­di­ges Dasein zu sichern14. Im Gegen­satz dazu ist der Anspruch auf Arbeits­lo­sen­geld II grund­sätz­lich pfänd­bar, § 54 Abs. 4 SGB I. Soweit aber die Geld­leis­tung nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch – wie hier – der Höhe und der Her­lei­tung nach der Geld­leis­tung nach dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch ent­spricht, ist die­se Wer­tung des Gesetz­ge­bers bei der Fra­ge der Bestim­mung des not­wen­di­gen Unter­halts nach § 850f Abs. 2 ZPO (bzw. § 850d Abs. 1 Satz 2 ZPO) zu berück­sich­ti­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Novem­ber 2010 – VII ZB 111/​09

  1. Zöller/​Stöber, ZPO, 28. Aufl., § 850f Rn. 8, 10; Stein/​Jonas/​Brehm, ZPO, 22. Aufl., § 850f Rn. 17; MünchKommZPO/​Smid, 3. Aufl., § 850f Rn. 25; Musielak/​Becker, ZPO, 7. Aufl., § 850f Rn. 12; Schusch­ke/­Wal­ker/Kes­sal-Wulf, ZPO, 4. Aufl., § 850f Rn. 14 []
  2. Regie­rungs­ent­wurf des Geset­zes zur Ände­rung der Pfän­dungs­frei­gren­zen vom 31.05.1958, BT-Drs. 3/​415, S. 11 []
  3. BGH, Beschluss vom 12.12.2007 – VII ZB 38/​07, NJW-RR 2008, 733 Rn. 13; Urteil vom 23.02.2005 – XII ZR 114/​03, BGHZ 162, 234 Rn. 26 []
  4. AG Wup­per­tal, Jur­Bü­ro 2007, 495; AG Karls­ru­he, Jur­Bü­ro 2007, 495 ohne wei­ter­ge­hen­de Begrün­dung; AG Dres­den, Jur­Bü­ro 2009, 46, ohne wei­ter­ge­hen­de Begrün­dung []
  5. LG Han­no­ver, Jur­Bü­ro 2007, 100; Zöller/​Stöber, ZPO, 28. Aufl., § 850d Rn. 7; Schuschke/​Wal­ker/Kes­sal-Wulf, ZPO, 4. Aufl., § 850d Rn. 7; MünchKommZPO/​Smid, 3. Aufl., § 850d Rn. 25; Stein/​Jonas/​Brehm, ZPO, 22. Aufl., § 850d Rn. 21; Prütting/​Gehrlein/​Ahrens, 2. Aufl., § 850d Rn. 21; Musielak/​Becker, ZPO, 7. Aufl., § 850d Rn. 5 f.; Stö­ber, For­de­rungs­pfän­dung, 15. Aufl., Rn. 1094, 1176b, 1176d; a.A. noch Zöller/​Stöber, ZPO, 24. Aufl., § 850d Rn. 7 []
  6. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung vom 01.10.2003, BT-Drs. 15/​1636, S. 7 unter Ver­weis auf BT-Drs. 15/​1514, S. 52 []
  7. BVerfG, NJW 2010, 505 Rn. 133 ff. []
  8. BT-Drs. 15/​1516, S. 56; vgl. auch BVerfG, aaO Rn. 160 []
  9. AG Wup­per­tal, Jur­Bü­ro 2007, 495 []
  10. vgl. Wah­ren­dorf in: Grube/​Wah­ren­dorf, SGB II und SGB XII, § 28 SGB XII Rn. 3; BT-Drs. 15/​1514, S. 59 []
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 18.07.2003 – IXa ZB 151/​03, BGHZ 156, 30 Rn. 18 []
  12. BVerfG, NJW 2010, 505, Rn. 159 ff. []
  13. BT-Drs. 15/​1516, S. 46, 55 f. []
  14. Gru­be in: Grube/​Wahrendorf, SGB II und XII, § 17 SGB XII Rn. 16 []