PKH für den Insol­venz­ver­wal­ter – und die Fra­ge eines Pro­zess­kos­ten­vor­schus­ses durch die Insolvenzgläubiger

Die Rege­lung des § 116 Satz 1 Nr. 1 ZPO soll sicher­stel­len, dass Pro­zess­kos­ten­hil­fe nur gewährt wird, wenn die Kos­ten nicht von den Ver­mö­gens­trä­gern auf­ge­bracht wer­den kön­nen, denen ein Erfolg des beab­sich­tig­ten Rechts­streits zugutekommt.

PKH für den Insol­venz­ver­wal­ter – und die Fra­ge eines Pro­zess­kos­ten­vor­schus­ses durch die Insolvenzgläubiger

Bei einem vom Insol­venz­ver­wal­ter zuguns­ten der Insol­venz­mas­se geführ­ten Rechts­streit sind dies bei unzu­läng­li­cher Mas­se vor allem die Insol­venz­gläu­bi­ger, die bei einem erfolg­rei­chen Aus­gang des Rechts­streits mit einer ver­bes­ser­ten Befrie­di­gung ihrer Ansprü­che aus der zur Ver­tei­lung zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mas­se rech­nen und des­halb als wirt­schaft­lich Betei­lig­te gel­ten kön­nen1.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist den Gläu­bi­gern ein Vor­schuss auf die Pro­zess­kos­ten nur dann zumut­bar, wenn der zu erwar­ten­de Nut­zen deut­lich grö­ßer ist als die auf­zu­brin­gen­den Kos­ten. Das ist regel­mä­ßig nicht der Fall, wenn der zu erwar­ten­de Ertrag weni­ger als das Dop­pel­te des anfal­len­den Kos­ten­bei­trags beträgt2. In einer ande­ren Ent­schei­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf abge­stellt, der zu erwar­ten­de Ertrag müs­se regel­mä­ßig deut­lich mehr als das Dop­pel­te des auf­zu­brin­gen­den Vor­schus­ses betra­gen3.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall betrug der für das beab­sich­tig­te Beru­fungs­ver­fah­ren zu leis­ten­de Kos­ten­vor­schuss 1.617,40 € (4,0 Gerichts­ge­bühr nach Nr. 1220 KV GKG in Höhe von 584 € zuzüg­lich einer 1,6 Ver­fah­rens­ge­bühr nach Nr. 3200 VV RVG in Höhe von 484,80 € und einer 1,2 Ter­mins­ge­bühr nach Nr. 3202 VV RVG in Höhe von 363,60 € zuzüg­lich Aus­la­gen­pau­scha­le und Umsatz­steu­er in Höhe von ins­ge­samt 185 €). Um einen Kos­ten­vor­schuss zumut­bar erschei­nen zu las­sen, muss­te der für die vor­schuss­pflich­ti­gen Gläu­bi­ger zu erwar­ten­de Ertrag dem­nach zumin­dest 3.234, 80 € betra­gen. Ein Ertrag in die­ser Höhe war vor­aus­sicht­lich selbst dann nicht zu erzie­len, wenn man weder ein Ver­fah­rens- noch ein Voll­stre­ckungs­ri­si­ko4 berück­sich­tig­te. Von dem dann zu erwar­ten­den Gesamt­ertrag in Höhe von 5.000 € nebst Zin­sen waren näm­lich die – durch den Ertrag erhöh­ten – Kos­ten des Insol­venz­ver­fah­rens abzu­zie­hen. Schon die der Insol­venz­ver­wal­te­rin unter Berück­sich­ti­gung des Regel­sat­zes gemäß § 2 Abs. 1 Nr. 1 InsVV zuste­hen­de Ver­gü­tung hät­te den für die vor­schuss­pflich­ti­gen Gläu­bi­ger zu erwar­ten­den Ertrag unter die maß­geb­li­che Schwel­le gemindert.

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Prozessverwirkung

Die Annah­me einer Vor­schuss­pflicht der Gläu­bi­ger lag unter Berück­sich­ti­gung des Vor­ste­hen­den zwar fern, war aber nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen. Das Beru­fungs­ge­richt war vor die­sem Hin­ter­grund nicht dar­an gehin­dert, ergän­zen­de Anga­ben der Insol­venz­ver­wal­te­rin zur nähe­ren Beur­tei­lung der Vor­schuss­pflicht zu for­dern. Dass es gera­de sol­che Anga­ben ver­miss­te, war der Ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den aller­dings nicht mit hin­rei­chen­der Deut­lich­keit5 zu ent­neh­men. § 116 Satz 1 Nr. 1 ZPO macht die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe für die Par­tei kraft Amtes von zwei Vor­aus­set­zun­gen abhän­gig, die kumu­la­tiv vor­lie­gen müs­sen. Zum einen dür­fen die Kos­ten nicht aus der ver­wal­te­ten Ver­mö­gens­mas­se auf­zu­brin­gen sein. Zum ande­ren darf den am Gegen­stand des Rechts­streits wirt­schaft­lich Betei­lig­ten nicht zuzu­mu­ten sein, die Kos­ten aufzubringen.

Unter Berück­sich­ti­gung des­sen konn­te sich die Auf­for­de­rung zur Ein­rei­chung einer „kom­plet­ten Aus­kunft über die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se der Mas­se“ auch allein auf die ers­te Vor­aus­set­zung bezie­hen. Dies gilt ins­be­son­de­re des­halb, weil die Annah­me einer Vor­schuss­pflicht der Gläu­bi­ger auf­grund der erkenn­ba­ren äuße­ren Umstän­de fern­lag. Dass die Insol­venz­ver­wal­te­rin nach Erhalt des Schrei­bens gemäß Ver­fü­gung vom 15.07.2019 kei­ne ergän­zen­den Anga­ben zur Fra­ge der Vor­schuss­pflicht gemacht hat, besei­tig­te des­halb das not­wen­di­ge Ver­trau­en in die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe für den zwei­ten Rechts­zug nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. März 2021 – IX ZB 17/​20

  1. BGH, Beschluss vom 21.01.2016 – IX ZB 24/​15, WM 2016, 425 Rn. 14; vom 18.05.2017, aaO[]
  2. BGH, Beschluss vom 19.07.2018 – IX ZB 45/​16, NZI 2018, 862 Rn. 9[]
  3. BGH, Beschluss vom 26.04.2018 – IX ZB 29/​17, NZI 2018, 581 Rn. 12[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 26.04.2018, aaO Rn.16; vom 19.07.2018, aaO Rn. 8[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 14.05.2013 – II ZB 22/​11, Beck­RS 2013, 10758 Rn. 14[]