PKH für den Insol­venz­ver­wal­ter – und die Wie­der­ein­set­zung in die Beru­fungs­frist

Bean­tragt ein Insol­venz­ver­wal­ter als Par­tei kraft Amtes Pro­zess­kos­ten­hil­fe für die Durch­füh­rung eines Beru­fungs­ver­fah­rens, steht der Ursäch­lich­keit der Mit­tel­lo­sig­keit für die Frist­ver­säu­mung nicht ent­ge­gen, dass er als Rechts­an­walt selbst hät­te Beru­fung ein­le­gen kön­nen.

PKH für den Insol­venz­ver­wal­ter – und die Wie­der­ein­set­zung in die Beru­fungs­frist

Der Klä­ger (Insol­venz­ver­wal­ter) hat die Beru­fungs­frist und die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­säumt hat. Beru­fung und die Beru­fungs­be­grün­dung sind erst nach Frist­ab­lauf beim Beru­fungs­ge­richt ein­ge­gan­gen (§§ 517, 520 Abs. 2 ZPO). Die dem Antrag auf Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe als Ent­wurf bei­gefüg­te Beru­fungs­schrift mit Beru­fungs­be­grün­dung war nicht von einen Rechts­an­walt unter­schrie­ben und erfüll­te daher nicht die Anfor­de­run­gen an eine wirk­sa­me Beru­fungs­ein­le­gung und begrün­dung. Sie war auch nicht als sol­che gedacht [1].

Dem Klä­ger ist jedoch Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­ten Fris­ten ver­sagt. Der Klä­ger war infol­ge der Mit­tel­lo­sig­keit der Insol­venz­mas­se schuld­los dar­an gehin­dert, die Fris­ten zu wah­ren.

Die Mit­tel­lo­sig­keit einer Par­tei stellt einen Ent­schul­di­gungs­grund i. S. von § 233 ZPO dar, wenn sie die Ursa­che für die Frist­ver­säu­mung ist. Das ist dann der Fall, wenn sich die Par­tei infol­ge der Mit­tel­lo­sig­keit außer Stan­de sieht, einen Rechts­an­walt mit der Ein­le­gung und Begrün­dung ihres Rechts­mit­tels zu beauf­tra­gen [2]. Der Klä­ger kann ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts nicht dar­auf ver­wie­sen wer­den, dass er selbst Rechts­an­walt ist und des­halb selbst hät­te Beru­fung ein­le­gen kön­nen. Auch ein Rechts­an­walt hat bei Vor­lie­gen der sons­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen Anspruch auf Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe und ist nicht ver­pflich­tet, auf sein Kos­ten­ri­si­ko hin für die Dau­er des Bewil­li­gungs­ver­fah­rens fris­t­wah­ren­de Hand­lun­gen vor­zu­neh­men. Im Streit­fall hat der Klä­ger als Insol­venz­ver­wal­ter zudem nach § 121 Abs. 1 und 2 ZPO Anspruch auf Bei­ord­nung eines Rechts­an­walts [3], so dass er auch nach Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht ver­pflich­tet wäre, selbst tätig zu wer­den.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist ein Rechts­mit­tel­füh­rer, der vor Ablauf der Rechts­mit­tel­frist Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe bean­tragt hat, bis zur Ent­schei­dung über den Antrag als ohne sein Ver­schul­den an der Ein­le­gung des Rechts­mit­tels ver­hin­dert anzu­se­hen, wenn er nach den gege­be­nen Umstän­den ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht mit der Ableh­nung sei­nes Antrags wegen feh­len­der Bedürf­tig­keit rech­nen muss­te. Ihm ist nach der Ent­schei­dung über die Pro­zess­kos­ten­hil­fe regel­mä­ßig wegen der Ver­säu­mung der Frist Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren [4]. Dies trifft auch dann zu, wenn die Pro­zess­kos­ten­hil­fe im Ein­zel­fall man­gels Erfolgs­aus­sicht der beab­sich­tig­ten Rechts­ver­fol­gung ver­sagt wor­den ist [5].

Wenn dem Rechts­mit­tel­klä­ger wie hier bereits für den ers­ten Rechts­zug Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt wor­den ist, kann er bei im Wesent­li­chen glei­chen Anga­ben zu den Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen erwar­ten, dass auch das Gericht des zwei­ten Rechts­zugs ihn als bedürf­tig ansieht. Die Par­tei braucht nicht damit zu rech­nen, dass das Rechts­mit­tel­ge­richt stren­ge­re Anfor­de­run­gen an den Nach­weis der Bedürf­tig­keit stellt als das Erst­ge­richt [6].

Der Klä­ger hat recht­zei­tig inner­halb der Frist des § 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Frist zur Ein­le­gung und Begrün­dung der Beru­fung bean­tragt und durch gleich­zei­ti­ge Ein­le­gung und Begrün­dung der Beru­fung die ver­säum­ten Pro­zess­hand­lun­gen inner­halb der Frist des § 234 Abs. 1 ZPO nach­ge­holt (§ 236 Abs. 2 Satz 2 ZPO). Es kann dahin­ste­hen, ob der nur auf Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Beru­fungs­frist antra­gen­de Schrift­satz dahin aus­ge­legt wer­den kann, dass auch Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist begehrt wird. Holt die Par­tei wie hier inner­halb der Antrags­frist die ver­säum­te Pro­zess­hand­lung nach, kann Wie­der­ein­set­zung auch ohne Antrag gewährt wer­den (§ 236 Abs. 2 Satz 2 Halbs. 2 ZPO).

Ist eine Par­tei wegen Mit­tel­lo­sig­keit gehin­dert, die Beru­fungs­frist ein­zu­hal­ten, ent­fällt das Hin­der­nis für die Ein­le­gung des Rechts­mit­tels grund­sätz­lich mit der Bekannt­ga­be des Beschlus­ses über die Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe, so dass der Lauf der Antrags­frist des § 234 Abs. 1 ZPO zu die­sem Zeit­punkt beginnt (§ 234 Abs. 2 ZPO) [7]. Bei Ableh­nung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe wird eine zusätz­li­che Über­le­gungs­zeit von drei bis vier Tagen zuge­stan­den. Erst danach beginnt die Frist. Das gilt auch dann, wenn das Gericht nicht die Mit­tel­lo­sig­keit der Par­tei, son­dern die Erfolgs­aus­sicht der beab­sich­tig­ten Rechts­ver­fol­gung ver­neint hat [8]. Der die Pro­zess­kos­ten­hil­fe ableh­nen­de Beschluss wur­de dem Klä­ger am 30.05.2011 zuge­stellt. Mit dem am 14.06.2011 bei Gericht ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz hat der Klä­ger sowohl die Zwei-Wochen-Frist des § 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO als auch die Monats­frist des § 234 Abs. 1 Satz 2 ZPO gewahrt.

Die Wie­der­ein­set­zung ist dem Klä­ger ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg [9] auch nicht des­we­gen zu ver­sa­gen, weil die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist und der Begrün­dungs­frist nicht auf dem wirt­schaft­li­chen Unver­mö­gen des Klä­gers beruht hät­te.

Aller­dings kommt nach der Ent­schei­dung über die bean­trag­te Pro­zess­kos­ten­hil­fe eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nur in Betracht, wenn die Mit­tel­lo­sig­keit für die Frist­ver­säu­mung kau­sal gewor­den ist [10].

Das war hier der Fall. Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass in Fäl­len, in denen ein Rechts­mit­tel bereits durch einen beim Rechts­mit­tel­ge­richt zuge­las­se­nen Rechts­an­walt ein­ge­legt, die frist­ge­recht ein­ge­reich­te und unter­schrie­be­ne Rechts­mit­tel­be­grün­dung zunächst aber nur als Ent­wurf bezeich­net wur­de, eine spä­te­re Frist­ver­säu­mung nicht auf der Mit­tel­lo­sig­keit beruht, weil der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te sei­ne Leis­tung dann schon in vol­lem Umfang erbracht hat [11]. Damit ist der vor­lie­gen­de Fall jedoch nicht ver­gleich­bar. Wenn der Antrag­stel­ler sein Rechts­mit­tel wie hier bewusst noch nicht ein­ge­legt, son­dern von der Bewil­li­gung der bean­trag­ten Pro­zess­kos­ten­hil­fe abhän­gig gemacht hat, ist die Mit­tel­lo­sig­keit schon für die Ver­säu­mung der Rechts­mit­tel­frist kau­sal gewor­den. Die Pro­zess­par­tei war dann auf Grund ihrer Mit­tel­lo­sig­keit bereits an der Ein­le­gung des Rechts­mit­tels gehin­dert. Wird die Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht bewil­ligt, kommt es erst gar nicht zum Beru­fungs­ver­fah­ren [12].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. April 2013 – II ZB 21/​11

  1. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 06.05.2008 – VI ZB 16/​07, NJW 2008, 2855 Rn. 3[]
  2. BGH, Beschluss vom 08.02.2012 – XII ZB 462/​11, NJW-RR 2012, 757 Rn. 9; Beschluss vom 29.03.2012 – IV ZB 16/​11, NJW 2012, 2041 Rn. 15 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 25.04.2002 – IX ZB 106/​02, NJW 2002, 2179; Beschluss vom 06.04.2006 – IX ZB 169/​05, ZIP 2006, 968; Beschluss vom 23.03.2006 – IX ZB 130/​05, ZIP 2006, 825; Musielak/​Fischer, ZPO, 9. Aufl., § 121 Rn. 9; Zöller/​Geimer, ZPO, 29. Aufl., § 121 Rn. 3[]
  4. BGH, Beschluss vom 16.11.2010 – VIII ZB 55/​10, NJW 2011, 230 Rn. 16; Beschluss vom 29.11.2011 – VI ZB 33/​10, NJW-RR 2012, 383 Rn. 13; Beschluss vom 05.02.2013 – VIII ZB 38/​12, MDR 2013, 481 Rn. 10[]
  5. BGH, Beschluss vom 11.11.1992 – XII ZB 118/​92, NJW 1993, 732, 733 mwN; Beschluss vom 24.06.1999 – IX ZB 30/​99, NJW 1999, 2823; BVerfG, NJW 2010, 2567 Rn. 17[]
  6. BGH, Beschluss vom 29.11.2011 – VI ZB 33/​10, NJW-RR 2012, 383 Rn. 14; Beschluss vom 08.02.2012 – XII ZB 462/​11, NJW-RR 2012, 757 Rn. 11[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 28.11.2012 – XII ZB 235/​09, NJW 2013, 697 Rn. 10[]
  8. BGH, Beschluss vom 20.01.2009 – VIII ZA 21/​08, NJW-RR 2009, 789 Rn. 6 und 7[]
  9. OLG Ham­burg, Beschluss vom 15.08.2011 – 11 U 216/​10[]
  10. st. Rspr., vgl. etwa BGH, Beschluss vom 06.05.2008 – VI ZB 16/​07, NJW 2008, 2855 Rn. 4; Beschluss vom 16.11.2010 – VIII ZB 55/​10, NJW 2011, 230 Rn.19; Beschluss vom 28.11.2012 – XII ZB 235/​09, NJW 2013, 697 Rn. 16[]
  11. BGH, Beschluss vom 06.05.2008 – VI ZB 16/​07, NJW 2008, 2855 Rn. 4 ff.; offen­ge­las­sen in BGH, Beschluss vom 28.11.2012 – XII ZB 235/​09, NJW 2013, 697 Rn. 18; vgl. auch BGH, Beschluss vom 29.03.2012 – IV ZB 16/​11, NJW 2012, 2041[]
  12. eben­so BGH, Beschluss vom 28.11.2012 – XII ZB 235/​09, NJW 2013, 697 Rn. 18[]