PKH-Raten trotz Hartz IV

Leis­tun­gen, die nach dem SGB II gewährt wer­den, stel­len Ein­kom­men im Sin­ne des § 115 ZPO dar; das gilt auch für sol­che, die dem Hil­fe­be­dürf­ti­gen als Allein­er­zie­hen­dem für einen Mehr­be­darf nach § 21 Abs. 3 SGB II pau­schal gewährt wer­den. Ein pau­scha­ler Abzug die­ses Mehr­be­darfs im Rah­men des § 115 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 ZPO kommt nicht in Betracht.

PKH-Raten trotz Hartz IV

Grund­si­che­rung als Ein­kom­men

Die Fra­ge, ob SGB II-Leis­tun­gen Ein­kom­men im Sin­ne des § 115 ZPO dar­stel­len, ist in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur strei­tig [1] und bis­lang höchst­rich­ter­lich nicht abschlie­ßend ent­schie­den.

Aller­dings hat sich der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Beschluss vom 8. Janu­ar 2008 [2] mit der Fra­ge befasst, inwie­weit SGB II-Leis­tun­gen als Ein­kom­men im Sin­ne des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­rechts (§ 115 ZPO) zu qua­li­fi­zie­ren sind. Er hat die­se Fra­ge – teil­wei­se – offen gelas­sen, weil das in dem von ihm ent­schie­de­nen Fall in Rede ste­hen­de Arbeits­lo­sen­geld II gerin­ger war als der nach § 115 Abs. 1 Nr. 2 a ZPO dem Antrag­stel­ler zu belas­sen­de Frei­be­trag. Das Arbeits­lo­sen­geld II sei jeden­falls dann als Ein­kom­men im Sin­ne § 115 Abs. 1 Satz 1 und 2 ZPO zu berück­sich­ti­gen, wenn die Pro­zess­kos­ten­hil­fe begeh­ren­de Par­tei neben dem Arbeits­lo­sen­geld II wei­te­re Ein­künf­te habe, die ihrer­seits ein­zu­set­zen­des Ein­kom­men sei­en und die zusam­men mit dem Arbeits­lo­sen­geld II die nach § 115 Abs. 1 Satz 3 ZPO vor­zu­neh­men­den Abzü­ge über­stie­gen.

Vor­lie­gend erhält die Klä­ge­rin neben der Regel­leis­tung von 359 € Leis­tun­gen für einen Mehr­be­darf als Allein­er­zie­hen­de nach § 21 Abs. 3 SGB II (129 €). Damit liegt sie bereits ohne Berück­sich­ti­gung des Kin­der­gel­des über dem Frei­be­trag von 395 €. Wie mit der Zula­ge für Allein­er­zie­hen­de im Rah­men des § 115 ZPO zu ver­fah­ren ist, hat­te der Bun­des­ge­richts­hof sei­ner­zeit nicht zu ent­schei­den.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs stel­len SGB II-Leis­tun­gen Ein­kom­men im Sin­ne des § 115 ZPO dar [3].

Aus­weis­lich § 115 Abs. 1 Satz 2 ZPO gehö­ren zum Ein­kom­men alle Ein­künf­te in Geld oder Gel­des­wert. Dar­un­ter fal­len nach dem Wort­laut auch staat­li­che Geld­leis­tun­gen nach dem SGB II. Anders als § 11 Abs. 1 Satz 1 SGB II, der eine wort­glei­che Defi­ni­ti­on des Ein­kom­mens auf­weist, aller­dings Leis­tun­gen nach dem SGB II vom Ein­kom­mens­be­griff aus­nimmt, ent­hält § 115 ZPO kei­nen sol­chen Aus­nah­me­tat­be­stand. Dies spricht im Umkehr­schluss dafür, dass nach § 115 ZPO auch SGB II-Leis­tun­gen Ein­kom­men dar­stel­len sol­len.

Somit sind die Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts nach dem SGB II als Ein­kom­men zu berück­sich­ti­gen.

Leis­tun­gen für pau­scha­len Mehr­be­darf für Allein­er­zie­hen­de als Ein­kom­men

Dies gilt eben­so für die Leis­tun­gen, die dem Hil­fe­be­dürf­ti­gen als Allein­er­zie­hen­dem für einen Mehr­be­darf nach § 21 Abs. 3 SGB II pau­schal gewährt wer­den.

Frei­lich besteht hier­bei die Beson­der­heit, dass die­se Leis­tun­gen dem Hil­fe­be­dürf­ti­gen gemäß § 21 Abs. 3 SGB II zweck­ge­bun­den für einen Mehr­be­darf zuge­wandt wer­den, den der Gesetz­ge­ber ihm als Allein­er­zie­hen­dem pau­schal zurech­net. Damit steht der Zula­ge ein ent­spre­chen­der – wenn auch pau­schal ermit­tel­ter – Bedarf gegen­über. Des­halb ist in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur umstrit­ten, ob die ent­spre­chen­den Leis­tun­gen dem Ein­kom­men hin­zu­zu­rech­nen bzw. ob sie gemäß § 115 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 ZPO – eben­falls pau­schal – vom Ein­kom­men abzu­zie­hen sind.

Wäh­rend das Kam­mer­ge­richt [4] und das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart [5] die Leis­tun­gen für die­sen Mehr­be­darf nicht als Ein­kom­men im Sin­ne des § 115 ZPO berück­sich­ti­gen, stel­len sie nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Nürn­berg [6] ein sol­ches Ein­kom­men dar. Gleich­zei­tig spricht sich das Ober­lan­des­ge­richt Nürn­berg gegen eine pau­scha­le Abzugs­fä­hig­keit des Mehr­be­darfs für Allein­er­zie­hen­de im Rah­men des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­rens aus; denn § 115 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 ZPO sehe weder eine Pau­scha­lie­rung vor, noch neh­me die Norm auf die ent­spre­chen­de Vor­schrift des § 21 Abs. 3 SGB II Bezug.

In der Lite­ra­tur wird ver­ein­zelt ver­tre­ten, die den Allein­er­zie­hen­den gewähr­ten Mehr­be­darfs­be­trä­ge sei­en bei der Ein­kom­mens­er­mitt­lung außer Betracht zu las­sen [7]. Über­wie­gend wird jedoch die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Mehr­be­darfs­be­trä­ge sei­en – pau­schal – als beson­de­re Belas­tun­gen im Rah­men des § 115 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 ZPO abzu­zie­hen [8]. Kalthoe­n­er/­Bütt­ner/­W­ro­bel-Sachs [9] wei­sen aller­dings dar­auf hin, dass im Rah­men des § 115 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 ZPO eine Pau­scha­lie­rung nicht vor­ge­se­hen sei.

Der Bun­des­ge­richts­hof folgt der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Nürn­berg (FamRZ 2010, 395).

Auch die Leis­tun­gen, die dem Hil­fe­be­dürf­ti­gen für einen Mehr­be­darf als Allein­er­zie­hen­dem gewährt wer­den, stel­len Ein­kom­men im Sin­ne des § 115 ZPO dar.

Einen pau­scha­len Abzug für den hier in Rede ste­hen­den Mehr­be­darf lässt § 115 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 ZPO ent­ge­gen der wohl herr­schen­den Mei­nung nicht zu. Das aktu­el­le Pro­zess­kos­ten­hil­fe­recht ent­hält – anders als das frü­he­re – kei­nen Ver­weis auf ent­spre­chen­de Pau­scha­len aus dem Sozi­al­recht.

Nach § 115 Abs. 1 Nr. 1 ZPO in der bis zum 31. Dezem­ber 2004 gel­ten­den Fas­sung waren von dem Ein­kom­men die in § 76 Abs. 2, 2 a BSHG a.F. bezeich­ne­ten Beträ­ge abzu­set­zen. In § 76 Abs. 2 a Nr. 2 BSHG a.F. hieß es, dass von dem Ein­kom­men fer­ner Beträ­ge in jeweils ange­mes­se­ner Höhe für Per­so­nen, die trotz beschränk­ten Leis­tungs­ver­mö­gens einem Erwerb nach­ge­hen, abzu­set­zen sind. Hier­zu zähl­ten auch Erwerbs­tä­ti­ge, die trotz der Betreu­ung von Klein- oder Grund­schul­kin­dern einer Erwerbs­tä­tig­keit nach­ge­hen [10]. In der Pra­xis wur­de der Mehr­be­darf regel­mä­ßig pau­schal ermit­telt; bis zum 31. Dezem­ber 2004 ergab sich danach bei einem Eck­re­gel­satz von 297 € ein eben­falls dyna­mi­scher Ein­kom­mens­frei­be­trag von höchs­tens 198 € [11].

Mit der Neu­re­ge­lung des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­rechts für die Zeit ab April 2005 und mit dem Weg­fall von § 76 Abs. 2 a BSHG wer­den die vor­ge­nann­ten zusätz­li­chen Frei­be­trä­ge im Gegen­satz zur frü­he­ren Rechts­la­ge nicht mehr über einen Ver­weis auf die sozi­al­recht­li­chen Bestim­mun­gen erfasst [12].

Dem­ge­gen­über nimmt § 115 Abs. 1 ZPO hin­sicht­lich des per­sön­li­chen Frei­be­tra­ges, des Frei­be­tra­ges für den Ehe­gat­ten, des Erwerbs­tä­ti­gen-Frei­be­tra­ges und des Frei­be­tra­ges für Unter­halts­pflich­ten wei­ter­hin Bezug auf das Sozi­al­recht, näm­lich auf § 28 Abs. 2 Satz 1 SGB XII [13]. Wegen wei­te­rer Abzü­ge bezieht sich § 115 Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 a ZPO auf § 82 Abs. 2 SGB XII. Soweit § 115 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 Halbs. 2 ZPO die Vor­schrift des § 1610 a BGB für ent­spre­chend anwend­bar erklärt, bezieht sich das allein auf Kör­per- oder Gesund­heits­schä­den; ein hier­auf zurück­zu­füh­ren­der behin­de­rungs­be­ding­ter Mehr­auf­wand braucht nicht kon­kret nach­ge­wie­sen zu wer­den [14].

Die vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen bele­gen, dass der Gesetz­ge­ber hin­sicht­lich wei­te­rer Belas­tun­gen kei­ne pau­scha­len Frei­be­trä­ge vor­se­hen woll­te. Zwar mag ange­sichts der Häu­fig­keit die­ser Fall­ge­stal­tun­gen ein Bedarf nach einer gesetz­li­chen Rege­lung bestehen [15]. Das ändert aber nichts an dem Umstand, dass der Hil­fe­be­dürf­ti­ge genau­so wie der allein erzie­hen­de erwerbs­tä­ti­ge Antrag­stel­ler sei­nen Mehr­be­darf de lege lata dar­zu­le­gen und gege­be­nen­falls nach­zu­wei­sen hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Mai 2010 – XII ZB 65/​10

  1. BGH, Beschluss vom 08.01.2008 – VIII ZB 18/​06, FamRZ 2008, 781 m.w.N.[]
  2. BGH, Beschluss vom 08.01.2008 – VIII ZB 18/​06, FamRZ 2008, 781[]
  3. eben­so etwa OLG Stutt­gart, FamRZ 2008, 1261, 1262; sie­he auch die wei­te­ren Nach­wei­se in BGH, Beschluss vom 08.01.2008 – VIII ZB 18/​06, FamRZ 2008, 781[]
  4. KG FamRZ 2007, 915[]
  5. OLG Stutt­gart, Beschluss vom 14.04.2009 – 8 WF 30/​09[]
  6. OLG Nürn­berg FamRZ 2010, 395[]
  7. Kalthoe­n­er/­Bütt­ner/­W­ro­bel-Sachs, Pro­zess- und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe, Bera­tungs­hil­fe 5. Aufl. Rdn. 232, zu § 30 Abs. 3 SGB XII[]
  8. Zöller/​Geimer ZPO 28. Aufl. § 115 Rdn. 39; Prütting/​Gehrlein/​Völker/​Zempel ZPO § 115 Rdn. 29; Nickel MDR 2005, 729, 734; Musielak/​Fischer ZPO 6. Aufl. § 115 Rdn. 27[]
  9. aaO Rdn. 281[]
  10. Nickel MDR 2005, 729, 734 – sie­he zur frü­he­ren Rechts­la­ge auch OLG Stutt­gart FamRZ 2005, 1183[]
  11. Nickel aaO S. 730[]
  12. Nickel aaO S. 734[]
  13. vgl. dazu auch Kalthoe­n­er/­Bütt­ner/­W­ro­bel-Sachs aaO Rdn. 281[]
  14. Kalthoe­n­er/­Bütt­ner/­W­ro­bel-Sachs aaO Rdn. 282; Musielak/​Fischer aaO Rdn. 28[]
  15. vgl. Kalthoe­n­er/­Bütt­ner/­W­ro­bel-Sachs aaO Rdn. 282[]