Pos­ta­li­sche Nut­zung der Ex-Woh­nung

Ersatz­zu­stel­lun­gen erfol­gen regel­mä­ßig in der Woh­nung des Zustel­lungs­emp­fän­gers. Von vie­len Gerich­ten wird es jedoch als eine unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung ange­se­hen, wenn der Zustel­lungs­adres­sat eine feh­ler­haf­te Ersatz­zu­stel­lung gel­tend macht, obwohl er den Irr­tum über sei­nen tat­säch­li­chen Lebens­mit­tel­punkt durch wie­der­hol­te Bezeich­nung der Zustel­lungs­an­schrift als sei­ne Adres­se bewusst her­bei­ge­führt hat. Die­se Ansicht hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt gebil­ligt.

Pos­ta­li­sche Nut­zung der Ex-Woh­nung

In einer jetzt vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­me­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat­ten die das Land­ge­richt Ber­lin und das Kam­mer­ge­richt im einem Zivil­rechts­streit die Fra­ge letzt­lich offen­ge­las­sen, ob der Beschwer­de­füh­rer in Ber­lin eine Woh­nung in die­sem Sin­ne inne­ge­habt hat. Sie stel­len dar­auf ab, es sei unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung, wenn der Zustel­lungs­adres­sat eine feh­ler­haf­te Ersatz­zu­stel­lung gel­tend mache, obwohl er den Irr­tum über sei­nen tat­säch­li­chen Lebens­mit­tel­punkt durch wie­der­hol­te Bezeich­nung der Zustel­lungs­an­schrift als sei­ne Adres­se bewusst her­bei­ge­führt habe, und lehn­ten die Wider­ein­set­zung in eine ver­säum­te Ein­spruchs­frist ab. Hier­in sah das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kei­ne Ver­let­zung des Art. 103 Abs. 1 GG.

Die Ent­schei­dung der Gerich­te, den Ein­spruch gegen das Ver­säum­nis­ur­teil als ver­fris­tet zu behan­deln und Wie­der­ein­set­zung nicht zu gewäh­ren, läuft auf eine Prä­k­lu­si­on des Sach­vor­trags des Beschwer­de­füh­rers hin­aus. Prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten schrän­ken die Mög­lich­keit zur Wahr­neh­mung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör im Pro­zess ein und bewe­gen sich damit regel­mä­ßig im grund­rechts­re­le­van­ten Bereich 1. Dar­aus folgt, dass bei ihrer Anwen­dung die Schwel­le der Grund­rechts­ver­let­zung eher erreicht wer­den kann, als dies übli­cher­wei­se bei der Anwen­dung ein­fa­chen Rechts der Fall ist 2. Dabei müs­sen Grund­sät­ze rechts­staat­li­cher Ver­fah­rens­ge­stal­tung in die Prü­fung ein­be­zo­gen wer­den 3. Art. 103 Abs. 1 GG gewährt aller­dings kei­nen Schutz gegen Ent­schei­dun­gen, die den Sach­vor­trag eines Betei­lig­ten aus Grün­den des for­mel­len oder mate­ri­el­len Rechts teil­wei­se oder ganz unbe­rück­sich­tigt las­sen 4.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch, wenn die Prä­k­lu­si­on mit­tel­bar dar­auf beruht, dass dem Beschwer­de­füh­rer eine Kla­ge oder gericht­li­che Ent­schei­dung im Wege der Ersatz­zu­stel­lung zuge­stellt wur­de, ohne dass er selbst so recht­zei­tig in ihren Besitz gelangt ist, dass er frist­ge­recht hät­te dage­gen vor­ge­hen kön­nen. Der Zweck der Zustel­lung besteht dar­in, den Zeit­punkt der Über­ga­be nach­wei­sen zu kön­nen, an den sich wich­ti­ge pro­zes­sua­le Wir­kun­gen knüp­fen. Dem Adres­sa­ten gegen­über soll sie gewähr­leis­ten, dass er Kennt­nis von dem zuzu­stel­len­den Schrift­stück neh­men und sei­ne Rechts­ver­tei­di­gung oder Rechts­ver­fol­gung dar­auf ein­rich­ten kann. Inso­weit die­nen die Vor­schrif­ten über die Zustel­lung der Ver­wirk­li­chung des recht­li­chen Gehörs 5.

Fer­ner kann Art. 103 Abs. 1 GG hier inso­weit betrof­fen sein, als die Gerich­te eine Wie­der­ein­set­zung in die Ein­spruchs­frist (§ 339 Abs. 1 ZPO) ver­wei­gert haben. In den Fäl­len des „ers­ten Zugangs" zum Gericht dient das Recht der Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand der Ver­wirk­li­chung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör, so dass bei der Anwen­dung des § 233 ZPO die Anfor­de­run­gen dar­an nicht über­spannt wer­den dür­fen, was der Betrof­fe­ne ver­an­lasst haben und vor­brin­gen muss, um nach einer Frist­ver­säu­mung die Wie­der­ein­set­zung zu erhal­ten 6.

Gemes­sen hier­an ist Art. 103 Abs. 1 GG nicht ver­letzt, weil die Gerich­te in jeden­falls ver­tret­ba­rer und vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nur auf Ver­fas­sungs­ver­stö­ße zu über­prü­fen­der Wei­se die Zustel­lungs- und Wie­der­ein­set­zungs­vor­schrif­ten der Zivil­pro­zess­ord­nung im Ein­klang mit der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ange­wen­det haben.

Für den Begriff der „Woh­nung“ im Sin­ne der §§ 180 ff. ZPO kommt es nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs grund­sätz­lich auf das tat­säch­li­che Woh­nen, näm­lich dar­auf an, ob der Zustel­lungs­emp­fän­ger haupt­säch­lich in den Räu­men lebt und ins­be­son­de­re, ob er dort schläft. Sie ver­liert ihre Eigen­schaft als Woh­nung, wenn der Zustel­lungs­emp­fän­ger sie nicht mehr zu den vor­ge­nann­ten Zwe­cken nutzt, son­dern den räum­li­chen Mit­tel­punkt sei­nes Lebens an einen ande­ren Auf­ent­halts­ort ver­la­gert. Ob dies der Fall ist, ist nach den kon­kre­ten Umstän­den des jewei­li­gen Ein­zel­fal­les zu beur­tei­len, wobei auch Sinn und Zweck der Zustel­lungs­vor­schrif­ten zu beach­ten sind 7.

Land­ge­richt und Kam­mer­ge­richt las­sen im Streit­fall die Fra­ge letzt­lich offen, ob der Beschwer­de­füh­rer in Ber­lin eine Woh­nung in die­sem Sin­ne inne­ge­habt hat. Sie stel­len dar­auf ab, es sei unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung, wenn der Zustel­lungs­adres­sat eine feh­ler­haf­te Ersatz­zu­stel­lung gel­tend mache, obwohl er den Irr­tum über sei­nen tat­säch­li­chen Lebens­mit­tel­punkt durch wie­der­hol­te Bezeich­nung der Zustel­lungs­an­schrift als sei­ne Adres­se bewusst her­bei­ge­führt habe. Damit bezie­hen sich die Gerich­te auf eine von meh­re­ren Ober­ge­rich­ten ver­tre­te­ne Auf­fas­sung 8. Dem schließt sich die Kom­men­tar­li­te­ra­tur an 9.

Gegen die­se Aus­le­gung der Vor­schrif­ten der Zivil­pro­zess­ord­nung über die Ersatz­zu­stel­lung im Lich­te des das gesam­te (Zivil-)Recht beherr­schen­den Grund­sat­zes von Treu und Glau­ben bestehen, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nen Ent­schei­dungs­grün­den, kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Auch wenn sie im Ergeb­nis dazu führt, dass eine Ent­schei­dung über die mate­ri­ell­recht­li­che Rechts­la­ge unter­bleibt und damit zugleich das recht­li­che Gehör ver­kürzt wird, ver­hilft sie auf der ande­ren Sei­te der all­ge­mei­nen Red­lich­keits­pflicht der Par­tei­en (§ 242 BGB) zur Gel­tung, die sich auch auf die Pro­zess­füh­rung und damit auch auf die Vor­aus­set­zun­gen einer wirk­sa­men Zustel­lung bezieht 10. Außer­dem recht­fer­tigt sich eine eher for­ma­le Anwen­dung von Zustel­lungs- und Frist­vor­schrif­ten aus dem rechts­staat­li­chen Gebot der Rechts­si­cher­heit und damit auch eines pro­zess­öko­no­mi­schen Ver­fah­rens, solan­ge dadurch eine effek­ti­ve Rechts­aus­übung und das recht­li­che Gehör nicht unter­lau­fen wer­den 11.

Es ist nicht ersicht­lich, dass die Gerich­te hier die von der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze zu Las­ten des Beschwer­de­füh­rers über­dehnt hät­ten. Abge­se­hen davon, dass sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit einer nähe­ren Prü­fung der Anwen­dung der genann­ten Recht­spre­chung auf das Gebiet des „ein­fa­chen“ Rechts bege­ben wür­de, erscheint es nicht abwe­gig, dem Beschwer­de­füh­rer im Streit­fall wider­sprüch­li­ches Ver­hal­ten vor­zu­wer­fen. Denn er hat trotz sei­nes Umzugs nach Thai­land mehr­fach nach außen erkenn­bar, sogar mit der im Streit ste­hen­den Mar­ke und mit Ver­triebs­part­nern der Klä­ge­rin in Zusam­men­hang ste­hend, sei­ne bis­he­ri­ge Anschrift als fort­gel­tend behan­delt.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom

  1. vgl. BVerfGE 59, 330, 334; 60, 1, 6; 62, 249, 254; 63, 177, 180; 67, 39, 41; 69, 145, 149[]
  2. vgl. BVerfGE 75, 302, 314[]
  3. vgl. BVerfGE 81, 264, 273[]
  4. vgl. BVerfGE 96, 205, 216; stRspr[]
  5. vgl. BVerfGE 67, 208, 211[]
  6. vgl. BVerfGE 54, 80, 84; 67, 208, 212 f.; stRspr[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 24.11.1977 – III ZR 1/​76, NJW 1978, S. 1858, und vom 27.10.1987 – VI ZR 268/​86, NJW 1988, S. 713 m.w.N.[]
  8. vgl. FG Müns­ter, Urteil vom 19.06.1984 – VII 3175/​83 EG, NJW 1985, 1184; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 19.06.1989 – 7 WF 78/​89, Fam­RZ 1990, 75; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 27.11.1991 – 9 W 72/​91, NJW-RR 1992, 700, 701; OLG Naum­burg, Beschluss vom 27.02.2002 – 11 W 82/​01; KG, Beschluss vom 10.08.2004 – 12 U 121/​04, MDR 2005, 232[]
  9. vgl. nur Stö­ber, in: Zöl­ler, ZPO, 27. Aufl. 2009, § 178 Rn. 7; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 67. Aufl. 2009, § 178 Rn. 5 „Anschein“[]
  10. vgl. BVerfGE 104, 220, 232; Voll­kom­mer, in: Zöl­ler, a.a.O., Einl. Rn. 56 m.w.N.[]
  11. vgl.BVerfGE 4, 31, 37; 35, 41, 47; 41, 323, 326[]