Post­streik – und die zu wah­ren­de Frist

Hat ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter Kennt­nis von dem Beginn eines bun­des­wei­ten Post­streiks, ist er gehal­ten, sich vor Absen­den eines frist­wah­ren­den Schrift­sat­zes über die Aus­wir­kun­gen des Post­streiks am Ver­sand- und Emp­fangs­ort zu infor­mie­ren. Dazu gehört es, die Bericht­erstat­tung über den Streik in Zei­tung, Fern­se­hen, Rund­funk oder den Inter­net­por­ta­len der Nach­rich­ten­an­bie­ter zu ver­fol­gen1.

Post­streik – und die zu wah­ren­de Frist

Andern­falls ver­letzt der Klä­ger resp. sein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter- die ihn als Rechts­an­walt bei der Ver­sen­dung frist­ge­bun­de­ner Schrift­sät­ze auf dem Post­weg in Zei­ten eines Post­streiks tref­fen­den Sorg­falts­pflich­ten.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, des Bun­des­ge­richts­hofs und der ande­ren Obers­ten Gerichts­hö­fe dür­fen dem Bür­ger Ver­zö­ge­run­gen der Brief­be­för­de­rung oder der Brief­zu­stel­lung durch die Deut­sche Post AG nicht als Ver­schul­den ange­rech­net wer­den2. Er darf viel­mehr grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, dass im Bun­des­ge­biet werk­tags auf­ge­ge­be­ne Post­sen­dun­gen am fol­gen­den Werk­tag aus­ge­lie­fert wer­den3.

Anders liegt es, wenn dem Post­kun­den beson­de­re Umstän­de bekannt sind, die zu einer Ver­län­ge­rung der nor­ma­len Post­lauf­zei­ten füh­ren kön­nen. Eine sol­che Aus­nah­me­si­tua­ti­on, in der das Ver­trau­en in die Ein­hal­tung der nor­ma­len Post­lauf­zei­ten erschüt­tert sein kann, ist der Post­streik. Hat ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter Kennt­nis davon, dass sein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz von dem Post­streik betrof­fen sein kann, und wählt er für die Beför­de­rung gleich­wohl den Post­weg, obwohl siche­re Über­mitt­lungs­we­ge (Ein­wurf in den Gerichts­brief­kas­ten am Ort; Benut­zung eines Tele­fax­ge­räts) zumut­bar sind, tref­fen ihn gestei­ger­te Sorg­falts­an­for­de­run­gen4. Von einem Rechts­an­walt, der Kennt­nis von dem Beginn eines bun­des­wei­ten Post­streiks erlangt hat, ist des­halb zu ver­lan­gen, dass er sich über den Streik­ver­lauf so weit wie mög­lich infor­miert. Dazu gehört es, die Bericht­erstat­tung über den Streik in der Pres­se, im Rund­funk, im Fern­se­hen oder auf den Inter­net­por­ta­len der Nach­rich­ten­an­bie­ter zu beob­ach­ten sowie die Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te der Gewerk­schaft Ver­di oder der Deut­schen Post AG zu nut­zen. Es ent­spricht der Lebens­er­fah­rung, dass die Öffent­lich­keit unver­züg­lich und regel­mä­ßig über Streik­ak­tio­nen der Gewerk­schaft infor­miert wird.

Nach die­sen Grund­sät­zen waren im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die dem Klä­ger und sei­nem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten oblie­gen­den gestei­ger­ten Sorg­falts­pflich­ten nicht erfüllt. Das Beru­fungs­ge­richt stellt rechts­feh­ler­frei fest, dass er zum Zeit­punkt des Ein­wurfs der Beru­fungs­schrift in den Brief­kas­ten am 11.06.2015 bei Anstel­len der gebo­te­nen Nach­for­schun­gen Kennt­nis davon erlangt hät­te, dass sie von dem Post­streik betrof­fen sein kann.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts hat die Gewerk­schaft Ver­di in einer Pres­se­mit­tei­lung vom 09.06.2015 über den schritt­wei­sen Beginn des unbe­fris­te­ten Post­streiks in den bun­des­weit 83 Brief­ver­teil­zen­tren infor­miert; hier­über wur­de sei­ner­zeit in den Medi­en aus­führ­lich berich­tet. Die Schluss­fol­ge­rung des Beru­fungs­ge­richts, dass ein Rechts­an­walt unter die­sen Umstän­den von einer Aus­deh­nung des Post­streiks auf das Stadt­ge­biet hät­te Kennt­nis erlan­gen müs­sen, ist nicht zu bean­stan­den. Soweit der Klä­ger gel­tend macht, ein Anwalt kön­ne nicht gehal­ten sein, die Online-Mit­tei­lun­gen eines jeden Nach­rich­ten­an­bie­ters zu ver­fol­gen, ergibt sich dar­aus nichts ande­res. Der Hin­weis des Beru­fungs­ge­richts auf die Inter­net­sei­te des WDR ist nur bei­spiel­haft gemeint und in rück­schau­en­der Betrach­tung als Beleg dafür gedacht, dass der Post­streik (auch) in Düs­sel­dorf schon vor dem 11.06.2015 Gegen­stand öffent­li­cher Bericht­erstat­tung war. Ent­schei­dend ist, dass in den Medi­en aus­führ­lich über den Streik berich­tet wur­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Mai 2016 – V ZB 135/​15

  1. Fort­füh­rung von BGH, Beschluss vom 18.02.2016 – V ZB 126/​15, NJW 2016, 2750 []
  2. BVerfG, NJW 1995, 1210, 1211; 2001, 1566; 2003, 1516; BGH, Beschluss vom 13.05.2004 – V ZB 62/​03, NJW-RR 2004, 1217, 1218; jeweils mwN []
  3. BGH, Beschluss vom 19.06.2013 – V ZB 226/​12 7; BGH, Beschluss vom 12.09.2013 – V ZB 187/​12 9, jeweils mwN []
  4. BGH, Beschluss vom 09.12 1992 – VIII ZR 30/​92, NJW 1993, 1332, 1333; Beschluss vom 25.01.1993 – II ZB 18/​92, NJW 1993, 1333, 1334; BGH, Beschluss vom 18.02.2016 – V ZB 126/​15, NJW 2016, 2750 Rn. 9 ff.; vgl. auch BVerfG, NJW 1995, 1210, 1211 []