Preis­an­pas­sun­gen – und die Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen der Gas-Richt­li­nie

§ 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV ist mit den Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen der Gas-Richt­li­nie 2003/​55/​EG nicht ver­ein­bar [1]. § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV kann daher ein gesetz­li­ches Recht des Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens, gegen­über Tarif­kun­den die Prei­se ein­sei­tig nach bil­li­gem Ermes­sen zu ändern, nicht (mehr) ent­nom­men wer­den [2].

Preis­an­pas­sun­gen – und die Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen der Gas-Richt­li­nie

Der Grund­satz der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung natio­na­len Rechts fin­det dort sei­ne Gren­ze, wo die natio­na­le Vor­schrift nicht richt­li­ni­en­kon­form aus­ge­legt wer­den könn­te, ohne dabei die Gren­zen der ver­fas­sungs­recht­li­chen Bin­dung des Rich­ters an das Gesetz zu spren­gen. Eine richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung setzt daher vor­aus, dass durch eine sol­che Aus­le­gung der erkenn­ba­re Wil­le des Gesetz- oder Ver­ord­nungs­ge­bers nicht ver­än­dert wird, son­dern die Aus­le­gung sei­nem Wil­len (noch) ent­spricht [3].

Ein den Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen der Gas-Richt­li­nie 2003/​55/​EG ent­spre­chen­des Preis­än­de­rungs­recht kann nicht aus einer richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung des § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV oder der die Grund­ver­sor­gung betref­fen­den Vor­schrif­ten des Ener­gie­wirt­schafts­ge­set­zes her­ge­lei­tet wer­den, da eine sol­che Aus­le­gung über den erkenn­ba­ren Wil­len des natio­na­len Gesetz- und Ver­ord­nungs­ge­bers hin­aus­gin­ge.

Die hier­durch im Tarif­kun­den­ver­trag ein­ge­tre­te­ne Rege­lungs­lü­cke ist im Wege einer gebo­te­nen ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung (§§ 157, 133 BGB) dahin­ge­hend zu schlie­ßen, dass das Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men berech­tigt ist, Kos­ten­stei­ge­run­gen sei­ner eige­nen (Bezugs)Kos­ten, soweit die­se nicht durch Kos­ten­sen­kun­gen in ande­ren Berei­chen aus­ge­gli­chen wer­den, an den Tarif­kun­den wei­ter­zu­ge­ben, und das Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men ver­pflich­tet ist, bei einer Tarif­an­pas­sung Kos­ten­sen­kun­gen eben­so zu berück­sich­ti­gen wie Kos­ten­er­hö­hun­gen. Der nach die­ser Maß­ga­be berech­tig­ter­wei­se erhöh­te Preis wird zum ver­ein­bar­ten Preis. Für eine zusätz­li­che Bil­lig­keits­kon­trol­le gemäß § 315 BGB ist des­halb kein Raum.

Die Beur­tei­lung, ob die Preis­er­hö­hun­gen des Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens – wie im Rah­men des vor­ge­nann­ten Preis­än­de­rungs­rechts erfor­der­lich – des­sen (Bezugs)Kostensteigerungen (hin­rei­chend) abbil­den, hat der Tatrich­ter auf der Grund­la­ge der Umstän­de des Ein­zel­falls und unter Berück­sich­ti­gung der Schät­zungs­mög­lich­keit nach § 287 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit § 287 Abs. 1 Satz 1 ZPO vor­zu­neh­men.

Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Wei­ter­ga­be der Kos­ten­sen­kun­gen und Kos­ten­er­hö­hun­gen nicht tages­ge­nau erfol­gen muss, son­dern auf die Kos­ten­ent­wick­lung in einem gewis­sen Zeit­raum abzu­stel­len ist. Die Bemes­sung die­ses Zeit­raums obliegt der Beur­tei­lung des Tatrich­ters nach den Umstän­den des Ein­zel­falls. In den meis­ten Fäl­len wird das Gas­wirt­schafts­jahr ein geeig­ne­ter Prü­fungs­maß­stab sein [4].

Von dem aus der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung fol­gen­den Preis­än­de­rungs­recht des Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens nicht umfasst sind Preis­er­hö­hun­gen, die über die blo­ße Wei­ter­ga­be von (Bezugs)Kostensteigerungen hin­aus­ge­hen und der Erzie­lung eines (zusätz­li­chen) Gewinns die­nen. Etwas ande­res gilt – sowohl im Fal­le der Rück­for­de­rung als auch im Fal­le der Rest­for­de­rung von Ent­gelt für Ener­gie­lie­fe­run­gen – aller­dings unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen dann, wenn bei einem lang­jäh­ri­gen Ener­gie­lie­fe­rungs­ver­hält­nis der Kun­de die Preis­er­hö­hung nicht inner­halb eines Zeit­raums von drei Jah­ren nach Zugang der jewei­li­gen Jah­res­ab­rech­nung, in der die Preis­er­hö­hung erst­mals berück­sich­tigt wor­den ist, bean­stan­det hat [5]. Der danach maß­geb­li­che Preis tritt an die Stel­le des Anfangs­prei­ses [6].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Okto­ber 2015 – VIII ZR 158/​11

  1. Anschluss an EuGH, Urteil vom 23.10.2014 – Rechts­sa­chen C359/​11 und C400/​11, NJW 2015, 849 – Schulz und Egbring­hoff[]
  2. inso­weit Auf­ga­be der st. Rspr.; sie­he nur BGH, Urtei­le vom 13.06.2007 – VIII ZR 36/​06, BGHZ 172, 315 Rn. 14 ff.; vom 19.11.2008 – VIII ZR 138/​07, BGHZ 178, 362 Rn. 26; vom 15.07.2009 – VIII ZR 56/​08, BGHZ 182, 41 Rn. 18 ff.[]
  3. Bestä­ti­gung von BGH, Urtei­le vom 26.11.2008 – VIII ZR 200/​05, BGHZ 179, 27 Rn. 28; vom 17.10.2012 – VIII ZR 226/​11, BGHZ 195, 135 Rn. 22; Beschluss vom 16.05.2013 – II ZB 7/​11, NJW 2013, 2674 Rn. 42; Anschluss an BVerfG, GmbHR 2013, 598, 601; NJW 2012, 669, 670 f.; BAGE 82, 211, 225 f.; 106, 252, 261; vgl. auch EuGH, Rs. C351/​12, GRUR 2014, 473 Rn. 45 – OSA; Rs. C176/​12, BB 2014, 2493 Rn. 39 mwN – Asso­cia­ti­on de média­ti­on socia­le; Rs. C12/​08, Slg. 2009, I6653 Rn. 61 – Mono Car Sty­ling[]
  4. Fort­füh­rung der BGH, Urtei­le vom 13.06.2007 – VIII ZR 36/​06, aaO Rn. 25; und vom 19.11.2008 – VIII ZR 138/​07, aaO Rn. 34 f.[]
  5. Bestä­ti­gung und Fort­füh­rung der BGH, Urtei­le vom 14.03.2012 – VIII ZR 113/​11, BGHZ 192, 372 Rn. 21, 25, und – VIII ZR 93/​11, ZNER 2012, 265 Rn. 29 f.; vom 25.03.2015 – VIII ZR 360/​13 33, und – VIII ZR 109/​14 34; vom 15.04.2015 – VIII ZR 59/​14, BB 2015, 1548 Rn. 37 mwN[]
  6. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 15.04.2015 – VIII ZR 59/​14, aaO[]