Pro­ble­me mit den neu­en Zäh­nen

Hat eine Zahn­ärz­tin gegen fach­zahn­ärzt­li­che Behand­lungs­stan­dards ver­sto­ßen und eine aku­te und schwer­wie­gen­de cra­nio-man­di­bu­lä­re Dys­funk­ti­on (CMD) beim Pati­en­ten ver­ur­sacht, muss sie die durch die Nach­be­hand­lun­gen ent­stan­den Kos­ten erset­zen und ein Schmer­zens­geld von 10.000 Euro zah­len.

Pro­ble­me mit den neu­en Zäh­nen

So hat das Ober­lan­des­ge­richt Köln in dem hier vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den und die beklag­te Zahn­ärz­tin aus dem Köl­ner Umland zur Zah­lung des Schmer­zens­gel­des ver­ur­teilt. In zwei Behand­lungs­schrit­ten ließ sich die Klä­ge­rin von der Zahn­ärz­tin ihre etwa 20 Jah­re alte zahn­ärzt­li­che Ver­sor­gung erneu­ern. Ob es wäh­rend der Behand­lung bereits aus­drück­li­che Hin­wei­se auf eine cra­nio-man­di­bu­lä­re Dys­funk­ti­on gab, ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig. Auf einer Kar­tei­kar­te der Zahn­arzt­pra­xis gab es jeden­falls einen auf das Ende der Behand­lung datier­ten Ein­trag "Rezept CMD".

Die Klä­ge­rin macht gel­tend, dass sie durch die Behand­lung einen schie­fen Biss bekom­men und eine erheb­li­che aku­te CMD ent­wi­ckelt habe. Sie habe bereits wäh­rend der Behand­lung ers­te Beschwer­den ent­wi­ckelt. Als sie die Beklag­te auf den ver­schlech­ter­ten Gesund­heits­zu­stand ange­spro­chen habe, habe die­se ihr erklärt, sie müs­se sich erst ein­mal "an die neu­en Zäh­ne gewöh­nen". Tat­säch­lich habe die Klä­ge­rin wegen der CMD-Erkran­kung jah­re­lang und bis zuletzt unter erheb­li­chen Mus­kel­ver­span­nun­gen gelit­ten. Sie habe stän­dig Schmer­zen (Kopf, Ohren, Nacken, Rücken, Kie­fer­ge­len­ke, Gesicht) gehabt und sei in Beruf wie Pri­vat­le­ben stark beein­träch­tigt gewe­sen.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Köln betont, dass die Klä­ge­rin gegen fach­zahn­ärzt­li­che Behand­lungs­stan­dard ver­sto­ßen und eine aku­te und schwer­wie­gen­de CMD bei der Klä­ge­rin ver­ur­sacht habe. Die Beklag­te habe den Biss der Klä­ge­rin zu nied­rig ein­ge­stellt. Dadurch sei­en eine Über­las­tung der Mus­ku­la­tur und in der Fol­ge Ver­span­nun­gen zumin­dest mit­ver­ur­sacht wor­den. Die Beklag­te hät­te die Pro­ble­ma­tik jeden­falls gegen Ende der Behand­lung erken­nen müs­sen. Sie hät­te die Klä­ge­rin vor der end­gül­ti­gen Ein­glie­de­rung der neu­en Ver­sor­gung im zwei­ten Behand­lungs­ab­schnitt auf Anzei­chen einer begin­nen­den CMD unter­su­chen müs­sen. Min­des­tens ein CMD-Schnell­test sei zwin­gend erfor­der­lich gewe­sen. Der Quick­test sei schon lan­ge eta­bliert, die Pro­ble­ma­tik Bestand­teil des Staats­examens und damit all­ge­mei­ner Stan­dard.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Köln kam es wegen die­ser Anzei­chen nicht dar­auf an, ob sich die Klä­ge­rin schon gegen Ende der Behand­lung hil­fe­su­chend an die Beklag­te gewandt hat. Der Senat ging aller­dings auch hier­von aus. Die Ein­tra­gung "Rezept CMD" auf der Kar­tei­kar­te sei ein kla­res Indiz dafür, dass der Beklag­ten die CMD-Pro­ble­ma­tik der Klä­ge­rin zeit­nah bekannt gewe­sen sei. Die Beklag­te hat­te vor­ge­tra­gen, der Ein­trag müs­se ein Rache­akt einer ent­las­se­nen Mit­ar­bei­te­rin sein. Die­se müs­se heim­lich in die Pra­xis ein­ge­drun­gen sein und die Ein­tra­gung bewusst falsch und in Schä­di­gungs­ab­sicht vor­ge­nom­men haben. Das sah der Senat als unglaub­wür­dig an.

Aus die­sen Grün­den hat das Ober­lan­des­ge­richt Köln neben dem Schmer­zens­geld von 10.000 Euro der Klä­ge­rin den Ersatz der Kos­ten zuge­spro­chen, die durch die Nach­be­hand­lun­gen ent­stan­den sind.

Ober­lan­des­ge­richt Köln, Urteil vom 8. April 2020 – 5 U 64/​16