Pro­zess­erklä­run­gen und die Beweis­kraft des Tat­be­stan­des eines Urteils

Der Tat­be­stand des Urteils lie­fert Beweis für das münd­li­che Par­tei­vor­brin­gen, der nur durch das Sit­zungs­pro­to­koll ent­kräf­tet wer­den kann. Die­se Beweis­re­gel des § 314 Satz 1 ZPO gilt auch für die im Urteil auf­ge­führ­ten pro­zes­sua­len Erklä­run­gen der Par­tei­en, die in der münd­li­chen Ver­hand­lung abge­ge­ben wor­den sind 1.

Pro­zess­erklä­run­gen und die Beweis­kraft des Tat­be­stan­des eines Urteils

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war zwi­schen den Par­tei­en umstrit­ten, ob sich die Beklag­ten der Erle­di­gungs­er­klä­rung des Klä­gers ange­schlos­sen hat­ten. Der Bun­des­ge­richts­hof ver­wies zu die­ser Fra­ge auf den Tat­be­stand des ange­foch­te­nen Urteils:

Dass sich die Beklag­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Amts­ge­richt der Erle­di­gungs­er­klä­rung des Klä­gers ange­schlos­sen haben, ergibt sich schon aus dem Tat­be­stand des amts­ge­richt­li­chen Urteils. Das Amts­ge­richt hat dort die Fest­stel­lung getrof­fen, dass die Par­tei­en "den Rechts­streit in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 02.09.2011 bezüg­lich des Räu­mungs­an­spruchs und des Zah­lungs­an­spruchs in Höhe von 3.767,96 Euro in der Haupt­sa­che über­ein­stim­mend für erle­digt" erklärt haben. Damit ist mit der Beweis­kraft­wir­kung des § 314 Satz 1 ZPO fest­ge­stellt, dass die Erle­di­gungs­er­klä­rung des Klä­gers nicht ein­sei­tig geblie­ben ist. Die Beweis­re­gel des § 314 Satz 1 ZPO gilt auch für die in der münd­li­chen Ver­hand­lung abge­ge­be­nen pro­zes­sua­len Erklä­run­gen der Par­tei­en 2 und damit auch für die Zustim­mung der Beklag­ten zur unstrei­tig erfolg­ten Erle­di­gungs­er­klä­rung des Klä­gers 3.

Die­se Beweis­kraft­wir­kung haben die Beklag­ten nicht besei­tigt. Sie haben dies­be­züg­lich kei­nen Tat­be­stands­be­rich­ti­gungs­an­trag nach § 320 ZPO gestellt. Die Rich­tig­keit der getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen wird auch nicht durch das Sit­zungs­pro­to­koll vom 02.09.2011 in Fra­ge gestellt (§ 314 Satz 2 ZPO). Denn der Inhalt des Pro­to­kolls steht im Ein­klang mit den vom Amts­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen. Den pro­to­kol­lier­ten Erklä­run­gen ist ein­deu­tig und zwei­fels­frei zu ent­neh­men, dass die Beklag­ten der Erle­di­gungs­er­klä­rung des Klä­gers hin­sicht­lich des Kla­ge­an­trags Zif­fer 1 und des Kla­ge­an­trags Zif­fer 2 (mit Aus­nah­me einer Zins­for­de­rung von 86,40 €) zuge­stimmt und nur bezüg­lich des ver­blie­be­nen Kla­ge­be­geh­rens einen Abwei­sungs­an­trag gestellt haben.

Eine ande­re Deu­tung der abge­ge­be­nen Pro­zess­erklä­run­gen ergibt sich auch nicht aus dem Aus­le­gungs­grund­satz, dass im Zwei­fel das­je­ni­ge gewollt ist, was nach den Maß­stä­ben der Rechts­ord­nung ver­nünf­tig ist und dem recht ver­stan­de­nen Inter­es­se des Erklä­ren­den ent­spricht 4. Zudem lässt – und dies ist letzt­lich ent­schei­dend – der ein­deu­ti­ge Wort­laut der zu Pro­to­koll gege­be­nen Erklä­run­gen nicht den gerings­ten Zwei­fel an der Rich­tig­keit des vom Amts­ge­richt fest­ge­stell­ten Erklä­rungs­ge­halts auf­kom­men. Aus­weis­lich des Sit­zungs­pro­to­kolls hat der Klä­ger in der münd­li­chen Ver­hand­lung den Rechts­streit hin­sicht­lich des Räu­mungs- und Her­aus­ga­be­ver­lan­gens (Kla­ge­an­trag Zif­fer 1) sowie hin­sicht­lich der Kla­ge auf rück­stän­di­ge Mie­te und Neben­kos­ten – mit Aus­nah­me eines Zins­be­trags in Höhe von 86,40 € Kla­ge­an­trag Zif­fer 2) – für erle­digt erklärt. Hier­auf hat der erst- und zweit­in­stanz­li­che Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten die vom Amts­ge­richt pro­to­kol­lier­te Erklä­rung abge­ge­ben, er stim­me inso­weit zu. Die nach­fol­gen­den Erklä­run­gen – und damit auch der Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trag der Beklag­ten – bezie­hen sich allein auf den Kla­ge­an­trag Zif­fer 3 und die im Schrift­satz vom 28.11.2011 ange­kün­dig­ten neu­en Anträ­ge (Zah­lung von Zin­sen in Höhe von 86,40 €; Auf­er­le­gung der Kos­ten­tra­gungs­pflicht hin­sicht­lich des für erle­digt erklär­ten Teils des Rechts­streits auf die Beklag­ten).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. März 2013 – VIII ZB 45/​12

  1. im Anschluss an BVerwG, NJW 1988, 1228[]
  2. vgl. BVerwG, NJW 1988, 1228 [Zustim­mung zur Kla­ge­än­de­rung]; OLG Düs­sel­dorf, NJW 1991, 1492, 1493 [Aner­kennt­nis; Ver­zicht; Ver­gleich; Erklä­run­gen zur Zustän­dig­keit]; Musielak/​Musielak, ZPO, 9. Aufl., § 314 Rn. 3 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 13.12.2001 – IX ZR 306/​00, NJW 2002, 1500 unter I[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 24.11.1999 – XII ZR 94/​98, NJW-RR 2000, 1446 mwN[]