Pro­zess­kos­ten­hil­fe – das ein­zu­set­zen­de Ein­kom­men und die Kos­ten der Unter­kunft

Zu den "Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung" i.S.d. § 115 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 ZPO gehö­ren über die Kalt­mie­te und die direk­ten Heiz­kos­ten hin­aus auch alle wei­te­ren Miet­ne­ben­kos­ten, soweit die­se nicht aus­drück­lich bereits bei der Her­lei­tung des Regel­be­darfs berück­sich­tigt sind 1.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe – das ein­zu­set­zen­de Ein­kom­men und die Kos­ten der Unter­kunft

In die Bestim­mung des Regel­be­darfs nach dem Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­setz sind – anders als bei frü­he­ren Ermitt­lun­gen – geson­der­te Kos­ten für die Was­ser­ver­sor­gung nicht (mehr) ein­ge­flos­sen. Ent­spre­chen­de Auf­wen­dun­gen sind daher seit Janu­ar 2011 als Unter­kunfts­kos­ten im Rah­men der Ein­kom­mens­er­mitt­lung für die PKH/​VKH berück­sich­ti­gungs­fä­hig 2.

Da bei der Her­lei­tung des Regel­be­darfs seit Janu­ar 2011 mit­hin allein die Haus­halts­ener­gie in Form von Strom bereits berück­sich­tigt ist, han­delt es sich bei allen ande­ren Miet­ne­ben­kos­ten um "Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung" i.S.d. § 115 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 ZPO, die vom im Rah­men der VKH/​PKH ein­zu­set­zen­den Ein­kom­men abzu­set­zen sind.

Bei der Ermitt­lung des im Rah­men der VKH/​PKH ein­zu­set­zen­den Ein­kom­mens sind auf­grund der Rechts­än­de­rung zum 1.01.2014 gemäß § 115 Abs. 1 Satz 2 Nr. 4 ZPO – abwei­chend von der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 3 – auch die Mehr­be­dar­fe nach § 21 des SGB II bzw. § 30 SGB XII abzu­set­zen, also ins­be­son­de­re auch die Mehr­be­darfs­sät­ze für Allein­er­zie­hen­de gemäß § 30 Abs. 3 SGB XII.

Zu den nach § 115 Abs. 1 S. 3 Nr. 3 ZPO i.V. mit § 76 Abs. 1 FamFG in Abzug zu brin­gen­den Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung zäh­len neben der Net­to­mie­te (Kalt­mie­te) grund­sätz­lich auch die wei­te­ren Betriebs­kos­ten, soweit die­se nicht aus­nahms­wei­se bereits in dem nach § 115 Abs. 1 S. 3 Nr. 2 lit. a ZPO abzu­set­zen­den Frei­be­trag ent­hal­ten sind 4. Als der­ar­ti­ge, bereits im Regel­be­darf ent­hal­te­ne Kos­ten kom­men aber allein die Haus­halts­ener­gie in Form von Strom 5 sowie die Was­ser­ver- und -ent­sor­gung in Betracht. Inso­fern umfas­sen jedoch aus­weis­lich der Auf­stel­lung im Miet­ver­trag des kon­kre­ten Falls die Betriebs­kos­ten allein frag­li­che Kos­ten für Was­ser­ver- und ‑ent­sor­gung.

Zudem sind – jeden­falls mitt­ler­wei­le – auch die Kos­ten der Was­ser­ver- und ‑ent­sor­gung als Unter­kunfts­kos­ten zu berück­sich­ti­gen.

Auch das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le ist in sei­nem Beschluss vom 02.12 2010 6 für den dama­li­gen Zeit­punkt der sei­ner­zei­ti­gen aus­drück­li­chen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes 7 gefolgt. Die Kos­ten der Was­ser­ver­sor­gung waren damals in § 2 Abs. 2 Nr. 3 der Ver­ord­nung zur Durch­füh­rung des § 28 des SGB XII (Regel­satz­ver­ord­nung – RSV) aus­drück­lich als regel­satz­re­le­van­te Ver­brauchs­aus­ga­ben erwähnt und somit bereits in den Regel­satz ein­ge­flos­sen, so daß eine erneu­te Berück­sich­ti­gung im Rah­men der Wohn­ne­ben­kos­ten nicht in Betracht kam.

Aller­dings hat sich zwi­schen­zeit­lich die Rechts­la­ge im maß­geb­li­chen Sys­tem der Sozi­al­hil­fe wesent­lich geän­dert. Nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts von 9.02.2010 8 hat der Gesetz­ge­ber mit dem zum 1.01.2011 in Kraft getre­te­nen Gesetz zur Ermitt­lung des Regel­be­darfs nach § 28 SGB XII – Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­setz – RBEG – 9 die Grund­la­gen des Regel­be­darfs neu bestimmt und im ein­zel­nen offen­ge­legt. Der als Anla­ge zu Arti­kel 1 des Gesetz­ent­wurfs ver­öf­fent­lich­ten Auf­stel­lung 10 sind unter lfd. Nr. 28 bis 67 die in die zugrun­de­ge­leg­te Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be für den Bereich "Woh­nen, Ener­gie und Woh­nungs­in­stand­hal­tung" ein­ge­flos­se­nen Fak­to­ren auf­ge­führt, ohne daß dabei aber Kos­ten für Was­ser­ver- und ‑ent­sor­gung ent­hal­ten wären. Von die­sem Befund ist aus­drück­lich auch das Bun­des­so­zi­al­ge­richt in sei­nem Urteil vom 12.07.2012 11 im Rah­men der Über­prü­fung der Ange­mes­sen­heit der Höhe des Regel­be­darfs aus­ge­gan­gen. Dem­entspre­chend geht auch die neue­re ober­ge­richt­li­che Recht­spre­chung davon aus, daß für die Zeit seit Janu­ar 2011 die Was­ser­ver- und ‑ent­sor­gungs­kos­ten als Bestand­teil der Miet­ne­ben­kos­ten im Rah­men der Unter­kunfts­kos­ten zu berück­sich­ti­gen sind 12. Dem schließt sich das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le aus­drück­lich an.

Schließ­lich sind zwi­schen­zeit­lich im Rah­men der Ermitt­lung des ein­zu­set­zen­den Ein­kom­mens für PKH/​VKH Mehr­be­darfs­be­trä­ge zu berück­sich­ti­gen.

Zwar war der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Beschluss vom 05.05.2010 13 zu dem Ergeb­nis gelangt, daß es sich selbst bei im Hin­blick auf der­ar­ti­gen Mehr­be­darf tat­säch­lich bezo­ge­nen Leis­tun­gen um Ein­kom­men des Berech­tig­ten han­de­le, hin­sicht­lich des­sen ein pau­scha­ler Abzug im Rah­men des § 115 Abs. 1 ZPO nicht in Betracht kom­me. Dies hat aller­dings der Gesetz­ge­ber für die Zeit seit 1.01.2014 bewußt durch das Gesetz zur Ände­rung des Pro­zeß­kos­ten­hil­fe- und Bera­tungs­hil­fe­rechts geän­dert und § 115 Abs. 1 Satz 2 ZPO um eine neue Zif­fer 4 ergänzt; danach sind vom ein­zu­set­zen­den Ein­kom­men abzu­set­zen Mehr­be­dar­fe nach § 21 des SGB II und nach § 30 SGB XII. Zu berück­sich­ti­gen sind daher ins­be­son­de­re auch die in § 30 Abs. 3 SGB XII vor­ge­se­he­nen Mehr­be­dar­fe für Allein­er­zie­hen­de.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 5. Sep­tem­ber 2014 – 10 WF 272/​14

  1. vgl. bereits OLG Cel­le, Beschluss vom 02.12 2010 – 10 WF 362/​10MDR 2011, 257 f. = Jur­Bü­ro 2011, 145 f. = FuR 2011, 175 f. = BeckRS 2010, 30725 = Fam­RZ 2011, 911 [Ls][]
  2. Anschluß an OLG Frank­furt, Beschluss vom 14.05.2013 – 4 WF 74/​13 = NJW 2013, 2370 f. = Fam­RZ 2014, 410 f; OLG Bran­den­burg, Beschluss vom 29.05.2013 – 15 WF 129/​13 = Fam­RZ 2013, 1596 f. = NJW 2013, 3108 f.; OLG Saar­brü­cken, Beschluss vom 23.12 2013 – 6 WF 187/​13MDR 2014, 408 f.; OLG Dres­den, Beschluss vom 15.01.2014 – 20 WF 1200/​13MDR 2014, 241 f. = Fam­RZ 2014, 962 [Ls]; Abgren­zung zu OLG Cel­le, Beschluss vom 02.12 2010 – aaO – zur frü­he­ren Rechts­la­ge[]
  3. BGH, Beschluss vom 05.05.2010 – XII ZB 65/​10 , Fam­RZ 2010, 2436 ff = MDR 2010, 948 = NJW-RR 2011, 3 f.[]
  4. vgl. bereits OLG Cel­le, Beschluss vom 02.12 2010 – 10 WF 362/​10MDR 2011, 257 f. = Jur­Bü­ro 2011, 145 f. = FuR 2011, 175 f. = BeckRS 2010, 30725 = Fam­RZ 2011, 911 [Ls]; OLG Saar­brü­cken, Beschluss vom 13.12 2013 – 6 WF 191/​13NZFam 2014, 410 f.; und Beschluss vom 23.12 2013 – 6 WF 187/​13MDR 2014, 408 f.; OLG Koblenz Beschluss vom 03.07.1995 – 7 W 233/​95 , Fam­RZ 1997, 679 f. = MDR 1995, 1165 f. = NJW-RR 1996, 1150; davon aus­ge­hend auch BGH, Beschluss vom 08.01.2008 – VIII ZB 18/​08 , Fam­RZ 2008, 781 = NJW-RR 2008, 595[]
  5. BT-Drs. 17/​3404, S. 55[]
  6. OLG Cel­le, Beschluss vom 02.12.2010 – 10 WF 362/​10MDR 2011, 257 f. = Jur­Bü­ro 2011, 145 f. = FuR 2011, 175 f. = BeckRS 2010, 30725 = Fam­RZ 2011, 911 [Ls][]
  7. BGH, Beschluss vom 08.01.2008 – VIII ZB 18/​08 , Fam­RZ 2008, 781 = NJW-RR 2008, 595[]
  8. BVerfG, Urteil vom 09.02.2010 – 1 BvL 1/​09, 3/​09, 4/​09 – BVerfGE 125, 175[]
  9. BGBl. I, 453[]
  10. BT-Drs. 17/​3404, S. 139[]
  11. BSG, Urteil vom 12.07.2012 – B 14 AS 153/​11 RBSGE 111, 211 ff.[]
  12. OLG Frank­furt, Beschluss vom 14.05.2013 – 4 WF 74/​13 = NJW 2013, 2370 f. = Fam­RZ 2014, 410 f.; OLG Bran­den­burg – Beschluss vom 29.05.2013 – 15 WF 129/​13 = Fam­RZ 2013, 1596 f. = NJW 2013, 3108 f.; OLG Saar­brü­cken, Beschluss vom 23.12 2013 – 6 WF 187/​13MDR 2014, 408 f.; OLG Dres­den, Beschluss vom 15.01.2014 – 20 WF 1200/​13MDR 2014, 241 f. = Fam­RZ 2014, 962 [Ls][]
  13. BGH, Beschluss vom 05.05.2010 – XII ZB 65/​10 – Fam­RZ 2010, 2436 ff = MDR 2010, 948 = NJW-RR 2011, 3 f.[]