Pro­zess­kos­ten­hil­fe – und die Fra­ge nach dem Lebens­un­ter­halt

Pro­zess­kos­ten­hil­fe (hier:für eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de) kann man­gels Bedürf­tig­keit nicht bewil­ligt wer­den, wenn der Antrag­stel­ler, der nach eige­nen Anga­ben weder über Ein­kom­men noch Ver­mö­gen ver­fügt, nicht dar­legt, wie er sei­nen Lebens­un­ter­halt bestrei­tet und die Kos­ten der Vor­in­stan­zen auf­ge­bracht hat.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe – und die Fra­ge nach dem Lebens­un­ter­halt

So behan­del­te der Bun­des­ge­richts­hof in dem hier ent­schie­de­nen Fall, in dem der Klä­ger zunächst nur einen PKH-Antrag ein­ge­reicht hat­te, die beab­sich­ti­ge Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de als ver­fris­tet (§ 544 Abs. 1 Satz 2 ZPO), weil sie nicht bin­nen eines Monats nach Zustel­lung der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung durch einen beim Bun­des­ge­richts­hof zuge­las­se­nen Rechts­an­walt (§ 78 Abs. 1 Satz 3 ZPO) ein­ge­legt wur­de.

Ein Gesuch des Klä­gers auf Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Frist zur Ein­le­gung der Rechts­be­schwer­de (§ 233 ZPO) ver­spricht kei­nen Erfolg.

Zwar ist aner­kannt, dass die Ver­säu­mung einer Frist unver­schul­det und einer Par­tei Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren ist, wenn die recht­zei­ti­ge Vor­nah­me einer frist­wah­ren­den Hand­lung, hier also die form­ge­rech­te Ein­le­gung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de durch einen beim Bun­des­ge­richts­hof zuge­las­se­nen Rechts­an­walt, wegen des wirt­schaft­li­chen Unver­mö­gens der Par­tei unter­bleibt. Vor­aus­set­zung hier­für ist aber, dass die Par­tei bis zum Ablauf der Frist einen den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen­den Antrag auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe ein­ge­reicht und alles in ihren Kräf­ten Ste­hen­de getan hat, damit über den Antrag ohne Ver­zö­ge­rung sach­lich ent­schie­den wer­den kann, und sie des­halb ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht mit einer Ver­wei­ge­rung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe man­gels Bedürf­tig­keit rech­nen muss­te 1.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind hier nicht gege­ben. Zwar wur­de der Antrag am letz­ten Tag der Ein­le­gungs­frist ein­ge­reicht. Man­gels eines auch nur annä­hernd nach­voll­zieh­ba­ren Vor­trags zu sei­nen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen (§ 114 Abs. 1 Satz 1, § 115 Abs. 1 und 2, § 117 Abs. 2 bis 4 ZPO) muss­te der Klä­ger mit einer Ver­wei­ge­rung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe rech­nen. Ein Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Frist ver­spricht daher kei­ne Aus­sicht auf Erfolg.

Die Par­tei hat inner­halb der Rechts­mit­tel­frist ein Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such samt einer Erklä­rung zu ihren per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen unter Ver­wen­dung des amt­lich vor­ge­schrie­be­nen For­mu­lars, § 117 Abs. 2 Satz 1, Abs. 3 und 4 ZPO, und den erfor­der­li­chen Nach­wei­sen bei Gericht ein­zu­rei­chen 2. Wird Pro­zess­kos­ten­hil­fe von Per­so­nen bean­tragt, die nach ihren Anga­ben kei­ne Sozi­al­hil­fe bezie­hen, muss dar­ge­legt und glaub­haft gemacht wer­den, wie der Lebens­un­ter­halt finan­ziert wird. Auch frei­wil­li­ge Zuwen­dun­gen Drit­ter sind nach der umfas­sen­den Defi­ni­ti­on des § 115 ZPO grund­sätz­lich dem Ein­kom­men hin­zu­zu­rech­nen, wenn sie regel­mä­ßig und in nen­nens­wer­tem Umfang gewährt wer­den. Bei frei­wil­li­gen Leis­tun­gen Drit­ter müs­sen eides­statt­li­che Ver­si­che­run­gen der Drit­ten über Umfang und Grund der Hil­fe­leis­tung vor­ge­legt wer­den. Außer­dem muss dar­ge­legt und glaub­haft gemacht wer­den, war­um der Lebens­be­darf nicht durch Auf­nah­me einer Erwerbs­tä­tig­keit gedeckt wer­den kann 3.

Die­sen Anfor­de­run­gen an die Dar­le­gung sei­ner Bedürf­tig­keit hat der Klä­ger im vor­lie­gen­den Fall nicht genügt:

Da der Klä­ger aus­weis­lich sei­ner Anga­ben kei­ne öffent­li­chen Hil­fen in Anspruch nimmt, bedürf­te es einer kon­kre­ten Dar­le­gung, wie er sei­nen Lebens­un­ter­halt bestrei­tet. Dem Vor­brin­gen des Klä­gers, der ein ver­al­te­tes Antrags­for­mu­lar ver­wen­det hat, kann nicht ent­nom­men wer­den, ob ihm Unter­halts­an­sprü­che gegen Ange­hö­ri­ge zuste­hen. Der Hin­weis, Zuwen­dun­gen von Fami­lie und Freun­den zu erhal­ten, ent­behrt jeder Kon­kre­ti­sie­rung. Ohne nähe­re Anga­ben über den Umfang die­ser Leis­tun­gen und die Dau­er, seit wann die­se geleis­tet wer­den, kann die Bedürf­tig­keit des Klä­gers nicht bestimmt wer­den.

Eben­so fehlt es zur Ver­mei­dung einer miss­bräuch­li­chen Inan­spruch­nah­me von Pro­zess­kos­ten­hil­fe durch arbeits­un­wil­li­ge Per­so­nen 4 an jeder Erläu­te­rung, war­um der Klä­ger kei­ner Tätig­keit nach­geht, deren Ein­künf­te ihn unter Berück­sich­ti­gung der Pfän­dungs­frei­gren­zen auch in dem eröff­ne­ten Insol­venz­ver­fah­ren in die Lage ver­set­zen könn­ten, die Pro­zess­kos­ten zumin­dest teil­wei­se auf­zu­brin­gen 5. Der sich in dem Gesuch unter der Rubrik "Beruf, Erwerbs­tä­tig­keit" als "selb­stän­dig" bezeich­nen­de Klä­ger hat auch nicht dar­ge­legt, war­um er nicht auf eine Frei­ga­be die­ser Tätig­keit durch den Insol­venz­ver­wal­ter (§ 35 Abs. 2 InsO) hin­wirkt, die ihm ermög­li­chen wür­de, außer­halb des Insol­venz­ver­fah­rens ein nicht dem Insol­venz­be­schlag unter­lie­gen­des Ver­mö­gen zu erwer­ben 6.

Schließ­lich ist der Vor­trag des Klä­gers, für sei­ne in Ham­burg gele­ge­ne Woh­nung weder Mie­te noch Heiz­kos­ten zah­len zu müs­sen, nicht nach­voll­zieh­bar und auch nicht durch die gebo­te­ne Vor­la­ge des Miet­ver­tra­ges belegt. Fer­ner ist nicht erklär­lich, war­um der Klä­ger trotz sei­ner beeng­ten Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se die Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung in den Instanz­zü­gen auf­brin­gen konn­te und nun­mehr erst­ma­lig Pro­zess­kos­ten­hil­fe benö­tigt. Bei die­ser Sach­la­ge ist die Bedürf­tig­keit des Klä­gers nicht hin­rei­chend dar­ge­tan.

Wei­sen die Dar­le­gun­gen des Antrag­stel­lers zu sei­nen per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen Lücken auf, so kann Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Frist nur gewährt wer­den, wenn der Antrag­stel­ler dar­auf ver­trau­en durf­te, die wirt­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe aus­rei­chend dar­ge­tan zu haben. Dies ist hier ange­sichts des gänz­lich sub­stanz­lo­sen Vor­trags nicht der Fall.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Novem­ber 2017 – IX ZA 21/​17

  1. BGH, Beschluss vom 16.12 2014 – VI ZA 15/​14, NJW 2015, 1312 Rn. 2[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 10.05.2016 – XI ZB 4/​16 nv, Rn. 9[]
  3. OLGR Köln 2000, 77 f; OVG Baut­zen, NJW 2011, 3738 Rn. 3; OLG Bran­den­burg, Fam­RZ 2012, 1403; OVG Müns­ter, NVwZ-RR 2015, 118; Zöller/​Geimer, ZPO, 31. Aufl., § 117 Rn. 11[]
  4. vgl. BVerfG, NJW-RR 2005, 1725[]
  5. vgl. OLG Zwei­brü­cken, Fam­RZ 2006, 436 f; LAG Schles­wig, NZA-RR 2007, 265[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 09.02.2012 – IX ZR 75/​11, BGHZ 192, 322 Rn. 14, 28[]