Pro­zess­kos­ten­hil­fe für den Insol­venz­ver­wal­ter trotz Mas­se­kos­ten­ar­mut

Mas­se­kos­ten­ar­mut steht der Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe zuguns­ten des Insol­venz­ver­wal­ters für die Ver­fol­gung einer For­de­rung des Schuld­ners dann nicht ent­ge­gen, wenn sie im Fal­le der Bei­trei­bung des Kla­ge­be­tra­ges abge­wen­det wür­de.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe für den Insol­venz­ver­wal­ter trotz Mas­se­kos­ten­ar­mut

Dem Insol­venz­ver­wal­ter kann Pro­zess­kos­ten­hil­fe zwecks Ein­zie­hung einer For­de­rung des Schuld­ners gegen einen Drit­ten nicht gemäß § 114 Satz 1 ZPO unter dem Gesichts­punkt einer mut­wil­li­gen Rechts­ver­fol­gung ver­sagt wer­den, wenn eine bestehen­de Mas­se­kos­ten­ar­mut bei Statt­ga­be der beab­sich­tig­ten Kla­ge besei­tigt wer­den kann.

Die Kla­ge eines Insol­venz­ver­wal­ters ist nicht schon dann mut­wil­lig im Sin­ne von § 114 Satz 1 ZPO, wenn er Mas­seun­zu­läng­lich­keit ange­zeigt hat [1]. Anders ist die Lage, wenn sich nach der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens her­aus­stellt, dass die Insol­venz­mas­se nicht ein­mal mehr aus­reicht, um die Kos­ten des Ver­fah­rens zu decken [2].

In einem sol­chen Fall stellt das Insol­venz­ge­richt das Ver­fah­ren ein, wenn nicht ein aus­rei­chen­der Geld­be­trag vor­ge­schos­sen wird oder die Kos­ten nach § 4a InsO gestun­det wer­den (§ 207 Abs. 1 InsO). Der Ver­wal­ter hat nach Weg­fall der Ver­pflich­tung zur Ver­wer­tung von Mas­se­ge­gen­stän­den (§ 207 Abs. 3 Satz 2 InsO) nur noch die vor­han­de­ne liqui­de Mas­se zu ver­tei­len [3]. Pro­zess­kos­ten­hil­fe für ein Kla­ge- oder Rechts­mit­tel­ver­fah­ren des Ver­wal­ters kommt bei die­ser Sach­la­ge nicht in Betracht. For­dert das Gesetz die als­bal­di­ge Ein­stel­lung des Insol­venz­ver­fah­rens (§ 207 Abs. 1 InsO), kann nicht ein Anspruch auf Finan­zie­rung eines erst noch durch­zu­füh­ren­den Rechts­streits bestehen [4].

Für die­se an die Mas­se­lo­sig­keit anknüp­fen­de Beur­tei­lung ist es ohne Bedeu­tung, ob der Ver­wal­ter – wie in der durch Beschluss vom 16.07.2009 [5] ent­schie­de­nen Sache – einen Anspruch aus Insol­venz­an­fech­tung oder aus einem ande­ren Rechts­grund zu ver­fol­gen sucht. Schei­det bei Mas­se­kos­ten­ar­mut die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe für einen mit der Ver­fah­rens­auf­he­bung erlö­schen­den Anfech­tungs­an­spruch aus, hat dies erst recht zu gel­ten, wenn der Anspruch nach Ver­fah­rens­ein­stel­lung wei­ter gel­tend gemacht wer­den kann. In die­ser Wei­se ver­hält es sich im Streit­fall, weil die beab­sich­tig­te Kla­ge einen Ein­zel­scha­den des Schuld­ners zum Gegen­stand hat [6], den die­ser nach Ver­fah­rens­ein­stel­lung selb­stän­dig ver­fol­gen kann. Vor die­sem Hin­ter­grund ist nicht zu befürch­ten, dass die Durch­set­zung einer begrün­de­ten For­de­rung durch die Ver­sa­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­ei­telt wird.

Aller­dings kommt, so der Bun­des­ge­richts­hof wei­ter, zuguns­ten des Antrag­stel­lers trotz der ein­ge­tre­te­nen Mas­se­kos­ten­ar­mut aus­nahms­wei­se die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe in Betracht, weil im Fal­le der Durch­set­zung der mit der beab­sich­tig­ten Kla­ge ver­folg­ten For­de­rung die gege­be­ne Mas­se­kos­ten­ar­mut besei­tigt wür­de. Bei die­ser Sach­la­ge kann die beab­sich­tig­te Kla­ge nicht als mut­wil­lig ein­ge­stuft wer­den.

Wie sich bereits aus dem ange­führ­ten BGH-Beschluss vom 16.07.2009 ergibt, ist Pro­zess­kos­ten­hil­fe in Fäl­len der Mas­se­kos­ten­ar­mut nur zu ver­sa­gen, wenn auch die Durch­set­zung des mit der beab­sich­tig­ten Kla­ge ver­folg­ten Anspruchs nicht dazu geeig­net wäre, die ein­ge­tre­te­ne Mas­se­kos­ten­ar­mut zu behe­ben [7]. Dar­aus folgt im Gegen­schluss, dass Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu bewil­li­gen ist, sofern die Mas­se­kos­ten­ar­mut infol­ge der Durch­füh­rung des Rechts­streits, für den Pro­zess­kos­ten­hil­fe bean­tragt wird, besei­tigt wer­den kann [8]. Die­se recht­li­che Wür­di­gung ermög­licht, dass ein Insol­venz­ver­fah­ren man­gels einer Ein­stel­lungs­pflicht fort­ge­setzt wer­den kann, wenn die Akti­va der Mas­se vor­nehm­lich durch­setz­ba­re For­de­run­gen gegen Drit­te wie Gesell­schaf­ter, Geschäfts­füh­rer und Anfech­tungs­geg­ner bil­den. Müss­te ein Insol­venz­ver­fah­ren wegen Mas­se­kos­ten­ar­mut trotz durch­setz­ba­rer For­de­run­gen ein­ge­stellt wer­den, wäre Dritt­schuld­nern zu raten, selbst als berech­tigt erkann­ten For­de­run­gen in der Hoff­nung auf eine Ver­fah­rens­ein­stel­lung ent­ge­gen­zu­tre­ten [9]. Die­se uner­wünsch­te Fol­ge wäre mit der Ord­nungs­funk­ti­on des Insol­venz­ver­fah­rens unver­ein­bar. Der Aktiv­mas­se sind dar­um im Rah­men der Kos­ten­de­ckungs­prü­fung nach § 207 Abs. 1 InsO auch bestrit­te­ne Ansprü­che zuzu­rech­nen, wenn für ihre erfolg­rei­che gericht­li­che Gel­tend­ma­chung eine im Sin­ne von § 114 ZPO hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sicht besteht [10].

Zudem sichert die­se Bewer­tung unter dem Gesichts­punkt der Ver­fah­rens­kos­ten­de­ckung einen Gleich­lauf der Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­sa­gung der Eröff­nung (§ 26 Abs. 1 Satz 1 InsO) und die Ein­stel­lung eines Insol­venz­ver­fah­rens (§ 207 Abs. 1 Satz 1 InsO).

Im Rah­men des § 26 Abs. 1 Satz 1 InsO ist gemäß § 35 Abs. 1 InsO ein erst nach Ver­fah­rens­er­öff­nung rea­li­sier­ba­rer Neu­erwerb [11] ein­schließ­lich mög­li­cher anfech­tungs- und haf­tungs­recht­li­cher Ansprü­che [12] zu berück­sich­ti­gen. Fol­ge­rich­tig sind auch For­de­run­gen als Ver­mö­gens­wert ein­zu­stel­len, die nur im Pro­zess­weg und auf der Grund­la­ge der Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe [13] durch­setz­bar sind [14]. Danach ist ein Insol­venz­ver­fah­ren zu eröff­nen, wenn die Ver­fah­rens­kos­ten erst im Lau­fe des Ver­fah­rens durch den Ein­zug der dem Schuld­ner zuste­hen­den For­de­run­gen bestrit­ten wer­den kön­nen [15]. Eben­so ver­hält es sich im Rah­men von § 207 Abs. 1 Satz 1 InsO. Eine Ein­stel­lung wegen Mas­se­kos­ten­ar­mut schei­det aus, wenn ein Neu­erwerb (§ 35 Abs. 1 InsO) auf der Grund­la­ge rea­li­sier­ba­rer For­de­run­gen abseh­bar ist [16]. Vor die­sem Hin­ter­grund steht eine Mas­se­kos­ten­ar­mut der Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht ent­ge­gen, wenn sie durch die beab­sich­tig­te Kla­ge abge­wen­det wer­den kann.

Bei der Beur­tei­lung, ob durch die beab­sich­tig­te Kla­ge die Mas­sen­kos­ten­ar­mut besei­tigt wer­den kann, ist neben den ohne­hin im Rah­men des § 114 ZPO zu prü­fen­den Erfolgs­aus­sich­ten außer­dem zu erwä­gen, ob eine statt­ge­ben­de Ent­schei­dung gegen den Beklag­ten wirt­schaft­lich durch­ge­setzt wer­den kann [17]. Falls die Leis­tungs­fä­hig­keit des Beklag­ten mit Rück­sicht auf sei­ne wirt­schaft­li­che Lage und die Höhe der Kla­ge­for­de­rung nicht außer Zwei­fel steht, wird nach Maß­ga­be der vor­aus­sicht­li­chen Bei­treib­bar­keit ein pro­zen­tua­ler Abschlag vor­zu­neh­men sein. Die­se Bewer­tung obliegt zuvör­derst dem Tatrich­ter. Im Streit­fall erscheint ein sol­cher Abschlag mit Rück­sicht auf die Höhe der For­de­rung und die Stel­lung des Beklag­ten als Rechts­an­walt nicht nahe­lie­gend.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Novem­ber 2012 – IX ZB 62/​12

  1. BGH, Beschluss vom 16.07.2009 – IX ZB 221/​08, WM 2009, 1673 Rn. 5[]
  2. BGH, aaO Rn. 6[]
  3. BGH aaO[]
  4. BGH, aaO Rn. 8[]
  5. aaO[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 10.07.2008 – IX ZB 172/​07, WM 2008, 1691 Rn. 13[]
  7. BGH, aaO, Rn. 4, 10[]
  8. OLG Cel­le NZI 2010, 688 f; OLG Hamm ZIn­sO 2011, 1947; Hmb­Komm-InsO/­Ku­lei­sa, 5. Aufl., § 80 Rn. 50; FKInsO/​Kießner, 6. Aufl., § 207 Rn. 37; HK-InsO/­Kay­ser, 6. Aufl., § 80 Rn. 50; HK-InsO/­Land­fer­mann, aaO § 207 Rn. 16; Jaeger/​Windel, InsO, § 207 Rn. 103; GrafSchlicker/​Riedel, InsO, 3. Aufl., § 207 Rn. 4; Uhlen­bruck, InsO, 13. Aufl., § 80 Rn. 117; Musielak/​Fischer, ZPO, 9. Aufl., § 116 Rn. 5; Jaco­by, EWiR 2010, 473; aA OLG Cel­le ZIP 2010, 1464[]
  9. vgl. Jaco­by, aaO[]
  10. Münch­Komm-InsO/He­f­er­mehl, 2. Aufl. § 207 Rn. 22; Hin­de­rer in Cranshaw/​Paulus/​Michel, Ban­ken­kom­men­tar zum Insol­venz­recht, 2. Aufl., § 207 Rn. 5; in die­sem Sin­ne Hen­ning in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2012, § 207 Rn. 7; BKInsO/​Gruber, 2007, § 207 Rn. 10; Uhlenbruck/​Ries, aaO, § 207 Rn. 2[]
  11. HK-InsO/­Kirch­hof, aaO, § 26 Rn. 5[]
  12. vgl. Münch­Komm-InsO/Haar­mey­er, aaO, § 26 Rn.20[]
  13. Jaeger/​Schilken, aaO, § 26 Rn. 14[]
  14. HK-InsO/­Kirch­hof, aaO, § 26 Rn. 7; Uhlen­bruck, aaO, § 26 Rn. 14[]
  15. Jaeger/​Schilken, aaO, § 26 Rn. 29[]
  16. HK-InsO/­Land­fer­mann, aaO, § 207 Rn. 16; Hmb­Komm-InsO/­Weit­zmann, aaO, § 207 Rn. 8[]
  17. vgl. OLG Cel­le ZVI 2012, 119, 120; Hen­ning, aaO; Braun/​Kießner, InsO, 5. Aufl., § 207 Rn. 6; Uhlen­bruck, aaO[]